Donnerstag, 14. April 2011

L. wie Leo

Gestern wieder einmal WhatsApp-Chat mit L. gehabt. 

Wir schreiben uns seit einem halben Jahr originelle kleine Kurznachrichten, manchmal tiefgründig, manchmal frech, manchmal sarkastisch, aber nie langweilig. Vor ein paar Monaten habe ich zufällig herausgefunden, dass er im Nachbarort wohnt. Ich kenne ihn von früher, aus meiner Schul- und Jugendzeit. Er war damals ein gutaussehender, sensibler, etwas exzentrischer Junge. Heute ist er ein (vermutlich immer noch) gutaussehender, etwas exzentrischer Junggeselle. Exzentrisch in einem positiven Sinne. Einfach ein wenig "anders", speziell, nicht 0/8/15.

Damals fand ich ihn sehr attraktiv. Ich hatte schon immer ein Faible für Exzentriker... Als  Freund kam er jedoch nicht in Frage, da ich damals mit einem seiner Kollegen zusammen war (meine erster Freund und Lebenspartner, ebenfalls Exzentriker -  aber eher im negativen Sinne...). Zudem hatte L. ein ausgefallenes Hobby. Er betrieb einen ziemlich aufwändigen Körperkult und ich ging davon aus, dass für ihn ohnehin nur eine Frau mit Modelmassen als Freundin in Frage gekommen wäre. Auch sonst hatte er hohe Ansprüche an sich selber und sicher auch an seine Mitmenschen. Ich habe nie eine Freundin an seiner Seite gesehen - wobei ich nicht davon ausgehe, dass er auf Männer steht.

Damals war ich zwar attraktiv und hübsch, aber in Bezug auf meine Figur hatte ich trotz Konfektionsgrösse 36/38 einen ausgeprägten Komplex, so dass ich ihn mir als Freund nie zugetraut hätte.  Aber natürlich habe ich gerne mit ihm geflirtet - aus der sicheren Lage einer "vergebenen" Frau heraus ;-). Die Sympathie war (denke ich) gegenseitig.

So habe ich ihm aus einer Laune heraus letzten Herbst eine E-Mail geschickt, nachdem ich erfahren hatte, dass er im Nachbarort wohnt. Heutzutage ist es ja nicht besonders schwierig, eine E-Mailadresse ausfindig zu machen. Noch vor einem Jahr hätte ich mich das nicht getraut - aber mein Erlebnis vom letzten Sommer hat mein Selbstbewusstsein (bzw. mein Selbstwertgefühl) beflügelt... 

Er liess sich ca. zwei Wochen Zeit mit der Antwort, schrieb dann aber sehr sympathisch wenn auch ein wenig zurückhaltend (wie es seinem Charakter entspricht) zurück. Selbstverständlich könne er sich noch an mich erinnern etc. ... Ich schrieb zurück und wartete vergeblich auf eine Antwort. Schliesslich rief er mich eines Abends überraschend an und wir telefonierten eine gute Stunde lang und sprachen wie alte Freunde über Gott und die Welt. Ich war erfreut darüber und liess es dabei bewenden. 

Einige Wochen später schrieb er mir ein nettes SMS zu einer besonderen Gelegenheit und so ergab es sich, dass wir anfangs alle paar Wochen, später wöchentlich und inzwischen sogar mehrmals wöchentlich kommunizieren. Da wir das mit unseren iPhones tun und WhatsApp benutzen, sehen wir jeweils, wann der andere zuletzt online war. Es ist schon öfters passiert, dass wir zur selben Zeit daran gedacht haben, uns zu schreiben.

So hatte ich an einem langweiligen nebligen Sonntagnachmittag einmal die Eingebung, ihm eine SMS zu schreiben, ob bei ihm zuhause die Sonne scheine (der Nachbarort liegt etwas höher ) und als ich das Handy anknipste, fand ich eine frische Nachricht von L.  - er sitze an der Sonne und blicke aufs Nebelmeer und ob wir da unten die Kurtaxe nicht bezahlt hätten, dass wir noch im Nebel sässen...  Amazing.

Das Besondere an unserer "Beziehung" ist, dass wir zwar eine Stunde lang zusammen telefoniert haben und gerade mal sieben Autominuten voneinander entfernt wohnen - unsere letzte persönliche Begegnung jedoch vor ca. 21 Jahren stattgefunden hat!

Unsere Jugendzeit hatten wir in Nachbardörfern verbracht. Heute wohnen wir gut 40 km vom damaligen Wohnort entfernt - und erneut in zwei benachbarten Ortschaften!

