Wieso passiert mir das? Wieso jetzt?
Ihr erinnert Euch vielleicht an mein Post vom 19. September 2012. Ich habe damals geschrieben, dass ich auf der Suche nach einem “Seelentröster” bin…
Ich habe auf einem Dating-Portal jemanden gesucht, der mir gut tut. Ich war auf der Suche nach Zuwendung, “Streicheleinheiten” für Köper und Seele und Leidenschaft und ich wollte (wieder) das Gefühl erleben, begehrt zu werden und einen Mann wirklich zu begehren, weil dieses Gefühl so unglaublich belebend ist und ganz viel Energie freisetzt. Was ich nicht gesucht habe, ist unverbindlicher (oberflächlicher) Sex. Das ist mir zu wenig. Ich habe das auch so deklariert und der Mann, der mein Interesse geweckt und die anderen Kandidaten aus dem Feld verdrängt hat, suchte das auch: eine Affäre mit Niveau, keinen OneNightStand.
Das erste Date ist geplatzt, weil ich mich zu spät bei ihm gemeldet hatte, um die Details unseres Treffens zu vereinbaren. Er dachte, ich würde ihn versetzen und schickte ein enttäuschtes Mail. Kein guter Start. Ich wusste instinktiv, dass es eine Warnung (des Universums) ist und dass er kein "einfacher" Mann ist. Es war mir voll bewusst, dass ich mir einmal mehr die Finger verbrennen könnte und ich habe das in einem Post (“Das volle Leben”) auch so vorweg genommen. Ich habe damals geschrieben, dass ich enttäuscht war, dass das Date geplatzt ist, aber irgendwie auch erleichtert…
Ich schrieb ihm ein paar Stunden vor dem geplanten Treffen ein ausführliches “Erklärungsmail” und hinterliess im P.S. meine Handy-Nummer. Er hat das Mail mit einem Einzeiler beantwortet. “Es soll wohl nicht sein, zumindest nicht heute. Melde Dich einfach, wenn Du Lust hast.” Und hinterliess seine Handynummer. Ich dachte: “Ok, das war’s dann. Schwamm drüber.”.
Am nächsten Tag schickte er mir eine WhatsApp-Nachricht. Er schrieb mir, dass er sich auf unerklärliche Weise zu mir hingezogen fühle. Dass er sich das auch nicht erklären könne. Das passiere ihm selten und normalerweise würde er sich nach diesem missglückten Start sofort zurückziehen… (!)
Wir hatten im Vorfeld ein paar Mails ausgetauscht, ohne allzuviel von uns preiszugeben. Aber irgendwie war schnell klar, dass es passen könnte und wir uns treffen wollten. Er war einer der wenigen Männer, die mich in korrektem Deutsch und mit ansprechend formulierten Sätzen angeschrieben hatte. Mir ging es ähnlich wie ihm… Irgend etwas faszinierte mich an ihm. Ich wusste, dass er eine Herausforderung sein würde, aber das ist wohl das, was mich an ihm gereizt hat... Ich hätte mich vielleicht besser mit einem netten, lieben Mann einlassen sollen. Aber nett und lieb ist irgendwie… naja, langweilig! Der Mann auf dem Foto hatte Charisma und wirkte auf mich selbstbewusst und sexy.
Ich merkte bald, dass er nicht 0/8/15 ist. Er ist ein Einzelkämpfer. Ein Alphatier, dessen Leben sich ausschiesslich um seine Arbeit dreht. Er lebt allein. Freunde braucht er nicht. Kollegen genügen ihm. Er vertraut seine “Probleme” in der Regel niemandem an, macht alles mit sich selbst aus. Ist äusserst diszipliniert mit sich und seinem Körper. Hat einen sehr starken Willen, ist konsequent, korrekt und direkt. Bezeichnet sich jedoch als Geniesser, liebt guten Wein und feines Essen. Er sagt von sich, dass er sehr sensibel ist und spricht mit leiser Stimme. Manchmal verträgt er keine Leute um sich herum. Er kommuniziert lieber schriftlich als mündlich. Telefonieren ist nicht sein Ding.
Doch da gibt es auch diese andere Seite von ihm… Zu viele Emotionen sind ihm suspekt. Jahrelang hat er jeden Gedanken an seine Kindheit verdrängt. Schicksalsschläge und eine lieblose Mutter liessen ihn hart werden. Er hat sich früh alleine durchs Leben gekämpft. Hat es zu etwas gebracht. Durch Fleiss und Disziplin. Braucht niemanden, der ihm Ratschläge erteilt oder Hilfe anbietet. Das kann er schlecht annehmen.
