Samstag, 1. September 2012

Schlaflose Nächte

Eine intensive Woche liegt hinter mir. Eine emotionale Achterbahnfahrt, wobei die Talfahrten klar dominieren. 

Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben an einem Punkt angelangt,  an dem ich ernsthaft darüber nachdenke, mir Medikamente verschreiben zu lassen,  damit ich wieder schlafen kann. Ich möchte in einen Tiefschlaf fallen und alles vergessen. 

All diese Emotionen zum Verschwinden bringen, die mir den Nachtschlaf rauben und mich nach drei, vier Stunden aufwachen lassen. Dieses ständige Gedankenkreisen, das mich erst nach Stunden wieder einschlafen lässt. Diese ganzen unbewältigten Gefühle. Ich weiss nicht, wohin damit. Ich sollte Wut empfinden. Wut darüber, wie man mit mir umgegangen ist und was man mir alles zugemutet hat. Und wie man mich schliesslich fallen gelassen hat, als ich nicht mehr länger nur gutmütig und pflegeleicht war. Mir Antworten schuldig geblieben und mich im Ungewissen zurückgelassen hat. Doch anstatt wütend zu sein fühle ich Ohnmacht, Enttäuschung und Traurigkeit. Dieser Gefühlscocktail setzt mir zu und macht mich krank. Das dauert jetzt schon Wochen und ich komme einfach nicht weiter. Mit der körperlichen Erschöpfung kommt nun auch die verdrängte Trauer um meinen Vater so richtig hoch und der Gedanke an die kommenden Monate erfüllt mich mit Panik. 

Ich fürchte mich vor unverplanten Wochenenden, vertrage meinen Mann immer weniger.  Ich bin emotional alleine, habe "nur" meine Kinder, für die ich funktionieren muss und meine Freundinnen, die ich auch nicht mehr belasten mag. Sie haben mir schon so oft zugehört und sie haben selber viel um die Ohren. Ich mag gar nicht mehr darüber sprechen. Mit niemandem. Ich mag überhaupt nichts mehr. Ich weiss, ich muss da durch. Das kann mir niemand abnehmen. Aber ich komme an meine Grenzen…


Mein Leben fällt auseinander, es gibt kaum mehr einen Bereich, der intakt wäre.  Wie konnte es nur soweit kommen?  Alles geht den Bach runter. Es ist, als ob "da oben" jemand einen Eimer mit Pech über mir ausgeschüttet hätte. 


Im Job fühle ich mich allein gelassen und heimatlos. Ich habe mein halbes Leben in dieser Firma verbracht und was gerade abgeht, stellt alles bisher erlebte in den Schatten. Ich bin einer Gewerkschaft beigetreten, um mir im worst case juristischen Beistand zu sichern! 

Diese Woche fand eine Sitzung statt. Ich bin zu spät gekommen. Bin orientierungslos durchs Untergeschoss des fremden Gebäudes geirrt und habe diesen blöden Raum nicht mehr gefunden. Als ich endlich davor stand und hineingegangen bin, habe ich mich nur genervt. Über die zaghafte Sitzungsleitung, die natürlich das Zeitlimit überzogen hat und über Entscheidungen, die ich als wenig sinnvoll erachte. Schliesslich habe ich die Sitzung vorzeitig verlassen, weil ich etwas Besseres zu tun hatte: Ein Treffen, auf das ich mich seit Wochen gefreut hatte. Es war ein kurzes Highlight aber es blieb ohne nachhaltige Wirkung. 

Meine Arbeitskollegin hat nach der Sitzung versucht, mich anzurufen und mir ein SMS geschrieben: "Hey Rosalie, was ist los mit Dir? Ich hatte vorhin in der Sitzung den Eindruck, dass es Dir gar nicht gut geht! Ich mache mir Sorgen um Dich! Bitte melde Dich bei mir." Versehentlich hat sie das WhatsApp einer Gruppe von acht Frauen geschickt, da ich ihr am Vortag ein Kettenmail weitergeleitet hatte - etwas, was ich normalerweise nie tue... 

Und dann habe ich diese Woche noch eine Gerichtsurkunde erhalten. Die vertraute  idyllische Aussicht wird nun endgültig mit einer riesigen Eternitfassade verbaut. Die Einsprache wurde abgewiesen, ohne im Detail auf meine  Vorbringen einzugehen. Wenigstens wurden keine Kosten erhoben. Ich weiss noch nicht, ob ich die Kraft habe, das Urteil an die nächste Instanz weiterzuziehen. Ich sollte mich beraten lassen aber ich habe keine Energie mehr.

Es gäbe noch mehr Unerfreuliches zu berichten, aber den Rest erspare ich Euch. Ich hoffe, die Talsohle ist nun erreicht.


