Rosalie begann eine SMS zu schreiben. Seine Handynummer stand ja in den Reiseunterlagen.
"Bist Du noch wach? Wohl kaum... Muss immer bzw. zuviel an Dich denken. Ist mir schon sehr lange nicht mehr passiert. Sehr aufregend und sehr beängstigend... "
Sie starrte auf das Display und überlegte lange hin und her. Es war 01.30 Uhr. Die Taste "senden" blinkte verlockend. Es wäre so einfach gewesen... Bloss ein kleiner Fingertipp... Herzklopfen...
Sollte sie oder sollte sie nicht... Vielleicht möchte er ja - aber traut sich nicht? Sollte sie ihm nicht einen kleinen Hinweis geben? Nach dem Motto: Hallo? Nein, Du hast nicht geträumt und Du bildest Dir nichts ein. Sie mag Dich wirklich und sie möchte mehr von Dir...
Erinnerungen kamen hoch. Wehmütige Erinnerungen an eine unglückliche Liebe. Gefühlte 30 Jahre her. Er hat es nie erfahren, weil Rosalie sich nicht getraut hat, es ihm zu sagen. Dachte, er müsse es selber merken und auf sie zukommen. Vermutlich wusste er es schon, aber er traute sich nicht. Rosalies erste grosse, traurige Jugendliebe. Aber das ist lange her... Tempi passati. Aber vergessen hat sie ihn nie.
Rosalie war hin- und hergerissen. Sie begehrte diesen Mann und sie wollte, dass er es wusste... Aber hatte er es nicht selbst gespürt? Vielleicht traute er sich nicht, weil er ja wusste, dass sie verheiratet ist? Weil sie nicht der Typ Frau ist, der man zutraut, ihren Ehegatten zu hintergehen. Und vielleicht weil er selbst verheiratet ist. Oder weil sie gebildeter ist als er, ihm intellektuell überlegen scheint. In einer anderen Liga spielt - zumindest was die finanziellen Verhältnisse angeht. Oder vielleicht war er ja einfach nur nett zu ihr gewesen - aus Höflichkeit! Und sie hatte seine Aufmerksamkeit falsch verstanden? Wie auch immer. Sie wollte es einfach wissen.
Schliesslich tat Rosalie, was sie tun musste. Hätte sie es nicht getan, würde sie sich bis heute fragen, ob es anders herausgekommen wäre, wenn sie es getan hätte. Rosalie drückte auf "senden"...
Erwartungsgemäss kam keine Antwort (der gute Mann schlief ja schon...) und Rosalie fiel dann irgendwann ebenfalls in den Schlaf. Am nächsten Morgen kam ihr mit Schrecken in den Sinn, was sie getan hatte... Oh my Goddess! Aber da musste sie durch. Es war ja nicht mehr zu ändern. Und das Handydisplay war sowas von leer...
Sie machte sich parat fürs Frühstück und ging in den Speisesaal. Mit Müesli und frischen Früchten vom Buffet suchte sie sich einen freien Platz. Sie hatte ihn schon gesehen. Aus den Augenwinkeln.... und sie liess sich Zeit am Buffet... viel Zeit. Aber er sass noch immer dort, alleine an einem Tisch...
Rosalie hätte in eine andere Ecke des Raumes gehen können und sich alleine an einen andern Tisch setzen können... aber das wäre etwas seltsam gewesen. Also nahm sie ihr Herz in die Hand und setzte sich zu ihm. Sie sahen sich in die Augen und schmunzelten. Keiner sagte etwas zu dem nächtlichen SMS. Man sprach übers Frühstück und die Fortsetzung der Reise.
Nach dem Frühstück, das er vor ihr beendet hatte, um die Weiterreise vorzubereiten, ging sie zurück ins Zimmer und packte die Koffer. Keine Nachricht von ihm. Sie nahm ihr Handy und beschloss, dem Spuk ein Ende zu bereiten und einen Rückzieher zu machen, ohne seine Antwort abzuwarten. Geduld war noch nie eine ihrer Tugenden gewesen. Leider.
Um 08.15 h schrieb sie ihm ein zweites SMS:
"Bitte entschuldige mein törichtes nächtliches SMS! Bitte löschen und vergessen. Man nennt das wohl midlife crisis..."
Voilà. Das wars. Damit hatte sich die Sache wohl erledigt. Sie war viel zu ungeduldig und zu wenig selbstbewusst, um seine Antwort abzuwarten und die Ungewissheit auszuhalten.
Die Reise ging weiter und sie besuchten eine weitere Sehenswürdigkeit. Er liess die Reisegruppe aussteigen und fuhr weiter, um einen Parkplatz zu suchen. Eine halbe Stunde später tippte er seine Antwort ins Handy:
"Brauchst Dich nicht zu entschuldigen. Bist eine anständige, interessante hübsche Frau."
Das sass! Eine anständige Frau... (die weiss, was sich gehört und was nicht...). Eine anständige,
einsame Frau... dachte sie sich. Irgendwie fühlte sich diese Antwort nicht gut an. Und später schrieb sie ihm dann zurück:
"Danke! Und Du bist ein anständiger, interessanter Mann und hast die schönsten Augen, die ich je gesehen habe."
Wenn schon, dann schon. Was sollte sie noch verlieren. Ihren Stolz? So what! Sie hatte keine Lust, aus ihrem Herz eine Mördergrube zu machen. Und sie war immer noch in einem Zustand verminderter Zurechnungsfähigkeit. Anders war das nicht zu erklären...
(Fortsetzung folgt)