Sie mag ihn. Sogar seinen Dialekt, der nicht der ihre ist und den sie normalerweise nicht besonders mag. Aus seinem Mund klingt er angenehm. Sie mag die Art wie er spricht. Den sensiblen Zug um seinen Mund. Die leise Stimme, seine Zurückhaltung. Wie er sich bewegt, die schönen Hände, die feinen Gesichtszüge, sein Lächeln, wie er sich kleidet und sie mag seine Nachrichten. Manchmal frech, manchmal fast zärtlich, manchmal cool und oft sehr explizit… Sie lässt sich auf das Spiel ein und geniesst die Aufmerksamkeit. Sie haben wenig gemeinsame Zeitfester und trinken in zwei Monaten nur dreimal zusammen Kaffee, er lässt sie niemals bezahlen. Er bedankt sich nach jedem Treffen mit einer Nachricht. Er ist ein Gentleman…
Der Gedanke an ihn bringt sie zum lächeln und löst südlich des Bauchnabels angenehme Gefühle aus... Nie hätte sie gedacht, dass ihr sowas so kurze Zeit nach dem letzten "Abenteuer" noch einmal passieren könnte und noch dazu mit einem Mann, der ungebunden ist! Ein déjà-vu der besonderen Art! Aber da ist immer auch diese warnende Stimme im Hinterkopf: ”Nimm Dich in Acht! Es ist zuuuu perfekt!”. Sie ignoriert sie, aber sie ahnt, dass es wirklich fast zu gut ist, um wahr zu sein…
Nach anderthalb Monaten intensiver schriftlicher Kommunikation haben sie das Kopfkino in die Realität umgesetzt. Sie war sehr mutig und hat sich in die Höhle des Löwen begeben. Und ihn dort zum ersten Mal geküsst. Sie wusste, was sie wollte und sie hat den Abend nicht bereut. Ganz im Gegenteil! Hat danach tagelang gelächelt… Er hat sie nach dem Treffen spätabends zu ihrem Auto begleitet und ihr eine CD geschenkt… Sie erinnert ihn an die Frau im Lied “Linda Paloma”.
In den letzten Wochen sprechen sie öfter über seine Arbeit. Er lässt durchblicken, dass es nicht so läuft, wie er möchte. Seine berufliche Situation frustriert ihn. Sie treffen sich noch einmal an einem Vormittag zum Kaffee. Tauschen in den zehn Tagen nach dem abendlichen Treffen noch ein paar hundert WhatsApp-Nachrichten und malen sich aus, was sie beim nächsten “richtigen” Treffen miteinander anstellen werden…
Dann beginnt er zu verstummen… Die WhatsApp werden weniger. Sie will wissen, was los ist, verlangt eine Erklärung.
Er schreibt: “Es liegt nicht an Dir. Mein Kommunikationsbedürfnis ist im Moment mehr als nur gering. Mir fehlt jegliche Energie, ich bin demotiviert, frustriert und es ist mir alles zuviel!"
Sie insistiert. Er schreibt ihr ein letztes Mail. Berichtet von seinem Jobärger. Von seinen Zukunftsängsten und von gesundheitlichen Problemen, die wieder aufgetreten sind und ihm das Leben zusätzlich schwer machen! Dass ihm alles zu viel wird. “Auch das mit uns”… Bittet sie zu akzeptieren, dass er sich im Moment einfach zurückziehen muss.
Sie schreibt ihm zurück. Verständnisvoll. Dankt ihm für die schöne gemeinsame Zeit und schreibt, dass sie hofft, dass es weitergeht. Wenn es ihm wieder besser geht. Keine Antwort…
Sie schaut x-mal täglich ins WhatsApp und sieht, dass er immer wieder online ist. Schreibt ihm jeden Tag eine kurze Nachricht. Dass sie an ihn denkt. Dass sie hofft, dass es ihm besser geht… Keine Reaktion. Das Mail bleibt unbeantwortet, die WhatsApp unerwidert. Nur noch Schweigen...