Zum Schluss noch was Erfreuliches:

Das Geburtstagsfest meiner Tochter war ein voller Erfolg und die Goldfische haben endlich ihr neues Habitat bezogen.







16 Kommentare:

  1. Du klingst wie ich kurz vor meinem Zusammenbruch vor ein paar Jahren. Und von daher kann ich dir nur einen einzigen gutgemeinten Rat geben - und ich meine das ehrlich, wertfrei und von Herzen ...

    GEH
    ZUM
    ARZT

    Lass dir Medikamente geben. Aber was viel, viel wichtiger ist - geh zu einem Therapeuten, der dich in dieser Situation begleiten kann. Der dich stütze und der die nötige Distanz zu allem hat um dir weiterhelfen zu können.

    Denk zumindest mal drüber nach.

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  2. Danke für Deinen Kommentar, Matilda. Ich geh seit kurzem zu einem Therapeuten. Das mit den Schlafproblemen habe ich vorletzte Woche bei unserem letzten Gespräch angetönt und er hat aufgehorcht und mich gebeten, einen Termin beim Facharzt zu vereinbaren, weil er selbst keine Medikamente verschreiben darf. Er würde mich am liebsten in "Klausur" schicken. Nächste Woche gehe ich wieder hin.

    Ich hatte gehofft, es würde besser mit den Schlafstörungen aber es wird schlimmer. Und wenn der Körper keine Erholung mehr findet, ist das wohl der Anfang einer Abwärtsspirale, die sich immer schneller dreht. Ich werde am Montag einen Termin mit dem Arzt vereinbaren.

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  3. Die Abwärtsspirale wird noch eine Weile weitergehen - so lange, wie du selber brauchen wirst um eine "Bremse" zu finden. Ich hab damals 5 Monate gebraucht, um einen Weg aus der Spirale zu finden. Und diese zeit habe ich WIRKLICH gebraucht.

    Und wenn dein Therapeut dich in Klausur schicken will, dann solltest du auch das mal in Erwägung ziehen.

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  4. Medikamente sind doch nicht wirklich die Lösung, sondern machen dich auch noch abhängig vom "Einschlafmittel´". Und ob dieser Schlaf dann wirklich erholsam ist?

    Könntest du nicht dem Rat des Therapeuten folgen und dir eine Auszeit gönnen - nur für dich, weg von allem?

    Gegen das Kreisen in den immerselben Gedankenschleifen könnten physische Methoden helfen: Sport, Sauna, Massage - das macht den Kopf angenehm leer und bringt Entspannung. Aber: Man muss es wollen...

    Klingt vielleicht komisch, das mit dem Wollen. Wer will denn nicht in Ruhe schlafen? Oft ist es aber so, dass man selbst das Gedankenkarusell antreibt, weil man auf den Ausgangsmotiven und Problemstellungen beharrt, für die es nun mal keine befriedigende Lösung gibt. Was man aber nicht akzeptieren will.

    Ein Beispiel: Jemand hat mich übel behandelt und verweigert sogar die Kommunikation darüber. Da kann ich ein paar Versuche machen, das zu ändern. Wenn das Gegenüber aber nun mal nicht reagiert, wie ich mir das vorstelle, hilft es auch nicht, in Wut, Selbstmitleid, Ohnmachtsgefühlen, Vorwürfen oder Fragen wie "hätte ich mich hier und da anders verhalten sollen/können?" immer weiter zu schwelgen. Dadurch ändert sich ja nichts, außer dass es mir immer mieser geht und die Selbstachtung mitsamt dem Alltags-Elan in den Keller geht.

    Da braucht es einen Entschluss, der aus dem Opfer-Gefühl heraus führt. Wenn noch etwas ungesagt ist, vielleicht ein letzter Brief (OHNE Kalkül auf Antwort). Oder auch nur eine Niederschrift von allem, was in mir wühlt, an mich selbst. Der dann anschließend rituell zerrissen und ins Klo gespühlt wird. Also eine klare Entscheidung: Diese Sache ist für mich durch! Ab jetzt wende ich mich neuen Erfahrungen und Menschen zu - und wenn die alten Gedanken kommen, lehne ich sie schon im Ansatz ab und mache etwas anderes.

    Hat man sich so ganz ehrlich entschieden, etwas abzuschließen und in diesem Punkt nicht mehr "die Alte" zu sein, DANN klappen auch die Methoden und Strategien, aktuelle Lebenslagen und Gefühle wieder ins Positive zu wenden.

    Ich wünsche dir alles Liebe und die Kraft, die vom Ballast, der dich belastet, zu verabschieden!

