Die letzte Schulwoche hat begonnen! Endspurt! Abschiedsgeschenke für die Lehrerinnen werden gebastelt, Schulreisen und Ausflüge unternommen, Abschiedsfeste gefeiert, Zeichnungen und Schulmaterial nach Hause gebracht. Und meine Tochter muss sich nach zwei Jahren von ihrer Lieblingslehrerin verabschieden. Eine sehr gute Lehrerin. Die Beste und Umtriebigste im ganzen Schulhaus. Und eine attraktive Frau. Kurzes blondes Haar, guter Style, sehr charmant, schlagfertig, alleinstehend, kinderlos und im besten Alter. Vierzig! Ihre aktuellen (und ehemaligen) Schülerinnen und Schüler sind ihre "Ersatzkinder" und sie pflegt Körperkontakt und verteilt gerne Bisous auf die Wangen ihrer Schützlinge. Sie wird jeden Tag von den aktuellen und ehemaligen Schülerinnen (seltener: Schüler) umarmt und alle lieben sie heiss. Oder jedenfalls die meisten. Oder zumindest diejenigen, die gute Zensuren hatten. Sie ist nämlich eine strenge Lehrerin. Resolut, aber gutmütig. Töchterchen hat ein gutes Zeugnis nach Hause gebracht und "la maîtresse" ist zufrieden mit ihr und nennt sie manchmal "ma belle".
Mein Verhältnis zu "la maîtresse" ist ein bisschen ambivalent. Irgendwas "stört" mich an ihr, ich kann es aber nicht benennen. Ich vermute, sie mag mich nicht besonders bzw. ich irritiere sie irgendwie und ich empfinde ihre Freundlichkeit mir gegenüber manchmal als etwas aufgesetzt. Man sieht ihr an, was sie denkt, auch wenn sie sich Mühe gibt, es zu verbergen. Sie ist eine empathische Frau und sie kriegt rote Wangen, wenn sie nervös ist. Das finde ich sympathisch. Kenne ich von mir auch. Und sie hat ein Flair für meinen Mann. Die Sympathie ist gegenseitig. Man ist per Du und man gibt sich drei Wangenküsschen. Ich finde es amüsant, wenn er mit ihr auf französisch "Süssholz raspelt" und sie ihn anstrahlt und rote Wangen kriegt.
Ich bin per Sie mit ihr. Da ich zwei Jahre älter bin, wäre es wohl an mir, ihr das "Du" anzubieten. Aber ich hatte bisher noch nie das Bedürfnis und ich finde es irgendwie unpassend, mit der Lehrerin meiner Kinder per Du zu sein. Ich bevorzuge in diesem Fall eine gewisse Distanz. Unsere Kinder haben ihre ersten beiden Schuljahre bei ihr absolviert und sie hat ihnen das Lesen beigebracht. Und vieles mehr. Sie sind zusammen ins "Camp vert" (mehrtägiges Sommercamp) gefahren. Ich habe meine Kinder auf einige Schulausflüge begleitet. Schlittschuhlaufen, Minigolf, Piscine, Wochenmarkt in der Stadt... und so habe ich die Lehrerin ein wenig näher kennengelernt. Aber irgendwie verhält sie sich mir gegenüber ebenfalls distanziert. Fünf Tage noch - und die Aera von "la maîtresse" geht zu Ende. Irgendwie doch schade. Ein bisschen Wehmut kommt auf. Ob ich wohl am Abschiedsfest mit ihr "dutzis" machen sollte? ;-)
Manchmal überlege ich mir, ob sie wohl gerne meinen Platz einnehmen würde, wenn ich meinen Mann verliesse. Ich denke schon. Und er? Er findet sie attraktiv und sympathisch. Hat allerdings auch schon verlauten lassen, dass sie sicher keine "einfache" Person sei und es wohl schon einen Grund gäbe, dass eine so attraktive Frau mit vierzig weder Lebenspartner noch eigene Kinder habe. Sie sei wohl eine Frau mit "Haaren auf den Zähnen"!
Tja, es sind nicht alle so pflegeleicht und unkompliziert wie Rosalie... *hüstel*...
Bestimmt mag sie Katzen. Und wenn sie in unser Haus einziehen würde, dann bestimmt nicht ohne ihre Katze(n). Und sie würde ihm seine Katzenallergie ganz schnell austreiben. Schluss mit tränenden Augen und niesen! So wie damals, als wir fast ein Jahr lang mit zwei Katzen unter dem selben Dach gelebt haben, um Geld für das Haus zu sparen. Wir wohnten bei meinen Eltern und - oh Wunder - nach einer gewissen Zeit haben die Symptome schliesslich aufgehört. Er hat sozusagen eine Desensibilisierung durchgemacht. Als wir dann ins eigene Haus zogen, waren die Symptome ratz fatz wieder präsent und es reichte schon, das Wort "Katze" oder "Haustier" beiläufig zu erwähnen, um ihn zum niesen zu bringen...
Ob "la maîtresse" sich auf ihn einlassen würde? Ich bin mir nicht sicher, ob es mich stören würde! Eigentlich nicht... Theoretisch eine ideale Lösung. Sie liebt meine Kinder. Und wenn meine Kinder sie dann immer noch mögen, tant mieux! Ich habe keine Angst davor, dass sie mir meine Stellung als "liebste Mama der Welt" streitig machen könnte. Und ich empfinde keine Eifersucht. Im Gegenteil! Ich würde es meinem Mann gönnen, wenn er mit ihr glücklich würde...
Mein "Bauleiter" hat mir übrigens den Auftrag gegeben, mir auszumalen, wo ich in einem Jahr stehe. Wohnsituation, Arbeitspensum, etc. Möglichst konkret. Und ich soll aufschreiben, welche Schuldgefühle und Ängste ich habe, wenn ich an eine Trennung denke. Hmm...
Spontan kommt mir in den Sinn: "Hatschi! Verdammte Katze!" Just kidding. Kleiner Scherz. ;-)
Gehen oder bleiben? Das Haus behalten oder mich neu orientieren? Ich muss noch darüber nachdenken... Habe noch zwei Tage Zeit.