Sie beginnt zu zweifeln. Fragt sich, ob das alles gewesen ist. Ob er vielleicht gar nie der Mann war, für den sie ihn gehalten hat. Ob sie auf einen “bad boy” hereingefallen ist und ob das seine “Masche” ist. Ob er schon zur nächsten Blüte geflattert ist und das Spiel mit einer anderen Frau von vorne spielt. Sie ist wütend und enttäuscht... Und dann wieder denkt sie, dass sie ihm Glauben schenken kann. Er hat einen sehr ehrlichen, authentischen Eindruck gemacht und was er ihr in seinem letzten Mail anvertraut, hat ihn sicherlich Überwindung gekostet. Und schliesslich hat er sich ja weder bedankt noch richtig verabschiedet… er hat sie genau genommen nur vertröstet. Vertröstet auf irgendwann... Oder ist das seine Art Adieu zu sagen?
Sie hält sich fest an dem Wörtchen “Moment”. Glaubt ihm, dass er der sensible Einzelkämpfer ist, der mit seiner Situation hadert und jetzt einfach alleine sein muss, weil ihm seine Arbeit und seine Gesundheitsprobleme gerade wieder alles abverlangen. Dann überkommt sie eine Woge des Mitgefühls. Aber dann schaut sie wieder ins WhatsApp und ihr Magen schnürt sich zusammen, wenn sie sieht, dass er vor ein paar Minuten online war. Und dann denkt sie, dass er ein erbärmlicher Feigling ist, sich so sang- und klanglos aus ihrem Leben zu verabschieden. Dass er noch nicht mal den Anstand hat, ihre WhatsApp zu beantworten… Dass sie ihm keine zwei Minuten Zeit mehr wert ist...
“Vergiss ihn!” sagt die eine Freundin. “Der Kreis hat sich geschlossen. Er hat Dir gegeben, was Du im Moment gebraucht hast. Mehr kann er Dir nicht geben. Lass ihn los!”…
“Was hast Du denn erwartet? Wieso gehen Männer wohl auf ein solches Portal…?” Er hat Dich ins Bett gekriegt und das ist alles, was ihn interessiert hat.” schreibt mir die andere…
“Wieso tun Männer sowas? Sich einfach so aus der Affäre ziehen? Männer sind Feiglinge!” sagt die dritte Freundin, die gerade eine grosse Liebesenttäuschung erlebt hat.
Das muss ich wohl: ihn loslassen. Und ich habe damit aufgehört, ins WhatsApp zu schauen und unseren Chat-Verlauf zu lesen. Und ich werden damit aufhören, beim Autofahren Waggershausen zu hören... Vielleicht werde ich ihm einen Abschiedsbrief schreiben. Irgendwann im Dezember. Weil ich immer noch denke, dass er es wert ist, dass ich mich nicht in ihm getäuscht habe. Dass er einfach so ist und dass ich das akzeptieren muss. Dass diese Radikalität seinem Charakter entspricht. Alles oder nichts. Hart zu sich selbst und hart zu seinen Mitmenschen. Es ist es nicht gewohnt, Rücksicht zu nehmen.
Ich möchte ihn fragen, wann er (endlich) damit beginnen will, sich dem vollen Leben zu stellen, seine Vergangenheit aufzuarbeiten und sein Herz für die Liebe zu öffnen. Nicht länger vor Emotionen davonzulaufen. Er ist krank geworden, weil er sich in die Arbeit geflüchtet und diese zu seinem primären Lebensinhalt gemacht hat. Dieses Lebenskonzept hat lange Jahre ziemlich gut funktioniert. Aber es ist gefährlich, sein Glück auf einem einzigen Stützpfeiler aufzubauen… Nun realisiert er, dass dieser Lebensplan nicht länger aufgeht und sein Körper zeigt ihm gerade wieder die rote Karte und zwingt ihn, innezuhalten...
Es trifft mich, dass er mich als eine “Belastung” ansieht. Ich hätte ja auch sein Sonnenstrahl sein können, der durch die dunklen Wolken scheint. Anderseits muss es einem Mann wie ihm ein Gräuel sein, “bedürftig” zu wirken und seine Arbeit ist ihm das Wichtigste, und wenn es in diesem Bereich Probleme gibt, kann er an nichts anderes mehr denken und das schlägt ihm auf die Gesundheit und wie ich annehme, wohl auch auf die Libido. Und eigentlich habe ich ja schon genug eigene Baustellen und was ich im Moment nicht brauchen kann, ist noch jemand, der mir Energie abzieht. Also muss ich wohl oder übel loslassen. Für den Moment und vielleicht sogar für immer.
