Mittwoch, 24. Juli 2013

Gedanken zum Tod von C. Schloter

"Die Meldung vom Tod von Carsten Schloter hat zahlreiche Reaktionen aus Politik und Wirtschaft ausgelöst. Bundesrätin Doris Leuthard würdigte ihn als eine prägende Figur...." tönte es gestern Abend aus dem Autoradio, als ich  nach dem Büro in der Dämmerung über die Autobahn heimwärts fuhr. Ich horchte auf.

"Was??! Swisscom-Chef Carsten Schloter ist tot?!" durchfuhr es  mich. "Der war doch noch jung? Sicher ein Bergunfall...". Schon gingen mir Gedanken über solche Männer durch den Kopf. Männer, die ihr Leben der Arbeit und dem Extremsport unterordnen. Diese Erfolgsmenschen, die höchste Kaderstellen in der Wirtschaft bekleiden, nebenbei noch Familie haben und trotzdem noch die Zeit finden, jährlich Tausende Kilometer auf dem Rennrad abzustrampeln und/oder frühmorgens zu joggen und die knappe "freie" Zeit am Wochenende damit verbringen, auf irgendwelche Berggipfel raufzurennen oder Marathons zu laufen. Selbstdisziplin bis zum geht nicht mehr. Oder eben bis zum bitteren Ende...

So scheint es im Fall von Carsten Schloter gewesen zu sein. Er ist nicht mehr zur Ruhe gekommen und hat diesem Wahnsinn ein Ende gesetzt. Kein Unfall! Er hat sich selbst das Leben genommen. Vermutlich eine Verzweiflungstat, eine Kurzschlusshandlung.

Carsten Schloter. 1963 - 2013

Es berührt mich. Ich habe ihn persönlich nicht gekannt, aber was man so gelesen hat, war er einer der Guten. Er hat bei der Swisscom die Kultur des Dutzens bis auf die höchste Führungesebene eingeführt. Er hatte keinen Dünkel. Und das als Deutscher! ;-) Die legen ja viel mehr Wert auf Titel und sind viel Obrigkeitsgläubiger als wir Schweizer. Er war wohl einer der beliebtesten und meist geachteten Deutschen im Land. Sein Suizid erschüttert die Menschen.

Es sind selten die abgebrühten Manager, die am Leben und an den Anforderungen, die sie an sich selber stellen, zerbrechen. Sie können mit dem Scheitern schlecht umgehen. Wollen alles perfekt machen,alles im Griff haben. Wenn sie zu emotional, zu empathisch sind, zu sensibel sind,  wird es schwierig. Entweder werden sie krank, sterben an Herzversagen oder sie bringen sich um.

Ich frage mich, welche Rolle das Scheitern seiner Ehe gespielt hat. Seine Frau und die drei Kinder im Alter von acht bis vierzehn Jahren leben seit 2009 getrennt von ihm. Er hat in einem Interview einmal gesagt, dass er seine Kinder nur alle zwei Wochen sehen kann und dass er deswege Schuldgefühle habe. Angeblich habe er die Trennung nie ganz verkraftet.


Das ist vielleicht der einzige Bereich des Lebens, an dem Männer wie C. S. letztlich wirklich scheitern. Im Job hat er alles erreicht, was er erreichen wollte und wenn nicht, so konnte er sich neue Ziele setzen und darauf hin arbeiten.  Seinen Körper hatte er im Griff, trainierte ihn hart und verlangte ihm alles ab. Aber im familiären Bereich ist er gescheitert. Ausgerechnet.

Ich bin mir sicher, dass Männer wie C. S. diesen ganzen Aufwand nicht nur für sich selber betreiben, um sich etwas zu beweisen, sondern weil sie denken, dass sie es irgendwie auch für die Familie bzw. für ihre Kinder tun. Wäre es anders, hätten sie sich bewusst gegen Kinder entschieden. Und wenn die Familie sich dann abwendet, verlieren diese Männer die Bodenhaftung und plötzlich macht alles keinen Sinn mehr. Die Folge wäre eigentlich ein emotionaler Absturz. Aber viel häufiger flüchten sie sich dann noch mehr in die Arbeit und lassen es nicht mehr zu, einen Moment zur Ruhe zu kommen. Sie verdrängen. Sie haben eine Heidenangst davor, zur Ruhe zu kommen. Manche können ihr ganzes Leben lang kompensieren und verdrängen und werden trotzdem alt. Manche scheitern daran und halten den Druck nicht mehr aus.

