Heute Nacht um 01.30 Uhr im Kinderzimmer neben schlafender Tochter aufgewacht. Wieder einmal eingeschlafen beim Vorlesen der Gutenachtgeschichte. Pyjama angezogen, abgeschminkt, Zähne geputzt... und im eigenen Bett neben schlafendem Sohn und schnarchendem Ehemann versucht wieder einzuschlafen. Kurz mit dem Gedanken gespielt, in der Küche einen Eiweissdrink zuzubereiten (leichtes Hungergefühl infolge Dinner Cancelling...) und die Aufzeichnung meiner aktuellen Lieblingsserie anzuschauen - aber aus Gründen der Vernunft im Bett geblieben. Nächste fünf Stunden in einer Art Dämmerzustand verbracht... Nicht richtig tief geschlafen aber auch nicht ganz wach geblieben...
Schliesslich schon leicht genervt und natürlich nicht ausgeschlafen um 06.30 Uhr aufgestanden. Zwei Stapel gebügelte Wäsche in Schränke geräumt, Kleider für Sohnemann zurechtgelegt. (Wann wird er dazu endlich selbst in der Lage sein? Mit 18?? Und warum sind die Kleider vom Vortag am nächsten Morgen immer unauffindbar??). Die kleine Schwester sucht sich ihre Kleider selbst aus. Schon länger. Ist halt eine Frau ;-).
Kurz einen Kaffee getrunken und gleichzeitig auf dem iPhone neuste Lagebeurteilung aus Japan und Libyen abgerufen, Betten gemacht und endlich ab unter die Dusche. Unter der Dusche von Sohnemann gestört worden, der zähneknirschend die neuste Französischprobe an die vom Dampf beschlagene Glaswand hält. Er hat sie zwei Tage im Schulthek versteckt und braucht nun blöderweise eine Unterschrift von Mama (Papa ist ja schon seit mindestens einer Stunde am Arbeitsplatz). Wische den Dampf weg und erspähe durch die Glaswand das Testergebnis. "Atteint minimalement". Also Note 4. Oder ist das schon eine 3.5? Wieso kann die Schule nicht einfach Noten vergeben wie zu meiner Zeit?? Wieso ist heute alles so kompliziert? Und wieso schreibt Sohnemann eine 4 - sein bisher schlechtestes Ergebnis in diesem 3. Schuljahr? (Für die deutsche Leserschaft: bei uns ist die 6 die beste Note, 4 also noch knapp genügend, 3.5 bereits ungenügend, d.h. Promotion gefährdet.)
Beende die Dusche und schaue mir die Misère näher an. Sohnemann ist ganz zerknirscht und fragt, ob wir ihn trotzdem noch lieb hätten. Schaue ihn streng an und sage "nein, erst ab Stufe "atteint avec facilité" also Note 5". Wir grinsen uns an und ich frage mich, was hier eigentlich schief läuft... Denkt er denn tatsächlich, dass unsere Liebe von seinem Schulerfolg abhängig ist? Er setzt sich selber unter Druck. Kommt mir bekannt vor...
Analysiere die Evaluation (auf schweizerdeutsch: Probe, auf hochdeutsch: Klassenarbeit) und meine Laune sinkt auf Gefrierpunkt. Nicht wegen Sohnemann - wegen Lehrerschaft. Sohnemann besucht französische Schule. Anderthalb Seiten Text gespickt mit Wörtern, die nicht mal Mama kennt. Titel "La moquette" (der Teppich). Die Hälfte der ca. 30 % deutschschweizer Kinder in seiner Klasse hat dieses Wort vermutlich nicht gekannt, da wir gemeinhin das Wort "tapis" verwenden. Dazu jede Menge Wörter wie "avec délectation", "des courbes savantes", "baliser", "fil blanc en guise de ligne", "s'éclipser", "acquiescer", "entrelacer"... und sämtliche Verben in der äusserst beliebten Vergangenheitsform "passé simple" (utilisa, entassa, chargea, tondit, fit sauter, firent, vint...). Nun hat das schlaue deutschschweizer Kind es geschafft, die komplizierte und ziemlich verrückte französische Geschichte in der zur Verfügung stehenden knappen Zeit trotz Leseschwäche einigermassen zu verstehen und die nachfolgenden zwei Seiten mit Verständnisfragen vollständig zu beantworten. Die Frage, wie die spielenden Kinder denn die Bäume neben der mit dem Rasierapparat des Vaters in den neuen Wohnzimmerteppich (eben Moquette...) gefrästen Autorennbahn gestaltet hätten, mit "avec de la salade" beantwortet - anstatt mit "avec des feuilles de laitue". Also bloss Salat, anstatt Kopfsalatblätter... gibt einen halben Punkt Abzug. Und weiter in diesem Stil. 17.5 von 26 Punkten erreicht, ergibt Note 4!
Sohnemann lässt verlauten, dass es seinen deutschsprachigen Kameraden nicht oder nur wenig besser ergangen sei. Rufe also kurz entschlossen die Mutter seines Freundes zwecks Verifizierung an. Inzwischen ist es 07.45 Uhr und ich bin weder geschminkt noch fertig angezogen. Die andere Mutter ist ebenfalls sehr genervt über die strenge Bewertung und die "Diskriminierung" der nicht frankophonen Kinder, die solch spezielle Wörter natürlich (noch) nicht kennen. Ihr Sohn (ein Musterschüler) hat deswegen schlecht geschlafen und sie hat eigentlich auch keine Lust, diese Probe telquel zu unterschreiben.
Mache eine Kopie der Evaluation, unterschreibe widerwillig und schicke Kinder auf den Schulweg. Inzwischen ist es 08.00 Uhr. Rosalie ist angezogen aber noch ungeschminkt. Bemerke das Aufgabenheft der Erstklässlerin auf dem Wohnzimmertisch. Mist... Das gibt eine Punition (d. h. Bestrafung durch Klassenlehrerin). Arme Kleine. Dabei ist sie doch so gewissenhaft. Also schwingt sich Supermama rasch ins Auto, setzt Sonnenbrille auf, um verschlafenes ungeschminktes Gesicht zu kaschieren, und fährt die drei Minuten zur Schule, wo sie der Tochter auf dem Schulhof zwei Minuten vor Schulbeginn noch das vergessene Heft in den Schulthek packt. Zurück nach Hause, schminken, nochmals umziehen (übliches Morgenritual), Ladekabel und iPhone einpacken (Akku ist kurz vor Kollaps) und los geht's Richtung Arbeitsplatz. Mittlerweile ist es 08.35 Uhr - das heisst, ich werde es auch diesmal wieder nicht schaffen, pünktlich um (spätestens) 09.00 Uhr an der Arbeit zu sein! Nehme mir fest vor, trotz allem Höchstgeschwindigkeiten im Strassenverkehr nicht zu überschreiten.
Fahre los und rotes Benzinlämpchen leuchtet auf... Keine Zeit zum Tanken. Bordcomputer meldet noch Sprit für 140 km. Also ignorieren. Auf der Autobahn erspähe ich im Rückspiegel eine versteckte Radarfalle - Blick auf den Tacho... Schwein gehabt! Um 09.08 Uhr im Büro angekommen. Ganz viel Arbeit erwartet mich. Langweilige aber zum Glück kurze Sitzung. Mittagspause verbringe ich Blog schreibend. Musste das einfach loswerden. Und diese blöde Sehnsucht macht sich heute wieder einmal besonders stark bemerkbar. Kann ich im Moment überhaupt nicht brauchen. Keine Zeit! Keine Lust! Der ganz normale Wahnsinn...