Ich werde mich an das Schöne zurückerinnern. Ich habe es genossen mit ihm. Es waren extrem intensive, aufregende zwei Monate. Er hat mir das gegeben, was ich gesucht habe und ich habe meine mentale Stärke wieder gefunden. Aber ich hätte mir natürlich gewünscht, dass es weitergeht. So wie wir uns das eigentlich ausgemalt hatten. Nicht mehr so intensiv. Aber hin und wieder ein Treffen, ein gemeinsames Abendessen. Einfach die Option zu haben, dass wir uns irgendwann wieder sehen. Nun lässt er mich mit meiner Sehnsucht stehen und schweigt… Von 100 auf 0. Das Handy-Display bleibt unerträglich leer… Cold turkey. Einmal mehr. Das ist hart. Das müsste wirklich nicht sein.
Ich bin hin- und hergerissen zwischen “Lass ihm die Zeit, die er braucht und vertraue darauf, dass er sich wieder meldet” und der anderen Stimme, die sagt: “Was denkt sich der Kerl eigentlich? Sieht nur sich und sein Elend und wie es mir dabei geht, ist ihm scheissegal. So kann man mit mir nicht umspringen! Ich werde sicher nicht auf ihn warten und sollte er sich jemals wieder melden, werde ich ihm die kalte Schulter zeigen…!”. Aber würde ich das wirklich? Ich bin mir nicht so sicher... Ich hatte den Eindruck, dass ich ihm auch nahe gekommen bin.
Meine Freundin N. hat mich immer vor diesen Portalen gewarnt und hat es vor ein paar Tagen auf den Punkt gebracht: Sie schrieb mir: ”Ich denke einfach, dass Du auf der Suche bist nach Zuneigung, Nähe und Wärme. Und gleichzeitig nach Sex. Aber dort, wo Du danach suchst, lässt sich das alles nicht vereinen. Und wenn es nur ein bisschen gelingt, bewegen sich Deine Gefühle gleich in Richtung “Liebe”… Aber es ist der falsche Ort. Du wirst das, was Du eigentlich suchst, auf diesen Portalen nicht finden!”.
Da hat sie wohl nicht ganz unrecht. Ich will Sex mit Nähe. Das habe ich auch klar so kommuniziert. Aber auf diesen Portalen liegt natürlich trotzdem immer das C wie Casual (unverbindlich) wie ein “Damoklesschwert” in der Luft. Bereit, jederzeit runterzusausen und einem brutal aus einer Illusion zu reissen und in die Realität zurück zu befördern, selbst dann, wenn man das Gefühl hat, dass Träume wahr werden könnten. Es ist wie ein Hinterausgang, den beide jederzeit ungestraft und ungeachtet des Schadens, den sie angerichtet haben, nehmen können. The easy way out. Man kann sich dann quasi über Nacht aus dem Staub machen und beim davonlaufen kurz zurückblicken und mit dem unverbindlichen “C” winken…
Ich habe mich diesmal wirklich bemüht, mich emotional nicht zu sehr reinzuhängen. Es ist mir nur bedingt gelungen. Es war einfach zu gut. Ich vermisse ihn…
Es wäre so perfekt gewesen. Alle paar Wochen ein Date. Ein Eintrag in der Agenda, auf den wir beide uns hätten freuen können. Ein gemeinsames Abendessen geniessen, guten Rotwein trinken unddavor und danach... seufz... Und beide würden trotzdem weiterhin ihr eigenes Leben führen. Genau das, was ich mir gewünscht hätte.
Es soll wohl nicht sein, jedenfalls nicht im Moment.
Wieso passiert mir das? Was bitte schön hat sich das Universum dabei gedacht?
Ich hab da so einen Verdacht... Was denkt Ihr?
P. S. Liebes Universum, lass es bitte nicht eine Illusion gewesen sein! Bitte lass ihn rasch gesund werden und lass Dir was einfallen, damit sich sein Jobdilemma in Minne auflöst. Und wenn Du schon dabei bist, sorge bitte dafür, dass er jede Nacht vor dem Einschlafen an mich denkt und Sehnsucht hat. Und lass mich in der Zwischenzeit einen guten Anwalt und eine schöne Wohnung finden. Merci!
