Selbst die Gesichter der Ladenbesitzer sind ein déjà-vu. Zweimal war ich vor einem Jahr im Kipling-Shop in der Marina von El Gouna und habe mir die Nylontaschen des belgischen Labels angesehen, mich fünf Minuten lang mit dem Verkäufer unterhalten und letzlich nichts gekauft. Alle Taschen und Accessoires waren mit Fixpreisen angeschrieben. Ziemlich teuer für Taschen aus Nylon wie ich fand. Der Verkäufer war mir schon damals (positiv) aufgefallen durch seine freundliche, respektvolle und zurückhaltende Art und weil er gut englisch sprach. Ein liebenswürdiger Mann Mitte dreissig mit einem ehrlichen Gesicht. Einmal hatte ich ihn noch gesehen, als ich am Strand nach Muscheln gesucht habe und er dort vollständig bekleidet auf einem Stein sass und eine Pause machte. Wir haben uns freundlich zugenickt und ich erinnere mich noch an seinen Blick. Es war eine Mischung aus Interesse und Melancholie, respektvoll und unaufdringlich. Er hat mich gleich wiedererkannt, obwohl wir uns nur dreimal kurz gesehen haben! Nun ja - ich ihn ja auch... Auf meine erstaunte Bemerkung hin meinte er lächelnd, dass Swiss people eben etwas Besonderes seien. However... :-)
Der Zufall wollte es, dass ich eine Woche vor der Abreise nach Ägypten in einem Schweizer Warenhaus über eine grosse Kipling-Handtasche "gestolpert" bin, die ich einfach haben musste! Meine Tochter meinte anerkennend, dass diese Tasche (vor allem auch von der Farbe her) sehr gut zu mir passen würde und so fühlte es sich an. Als ob sie schon immer zu mir gehört hätte. Praktisch, gross genug für mein Mäcli (my tiny MacBook Air) und eine ganze Menge anderer nützlicher Dinge, die ich im Alltag so mit mir herumtrage, casual und dennoch chic (die metallische Farbe macht's aus!) und bequem. Sie lässt sich über der Schulter tragen, ohne dass die Henkel ständig abrutschen. 125 Franken habe ich in der Schweiz dafür bezahlt. In Ägypten kostet sie umgerechnet um die 166 Franken! Und so werde ich dem freundlichen Ladenbesitzer wohl auch dieses Jahr leider nichts abkaufen...
Das Begrüssungsapéro mit dem Hotelchef fand am zweiten Abend statt und was er erzählte, stimmte uns nachdenklich und traurig. Er sieht keine rosige Zukunft für Sawiris Lebenswerk "El Gouna". Die Lage der Kopten in Ägypten wird zunehmend schwieriger und El Gouna wirkt wie eine pittoreske leblose Kulisse... Man sieht Taxi- und Tuktuk-Fahrer, Männer in Arbeitskleidung, Uniformierte, hin- und wieder Geschäftsmänner aber keine "normalen" Menschen, die hier dauerhaft wohnen und leben und nur wenige Touristen. Überall wird Werbung gemacht für den Erwerb von Wohneigentum... Die meisten Tische in den hübschen Restaurants am Yachthafen bleiben abends leer. Die Hotels sind nur zur Hälfte ausgelastet und die Shopbesitzer langweilen sich...
Diese Reise musste bekanntlich verdient sein. Ich habe ja darüber berichtet. Wie nicht anders zu erwarten war, sind die vermissten Identitätskarten am Tag vor der Abreise wieder zum Vorschein gekommen. Sie waren in den Reiseunterlagen vom letzten Jahr und mein Mann hat sie in seinem Büro gefunden, als er die Zertifikate vom Golfkurs gesucht hat... Zweimal hatte ich ihn gefragt, ob er wirklich GRÜNDLICH in seinem Büro gesucht habe! Es hat mich wütend gemacht... Diese ganze ID-Suche und die Konsequenzen der erfolglosen Suche haben mich so viel Zeit und Energie gekostet...
