Montag, 2. Juli 2012

"La maîtresse"

Die letzte Schulwoche hat begonnen! Endspurt! Abschiedsgeschenke für die Lehrerinnen werden gebastelt, Schulreisen und Ausflüge unternommen, Abschiedsfeste gefeiert, Zeichnungen und Schulmaterial nach Hause gebracht. Und meine Tochter muss sich nach zwei Jahren von ihrer Lieblingslehrerin verabschieden. Eine sehr gute Lehrerin. Die Beste und Umtriebigste im ganzen Schulhaus. Und eine attraktive Frau. Kurzes blondes Haar, guter Style, sehr charmant, schlagfertig, alleinstehend, kinderlos und im besten Alter. Vierzig! Ihre aktuellen (und ehemaligen) Schülerinnen und Schüler sind ihre "Ersatzkinder" und sie pflegt Körperkontakt und verteilt gerne Bisous auf die Wangen ihrer Schützlinge. Sie wird jeden Tag von den aktuellen und ehemaligen Schülerinnen (seltener: Schüler) umarmt und alle lieben sie heiss. Oder jedenfalls die meisten. Oder zumindest diejenigen, die gute Zensuren hatten. Sie ist nämlich eine strenge Lehrerin. Resolut, aber gutmütig. Töchterchen hat ein gutes Zeugnis nach Hause gebracht und "la maîtresse" ist zufrieden mit ihr und nennt sie manchmal "ma belle". 

Mein Verhältnis zu "la maîtresse" ist ein bisschen ambivalent. Irgendwas "stört" mich an ihr, ich kann es aber nicht benennen. Ich vermute, sie mag mich nicht besonders bzw. ich irritiere sie irgendwie und ich empfinde ihre Freundlichkeit mir gegenüber manchmal als etwas aufgesetzt.  Man sieht ihr an, was sie denkt, auch wenn sie sich Mühe gibt, es zu verbergen. Sie ist eine empathische Frau und sie kriegt rote Wangen, wenn sie nervös ist. Das finde ich sympathisch. Kenne ich von mir auch. Und sie hat ein Flair für meinen Mann. Die Sympathie ist gegenseitig. Man ist per Du und man gibt sich drei Wangenküsschen. Ich finde es amüsant, wenn er mit ihr auf französisch "Süssholz raspelt" und sie ihn anstrahlt und rote Wangen kriegt.

Ich bin per Sie mit ihr. Da ich zwei Jahre älter bin, wäre es wohl an mir, ihr das "Du" anzubieten. Aber ich hatte bisher noch nie das Bedürfnis und ich finde es irgendwie unpassend, mit der Lehrerin meiner Kinder per Du zu sein. Ich bevorzuge in diesem Fall eine gewisse Distanz. Unsere Kinder haben ihre ersten beiden Schuljahre bei ihr absolviert und sie hat ihnen das Lesen beigebracht. Und vieles mehr. Sie sind zusammen ins "Camp vert" (mehrtägiges Sommercamp) gefahren. Ich habe meine Kinder auf einige Schulausflüge begleitet. Schlittschuhlaufen, Minigolf, Piscine, Wochenmarkt in der Stadt... und so habe  ich die Lehrerin ein wenig näher kennengelernt. Aber irgendwie verhält sie sich mir gegenüber ebenfalls distanziert.   Fünf Tage noch - und die Aera von "la maîtresse" geht zu Ende. Irgendwie doch schade. Ein bisschen Wehmut kommt auf. Ob ich wohl am Abschiedsfest mit ihr "dutzis" machen sollte? ;-)


Manchmal überlege ich mir, ob sie wohl gerne meinen Platz einnehmen würde, wenn ich meinen Mann verliesse.  Ich denke schon. Und er? Er findet sie attraktiv und sympathisch. Hat allerdings auch schon verlauten lassen, dass sie sicher keine "einfache" Person sei und es wohl schon einen Grund gäbe, dass eine so attraktive Frau mit vierzig weder Lebenspartner noch eigene Kinder habe. Sie sei wohl eine Frau mit "Haaren auf den Zähnen"!