Das erste Date ist geplatzt, weil ich mich zu spät bei ihm gemeldet hatte, um die Details unseres Treffens zu vereinbaren. Er dachte, ich würde ihn versetzen und schickte ein enttäuschtes Mail. Kein guter Start. Ich wusste instinktiv, dass es eine Warnung (des Universums) ist und dass er kein "einfacher" Mann ist. Es war mir voll bewusst, dass ich mir einmal mehr die Finger verbrennen könnte und ich habe das in einem Post (“Das volle Leben”) auch so vorweg genommen. Ich habe damals geschrieben, dass ich enttäuscht war, dass das Date geplatzt ist, aber irgendwie auch erleichtert…
Ich schrieb ihm ein paar Stunden vor dem geplanten Treffen ein ausführliches “Erklärungsmail” und hinterliess im P.S. meine Handy-Nummer. Er hat das Mail mit einem Einzeiler beantwortet. “Es soll wohl nicht sein, zumindest nicht heute. Melde Dich einfach, wenn Du Lust hast.” Und hinterliess seine Handynummer. Ich dachte: “Ok, das war’s dann. Schwamm drüber.”.
Am nächsten Tag schickte er mir eine WhatsApp-Nachricht. Er schrieb mir, dass er sich auf unerklärliche Weise zu mir hingezogen fühle. Dass er sich das auch nicht erklären könne. Das passiere ihm selten und normalerweise würde er sich nach diesem missglückten Start sofort zurückziehen… (!)
Wir hatten im Vorfeld ein paar Mails ausgetauscht, ohne allzuviel von uns preiszugeben. Aber irgendwie war schnell klar, dass es passen könnte und wir uns treffen wollten. Er war einer der wenigen Männer, die mich in korrektem Deutsch und mit ansprechend formulierten Sätzen angeschrieben hatte. Mir ging es ähnlich wie ihm… Irgend etwas faszinierte mich an ihm. Ich wusste, dass er eine Herausforderung sein würde, aber das ist wohl das, was mich an ihm gereizt hat... Ich hätte mich vielleicht besser mit einem netten, lieben Mann einlassen sollen. Aber nett und lieb ist irgendwie… naja, langweilig! Der Mann auf dem Foto hatte Charisma und wirkte auf mich selbstbewusst und sexy.
Ich merkte bald, dass er nicht 0/8/15 ist. Er ist ein Einzelkämpfer. Ein Alphatier, dessen Leben sich ausschiesslich um seine Arbeit dreht. Er lebt allein. Freunde braucht er nicht. Kollegen genügen ihm. Er vertraut seine “Probleme” in der Regel niemandem an, macht alles mit sich selbst aus. Ist äusserst diszipliniert mit sich und seinem Körper. Hat einen sehr starken Willen, ist konsequent, korrekt und direkt. Bezeichnet sich jedoch als Geniesser, liebt guten Wein und feines Essen. Er sagt von sich, dass er sehr sensibel ist und spricht mit leiser Stimme. Manchmal verträgt er keine Leute um sich herum. Er kommuniziert lieber schriftlich als mündlich. Telefonieren ist nicht sein Ding.
Für eine richtige Beziehung hat er weder Zeit noch Lust. Auf schöne Stunden hin und wieder möchte er dennoch nicht verzichten. Sucht deshalb auf besagtem Portal eine interessante Frau mit Niveau und Intellekt.
Sie will wissen, was ihn an ihrem Profil angesprochen hat… “Die Optik in erster Linie”, schreibt er. Und weil er glaubt, dass sie eine empathische Frau ist. Und weil sie sich einen Nickname gegeben hat und weil ihre sexuellen Vorlieben übereinstimmen. Deshalb hat er sie angeschrieben. Und war sogleich angetan von ihrer Antwort, von ihrem Schreibstil. Dass sie verheiratet ist, stört ihn nicht. Er sucht ja keine Alltagsbeziehung.
Sie will wissen, was ihn an ihrem Profil angesprochen hat… “Die Optik in erster Linie”, schreibt er. Und weil er glaubt, dass sie eine empathische Frau ist. Und weil sie sich einen Nickname gegeben hat und weil ihre sexuellen Vorlieben übereinstimmen. Deshalb hat er sie angeschrieben. Und war sogleich angetan von ihrer Antwort, von ihrem Schreibstil. Dass sie verheiratet ist, stört ihn nicht. Er sucht ja keine Alltagsbeziehung.
