Der zweitletzte Tag dieser denkwürdigen Reise war geprägt von meiner melancholischen Stimmung, hochsommerlichen Temperaturen und einigen sehr interessanten privaten Gärten, die mich zumindest kurzzeitig auf andere Gedanken brachten.
Nach jeder Besichtigung fuhren wir kurze Strecken mit dem Bus und beim Ein- und Aussteigen trafen sich jeweils unsere Augen und er lächelte mich an. In den Gärten kreuzten sich manchmal unsere Wege und das Spiel mit dem Augenkontakt ging weiter. Das SMS blieb unbeantwortet. Wir wechselten auch hin und wieder ein paar Worte, sprachen über die Gärten und ich machte ihn auf spezielle Pflanzen aufmerksam. Er zeigte sich interessiert und es herrschte eine unerklärliche Vertrautheit zwischen uns. Als wir schliesslich nach einem anstrengenden Tag abends im Hotel eintrafen, nahm ich eine Dusche, föhnte meine langen blonden Haare, schminkte mich noch ein wenig sorgfältiger als sonst und überlegte lange, was ich anziehen sollte. Bevor ich mein Zimmer verliess, schaute ich nochmals prüfend in den Spiegel. Ich erinnere mich noch genau, was ich dabei fühlte und dachte:
"Rosalie, Du hast Dich gehen lassen und Du bist aus der Form geraten. Du bist eine 41-jährige Mama geworden. Die vielen Nächte mit zu wenig Schlaf sind nicht spurlos an Dir vorbeigegangen. Deine Primetime ist vorbei. Kein Wunder, dass ER sich nicht für Dich interessiert. Du wirst nie wieder guten Sex haben. Früher wäre Dir das nicht passiert!"
Früher war ich eine hübsche junge Frau mit attraktiven Rundungen und die Männer hatten mich zur Kenntnis genommen und sich manchmal nach mir umgedreht. Und nun? Ich betrachtete mein Gesicht. Die ersten Fältchen um die Augen und auf der Stirn, traurige, glanzlose blaue Augen, die dichten Augenbrauen ein wenig aus der Form geraten und die naturblonde Haarfarbe erschien mir auf einmal nur noch langweilig. Der letzte Coiffeurbesuch war auch schon ein kleine Ewigkeit her. Da ich die Haare im Sommer ohnehin meistens zu einem Pferdeschweif zusammenband, fiel das auch nicht weiter auf. Aber abends, mit offenem Haar...
Ich beschloss, dass sich etwas ändern musste. Nach meiner Rückkehr würde ich als erstes einen Coiffeurtermin und einen Termin bei der Kosmetikerin vereinbaren. Früher hatte ich mir alle sechs Wochen die Wimpern und Augenbrauen färben und die Brauen in Form zupfen lassen. Aber irgendwann hatte ich damit aufgehört... Und ich musste abnehmen. So konnte es wirklich nicht weitergehen. Ich verdrückte ein paar aufsteigende Tränchen, atmete tief durch, machte ein würdevolles Gesicht, verliess mein Zimmer und machte mich auf den Weg ins Restaurant.
Alle "interessanten" Tische warten besetzt und so gesellte ich mich an einen runden Tisch zu zwei netten aber eher langweiligen Damen, die ein paar Jahrzehnte (!) älter waren als ich. ER sass an einem andern Tisch und drehte mir den Rücken zu. Schade. Es war ja "unser" letzter Abend. Nach dem Essen setzte ich mich auf einen frei gewordenen Stuhl zu einer etwas interessanteren Tischgesellschaft und hörte mir die Anekdoten der illustren Damen der "gehobenen" Gesellschaft an. Es wurde Rotwein getrunken und viel gelacht. ER ging derweil mit einer andern Gruppe nach draussen, da es ein paar Raucherinnen gab, die ihrem Laster frönen wollten. Vor zehn Jahren wäre ich mitgegangen und hätte an einem solchen Abend ein halbes Päckchen geraucht. Aber das war glücklicherweise kein Thema mehr.
Zu vorgerückter Stunde sassen wir dann endlich wieder zusammen an einem Tisch und endeten schliesslich wieder in der Hotellobby, wo wir im kleinen Kreis einen letzten Schlummertrunk nahmen. Wir sassen wieder nebeneinander und redeten bis Mitternacht über alles Mögliche - nur ein Thema vermieden wir tunlichst. Die gegenseitige Sympathie schien offensichtlich - aber wir beide waren wohl einfach viel zu anständig (blödes Wort!!), zu schüchtern und zu verheiratet, um das zu tun, was wir wohl beide gerne getan hätten. Uns so verabschiedeten wir uns brav und jeder ging allein in sein Zimmer. Und das Handy blieb stumm.
Der Tag der Heimreise war gekommen. Es folgten noch ein paar Zwischenstopps und als ich einmal als Letzte den Bus verliess, machte er eine Bemerkung, dass er mich nun (leider) nicht mehr lange anschauen könne... Wir lächelten uns zu und ich erwiderte nichts darauf...
Als wir schliesslich gegen Abend am Ziel ankamen, erwartete mich schon mein Gatte. Ich holte meinen Koffer und wir sahen uns ein letztes Mal in die Augen. Er lächelte, zog mich zu sich und wir verabschiedeten uns mit Wangenküsschen und er gab mir ein "Häb Sorg!" mit auf den Weg...
(Fortsetzung folgt)
Ich lese Deine Geschichte wirklich immer wieder gerne. Du schreibst schön und ich kann mich richtig in Dich reinversetzen. Ganz liebe Grüsse!
AntwortenLöschenYou made my day! Das war der erste Aufsteller des heutigen Tages! Danke dafür und für die Motivation! Ganz liebe Grüsse zurück! :-)))
AntwortenLöschenLiebe Rosalie,
AntwortenLöschenheute habe ich zum ersten Mal bei Dir gelesen. Ich schließe mich dem Fräulein an. Du schreibst schön.
Gerade weil Du so schön schreibst, machen mich Deine Gefühle Dir selbst gegenüber etwas traurig. Ja, man war früher besser in Form und es läuft nicht immer alles rund. Aber man ist doch in unserem Alter noch lange nicht alt, sondern hat den Vorteil von Erfahrungen auf seiner Seite. Ich finde unser Alter großartig.
Ich wünsche Dir, dass ganz bald diese negativen Gefühle verschwinden und Du Dich auf das Positive besinnen kannst.
Ich hoffe, Du nimmst mir das jetzt nicht übel oder hältst es für anmaßend, aber ich bin auf merkwürdige Weise berührt und darum musste es raus.
Herzliche Grüße vom Rostkopp!
@Rostkopp
AntwortenLöschenHerzlichen Dank für Deine ehrlichen Worte! Meine Antwort darauf findest du hier:
http://rosaliesmidlifecrisis.blogspot.com/2011/09/uber-meinen-blog.html
Liebe Grüsse
:-))