Tja, es sind nicht alle so pflegeleicht und unkompliziert wie Rosalie... *hüstel*...

Bestimmt mag sie Katzen. Und wenn sie in unser Haus einziehen würde, dann bestimmt nicht ohne ihre Katze(n). Und sie würde ihm seine Katzenallergie ganz schnell austreiben. Schluss mit tränenden Augen und niesen! So wie damals, als wir  fast ein Jahr lang mit zwei Katzen unter dem selben Dach gelebt haben, um Geld für das Haus zu sparen.  Wir wohnten bei meinen Eltern und - oh Wunder - nach einer gewissen Zeit haben die Symptome schliesslich aufgehört. Er hat sozusagen eine Desensibilisierung durchgemacht. Als wir dann ins eigene Haus zogen, waren die Symptome ratz fatz wieder präsent und es reichte schon, das Wort "Katze" oder "Haustier" beiläufig zu erwähnen, um ihn zum niesen zu bringen... 

Ob "la maîtresse" sich auf ihn einlassen würde? Ich bin mir nicht sicher, ob es mich stören würde! Eigentlich nicht... Theoretisch eine ideale Lösung. Sie liebt meine Kinder. Und wenn meine Kinder sie dann immer noch mögen, tant mieux! Ich habe keine Angst davor, dass sie mir meine Stellung als "liebste Mama der Welt" streitig machen könnte. Und ich empfinde keine Eifersucht. Im Gegenteil! Ich würde es meinem Mann gönnen, wenn er mit ihr glücklich würde...

Mein "Bauleiter" hat mir übrigens den Auftrag gegeben, mir auszumalen, wo ich in einem Jahr stehe. Wohnsituation, Arbeitspensum,  etc. Möglichst konkret. Und ich soll aufschreiben, welche Schuldgefühle und Ängste ich habe, wenn ich an eine Trennung denke. Hmm...

Spontan kommt mir in den Sinn: "Hatschi! Verdammte Katze!" Just kidding. Kleiner Scherz. ;-)

Gehen oder bleiben? Das Haus behalten oder mich neu orientieren? Ich muss noch darüber nachdenken... Habe noch zwei Tage Zeit.

14 Kommentare:

  1. Man muss auch gönnen können! Allerdings fühlt sich die bloße Theorie ja oft etwas anders an als womöglich eine spätere praktische Umsetzung.

    Sehr charmant finde ich die gelegentlichen französischen Wörter in Deinen Texten. Ist das Absicht oder auch umgangssprachlich bei Dir so?

    Mon dieu, Dein Mann müsste mich für total verschroben halten,, 43, ohne Kinder, in Therapie und mit der immer mal wieder auflodernden Absicht, sich Katzen anzuschaffen ;-)

    Komm gut in die Woche!

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  2. Ich bin leider nicht bilingue, aber da wir in der Westschweiz wohnen und die Kinder die französische Schule besuchen, fliessen bei uns im Gespräch oft französische Worte ins gesprochene Schweizerdeutsch und so schleicht sich dieses Mélange auch in meine Blogposts.

    Mon dieu, 43 ans, célibataire et pas d'enfants? Et attractive et séduisante en plus? Il y a quelque chose qui cloche! Da stimmt was nicht. ich fürchte, Du bist ein klarer Fall von "Frau mit Haaren auf den Zähnen"! ;-))

    Dir auch guten Wochenstart und lieben Gruss gen Norden!