Es wird wohl unsere letzte Reise nach Ägypten sein. Vielleicht sogar die letzte gemeinsame Reise als Familie und Ehepaar. Ich hatte lange gezögert, ob wir diese Reise zusammen nochmals machen sollten und ich habe ja erst vor etwa vier Wochen meine Meinung geändert und kurzfristig eingewilligt... Der Grund für mein Zögern liegt auf der Hand: Im Alltag kann man sich in die Arbeit flüchten und sich ziemlich gut aus dem Weg gehen. Es gibt Tage, da sehen wir uns kaum. Aber in den Ferien sind wir fast ständig zusammen und in dieser schönen Umgebung wird mir der ganze brach liegende Bereich meines Lebens noch schmerzlicher bewusst. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir vorstelle, wie schön es wäre, hier mit einem Partner Urlaub zu machen, den ich liebe und/oder begehre... Händchen haltend mit einem Cocktail oder mit einem Gläschen Sherazade-Weisswein den Sonnenuntergang zu bewundern und sich auf einem bequemen Loungesofa aneinanderzukuscheln. Und dann Hand in Hand durch die Marina zu schlendern, zusammen ein Tuk-Tuk zu besteigen, auf der rasanten Rückfahrt ins Hotel den fürsorglich um meine Taille gelegten Arm zu spüren, seine Wärme, seine Nähe zu fühlen und die wachsende Lust... und sich darauf freuen zu können, sie im Hotelzimmer gemeinsam auszuleben! Ja, ich gebe es zu... Ich sehne mich nach einer Schulter zum Anlehnen, nach Geborgenheit, Nähe und Leidenschaft.
Wie lange ist das her, dass ich das letztmals erlebt und gefühlt habe... Zwölf Jahre? Mindestens! Vermutlich länger. Mit meinem Mann geht das nicht mehr. Wir sind längst schon kein Liebespaar mehr und daran wird sich nichts mehr ändern. Ich sehne mich nach einem anderen Mann. Ich muss handeln. Bald! Ich will nicht mehr länger nur davon träumen, während ich auf der Rückbank des Tuk-Tuk den Arm um die Tochter oder den Sohn lege.
Vor einem Jahr habe ich mir hier diese Gedanken schon gemacht. Es ist viel passiert in der Zwischenzeit. Es gibt nun diese Vorher-Nachher Zeitrechnung. Das Ereignis, das am 16. April mein Leben und das meiner ganzen Familie in den Grundfesten erschüttert hat. Als ich vor einem Jahr hier in Ägypten gewesen bin, hat er noch gelebt, mein Vater. Vorgestern wäre er 69 geworden. Ich hätte ihm ein Geburtstags-SMS geschrieben und vermutlich hätten wir ihn angerufen und er hätte am Handy mit den Kindern herumgealbert... Statt dessen habe ich meine Mutter am Telefon getröstet, meiner Schwester ein SMS geschickt und nachts im Badezimmer lautlose Tränen heruntergeschluckt.
Mein Leben hat sich verändert. Ich bin nicht mehr die Rosalie vom letzten Jahr. Ich bin an den Herausforderungen dieses Jahres gewachsen und es wird Zeit, dass ich reinen Tisch mache. Mein Mann leidet auch unter dieser Situation. Und ich vertrage seine Präsenz immer weniger. Sein Lachen, seine Art zu sprechen, die kräftige Stimme lösen in mir abweisende Gefühle aus. Alles in mir schreit nach Trennung. So kann es wirklich nicht mehr lange weitergehen.
Einen dritten Familienurlaub am Roten Meer wird es in dieser Form nicht mehr geben.
Ich versuche, das Beste daraus zu machen und mich trotz allem zu entspannen. Das erste Buch habe ich fertig gelesen. "Die Dienstagsfrauen" von Monika Peetz. Ein unterhaltsamer Roman über fünf ganz unterschiedliche Freundinnen, die auf dem Jakobsweg zu sich selber finden... Ganz mein Thema! :-)
Als nächstes steht "Die Raffinesse einer Frau - werden Sie Männerflüsterin!" von Regina Swoboda auf dem Programm. Es ist schon eine Weile her, dass ich das Buch gekauft habe! Ein Jahr vielleicht? Es wird Zeit, es endlich zu lesen!! ;-)
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| Die wifi-Lounge mit dem sinnigen Namen "Moods"... |
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| Eines von vielen Restaurants in der Marina von El Gouna |
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| Stress gibt's hier wirklich nicht... nur den "hausgemachten"... ;-) |



Hallo Rosalie,
AntwortenLöschenich hoffe Du hast trotz allem noch ein paar herrliche Urlaubstage. Mach einfach für Dich das beste draus. Und Wahnsinn, ich spüre so viel Energie bei Dir. Ich wünsche Dir, dass Du die mitnehmen kannst und sie in Taten umsetzt.