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  5. @Claudia

    Weisst Du, einschlafen ist nicht das Problem. Ich lege mich ins Bett und fünf Minuten später bin ich weg. Das Problem ist, dass ich regelmässig nach wenigen Stunden aufwache und wenn ich auf die Digitalanzeige des Radioweckers schaue, zeigt die Uhr irgendwas zwischen 02.00 und 03.15 Uhr an. Es ist auch nicht so, dass ich aufwache und zu Grübeln beginne! Es ist vielmehr so, dass ich WEGEN diesem Problem aufwache, wie aus einem schlechten Traum. Ich werde wach und bin mittendrin in diesen Gedanken und spüre sogar körperliche Symptome. Offenbar geht mir das alles viel mehr an die Substanz, als ich es vom Verstand her zulasse. Ich komme gar nie in eine richtige Tiefschlafphase und kann mich deshalb nicht richtig erholen.

    Ich will das ja alles gar nicht und ich sage mir, dass ich vorwärts schauen muss. Aber es hat mich tiefer getroffen, als ich es mir eingestehen möchte. Weil ich das Gefühl habe, dass ich getäuscht und hintergangen worden bin. Weil eine dritte Person involviert ist. Weil eine lange Beziehung, die vor allem von der täglichen Kommunikation gelebt hat, nicht mit gegenseitiger Kommunikation beendet worden ist, sondern in einem einseitigen Schweigen geendet hat.

    Es spielt sicher auch eine Rolle, dass ich mit dem Schicksal hadere. In den letzten Monaten sind in meinem Leben Dinge geschehen, auf die ich keinen Einfluss hatte bzw. nehmen konnte. Der plötzliche Tod des Vaters, der Verlust der vertrauten Aussicht zu Hause, die Umstrukturierung am Arbeitsplatz, chronische Knieschmerzen mit einer desaströsen Diagnose... ich fühle mich als Spielball des Schicksals. Dass sich nun auch noch diese Beziehung verliere, die mir viel bedeutet hat und die Art und Weise, wie sie zu Ende gegangen ist, das lässt selbst eine starke Frau wie mich ins Trudeln geraten...

    Wäre sonst in meinem Leben alles "in Ordnung", könnte ich wohl besser damit umgehen. Es ist die Akkumulation belastender Ereignisse, die mich an meine Grenzen bringt.

    Und der Gedanke, zwei Wochen in Klausur zu gehen, ohne Internet, Blog und virtuelle Kontakte erfüllt mich mit Panik... Ich habe ehrlich gesagt Angst davor, was da alles an Emotionen hoch kommen könnte. Ich muss noch darüber nachdenken. Vielleicht wäre dies ein erster Schritt in Richtung Neuanfang.

    Danke für Deinen konstruktiven Kommentar!

    Herzlich,
    Rosalie


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  6. @Claudia

    Nachtrag: Ich hatte tatsächlich noch ein langes Mail geschrieben, das ich dann wieder gelöscht habe. Ok, nicht zerrissen und ins Klo runtergespült... ;-)

    Abgeschickt habe ich ein letztes kurzes Mail und ich hoffe, dass ich es damit für mich abschließen kann. Endgültig.

    Vielleicht ist es einfach auch normal, dass es eine gewisse Zeit dauert, das alles zu verdauen. Aber als Opfer sehe ich mich nicht. Es ist auch kein Selbstmitleid, das ich fühle. Es ist vielmehr Enttäuschung und daraus resultiert die Traurigkeit.

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  7. Ich kenne das, dass eine Beziehung mit einseitigem Schweigen beendet wird. Das passiert, weil dein Gegenüber mit Reden niemals so weit ist wie du und mit sich selbst überfordert ist. Hör mal liebe Rosalie. Sei froh, dass diese Beziehung beendet ist. Halte nicht fest an Menschen die in der Persönlichkeitsentwicklung niemals so weit sein werden wie du! Das wären dann bei dir ja nur Rückschritte. Sieh das alles positiv. Hab vertrauen, dass du das bald so sehen wirst. Freu dich an deinem Leben. Manchmal tut alles grausam weh und man hat das Gefühl es laufen nur Arschlöcher durch diese Welt aber weisst du, dies alles hat seinen Grund. Du bist in einer weiteren Entwicklungsphase und wenn man sich halt einlässt, tut das scheisseverdammt sehr weh. Ich weiss, wenn man drin ist, ist das grässlich und wie der Schmerz sich anfühlt kann man sowieso nicht in Worte fassen. Lass es einfach zu Rosalie. Du bist wundervoll am wachsen.