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  3. Mitunter ;-) Aber eigentlich leicht zu zähmen. Bis Mann mich dann wieder ärgert ;-) Bei DENEN stimmt nämlich was nicht! Und darum:

    Wat mut, dat mut! :-)

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  4. Liebe Rosalie
    der Auftrag Deines "Bauleiters" ist vernünftig und sinnvoll. Ich hatte mir so einige Vorstellungen gemacht wie es werden wird, und was passiert. Habe immer mal wieder nachgedacht, jedoch nie konzentriert mich mit allen Facetten beschäftigt.
    So habe ich seit Ostern immer wieder Überraschungen erlebt. Manche auch durchaus unangenehm, rückblickend aber zu erwartend.
    Oh, ich bereue den Schritt nicht - mein aktuelles Problem hat andere Ursachen - ich bin froh, dass ich festgestellt habe was ich mir noch zumuten will, sonst wäre ich vielleicht schon umgekippt. Denk auch an eine Liste der letzten Male, bedeutet der Dinge, die Du im Falle einer Trennung zum letzten Mal machst, unterscheide in angenehm und unangenehm.
    Die wichtigste Liste ist aber ganz anders:
    "Alle Dinge die Du zum ersten Mal tun wirst!"
    Liebe Grüße
    P.S. Deine französischen Einstreuungen habe so viel Charme ;-)

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    1. Eine Liste der letzte Male zu erstellen... Davor hab ich Angst. Irgendetwas in mir stäubt sich, mir ganz konkret vorzustellen, was DANACH sein wird. Was sein könnte... Ich habe irgendwie keine Vision von mir. Ich sehe eine Wohnung, die Einrichtung... Aber wo bin ICH? Wer bin ICH? Ich bin es gewohnt, mich einem Gegenüber anzupassen, mich über ein UNS zu definieren. Ich sehne mich nach Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, aber ich fürchte mich vor einer grossen Leere. Ich habe Angst davor, mich zu trennen und weiss gleichzeitig nicht, wie ich auf Dauer so weiterleben soll. Es kommt mir vor wie ein auswegloses Dilemma. Was sind das für Dinge, die ich zum ersten Mal tun werde? Sind sie es wert, mein bisheriges Leben aufzugeben? Ich habe das Gefühl, in meinem Leben schon so vieles getan und erlebt zu haben. Ich bin müde. Müde und etwas desillusioniert...

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  5. Ich finde es unfair, einer Frau die keine Kinder hat und nicht liiert ist, Haare auf den Zähnen zu unterstellen. Vielleicht wollte sie sich nie fest binden, vielleicht hatte sie keinen Bock auf faule Kompromisse, vielleicht kann sie keine Kinder bekommen und ihr Typ hat sie deswegen verlassen, vielleicht ist sie sich selbst genug, vielleicht hat es sich einfach nicht ergeben?

    Würde man bei einem gut aussehenden, beruflich erfolgreichen, ungebundenen Mann um die 40 auch sagen "da stimmt was nicht!"? Nein, der ist dann entweder verkappt schwul oder der tolle ungebundene Hecht, der schwer zu haben ist...

    Ich habe ganz ganz lange und dicke Haare auf den Zähnen und habe trotzdem geheiratet! Geht also...

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    1. Liebe jaja

      Ich halte "Haare auf den Zähnen" bei Frauen grundsätzlich für eine positive Eigenschaft. Es bedeutet nämlich sinngemäss, dass man weiss, was man will, und keine faulen Kompromisse eingeht und sagt, was man denkt, was man möchte und was man erwartet. Auch wenn man damit aneckt. Also das Gegenteil von anpassungsfähig und pflegeleicht. Ich lasse sie gerade wachsen, die Haare auf den Zähnen! Und wenn ein Mann damit nicht umgehen kann, ist er kein ebenbürtiger Partner.

      Dass "la maîtresse" alleine lebt, hängt vermutlich damit zusammen, dass sie anspruchsvoll ist und bisher keinen ebenbürtigen Mann gefunden hat, der sich binden mag. Und irgendwann ist es dann zu spät für eigene Kinder. Da hat der 40jährige tolle "Hecht" es natürlich einfacher. Er wird sich in eine jüngere Frau verlieben...

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  6. Super-spannende Geschichte! Du magst deinen Mann zwar vielleicht ablegen und dich von ihm befreien, aber ihn frei geben für eine andere das magst du dann doch nicht so gerne. Wirklich interessant und spannend nachzulesen!

    liebe Grüße, Daniela
    PS: ich hege zur Zeit ja ganz andere Gedanken: bei welcher Frau wäre mein Mann gut aufgehoben, welche ist cool und clever und einfach super. Was schlechteres sollte nicht nachfolgen. Auf keinen Fall!!!