Ganz liebe Grüße
Nounoiouce
Ach weisst Du, ich bin talentiert darin, aus jeder Situation das beste zu machen und so kann ich diesen Urlaub trotzdem geniessen! Du hast ein gutes Gespür! Ich fühle mich stark und begehrenswert! :-)
LöschenUnd ich bin zuversichtlich, dass das so bleibt!
Liebe Grüsse nach Deutschland! :-*
Liebe Rosalie,
AntwortenLöschenich wünsche Dir auch noch einen schönen Urlaub.... vielleicht hast Du ihn gebraucht, diese letzten schmerzhaften Erkenntnisse, um danach wirklich die Trennung von Deinem Mann einleiten zu können.
LG,
Träumerin
Liebe Träumerin
LöschenDanke! Und Du hast recht! Genau diese Gedanken habe ich mir auch gemacht. Es hat diesen Urlaub einfach noch gebraucht. Und 2013 wird mein Jahr! 13 ist meine Glückszahl...
LG,
Rosalie
Hallo Rosalie!
AntwortenLöschenVon diesem Resort habe ich noch nie gehört. Es erinnert mich an die Reisen, die bei Hofer angeboten werden (euer Aldi?).
Du scheinst dich dort wohl zu fühlen (abgesehen von privaten Lasten). Ich würde es dort glaube ich nicht aushalten. Das wäre wie eine Woche in einem Outlet leben (diese künstlichen Döfer, die wie eine amerikanische Stadt aussehen).
Ich würde es glaube ich nicht aushalten, so weit zu reisen und dann ... ja was ... Massentourismus zu machen? Nein, das ist es nicht, weil die Massen sind ja nicht da :-))
Ich glaube, ich würde es nicht aushalten, nicht in Kontakt mit der Realität zu sein. Ein wenig so wie Felix Baumgartner, der im Spacesuit die Luft nicht spüren konnte, ja, ich glaube so wäre das. (weil ich mir so gut vorstellen kann, wie es sich anfühlen muss, mit 1374 Sachen durch die Gegend zu sausen. :-D
Die Ägypter im Tourismus scheinen feine Menschen zu sein! Ich mag so was auch sehr.
Gutes Heimkehren wünsche ich euch, mit allen Ausweisen und Taschen.
Liebe Paula
LöschenDu bringst mich zum Schmunzeln! :-)
Ich denke nicht, dass Hofer/Aldi Reisen nach El Gouna anbieten! :-) Unser Resort hat fünf Sterne, die Umgebung ist wunderschön, sehr geschmackvolle Architektur im orientalischen Stil, kein Gebäude hat mehr als 3 Etagen (die haben jede Menge Platz hier) und ich kann mir nicht vorstellen, dass Du es hier NICHT aushalten würdest... :-)
Ich schicke Dir bei Gelegenheit den Link! ;-)
Liebe Grüsse nach Wien!!
Hallo Rosalie!
Löschenoh doch, das sind diese Reisen - vielleicht nicht das exakt gleiche Ressort - aber 4Stern aufwärts, eben weil sie leer stehen, werden die Kontingente an Agenturen verkauft. Besser billig hergeben als leerstehen.
Wirklich, auch/gerade weil im 5 Stern Ressort würde ich es nicht aushalten. Ich brauche immer das "echte". Der einzige Grund, für uns in ein Ressort zu gehen ist wenn es sonst keine Übernachtungsmögilchkeit gibt und das dann auch nur für eine Nacht, am nächsten Tag kehren wir dem künstlichen Paradies de Rücken. Gut, dass nicht alle so sind wie wir, sonst hätte der Tourismus ganz schöne Probleme. ;-)
Grüße zurück in die Schweiz!
