Montag, 2. Mai 2011

Goldene Hochzeit (2)

Wenn das Ehepaar gefragt wird, welches die glücklichste Zeit seines Lebens war… antworten beide ohne zu zögern: Die letzten 10 Jahre!

Vor zehn Jahren hat meine Schwiegermutter ihre Arbeitsstelle und die Wohnung in einer Tourismusdestination aufgegeben. Viele Jahre hatte sie sich von der Ladenbesitzerin ausnutzen lassen, hatte den kleinen Laden mit teuren Labels alleine geführt und viele Wochenenden durchgearbeitet ohne die gesetzlichen Ruhetage einzuhalten bzw. einhalten zu können, ohne zusätzliche Entschädigung für Sonntagsarbeit, hatte selbstverständlich an Feiertagen gearbeitet und das alles zu einem miserablen Lohn. Hatte sich um das Haus der Laden- und Wohnungsbesitzerin gekümmert, während diese  im Ausland in einem ihrer Ferienhäuser weilte, die Pflanzen gegossen und den Briefkasten geleert. Hatte sich nie getraut aufzubegehren, aus Angst, Job und Wohnung zu verlieren. 

Ich habe mich unendlich aufgeregt, dass sie sich so hat ausnutzen lassen, habe mir ihre Stundenrapporte angesehen, mich mit den gesetzlichen Grundlagen, dem Arbeitsrecht, vertraut gemacht, wollte sie überreden, sich zu wehren und die ihr zustehenden finanziellen Entschädigungen und Kompensationstage nachträglich einzufordern. Sie hat es sich überlegt aber er hat es ihr ausgeredet...

Sie hat sich dann eine neue Arbeitsstelle gesucht, in einer Stadt in unserer Nähe. Kein einfaches Unterfangen für eine ältere Frau, wenige Jahre vor dem Pensionsalter. Sie musste nehmen, was sie bekam. Wieder ganz unten beginnen und sich von einer frustrierten Geschäftsführerin herumdirigieren lassen - sie, die jahrelang alleine und erfolgreich Läden geführt hatte. Wieder schlecht bezahlt, nicht selbstbewusst genug, mehr zu verlangen... Es fand sich eine Wohnung in unserer Nähe, in der selben Ortschaft und so arbeitete sie bis zum Erreichen des Rentenalters drei Tage die Woche in der Stadt und zwei Tage für ihren Sohn und die Schwiegertochter... Diese zwei Tage mit den Enkelkindern waren die ganze Mühe wert und sie genoss die Zeit mit den Kleinen...

Sie hatte mir immer gesagt, dass sie dereinst gerne unsere Kinder hüten möchte und mir nahegelegt, dass ich meine gute Arbeitsstelle nicht aufgeben solle... schon bevor ich überhaupt schwanger war... Ich habe ihren Rat gerne befolgt und hatte das Glück, dass mein Arbeitgeber mit der Reduktion des Arbeitspensums einverstanden war.

Die Kinder sind ihr Lebenselixier - das gilt auch für ihn - und bedeuten alles für sie. Sie haben gewissermassen ihre Berufung gefunden und gehen in ihrer Rolle als Grosseltern auf. Holen jetzt alles nach, was sie mit den eigenen Kindern verpasst haben, weil sie so viel arbeiten mussen, den Kopf wegen der Geldsorgen nicht frei hatten. Wir lassen sie an unserem (hart erarbeiteten) Wohlstand teilhaben, sie gehen in unserem Haus ein und aus, mehrmals wöchentlich, und sie bewirtschaften den Gemüsegarten. Dazu braucht es viel Toleranz - von beiden Seiten...

Mein 84jähriger Schwiegervater hat sich gewünscht, einmal im Leben gemeinsam mit den über alles geliebten Enkelkindern im Meer zu baden. Und meine Schwiegermutter träumte seit Jahren davon, einmal nach Mallorca zu reisen, um dort ihr Patenkind zu besuchen. Aber er hat Angst vorm Fliegen... Vor einem Jahr änderte er plötzlich seine Meinung und so habe ich gleich die Initiative ergriffen und übers Internet eine geräumige (!) Finca reserviert, Flüge gebucht und ein konfortables Auto gemietet. Ein wunderschönes Haus im Landesinnern mit viel Platz (10 Tage unter einem Dach mit dem Schwiegervater ist eine Herausforderung...) und eigenem Pool. Zum ersten Mal sind wir alle zusammen gemeinsam verreist und der Schwiegervater hat erstmals ein Flugzeug bestiegen! Es war alles perfekt. Wir verbrachten sehr angenehme Ferientage auf der Insel - ich hatte Zeit zum Lesen* und Nachdenken... - und für meine Schwiegereltern wurden es die schönsten Ferien ihres ganzen Lebens!

Ich denke oft, dass es wohl mein Karma war (und ist), diesen Ehemann auszuwählen und mit ihm diesen Weg zu gehen, um diesen beiden Menschen - meinen Schwiegereltern - einen solch glücklichen Lebensabend zu ermöglichen.

 
P.S. Ach ja, das Geschenk zum goldenen Hochzeitstag… schwierig. Ehemann hatte wie erwartet auch keine Idee… Ein Blumenstrauss hätte seiner Ansicht nach genügt… (der Apfel fällt nicht weit vom Stamm…).
So habe ich – wie immer – die Initiative ergriffen und in letzter Minute das Zepter in die Hand genommen, einen Gutschein für ein gemeinsames Essen in einem feinen Landgasthof kreiert und ein paar hübsche Gegenstände besorgt, um den Gutschein optisch ansprechend zu präsentieren ;-)




* A propos Lesen. Ich hatte zwei Taschenbücher eingepackt, aber das dicke Buch mit Einband, das ich von meiner Schwester zum Vierzigsten geschenkt bekommen und noch immer nicht gelesen hatte, nach kurzem Zögern zu Hause gelassen. So ein Bestseller, irgendwas mit Nordwind und Wellen... Nachdem ich die beiden Büchlein durch hatte, suchte ich neuen Lesestoff. In einer kleinen Papeterie fand ich ein paar deutsche Taschenbücher... lauter Schundromane. Aber dann sah ich es. Das einzige (!) vernünftige Buch. Es war das Buch von Glattauer: Gut gegen Nordwind... Wieder so ein "Zufall"...

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