    Du bist deine Wahrheit. Streichl mit deiner Hand deine Seele. Da wo sie sitzt auf deiner Brust. Und weine. Weine ganz viel. Und rede. Rede ganz viel. Und sage dir ganz laut, dass was jetzt passiert muss alles sein, damit du weiter kommst. Du kannst dich selber beruhigen damit. Es ist dein Weg. Es gibt keinen Ausweg liebe Rosalie. Sonst gibt es keine Gesundung.

    Ein rotes Herz für dich.

    Stella Blue.

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    1. Es ist immer wieder eine Freude Dich zu lesen ... und wundervolle Namen gibst Du Dir ;)

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    2. Alter Schmeichler:-)

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  8. @Stella Blue

    Aus Deinem Kommentar spricht so viel Zuneigung für mich und das berührt mich sehr! Danke, Du liebe geheimnisvolle Frau! :-)

    Nein, ich werde nicht festhalten an Menschen, die den Kontakt zu mir abgebrochen haben. Aber Menschen, die mir in meinem Leben einmal viel bedeutet haben und die ich in mein Herz geschlossen habe, die bleiben in der Regel da drin. So viele sind das nicht. Und meine Türe steht offen für diese Menschen, auch nachdem sich unsere Wege getrennt haben. Es muss schon sehr viel passieren, damit ich einen solchen Menschen für immer aus meinem Leben verbanne. Ich bin jemand, der verzeihen kann und ich bin nicht nachtragend.

    Liebe Grüsse,
    Rosalie

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  9. Du machst das gut liebe Rosalie.
    Ein Mensch der verzeihen kann ist extrem schlau und sehr weise.
    Vielleicht musst du noch etwas lernen nicht mehr so fest lieb sein zu wollen?
    Das schliesst das Verzeihen können gar nicht aus. Und es schenkt dir mehr eigene Rosalie.
    Selber Grenzen setzen und selbstbestimmt Nein sagen. Starkes Gefühl.

    Stella Blue.

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    1. Tja, Stella Blue, da triffst Du leider voll ins Schwarze! Ich bin zu gutmütig und ich bin zu lieb. Und wenn ich es für einmal nicht bin, neige ich dazu, vorschnell wieder einzulenken und mich um Harmonie zu bemühen. Und das ärgert mich dann oft im Nachhinein.

      Ja, ich tue mich schwer, ein "böses" Mädchen zu sein. Aber ich arbeite dran! ;)

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  10. Lieb sein oder beliebt sein zu wollen hat auch sehr viele Vorteile für die Menschen auf die du triffst. Man ist gerne für andere da, kennt die Rücksichtsnahme, kann auch mal nachgeben, dein Gegenüber ist dir wichtig, du bist bereit zuzuhören...etc. Das sind mitunter die besten Eigenschaften auf dieser Welt.

    Einfach da wo dein Bauch donnert, da sagst du in Zukunft Nein! Die Antwort werden Widerstände sein oder vielleicht versucht jemand dir über Schuldgefühle ein schlechtes Gewissen zu machen. Aber das ist der normale Lernweg. Tut aber nur ein bisschen weh. Der Preis für dich ist ein zufriedenes stolzes Durchatmen.

    Herzensgruss
    Stella Blue

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  11. "Da wo mein Bauch donnert..." Schöne Beschreibung! :-) Es gibt schon Situationen, in denen ich gut "NEIN" sagen kann und wenn jemand den Bogen überspannt, höre ich auch schon mal auf, lieb und pflegeleicht zu sein. Aber in gewissen (Herzens)Dingen bin ich einfach zu nachsichtig und verzeihe vielleicht zu leicht. Und tue mir damit keinen Gefallen.

    Es ist wohl (leider) wirklich so: "Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin..."

    Herzliche Grüsse,
    Rosalie

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  12. Gestern hab ich eine interessante Doku über Hypnotherapie gesehen - sie ist auch auf Youtube - hier die 3 Teile:

    http://www.youtube.com/watch?v=aCsQISIe0SY

    http://www.youtube.com/watch?v=wrp0m5WO2cg

    http://www.youtube.com/watch?v=SwPR5ioN76Q&feature=relmfu

    Einer der geschilderten Fälle ist ein Mann, der immer nachts aufwacht, wenn ihn etwas "sehr bewegt" - die Hypnotherapie brachte ihm sehr schnell Besserung!

    Insgesamt finde ich es sehr typisch, dass so eine Methode nicht bekannter ist, bzw. nicht häufiger angewendet wird: keine Medikamente, da verdient kein Pharmakonzern dran!

    Jedenfalls musste ich an dich denken, Rosalie! Vielleicht wär das ja was für dich?

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    1. Danke! Das ist sehr interessant! Und jetzt gehe ich erst mal drüber schlafen. ;-)

      Gute Nacht! :-)

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