Liebe Paula
LöschenDass die Resorts hier nur zur Hälfte ausgelastet sind, hat mit der politischen Situation in Aegypten zu tun. Wenn im 800 km entfernten Kairo 100'000 Menschen auf dem Tahirplatz demonstrieren und es zu Ausschreitungen kommt, canceln die Europäer den Urlaub am Roten Meer. Die Resorts sind gepflegt, aber 5* ist natürlich nicht 5*-Europastandard. Aber man muss am Morgenbuffet keine übergewichtigen Männer in ärmellosen T-Shirts und Badeshorts anschauen und die Urlauber hier wissen sich zu benehmen. Nicht alle, aber die meisten. Und die Hotels sind nicht so teuer - aber es gibt nicht mehr so viele Flüge wie früher und die Flugpreise sind extrem gestiegen - und die wenigen Flüge sind dennoch ausgebucht!
Aber ich ziehe den Hut vor Menschen wie Dir, die ein Land wie Ägypten individuell und mit öV bereisen wollen!
Mir wäre das zu gefährlich und ich bin zu alt dafür... ;-) Ich lege Wert auf saubere Toiletten und hygienisch einwandfreie Bettlaken! :-)
LG - immer noch aus Ägypten!
Liebe Rosalie, zieh den Hut nicht zu früh! Weil als Konsequenz fahre ich gar nicht nach Ägypten! Seit die USA diversen Ländern den Krieg erklärt haben, suche ich meine Reiseziele auch hinsichtlich Sicherheitskriterien aus. Und bevor ich in einer "Retorte" im Land bin, besuche ich lieber Länder, wo ich mich angstfrei frei bewegen kann. Ich tu mir schwer, Missstände auszublenden, ob es nun die minderjährigen Prostituierten sind oder Soldaten mit Gewehr im/am Anschlag. Ich suche im Urlaub die heile Welt. Würde ich passionierte Golfspielerin sein, sähe es vermutlich anders aus. :-) In der Schweiz müsste jemand wie ich ganz gut aufgehoben sein. :-D
LöschenPS: jetzt planen wir doch tatsächlich Ägypten als Reiseziel! Allerdings Luxor, in der Stadt, am Nil, mit Fahrrädern Ausflüge machen und so. Der Preis, für den wir uns das Meer erkaufen müssten, ist uns zu hoch (wenn es günstiger ist hat man angetrunkene All inclusive Gäste, wenn es Luxus ist, ist es sehr, sehr künstlich). Ich bin gespannt, wie es uns in Luxor gefallen wird!
Löschen@Paula
LöschenMit dem Fahrrad?! Ich wage mir nicht vorzustellen, in was für einem Zustand sich ägyptische Leih-Fahrräder befinden und wenn ich an die staubigen steinigen Strassen und an den abenteuerlichen Fahrstil der Einheimischen denke... Euer Vorhaben ist doch ziemlich mutig! Schau Dir auf jeden Fall noch die aktuellen Reisehinweise Eures Aussenministeriums an. Diejenigen für Schweizer Bürger findest Du hier: http://www.eda.admin.ch/eda/de/home/travad/hidden/hidde2/egypt.html
Und weisst Du, in Ägypten ist alles, was grün ist, "künstlich"! Ohne künstliche Bewässerung gäbe es dort nämlich nur Wüste und insofern sind alle Ferienresorts künstlich! Ob drei, vier oder fünf Sterne spielt keine Rolle. Je mehr Sterne ein Resort hat, desto aufwändiger und gepflegter sind die Gärten, Grünanlagen und die Poollandschaften und desto sauberer ist die Anlage. Und heile Welt wirst Du in Ägypten ganz sicher nicht finden. Die Einkommensschere ist gewaltig. Ein Gärtner in der Hotelanlage verdient im Monat um die 80 Euro... Also ziemlich sicher weniger, als Du für Dein Hotelzimmer für eine Nacht ausgeben wirst...
Ich bin sehr gespannt auf Deinen Reisebericht!!
