
Was schenkt man einem Paar, das sein 50jähriges Ehejubiläum feiert? Spontan kommt mir in den Sinn: einen Verdienstorden... ;-) oder eine Tapferkeitsmedaille – im vorliegenden Fall für die Ehefrau!
Ein ungleiches Paar – zumindest auf den ersten Blick.
Die Braut, aufgewachsen in einem lieblosen Elternhaus mit einer kaltherzigen, unnahbaren Mutter, die nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass sie dieses Kind eigentlich nicht gewollt hat, und einem schwachen Vater, der in der Religion Halt suchte und sich einer strenggläubigen Freikirche (Sekte) zugewandt hatte. Das ungeliebte Mädchen nutzte die erstbeste Gelegenheit, um diesem tristen Elternhaus zu entfliehen. Mit 17 Jahren... direkt in die Arme eines Junggesellen, der doppelt so alt war wie sie. Und natürlich wurde sie gleich schwanger. Und musste kurz vor der Niederkunft heiraten - im gebrauchten Hochzeitskleid der älteren Schwester.
Der Bräutigam seinerseits hat seinen Vater nie gekannt. Er starb im Alter von knapp 20 Jahren an einer Grippe – im Jahre 1928! Die Wittwe blieb alleine zurück mit einem Säugling und einem zweijährigen Kind. Die Familie des verstorbenen Ehemannes verstiess sie samt den Enkelkindern und es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich einen neuen Versorger, sprich Ehemann zu suchen. Ein solcher war schnell gefunden - wollte aber mit den beiden kleinen Kindern nichts zu tun haben. So wuchsen die Geschwister zusammen mit Onkel und Tanten in ärmlichen Verhältnissen im Haus der Grosseltern auf und verbrachten eine traurige, entbehrungsreiche Kindheit ohne die Mutter, die ihrerseits mit dem neuen Mann eine neue Familie gründete...
Soweit die Vorgeschichte. Das Schicksal hat die beiden Unglücklichen zusammengeführt... War es Liebe? Ich weiss es nicht... Der Ehemann war anständig und ging nie ins Wirtshaus. In der Familie gab er den Ton an, ausserhalb der eigenen vier Wände getraute er sich nie, aufzubegehren oder offen seine Meinung zu sagen. Er war kein besonders aufmerksamer Ehemann, machte sich nie die Mühe, sich für den Geburtstag seiner Frau etwas Spezielles auszudenken. Ein Blumenstrauss vom Grossverteiler musste reichen. Er liebte seine Arbeit, obwohl er am Wochenende Dienst hatte und seine Familie deshalb zu kurz kam. Und obwohl diese Arbeit schlecht bezahlt war und das bescheidene Einkommen nicht ausreichte, um alle Ausgaben der Familie zu begleichen. So blieb der Ehefrau nichts anderes übrig, als sich eine Erwerbstätigkeit zu suchen, um das Einkommen aufzubessern. Sie war eine tüchtige Frau und erfolgreich in ihrer neuen Tätigkeit, und mit über 40 Jahren konnte sie sich erstmals in ihrem Leben ein wenig Luxus leisten. Sie lebte diese Phase aus - blieb aber dennoch bescheiden und loyal. Sie war immer grosszügig ihren Liebsten gegenüber und sie ermöglichte es ihren erwachsenen Söhnen, nach abgeschlossener Berufslehre eine Zweitausbildung bzw. ein Studium zu absolvieren. Sie haben ihrer Mutter viel zu verdanken...
Obwohl die Ehefrau sich emanzipiert hatte - zumindest im wirtschaftlichen Sinne - blieb die Rollenverteilung stets gleich. Sie blieb die „Kleine“, er der väterliche Ehemann. Erst in den letzten Jahren hat sie damit begonnen, leise aber bestimmt gegen dieses Patriarchat aufzubegehren.
Wenn sie zu Besuch waren, bestimmte er den Zeitpunkt des Aufbruchs, ohne wenn und aber. So hiess es dann unvermittelt „ Komm Kleine, trink aus - wir gehen jetzt..." und sie trank hastig das halbvolle Glas leer und stand auf... Heute sagt er wenigstens „Komm, wir wollen langsam gehen, ich möchte nach Hause…“. Und sie sagt: „Ja, wir gehen dann schon, aber ich will jetzt noch in aller Ruhe meinen Wein austrinken…“.
Nicht, dass er ein böser Mensch wäre. Ganz und gar nicht. Es ist einfach die Art und Weise, wie er über seine Frau verfügt, ein gewisser Mangel an... Sensibilität? Vermutlich fällt es ihm nicht einmal auf... Sie hat ja anscheinend immer mitgespielt - bis vor kurzem.
Ich habe mich oft darüber geärgert und mich gefragt, wieso diese Ehe so lange funktioniert hat bzw. wieso die Ehefrau ihrem Ehemann trotz allem treu geblieben ist, obwohl sie in gewisser Weise alleinerziehend war und sich vermutlich auch einen Mann gewünscht hätte, der ihr mehr Aufmerksamkeit geschenkt und ihr etwas hätte bieten können…
Ich habe mich oft darüber geärgert und mich gefragt, wieso diese Ehe so lange funktioniert hat bzw. wieso die Ehefrau ihrem Ehemann trotz allem treu geblieben ist, obwohl sie in gewisser Weise alleinerziehend war und sich vermutlich auch einen Mann gewünscht hätte, der ihr mehr Aufmerksamkeit geschenkt und ihr etwas hätte bieten können…
Vielleicht ist es tatsächlich eine grosse Liebe, vielleicht liegt die Erklärung aber auch in der unglücklichen Kindheit der beiden. Sie haben beide früh gelernt, sich anzupassen und sich selbst zurückzunehmen… und er kann sich nur in den eigenen vier Wänden durchsetzen, weil sie ihn lässt. "Draussen" traut er sich nicht.
Ob sie auch unter unerfüllter Sehnsucht gelitten hat? Wer weiss... Sie hat mir gegenüber einmal angedeutet, dass es in ihrem Bekanntenkreis einen Mann gegeben hat, der ihr gefallen hat. Die Erfüllung dieser Sehnsucht in Erwägung zu ziehen, ist ein Luxus, den sie sich wahrscheinlich nie geleistet hat…
Der Ehemann hat unglaubliches Glück gehabt, eine solch gutmütige, fleissige und loyale Ehefrau zu finden, die ihm bis heute die Treue hält. Und es ist ihm bewusst... er hat es vor ein paar Tagen selbst gesagt!
Für 50 Jahre Ehe sollte die Braut definitiv eine Tapferkeitsmedaille erhalten ;-)
AntwortenLöschenDeine Schwiegermutter ist eine sehr bemerkenswerte Frau. Wahrscheinlich hat die Ehe gut funktioniert, weil Deine Schwiegermutter stets Kompromisse eingegangen ist und sich untergeordnet hat.
Liebe Grüße und einen schönen Sonntag!
Luisa
Dass er es ihr gesagt hat.. wow!! Das ist mehr, als ich nach der Anfangsbeschreibung erwartet habe..
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