Sie beginnen, sich längere Mails zu schreiben. Er vertraut ihr im Verlauf des Mailaustauschs persönliche Dinge an und sie denkt, dass er ihr ganz schön viel Vertrauen schenkt für einen Mann, der keine Freunde hat. Er schreibt, dass er ihre Mails liebt. Und irgendwann abends beiläufig diesen einen Satz in einem WhatsApp-Chat, der sie so berührt: “Manchmal werden Träume wahr…”. Er macht ihr Komplimente. Schreibt, dass er sie mag. Dass er sie eine tolle Frau findet. Und die WhatsApp-Nachrichten begleiten sie durch den Tag. Vom Aufstehen bis zum Einschlafen…
Er ist ein Einzelkämpfer, aber kein Einzelgänger. Er unternimmt viel mit Kollegen und sie weiss, dass er nie ein Kind von Traurigkeit war, was den Umgang mit der Damenwelt angeht. Er ist ein Mann mit viel Erfahrung. Die grosse Liebe hat er nicht gefunden. Er ist ein phantasievoller Schreiber und sie steigt auf das Spiel ein und das Kopfkino setzt sich in Betrieb und dreht sich immer schneller. Die WhatsApp-Nachrichten gehen hin und her, an manchen Tagen hundert mal… Er schreibt, wie sehr er sie begehrt. Sie freuen sich auf das erste “richtige” Treffen. Sie weiss, dass er im real life kein Draufgänger ist. Sie wird das Eis brechen müssen. Sie will diesen Mann und wird über ihren Schatten springen…
Der Gedanke an ihn bringt sie zum lächeln und löst südlich des Bauchnabels angenehme Gefühle aus... Nie hätte sie gedacht, dass ihr sowas so kurze Zeit nach dem letzten "Abenteuer" noch einmal passieren könnte und noch dazu mit einem Mann, der ungebunden ist! Ein déjà-vu der besonderen Art! Aber da ist immer auch diese warnende Stimme im Hinterkopf: ”Nimm Dich in Acht! Es ist zuuuu perfekt!”. Sie ignoriert sie, aber sie ahnt, dass es wirklich fast zu gut ist, um wahr zu sein…
Nach anderthalb Monaten intensiver schriftlicher Kommunikation haben sie das Kopfkino in die Realität umgesetzt. Sie war sehr mutig und hat sich in die Höhle des Löwen begeben. Und ihn dort zum ersten Mal geküsst. Sie wusste, was sie wollte und sie hat den Abend nicht bereut. Ganz im Gegenteil! Hat danach tagelang gelächelt… Er hat sie nach dem Treffen spätabends zu ihrem Auto begleitet und ihr eine CD geschenkt… Sie erinnert ihn an die Frau im Lied “Linda Paloma”.
In den letzten Wochen sprechen sie öfter über seine Arbeit. Er lässt durchblicken, dass es nicht so läuft, wie er möchte. Seine berufliche Situation frustriert ihn. Sie treffen sich noch einmal an einem Vormittag zum Kaffee. Tauschen in den zehn Tagen nach dem abendlichen Treffen noch ein paar hundert WhatsApp-Nachrichten und malen sich aus, was sie beim nächsten “richtigen” Treffen miteinander anstellen werden…
Dann beginnt er zu verstummen… Die WhatsApp werden weniger. Sie will wissen, was los ist, verlangt eine Erklärung.
Er schreibt: “Es liegt nicht an Dir. Mein Kommunikationsbedürfnis ist im Moment mehr als nur gering. Mir fehlt jegliche Energie, ich bin demotiviert, frustriert und es ist mir alles zuviel!"
Sie insistiert. Er schreibt ihr ein letztes Mail. Berichtet von seinem Jobärger. Von seinen Zukunftsängsten und von gesundheitlichen Problemen, die wieder aufgetreten sind und ihm das Leben zusätzlich schwer machen! Dass ihm alles zu viel wird. “Auch das mit uns”… Bittet sie zu akzeptieren, dass er sich im Moment einfach zurückziehen muss.
Sie schreibt ihm zurück. Verständnisvoll. Dankt ihm für die schöne gemeinsame Zeit und schreibt, dass sie hofft, dass es weitergeht. Wenn es ihm wieder besser geht. Keine Antwort…
Sie schaut x-mal täglich ins WhatsApp und sieht, dass er immer wieder online ist. Schreibt ihm jeden Tag eine kurze Nachricht. Dass sie an ihn denkt. Dass sie hofft, dass es ihm besser geht… Keine Reaktion. Das Mail bleibt unbeantwortet, die WhatsApp unerwidert. Nur noch Schweigen...