Lieben Gruss
Rosalie
Liebe Rosalie
AntwortenLöschenEs erinnert mich an meinen letzten Familienurlaub. Kurz vorher hat Enya meine Leidenschaft wachgeküsst. Es erinnert mich an den ersten Kuss des neuen Jahres, an all die Dinge die ich ein letztes Mal tat und mir bewusst war, dass es eine Wiederholung vermutlich nicht geben wird.
Ich wünsche Dir den Mut und die Kraft weiter zu gehen. Ich hab Dich hier erlebt auf einem Weg - nicht böse sein - vom unsicheren Hühnchen zu einer starken Frau.
Bei allen Zweifeln die Dich vielleicht immer wieder überfallen werden. Wenn Du Deine Einträge von Anfang des Jahres liest und dann die letzten Posts.
Was hast Du an Kraft, an mentaler Stärke gewonnen!
Ich freu mich für Dich.
Das ehemals unsichere "Hühnchen" springt jetzt in den Hotelpool und ertränkt sich! ;-)
AntwortenLöschenBin ich echt so rübergekommen?! Nein, ich nehme Dir das nicht übel! Ich weiss, was Du meinst und ich habe mich über Deinen Kommentar gefreut!
Nein, ein unsicheres Chicken war ich nie! Aber ich habe mich nicht getraut, zu meinen Bedürfnissen zu stehen...
Ich habe jetzt keine "Angst" mehr davor, alleine zu sein und das macht mich stark!
Ich spüre bei Dir manchmal sowas wie eine Seelenverwandtschaft. :-)
Liebe Rosalie! endlich gibt es wieder was von dir zu lesen! Während deiner Abwesenheit habe ich "Liebe und Abhängigkeit" gelesen von Howard M. Halpern. Da sind (fast) alle antworten drin. Es ist (fast) alles eine Frage unseres Hungers nach Zuneigung. Dafür gehen wir weit. Oft zu weit. Bist du schon zurück?
AntwortenLöschenliebe Grüße, Daniela
Liebe Daniela
LöschenWer ist schon gefeit vor diesem Hunger nach Anerkennung und Zuneigung? Letztlich gibt es wohl nur wenige Menschen, die dagegen immun sind und sich selbst genug sind. Die Frage ist, wie weit wir uns verbiegen (wollen), um diese Zuneigung zu bekommen.
Ich habe mir vorgenommen, nie mehr (liebes-)bedürftig zu sein und mich nie mehr zu "verbiegen", um geliebt zu werden. Wenn man sich zu sehr anpassen muss und sich die Zuneigung durch Leistung "verdienen" muss, ist es keine Liebe. Bloss Abhängigkeit. Dann bleibe ich lieber allein.
Liebe Grüsse aus der Schweiz!
Liebe Rosalie, soweit ich Halperns Überlegungen folgen kann, muss der Partner immer für das herhalten, was uns in der Kindheit fehlte. Und löst bei uns letztlich genau das Unbehagen, Unglück oder auch den Zorn aus, den die Eltern bei uns ausgelöst haben. Indem wir für sie unsichtbar waren, sie uns im Stich ließen oder vieles mehr .... ich bin aber erst mitten drin im Buch.
LöschenEs geht dort schon auch um uns, aber ganz stark um das vis-a-vis und was es für uns verkörpert. Damit wir das auflösen können, ist es wichtig zu verstehen, woführ es Platzhalter ist.
liebe Grüße, Daniela
PS: offenbar wurde und werde ich in meinem Leben wirklich geliebt. Weil verdienen musste ich mir die Zuneigung noch nie. Und an der Abhängigkeit war ich schon selber schuld. Leider! Aber es ist ja noch Zeit, sich zu ändern. Wir sind ja noch jung :-))
Woher kommt diese im Grunde aggressive Ablehnung, die du gegenüber deinem Mann empfindest? Ist ER an irgend etwas schuld, das deinem Leben fehlt? Dass Erotik auf Dauer sanft entschläft, erleben viele Paare. Und auch, dass sie in Gestalt der Sehnsucht nach dem Anderen wieder erwacht.
AntwortenLöschenAber ist das ein Grund, den Partner "kaum mehr zu ertragen"?