Wieso hat er nicht einfach die Reissleine gezogen und einen Sabbatical eingelegt? Ab ins Kloster, in die Wildnis nach Kanada oder wohin auch immer. Er hätte es sich ja sicher leisten können. Wieso kam nur noch der Suizid als ultima ratio in Frage?

Und wieso konnte er die Kinder nicht öfters sehen? Hatte er keine Zeit für sie oder wollte es seine Frau so? Wieso nicht einmal pro Woche ein gemeinsames Abendessen? Muss es denn immer die Extremlösung sein? Anscheinend schon...

Seine Ex-Frau und die Kinder tun mir leid. Ich kenne die Umstände, die zur Trennung geführt haben nicht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass SIE mit den Kindern gegangen ist. Und ich kann mir auch gut vorstellen, weshalb. Sie wird sich grosse Vorwürfe machen. Einfach nur tragisch, diese Geschichte.

* * * *

Mein Mann ist auch so ein erfolgsorientierter Mensch und arbeitet seit Jahren 50, 60 Stunden pro Woche. Eher noch mehr. Aber die Familie, insbesondere die Kinder sind ihm sehr wichtig, auch wenn er  lange nur sehr wenig Zeit mit ihnen verbracht hat. Hauptsache sie waren da, wenn er nach Hause kommt. In ein leeres Haus heimzukehren ist für ihn der Horror. Er hat einmal gesagt, es würde ihn BRECHEN, wenn er die Kinder nur noch alle 14 Tage einmal am Wochenende sehen könnte. Dieser Satz ist mir damals sehr eingefahren. Das war noch bevor ich die Wohnung in Aussicht hatte und die Trennung konkret wurde. Ich habe es nie vergessen und es ist vielleicht der Hauptgrund, dass ich mich für das Modell der geteilten Obhut entschieden habe.

Die Betreuung der Kinder aufzuteilen ist immer noch die grosse Ausnahme in der Schweiz. Mein Anwalt - selbst Vater eines Jungen im Schulalter - hat mir gesagt, wir sollten dieses Betreuungsmodell unbedingt wählen, wenn es der persönliche Umgang erlaube und wir auch nach der Trennung noch "normal" miteinander kommunizieren könnten. Schon nur im Interesse der Kinder.

Er hat recht. Es ist ein Glück, dass wir nicht zerstritten sind und ich hoffe, es bleibt so. Ich könnte damit nicht umgehen, wenn er in eine Lebenskrise stürzen würde, weil ich ihm - aus welchen Gründen auch immer - die Kinder vorenthalten und sein Besuchsrecht auf das gesetzliche Minimum beschränken würde, wie das so viele Frauen nach der Trennung tun. Es sind immer die Kinder, die am meisten darunter leiden.

Ich möchte nicht in der Haut von Frau Schloter stecken. Das ist keine Schuldzuweisung. Es braucht immer zwei, damit eine Ehe scheitert. Aber die Kinder werden ihr wahrscheinlich unbewusst immer ein bisschen eine Mitschuld am Suizid ihres Vaters geben und sie wird sich auch immer fragen, ob es soweit gekommen wäre, wenn sie geblieben wäre oder ob sie es hätte merken müssen und es hätte verhindern können. Nun muss sie mit dem Unabänderlichen leben. Kein leichter Weg, den sie und die Kinder vor sich haben.

Möge C. S. seinen Frieden finden. Mehr dazu hier.
Und hier.

Dienstag, 23. Juli 2013

Berlin!

Der Countdown war diesmal ganz schön lang und zäh. Die Sehnsucht war gross und die Stunden wollten und wollten nicht weniger werden...  Schliesslich haben wir es doch geschafft! Umarmung in Tegel. Endlich! Vier Tage Urlaub!

Wir haben jede Minute genossen. Vorteil einer Fernbeziehung. Die Sehnsucht und das Kribbeln bleiben erhalten, wenn man sich nicht so oft sehen kann. Und man geniesst die gemeinsamen Stunden ganz bewusst und intensiv. Aber die Zeit lässt sich nun mal nicht anhalten... Und sie geht viel zu schnell vorbei. Und dann heisst es wieder warten. Das ist der Nachteil. Aber nach dem Countdown ist schliesslich vor dem Countdown! ;-)



Das war mein dritter Besuch in Berlin! Mein Erster  liegt schon ein paar Jährchen zurück... Ich war siebzehn und mit der Schule auf Diplomreise.




