Mittwoch, 1. Juni 2011

Eine schicksalshafte Reise (1)

…die schon fast ein Jahr zurückliegt.  Geplant waren fünf Tage und  vier Nächte. Nur mein Mann und ich - ohne die Kinder. Zusammen mit einer Gruppe von Menschen, die sich für das selbe Thema interessieren. Ein befreundetes Ehepaar und zwanzig fremde Menschen. Unsere erste Gruppenreise, unsere erste Busreise.
Ich hatte gehofft, sie würde uns wieder näher bringen. Ein paar gemeinsame, kinderfreie Tage, um die zunehmende Entfremdung zu stoppen und die Ehe wieder auf Kurs zu bringen, eventuell sogar die Leidenschaft wieder zum Leben zu erwecken.
Es zeichnete sich schon einige Wochen vor Reisebeginn ab, dass er nicht würde frei nehmen können. Nicht dass er nicht hätte frei nehmen dürfen - er ist sein eigener Chef - aber ein wichtiges Projekt bedingte seine Präsenz. Er hatte mit sich gerungen, aber schliesslich musste er seine Teilnahme aus Vernunftgründen absagen. Ich hatte schon damit gerechnet.  Einerseits war ich enttäuscht, anderseits verärgert. Wie immer hatte seine Arbeit Vorrang.
Ich denke, dass er instinktiv gewusst hat, dass es gut gewesen wäre, diese Reise mit mir zusammen zu unternehmen – er hat es sich denn auch nicht leicht gemacht und die Entscheidung bis zum letzten Moment hinausgezögert.
Für mich war klar, dass ich auch alleine fahren würde. Zum einen, weil mich das Thema interessierte und eine Kostenrückerstattung ohnehin nicht mehr möglich war, zum andern, weil ich den Gedanken, nach vielen Jahren wieder einmal ein paar Tage nur für mich allein zu haben, verlockend fand.
Aber in der Hektik des Alltags hatte ich irgendwie gar keine Zeit, mich auf diese Reise vorzubereiten. Weder mental noch sonstwie. Am Vorabend bzw. in der Nacht vor der Reise packte ich etwas undezidiert den Koffer und suchte die Unterlagen zusammen, die ich noch gar nicht richtig angeschaut hatte. Wie immer dauerte das Kofferpacken viel länger, als ich gedacht hatte und so schlief ich nur wenige Stunden. Am frühen Sonntagmorgen fuhren wir in die Stadt, wo mein Mann mich am Treffpunkt absetzte und gleich wieder nach Hause fuhr, da wir die schlafenden Kinder alleine gelassen hatten. Nach und nach trudelten die Reiseteilnehmer/innen ein. Ein paar Ehepaare, ansonsten lauter Damen, viele schon im Pensionsalter. Einige kannten sich schon und es herrschte eine aufgekratzte Stimmung. Pünktlich kam der komfortable Reisecar angefahren und der Chauffeur begrüsste herzlich die Damen, die er schon von früheren Reisen her kannte. Er machte einen sympathischen Eindruck, war gutaussehend, mit attraktiven Gesichtszügen und dichtem, graumeliertem Haar - und für meinen Geschmack irgendwie viel zu „glatt“.  Nicht mein Fall. Ich stellte meinen Koffer hin, stieg ein, suchte mir einen Platz in der dritten Reihe und schmiss die grosse, vollgestopfte Handtasche auf den leeren Platz meines Ehegatten...
Die Fahrt verlief angenehm, der Chauffeur unterhielt sich angeregt mit der Reiseleiterin und ich hörte nur mit einem Ohr hin und hing derweil meinen Gedanken nach und wechselte ein paar Worte mit einer sehr netten Frau auf dem gegenüberliegenden Sitz.

Ich war überrascht, wie elegant viele der Damen waren... Ich fühlte mich ein wenig "underdressed" in meinem Fleecejäckchen und den sportlichen Freizeitschuhen und war froh, ausser ein paar Leinenblusen wenigstens noch ein etwas eleganteres Jäckchen für den  Abend eingepackt zu haben und ein paar Sandalen mit etwas höheren Absätzen... Vor mir sass eine sehr gepflegte, sehr selbstbewusste Frau in sportlich-eleganten Designerkleidern, mit grosszügigem Goldschmuck und schicken Todds.  Und ich hatte meinen (einzigen) wertvollen Schmuck vorsichtshalber zu Hause gelassen... man weiss ja nie - im Ausland... Wie blöd von mir - schliesslich war dies eine wohlorganisierte bequeme Carreise ins benachbarte Ausland und keine selbst organisierte Busreise durch Zentralamerika... Wie gesagt - ich hatte mich wirklich nicht besonders auf diese Reise vorbereitet.
Nach zweieinhalb Stunden überquerten wir die Landesgrenze und kamen an unserem ersten Zwischenziel an, wo wir ein paar angenehme Stunden verbrachten.  Gegen Abend erreichten wir schliesslich unser Hotel und ich genoss es, Zeit für mich alleine zu haben. Nur an mich denken zu müssen. 19.30 Uhr Abendessen. Bis dahin nur Zeit für mich. Endlich RUHE!
(Zuhause habe ich nie meine Ruhe. Ständig will jemand etwas von mir. Die Kinder, der Ehemann… "Mama wo bist Du, wo ist das, wo ist jenes, habe Durst, habe Hunger, können wir jemanden einladen, können wir TV schauen, nein, ich mag nicht zum Einkaufen mitgehen,  kann ich dein iPhone, kann ich DS spielen… Schatz, hast Du dieses oder jenes schon gemacht, könntest Du nicht noch schnell…. hast Du den Gemüsegarten  gegossen, eingekauft, daran gedacht, dass"... etc. ).
Ich machte mich frisch  für das Abendessen und begab mich in den Speisesaal. Die Damen hatten sich schon auf die Vierertische verteilt und ich setzte mich an einen freien Platz an einen Tisch mit drei mir unbekannten Frauen. Die Unterhaltung verlief sehr angenehm. Nach dem Essen nahmen wir auf der Gartenterrasse noch einen Schlummertrunk und ich ging ein paar Schritte und telefonierte nach Hause. Dabei kreuzte der Chauffeur meinen Weg und lächelte mir zu.

Als ich mich schliesslich in mein Zimmer zurückzog und ein wenig durch die TV-Kanäle zappte, blieb ich bei einem Spielfilm hängen. Es war die Verfilmung von Salz auf unserer Haut“... Als ich es realisierte, zappte ich weg. Ich mag dieses Buch sehr und mit der Kinofassung bin ich nie warm geworden. Aber es gab mir schon zu denken - schliesslich wollte ich exakt dieses Buch auf die Reise mitnehmen, um abends im Bett in aller Ruhe noch ein wenig zu lesen (und zu träumen...). Das Buch blieb unauffindbar.  Vermutlich verliehen und nie mehr zurück erhalten. Und nun lief diese Verfilmung auf dem DVD-Kanal in der Endlosschlaufe. Ausgerechnet "Salz auf unserer Haut". Was für ein Zufall!

Ich hatte diese Reise ohne jede Erwartung angetreten... aber plötzlich hatte ich so ein seltsames Gefühl - so als ob etwas (Verheissungsvolles) passieren würde. Es lag einfach "etwas" in der Luft - ich kann es nicht genau beschreiben...
(Fortsetzung folgt...)

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