Das sind keine Vorwürfe, bewahre! Ich kann sehr gut mit dir mitfühlen - und frage mich halt, ob das SO sein muss? Warum kann man nicht einfach die einstige Paarbeziehung in eine kumpelig-vertraute Freundschaft überführen?
Woher rührt diese unterschwellige Aggressivität, die im Grunde dem längjährigen Partner VORWIRFT, dass er nicht mehr der begehrte Märchenprin bzw. erotisches Ziel des Begehrens ist? Ist das denn seine Schuld? Fakt ist ja, dass du ihn als "Lover" gar nicht zurück wünschst! Er könnte sonst was tun, es wäre nur zusätzlich peinlich - oder?
Und deshalb frag ich halt: Warum nicht einfach Freunde werden?
Liebe Claudia
AntwortenLöschenIch habe mich das auch schon gefragt. Ich denke, wir können erst unbeschwerte Freunde sein, wenn er mich gehen lässt. Solange er weiterhin versucht, über mein Leben zu bestimmen - mehr oder weniger subtil - empfinde ich Ablehnung. Er "kommandiert" gerne und stellt seine eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund und merkt es oft nicht einmal. Es ist diese mangelnde Aufmerksamkeit, dieses fehlende Gespür, das mich zunehmend aggressiv reagieren lässt. Er hat eine Mutter, die sich bis zur Selbstaufgabe für die Familie aufopfert und er empfindet das als normal. Ich war lange (zu) gutmütig und habe zuwenig aufbegehrt. Aber das funktioniert nun nicht mehr. Ich nerve mich zusehends über mangelnde Aufmerksamkeit und unsensibles Gebahren...
Und da ist immer dieser stumme Vorwurf, dass ich daran schuld bin, dass wir nicht länger eine glückliche Familie sein können, weil ich nicht mehr so wie früher funktioniere bzw. meine eigenen Bedürfnisse nicht mehr länger hinten anstelle.
Er bestimmt zum Beispiel, dass wir hier sicher keine wifi-Wochenkarte für 50 Franken kaufen. Es hat etwas mit Machtausübung zu tun. Ich kaufe sie heimlich für mich und surfe im Geheimen - und nerve mich darüber, dass er mich durch sein autoritäres Auftreten dazu veranlasst - aber die ständige Konfrontation ist mir auf Dauer einfach zu anstrengend! Und es würde darauf hinauslaufen, dass alle (und insbesondere er selbst) ständig meinen Zugangscode verlangen würden und ich aus Gutmütigkeit wieder nachgeben würde... Es kann immer nur eine Person bzw. ein Gerät gleichzeitig auf das wifi zugreifen.
Ich empfinde diese Situation als unwürdig und das äussert sich zunehmend in Form von Ablehnung gegenüber ihm als Person und seinem Auftreten.
It's complicated...
Mal ganz pragmatisch: seid Ihr so arm, Euch nicht ZWEI Wifis für dann 100 Euro leisten zu können? So ein Zugang hat doch nur Sinn, wenn man ihn auch autonom benutzen kann, bzw. auch mal beide gleichzeitig, wenn sich jeder Richtung "online" zurück zieht.
AntwortenLöschenGanz ehrlich: ich würde das NICHT aushalten! Sondern eine klare Geldverteilung verlangen, die mir Autonomie über den Eigenanteil gibt - und über dessen Verwendung müsste und würde ich dann nicht diskutieren. Selbst mein Vater in der klassischen 50ger-Jahre-Ehe hatte "Taschengeld" - Mutter hatte offenbar keinen Bedarf, sie hatte (deutlich mehr) "Haushaltsgeld" - später hat sie halbtags gearbeitet, da hat sich das Finanzielle dann entspannt...
Ich weiß zuwenig von deinem Leben, um mir eine Meinung erlauben/bilden zu können. Doch weiß ich, dass das "wer zahlt, sagt an" aus den Köpfen und Gemütern nicht wirklich raus zu bringen ist. Mein Anliegen in einer solchen Situation wäre also, mir auf irgend eine Art ein eigenes Einkommen zu verschaffen, über das bzw. über einen Teil davon ich dann auch selbst abseits von Familiengemeinsamkeiten bestimme.