Sie beginnt zu zweifeln. Fragt sich, ob das alles gewesen ist. Ob er vielleicht gar nie der Mann war, für den sie ihn gehalten hat. Ob sie auf einen “bad boy” hereingefallen ist und ob das seine “Masche” ist. Ob er schon zur nächsten Blüte geflattert ist und das Spiel mit einer anderen Frau von vorne spielt. Sie ist wütend und enttäuscht... Und dann wieder denkt sie, dass sie ihm Glauben schenken kann. Er hat einen sehr ehrlichen, authentischen Eindruck gemacht und was er ihr in seinem letzten Mail anvertraut, hat ihn sicherlich Überwindung gekostet. Und schliesslich hat er sich ja weder bedankt noch richtig verabschiedet… er hat sie genau genommen nur vertröstet. Vertröstet auf irgendwann... Oder ist das seine Art Adieu zu sagen?
Sie hält sich fest an dem Wörtchen “Moment”. Glaubt ihm, dass er der sensible Einzelkämpfer ist, der mit seiner Situation hadert und jetzt einfach alleine sein muss, weil ihm seine Arbeit und seine Gesundheitsprobleme gerade wieder alles abverlangen. Dann überkommt sie eine Woge des Mitgefühls. Aber dann schaut sie wieder ins WhatsApp und ihr Magen schnürt sich zusammen, wenn sie sieht, dass er vor ein paar Minuten online war. Und dann denkt sie, dass er ein erbärmlicher Feigling ist, sich so sang- und klanglos aus ihrem Leben zu verabschieden. Dass er noch nicht mal den Anstand hat, ihre WhatsApp zu beantworten… Dass sie ihm keine zwei Minuten Zeit mehr wert ist...
“Vergiss ihn!” sagt die eine Freundin. “Der Kreis hat sich geschlossen. Er hat Dir gegeben, was Du im Moment gebraucht hast. Mehr kann er Dir nicht geben. Lass ihn los!”…
“Was hast Du denn erwartet? Wieso gehen Männer wohl auf ein solches Portal…?” Er hat Dich ins Bett gekriegt und das ist alles, was ihn interessiert hat.” schreibt mir die andere…
“Wieso tun Männer sowas? Sich einfach so aus der Affäre ziehen? Männer sind Feiglinge!” sagt die dritte Freundin, die gerade eine grosse Liebesenttäuschung erlebt hat.
Das muss ich wohl: ihn loslassen. Und ich habe damit aufgehört, ins WhatsApp zu schauen und unseren Chat-Verlauf zu lesen. Und ich werden damit aufhören, beim Autofahren Waggershausen zu hören... Vielleicht werde ich ihm einen Abschiedsbrief schreiben. Irgendwann im Dezember. Weil ich immer noch denke, dass er es wert ist, dass ich mich nicht in ihm getäuscht habe. Dass er einfach so ist und dass ich das akzeptieren muss. Dass diese Radikalität seinem Charakter entspricht. Alles oder nichts. Hart zu sich selbst und hart zu seinen Mitmenschen. Es ist es nicht gewohnt, Rücksicht zu nehmen.
Ich möchte ihn fragen, wann er (endlich) damit beginnen will, sich dem vollen Leben zu stellen, seine Vergangenheit aufzuarbeiten und sein Herz für die Liebe zu öffnen. Nicht länger vor Emotionen davonzulaufen. Er ist krank geworden, weil er sich in die Arbeit geflüchtet und diese zu seinem primären Lebensinhalt gemacht hat. Dieses Lebenskonzept hat lange Jahre ziemlich gut funktioniert. Aber es ist gefährlich, sein Glück auf einem einzigen Stützpfeiler aufzubauen… Nun realisiert er, dass dieser Lebensplan nicht länger aufgeht und sein Körper zeigt ihm gerade wieder die rote Karte und zwingt ihn, innezuhalten...
Es trifft mich, dass er mich als eine “Belastung” ansieht. Ich hätte ja auch sein Sonnenstrahl sein können, der durch die dunklen Wolken scheint. Anderseits muss es einem Mann wie ihm ein Gräuel sein, “bedürftig” zu wirken und seine Arbeit ist ihm das Wichtigste, und wenn es in diesem Bereich Probleme gibt, kann er an nichts anderes mehr denken und das schlägt ihm auf die Gesundheit und wie ich annehme, wohl auch auf die Libido. Und eigentlich habe ich ja schon genug eigene Baustellen und was ich im Moment nicht brauchen kann, ist noch jemand, der mir Energie abzieht. Also muss ich wohl oder übel loslassen. Für den Moment und vielleicht sogar für immer.