In Erinnerung geblieben ist mir die lange Fahrt mit dem Zug von Bern nach Berlin, die Gedächtniskirche als Mahnmal der Zerstörung durch die Bombardements  des Zweiten Weltkriegs, das ägyptische Museum und vor allem die Büste der Nofrete! Ich habe sie minutenlang und voller Ehrfurcht betrachtet und konnte es fast nicht fassen, dieses Meisterwerk im Original zu sehen. Sie ist so vollkommen und so wunderschön, dass ich jedesmal Gänsehaut kriege, wenn ich irgendwo ein Bild von ihr sehe. Und natürlich erinnere ich mich an den Besuch in Ostberlin. Das war sehr eindrücklich. Dieses Eintauchen in eine so ganz andere Welt. Es fühlte sich für mich beklemmend an, dass ich einfach so die Grenze überschreiten und nach ein paar Stunden ins "Schlaraffenland" zurückkehren durfte, während all diese Menschen, die ich beim Besuch im Osten traf, diese Wahl nicht hatten. Und ich weiss noch wie schwierig ich es fand, die zwanzig (?) Ostmark, die man als Besucher wechseln musste, irgendwie sinnvoll unter die Leute zu bringen. Ich glaube, ich bin schliesslich in einer Musikalienhandlung gelandet und habe Klaviernoten gekauft und ein paar Münzen habe ich in den Westen geschmuggelt.  

Im Mai dieses Jahres dann die zweite Reise nach Berlin. Diesmal mit dem Flieger und mit Herzklopfen, weil mein Besuch ja nicht der Stadt selber galt, sondern einem ganz bestimmten Bewohner... :-)

Ein erstes Eintauchen in das reale Leben dieses Mannes, der mir virtuell schon so vertraut war.  Die Ankunft am späten Abend, das Wiedersehen das vertraut und trotzdem ein bisschen fremd war. Zwei intensive gemeinsame Tage und ein Foto vor dem Brandenburger Tor. Am dritten Morgen musste ich schon wieder die Heimreise antreten. 


Diesmal hatte ich mehr Zeit! Fast vier Tage Urlaub. Keine Lust auf Sightseeing. Die Stadt läuft mir ja nicht davon. Ich habe die Absicht, wiederzukommen und habe eine "Miles & More"-Karte beantragt... Könnte gut sein, dass ich noch eine "Vielfliegerin" werde und mit der Zeit ganz selbstverständlich einmal im Monat eine Maschine nach Berlin besteige.


Es war schön mit ihm. So viel Nähe. So viel Begehren. Und eine immer stärker werdende Vertrautheit. Gemeinsame Ausflüge in eine Strandbar (!) mit Blick auf die Spree. Kaffee trinken mit Hans und seiner sympathischen Begleiterin im Tiergarten! :-)


Die Flugzeuge, die wir auf ihrem Landeanflug nach Tegel vom Balkon und vom Bett aus betrachten können. Das finde ich immer noch faszinierend. Er kann sie alle bestimmen und ich kann höchstens erkennen, ob es sich um eine Boeing oder um einen Airbus handelt, weil die 747 und Co. Winglets haben oder wie die Dinger heissen. Und wir freuen uns gemeinsam, wenn für einmal das Schweizer Kreuz auf einer Heckflosse prangt. Sieht man ja nicht so oft.

Es macht einfach Spass mit ihm und wir geniessen diese unbeschwerte Zeit. Für mich ist es Urlaub und für ihn fühlt es sich auch ein wenig so an, obwohl es sein Zuhause und seine Stadt ist.

Die Fahrten mit der U-Bahn mag ich auch. Für mich ist das immer wieder was Besonderes. Dieses Sammelsurium von Leuten, die ständig einsteigen und wieder aussteigen... Ich könnte stundlang nur Leute gucken und staunen. Diese verschiedenen Gesichter, auf denen sich oft die Lebensgeschichten spiegeln. Diese Geräusche, die Geschwindigkeit, die Ansagen, bevor die Türen sich schliessen... Die seltsamen Namen der verschiedenen Stationen.
U-Bahnen haben mich schon immer fasziniert und wecken in mir Erinnerungen an frühere Reisen in die Grosstädte dieser Welt. Paris, London, Mexico City, ... und eben Berlin! 