Letzten Dezember hatten wir uns im Ort einmal zufällig auf der Strasse im Auto gekreuzt, wobei ich ihn für einen Sekundenbruchteil mehr erahnt als gesehen habe. So weiss ich nicht genau, wie er heute aussieht. Und so halten wir unsere Illusionen noch ein wenig aufrecht und haben bisher davon abgesehen, uns persönlich zu treffen, was ich ganz reizvoll finde. Es ist dies keine bewusste Entscheidung oder Abmachung - eher ein Zustand, der uns beiden im Moment richtig scheint. Es wäre schade, wenn eine persönliche Begegnung enttäuschend verlaufen würde und zum Abbruch dieser speziellen "Schreibfreundschaft" führen würde. 

Ich freue mich jedenfalls immer, wenn ich eine seiner Messages auf dem iPhone entdecke und meistens entlockt er mir ein Schmunzeln oder sogar einen herzhaften Lacher. Uns verbindet ein hohes Mass an Sensibilität sowie der gleiche trockene Humor und eine gewisse Selbstironie und wir leben in einem ähnlichen sozialen Umfeld.  

Ich bemühe mich, nicht zu oft an ihn zu denken und nicht ständig nachzuschauen, ob er online ist bzw. ob eine neue Nachricht eingegangen ist. Und das soll auch so bleiben. Er ist nun gewissermassen mein SMS-Leo (in der Emmi/Leo-Anfangsphase). Schön wäre es, wenn wir (platonische) Freunde werden könnten.

Einen solchen SMS-Austausch hätte ich mir mit Mr. Charming auch gewünscht... ich hätte viel positive Energie daraus ziehen können.

5 Kommentare:

  1. Würde Dein Mann, wüsste er davon, diese Art von Freundschaft akzeptieren?
    Wenn Nein, warum nicht?

    AntwortenLöschen
  2. Er wäre sicherlich nicht gerade begeistert. Ich habe ihm von L. erzählt und er hat auch mitbekommen, dass wir zusammen telefoniert haben. Er geht davon aus, dass im Nachbarort ein verschrobener Junggeselle lebt, der seiner Frau nicht gefährlich werden kann. Ich denke, er vermutet schon, dass wir uns hin und wieder schreiben – aber konkret danach gefragt hat er nicht. Ich bin auch nicht bereit, den Chat vom iPhone zu löschen und halte das Handy auch nicht unter Verschluss. Aber ich schalte es auf stumm, wenn er zu Hause ist – er würde sicher wissen wollen, wer mir geschrieben hat, wenn sich eine Nachricht akustisch ankündigen würde und im Lügen bin ich schlecht und ein Pokerface habe ich (leider) auch nicht… Ich fände es aber inakzeptabel, wenn er meine SMS lesen würde. Ich öffne auch nicht die an ihn adressierte Briefpost und umgekehrt. Hingegen achte ich sehr darauf, die Spuren meiner Bloggertätigkeit zu verwischen. An meinem Blog hätte er mit Sicherheit keine Freude.
    Aber er weiss von meiner Krise und ich habe ihm offen gesagt, dass ich mich „entliebt“ habe und mich nach Schmetterlingen im Bauch sehne. Eine „offene“ Beziehung kann er sich jedoch nicht vorstellen. Ein Seitensprung wäre für ihn das Ende – er ist da sehr konservativ eingestellt.

    AntwortenLöschen
  3. du hast sehnsucht nach schmetterlingen im bauch; du hast sehnsucht begehrt zu werden; warum willst du dann mit l nur eine platonische freundschaft?

    Ps: ich freue mich immer sehr deine blogs zu lesen sie sind sehr persönlich und spannend habe mich noch kein einziges mal beim lesen gelangweilt

    AntwortenLöschen
  4. Interessante Frage "schmunzel"... Seit ich diesen Text geschrieben habe, muss ich in der Tat auch immer wieder darüber nachdenken. Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich mir eingestehen, dass sich meine Gefühle L. gegenüber intensiviert haben und meine Phantasie manchmal schon einen Schritt weiter geht... Anderseits versuche ich cool zu bleiben, aus Angst, verletzt oder enttäuscht zu werden.

    Was denkst Du ist seine Motivation, mit einer verheirateten Frau SMS auszutauschen?

    P.S. Danke! :-))

    AntwortenLöschen
  5. Ja verheiratet sein kann doch auch nur einen status darstellen oder? ich würde mich auch getrauen wenn ich ihn wäre, denn es bedeutet ja noch lange nicht, dass nur weil du verheiratet bist, er nicht von dir angezogen sein sollte... los ich würde eine offensiv strategie wählen sonst ist es auf einmal zu spät :-)

    AntwortenLöschen