Ich werde mich an das Schöne zurückerinnern. Ich habe es genossen mit ihm. Es waren extrem intensive, aufregende zwei Monate. Er hat mir das gegeben, was ich gesucht habe und ich habe meine mentale Stärke wieder gefunden. Aber ich hätte mir natürlich gewünscht, dass es weitergeht. So wie wir uns das eigentlich ausgemalt hatten. Nicht mehr so intensiv. Aber hin und wieder ein Treffen, ein gemeinsames Abendessen. Einfach die Option zu haben, dass wir uns irgendwann wieder sehen. Nun lässt er mich mit meiner Sehnsucht stehen und schweigt… Von 100 auf 0. Das Handy-Display bleibt unerträglich leer… Cold turkey. Einmal mehr. Das ist hart. Das müsste wirklich nicht sein.
Ich bin hin- und hergerissen zwischen “Lass ihm die Zeit, die er braucht und vertraue darauf, dass er sich wieder meldet” und der anderen Stimme, die sagt: “Was denkt sich der Kerl eigentlich? Sieht nur sich und sein Elend und wie es mir dabei geht, ist ihm scheissegal. So kann man mit mir nicht umspringen! Ich werde sicher nicht auf ihn warten und sollte er sich jemals wieder melden, werde ich ihm die kalte Schulter zeigen…!”. Aber würde ich das wirklich? Ich bin mir nicht so sicher... Ich hatte den Eindruck, dass ich ihm auch nahe gekommen bin.
Meine Freundin N. hat mich immer vor diesen Portalen gewarnt und hat es vor ein paar Tagen auf den Punkt gebracht: Sie schrieb mir: ”Ich denke einfach, dass Du auf der Suche bist nach Zuneigung, Nähe und Wärme. Und gleichzeitig nach Sex. Aber dort, wo Du danach suchst, lässt sich das alles nicht vereinen. Und wenn es nur ein bisschen gelingt, bewegen sich Deine Gefühle gleich in Richtung “Liebe”… Aber es ist der falsche Ort. Du wirst das, was Du eigentlich suchst, auf diesen Portalen nicht finden!”.
Da hat sie wohl nicht ganz unrecht. Ich will Sex mit Nähe. Das habe ich auch klar so kommuniziert. Aber auf diesen Portalen liegt natürlich trotzdem immer das C wie Casual (unverbindlich) wie ein “Damoklesschwert” in der Luft. Bereit, jederzeit runterzusausen und einem brutal aus einer Illusion zu reissen und in die Realität zurück zu befördern, selbst dann, wenn man das Gefühl hat, dass Träume wahr werden könnten. Es ist wie ein Hinterausgang, den beide jederzeit ungestraft und ungeachtet des Schadens, den sie angerichtet haben, nehmen können. The easy way out. Man kann sich dann quasi über Nacht aus dem Staub machen und beim davonlaufen kurz zurückblicken und mit dem unverbindlichen “C” winken…
Ich habe mich diesmal wirklich bemüht, mich emotional nicht zu sehr reinzuhängen. Es ist mir nur bedingt gelungen. Es war einfach zu gut. Ich vermisse ihn…
Es wäre so perfekt gewesen. Alle paar Wochen ein Date. Ein Eintrag in der Agenda, auf den wir beide uns hätten freuen können. Ein gemeinsames Abendessen geniessen, guten Rotwein trinken und
Es soll wohl nicht sein, jedenfalls nicht im Moment.
Wieso passiert mir das? Was bitte schön hat sich das Universum dabei gedacht?
Ich hab da so einen Verdacht... Was denkt Ihr?
P. S. Liebes Universum, lass es bitte nicht eine Illusion gewesen sein! Bitte lass ihn rasch gesund werden und lass Dir was einfallen, damit sich sein Jobdilemma in Minne auflöst. Und wenn Du schon dabei bist, sorge bitte dafür, dass er jede Nacht vor dem Einschlafen an mich denkt und Sehnsucht hat. Und lass mich in der Zwischenzeit einen guten Anwalt und eine schöne Wohnung finden. Merci!