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    1. Nein! Eben nicht! ;-)

      Ich würde es ihm ja gönnen, wenn er die passende Frau finden würde, die ihn glücklich macht. Ich befürchte nämlich, wir beide machen uns gegenseitig unglücklich. Schon länger. Da helfen auch keine materiellen Trostpflästerchen mehr.

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  7. PS: ich finde es seltsam, dass man wenn man älter ist (über 30) bei 2 Jahren Altersunterschied eine Seniorität verspürt, wenn man 2 Jahre älter ist und das Du anzubieten hätte.
    Ab 30 sind doch alle gleich alt, 4 Jahre auf oder ab!
    ;-)
    Da spielt wohl was anderes mit ...
    liebe Grüße, Daniela

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    1. noch was!

      "Mein Verhältnis zu "la maîtresse" ist ein bisschen ambivalent. Irgendwas "stört" mich an ihr, ich kann es aber nicht benennen. Ich vermute, sie mag mich nicht besonders bzw. ich irritiere sie irgendwie und ich empfinde ihre Freundlichkeit mir gegenüber manchmal als etwas aufgesetzt. Man sieht ihr an, was sie denkt, auch wenn sie sich Mühe gibt, es zu verbergen. Sie ist eine empathische Frau und sie kriegt rote Wangen, wenn sie nervös ist. Das finde ich sympathisch. Kenne ich von mir auch. Und sie hat ein Flair für meinen Mann. Die Sympathie ist gegenseitig. Man ist per Du und man gibt sich drei Wangenküsschen. Ich finde es amüsant, wenn er mit ihr auf französisch "Süssholz raspelt" und sie ihn anstrahlt und rote Wangen kriegt." - du beschreibst dich, nicht?
      "ich vermute, sie mag mich nicht besonders" = ich vermute ich mag sie nicht besonders.

      und das Süßholz, das gab es bei euch auch mal, bei dir und deinem Mann, früher halt. Vielleicht ist die Lehrerin eine frühe Rosalie?
      PS: schön, dass du findest, dass eine Frau mit 40 in den besten Jahren ist. Sehe ich auch so!
      liebe Grüße, Daniela

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    2. Liebe Daniela

      Du hast vermutlich recht, was den Altersunterschied und die "Seniorität" angeht. Vermutlich geht es ihr ähnlich wie mir.

      Ob die Lehrerin eine frühe Rosalie ist? Nun, das mit den roten Wangen und die Mischung aus selbstbewusstem Auftreten und Schüchternheit kenne ich von mir auch. Sie ist vielleicht ein ähnlicher Typ wie ich, aber sie ist viel resoluter, als ich es je war.

      Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass mein Mann und ich jemals Süssholz geraspelt haben. Er ist eigentlich nicht der Süssholzraspler. Deshalb "amüsiert" bzw. nervt es mich wohl auch...

      Lieben Gruss,
      Rosalie

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  8. Du machst Dir allen Ernstes ausmalende Gedanken über Deine potentielle Nachfolge!?!

    Das ist...selten.
    Einerseits zeichnet es ein sorgendes, mitfühlendes Bild von Dir.

    Andererseits ist es ein bisschen krank.
    [Und soeben hat ein Hase zum Anderen gesagt: "Hast DU aber lange Ohren!"]

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    1. Das ist vielleicht die Crux an meinem Leben. Ich denke zuviel nach...

      Wenn ich mich von meinem Mann trenne, wird er vermutlich relativ rasch eine neue Partnerin finden. Da bin ich realistisch. Im Grund könnte es mir egal sein, da hast Du recht. Aber wenn wir davon ausgehen, dass diese neue Frau früher oder später bei ihm einzieht und wir das Sorgerecht für die Kinder teilen, wird diese Frau relativ viel Zeit mit meinen Kindern verbringen! Deshalb mache ich mir Gedanken!

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