Und dann die Strassen in den einzelnen Bezirken mit den vielen Bäumen links und rechts. Berlin ist ja unglaublich grün! Überall gibt's Bäume und Sträucher und man hört Vogelgezwitscher! In seinem Quartier sieht man sogar Karnickel rumhoppeln! :-) Und das mitten in einer Grossstadt! 

Und all diese "nostalgischen" Schilder mit den Strassennamen aus der ganzen Welt! Amazing! Es gibt ein englisches Viertel mit Strassen, die an Londonder Stadtbezirke erinnern und ein Quartier, dessen Strassen und Wege nach Orten in der Schweiz benannt sind! Da gibt's die Gotthardstrasse, die Genfer Strasse, die Bieler Strasse, die Aaroser Allee und sogar einen Grindelwaldweg! 

Und dann gibt's da noch die U-Bahn-Station "Afrikanische Strasse", die ich immer "Afrikanischer Bahnhof" nenne,  um meinen Liebsten zum Lachen zu bringen. Ich mag die weissen und blauen Schilder mit diesem seltsamen "ß"  im Wort Strasse. Diesen komischen Doppelbuchstaben (er nennt ihn "sz"), den es in der Schweiz und auf unseren Tastaturen nicht gibt. 

Ich mag Berlin. Ich fühle mich wohl in der Stadt. Ich komme wieder! Ich habe einen sehr guten Grund! Den Besten, den ich mir vorstellen kann! :-)







Freitag, 12. Juli 2013

Unverantwortlich...

... findet meine Freundin M. mein Verhalten: Ich bin über Auffahrt nach Berlin geflogen und habe meinem Mann nichts davon gesagt. Er hatte die Kinder in seiner Obhut und niemand hat gemerkt, dass ich nicht in der Schweiz war, sondern 1000 km weit entfernt!  

Ich geb's zu - ich fand es aufregend, eben schnell mal nach Berlin zu jetten und niemandem was zu sagen. Bis auf meine Freundin N. und meinem Schatz wusste keiner davon. Das war so cool, nach der Arbeit im Büro zum nahen Flughafen zu fahren, mit Handgepäck einzuchecken und mit der kleinen Fairchild Dornier 328-110  in der Abendsonne in die deutsche Metropole zu reisen! Irgendwie so herrlich unvernünftig und aufregend...


Ein Flugzeug zu besteigen ist für mich zwar immer noch etwas Besonderes und dummerweise habe ich immer noch jedesmal ein flaues Gefühl in der Magengegend. Seit ich Kinder habe, ist es schlimmer. Jede kleinste Veränderung der Umgebungsgeräusche während des Fluges beunruhigt mich... Aber mein Verstand meldet sich dann jeweils zu Wort und argumentiert möglichst sachlich mit statistischen Risikozahlen der verschiedenen Verkehrsmittel. Im konkreten Fall denke ich, dass es vermutlich gefährlicher gewesen ist, als ich neulich spätabends ziemlich müde nach einer kurzen Nacht und einem langen Arbeitstag 300 km Autobahn gefahren bin, um meinen Schatz vom Flieger abzuholen. 

Spielt es denn wirklich eine Rolle, ob ich an meinem freien Wochenende in meiner Wohnung bin, eine Freundin in der Ostschweiz besuche oder eben mal nach Berlin fliege? 

Würde ich es wissen wollen, wenn mein Mann an seinem freien Wochenende ins Ausland fährt? Nicht unbedingt. Ich weiss  auch nicht, was er in der freien Zeit so treibt und das finde ich ok. Ich weiss noch nicht mal, ob er freitags jeweils für die Kinder da ist, wenn er für sie zuständig ist oder ob Schwiegermama einspringen muss. 

Ich weiss schon, was meine Freundin meint: Wenn etwas mit den Kindern wäre, bin ich nicht (kurzfristig)  disponibel und sie meint, er muss das wissen. Ich habe mir diese Frage natürlich auch gestellt und ich habe noch keine schlüssige Antwort darauf gefunden. 

Was meint Ihr so? Sollte oder müsste ich meinen Mann darüber informieren? Bin ich ihm Rechenschaft schuldig - wegen der Kinder? 

Wenn ich erzähle, dass ich nach Berlin fliege, wird er Fragen stellen. Ich möchte mein Geheimnis aber noch für mich behalten - die Zeit ist irgendwie noch nicht reif. Oder doch? Dilemma...

Der nächste Countdown läuft!