"- aber die ständige Konfrontation ist mir auf Dauer einfach zu anstrengend!"
Da liegt deine Mitverantwortung an der eigenen Genervtheit und Aggressivität. Trägt man Dissense nicht offen aus, treten die Unzufriedenheitsgefühle mit Sicherheit auf anderen Alltagsebenen zu Tage und vergiften das Miteinander.
Ich wünsche dir die Kraft, DARAN etwas zu ändern!!!
Ihr gehört ENDLICH in eine Paartherapie/Mediation was auch immer.
LöschenSonst verlierst du den Respekt vor dir selbst. Bzw. musst wieder Männer anlachen, die dich wertvoll fühlen machen.
Vor einiger Zeit meinte ich schon mal, dass für mich der Eindruck entsteht, dass das kindisches Verhalten ist.
Die Sache mit dem Wifi finde ich wieder kindisch. Das haben wir doch in der Schule gemacht. Welcher Erwachsene will so leben? Oder hat dein Mann ein Mäderl geheiratet und geht es in deiner Ehe nun darum, dass du endlich eine reife Frau wirst? Willst du das sein?
Ich hoffe wirklich, dass ihr eure Probleme anpackt. Du verschleppst sie sonst doch nur in die nächste Phase deines Lebens die da kommen mag.
liebe Grüße, Daniela
@Claudia
LöschenNein, wir sind nicht arm. Das waren teure Ferien. Mein Mann hat kein Problem damit, 570 Euro für ein paar Golfstunden auszugeben, es geht ihm aber gegen den Strich 50 Franken für eine Wifi-Wochenkarte zu bezahlen. Aber eigentlich geht es gar nicht ums Geld: Er ist einfach der Ansicht, dass "man" in den Ferien auch mal ohne ständigen Internetzugang leben sollte. Vor allem auch die Kinder.
Wir sind statt dessen fast täglich gegen Abend für eine Stunde in eine Lounge mit wifi-Zugang gefahren, was letztlich ein Vielfaches einer Wochenkarte gekostet hat.
In einer "normalen" Partnerschaft würde ich mir diese Karte einfach kaufen und müsste mich nicht RECHTFERTIGEN, weshalb ich täglich online sein möchte, wenn ich gerade Lust darauf habe. In unserer Partnerschaft funktioniert das so nicht. Diese wifi-Geschichte ist symptomatisch für unser Miteinander. Es ist nicht so, dass er mich fragt und wir darüber diskutieren, ob wir diese Karte kaufen sollen oder nicht. Zwei Karten fände er ohnehin masslos übertrieben... Er bestimmt einfach eigenmächtig, dass wir es nicht tun und es kommt ihm gar nicht in den Sinn, dass ich vielleicht anderer Meinung bin und das macht mich wütend. Und es macht mich sprach- und fassungslos, dass er einfach nicht merkt, dass sein Verhalten daneben ist und einer Partnerschaft auf Augenhöhe nicht entspricht.
Früher habe ich oft resigniert. Heute gehe ich auf Konfrontation und es gibt oft Streit, aber manchmal ist es die Sache nicht wert. In diesem Fall habe ich es vorgezogen, einfach für mich persönlich eine wifi-Karte zu kaufen. Heimlich und von meinem Geld.
Ich wollte nie in die Situation geraten, von einem Mann finanziell abhängig zu sein und "Taschengeld" zu kriegen. Ich arbeite seit meinem 19. Lebensjahr und habe nur zweimal vier Monate Mutterschaftsurlaub gemacht. Seit ich Kinder habe, bin ich noch zwei Tage die Woche erwerbstätig und verdiene so immer noch mein eigenes Geld. Ich habe das Glück, überdurchschnittlich gut zu verdienen. Ich muss keine Rechenschaft ablegen, wie ich mein Geld ausgebe und habe meine eigene Kreditkarte. Aber letztlich ist es so, dass mein ganzer Verdienst in den Haushalt fliesst. Ich komme für meine persönlichen Ausgaben inkl. Krankenversicherung auf, bezahle die Putzfrau, meine jährliche Gartenreise, den Einkauf im Supermarkt, bei IKEA oder im Gartencenter, sämtliche Kleider und Schuhe für die Kinder, die Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke, kurzum alles, was man für den Haushalt so benötigt und am Schluss bleibt nichts übrig und wenn das Konto einen Negativsaldo aufweist, macht er zähneknirschend eine Überweisung und ich muss mir anhören, dass ich zuviel Geld ausgebe... Er verdient mind. 4x mehr als ich und wir wären finanziell auf meinen Lohn nicht angewiesen, könnten uns dann aber Extravaganzen wie eine Mietwohnung in den Bergen nicht leisten.
Ich weiss, dass unser Finanzsystem nicht das Gelbe vom Ei ist. Aber immer, wenn ich das Thema angesprochen habe, endet es im Streit. Es ist mir nicht gelungen, einen Konsens zu finden und ich weiss auch nicht, ob ich wirklich zu viel Geld für mich persönlich ausgebe oder nicht. In diesem Punkt habe ich resigniert.
ER wird sich nicht mehr ändern. Und ich mag nicht mehr kämpfen, diskutieren und Dinge durchsetzen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Ich mag nicht mehr. Ich habe innerlich "gekündigt" und führe schon länger mein eigenes geheimes Leben. Aber auf Dauer ist das keine Lösung. Ich möchte reinen Tisch machen und neu anfangen. Ich will frei sein.
Liebe Rosalie,
Löschen"Aber immer, wenn ich das Thema angesprochen habe, endet es im Streit. Es ist mir nicht gelungen, einen Konsens zu finden und ich weiss auch nicht, ob ich wirklich zu viel Geld für mich persönlich ausgebe oder nicht. In diesem Punkt habe ich resigniert."
Genau dafür gibt es Eheberater, Therapeuten und Mediatoren! Erst gestern erzählte mir ein "gestrafter Mann" von der unglaublich befreienden Auflösung mühsamer Verstrickungen binnen weniger Sitzungen.
liebe Grüße,
Daniela ... die heute nicht vom Therapie-Zug abspringen will. ;-)
@Daniela
LöschenDu bist hartnäckig, das muss man Dir lassen! ;)
Ich geb's zu, ich habe grosse Zweifel, ob diese Ehetherapie noch was bringt...
Fakt ist, dass ich mich "entliebt" habe. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, mit meinem Mann eine Liebesbeziehung zu führen. Gewisse Charaktereigenschaften, über die ich jahrelang hinweggesehen habe, stören mich inzwischen einfach zu sehr. Wir sind einfach zu verschieden. Ich habe mich in den letzten zehn Jahren weiterentwickelt, habe an mir gearbeitet, teilweise mit professioneller Hilfe. Ich werde nicht mehr die selben Fehler machen, wenn ich mich jemals wieder auf eine Alltagsbeziehung einlassen sollte, was ich mir im Moment überhaupt nicht vorstellen kann. Und wenn ich mich wieder verliebe, wird es ein ganz anderer Typ Mann sein. Ich weiss jetzt viel besser, was ich will und vor allem, was ich nicht (mehr) will.
Liebe Grüsse,
Rosalie
@Rosaslie: was du schreibst, ist sehr nachvollziehbar, doch scheint es doch so zu sein, dass in deinem/Eurem Leben nichts daraus folgt. Du resignierst, nimmst hin, was dir gegen den Strich geht, führst ein "heimliches Leben" - das alles ist doch, nun ja "suboptimal".
AntwortenLöschenEine Paartherapie dient nicht zwangsläufig dem Ziel, wieder als Liebespaar zusammen zu kommen - sondern oft genug auch dem möglichst ehrlichen "auseinander kommen". Nämlich so, dass man sich gegenseitig ernst nimmt im jeweiligen SoSein und wieder respektiert - auch wenn das bedeutet, Modalitäten der Trennung zu verhandeln.
Ein DRITTER kann dabei sehr helfen!
Liebe Claudia
LöschenIch wünsche mir, dass wir einen Mediator finden, der uns hilft, die Modalitäten der Trennung zu vereinbaren. Das Finanzielle wird dabei sicher ein Knackpunkt sein und in diesem Bereich werde ich Unterstützung brauchen...