Mein letztes Post hat ein ziemlich grosses Echo ausgelöst und ich habe mich sehr über die interessante Diskussion gefreut! Da es sich bei den drei Fragen und Antworten nicht gerade um die "Perlen" des Interviews von Eva Illouz im "Das Magazin" vom 6. Januar 2012 gehandelt hat, sondern eher um diejenigen Fragen, die mich spontan gerade aus aktuellem Anlass interessiert haben, zitiere ich hier noch ein paar andere "Rosinen" aus diesem Interview:
Das Magazin: "Man ist verliebt. Der andere weiss nichts davon. Beginnen wir mit einer altmodischen Formulierung: Wie gewinnt ein Mann eine Frau, wie gewinnt eine Frau einen Mann?"
Eva Illouz: "Zuallererst eine Bedingung, die ich mir selbst auferlegt habe: Ich will keine Antworten geben, die auf einer Geschlechterbias beruhen. Keine Antworten also, die mutmassen, dass Frauen und Männer sich unterschiedlich verhalten sollten. Wenn sich eine Frau wie ein Mann verhält und deshalb zurückgewiesen wird, heisst das, dass wir auf die Geschichte warten müssen, bis diese zu uns und unseren Normen aufschliesst. Es heisst nicht, dass die Normen falsch sind. Sondern dass die Geschichte sich nicht schnell genug bewegt."
Das Magazin: "Einverstanden, ich werde mich an diese Regel halten. Wie also kann ich die Aufmerksamkeit von jemandem, der mir gefällt, auf mich lenken?"
Eva Illouz: "Im Teil «Die Gefangene» in Prousts «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» sagt Albertine, die Frau, in die der Erzähler verliebt ist, sinngemäss: «Wenn ich in jemanden verliebt wäre, würde ich ihn das nie, nie wissen lassen!» Liebe gilt hier als Spiel, bei dem die Frau die Liebe und das Begehren des Mannes durch ihre eigene emotionale Unzugänglichkeit kontrollieren muss. Tatsächlich bestrafen sich viele Frauen, indem sie ihre eigenen Gefühle und Wünsche dämpfen, vielleicht weil wir noch immer glauben, dass Liebe schwächt und unseren Status und unsere Souveränität bedroht."
Das Magazin: "Also sollte man ohne Angst vor einem Gesichtsverlust den Stolz überwinden — und los?"
Eva Illouz: "Das ist die andere Seite: Gleichzeitig sollte man seine Liebe nicht irgendwem zuspielen, so zufällig, wie man jemandem einen Ball zuwirft. Sprich: fordernd und gebieterisch, in der Erwartung, dass dieser Jemand den Ball automatisch auffängt und sich dafür, das heisst für das Geliebtwerden, verantwortlich fühlt."
Das Magazin: "Wie verhält man sich konkret?"
Eva Illouz: "Wäre ich in jemanden verliebt, würde ich ihn in ein Gespräch verwickeln. Ich würde nicht gleich meine Gefühle erklären, weil das eine Übertretung wäre, ein Angriff auf die Freiheit des andern. Ich würde mit ihm über irgendetwas sprechen und schauen, ob er reagiert. Man muss jemandem die Freiheit lassen zu antworten oder sich zurückzuziehen, ohne dass er oder sie in Verlegenheit kommt."
Das Magazin: "Warum nehmen Frauen eine Zurückweisung immer noch so persönlich und erleben sie oft als dramatische Verneinung ihrer selbst?"
Eva Illouz: "Weil in der Moderne das Selbstwertgefühl angeschlagen ist; man bezieht es nicht mehr automatisch aus der gesellschaftlichen Stellung. Was ich wert bin, wird laufend mit der Umwelt ausgehandelt. Weil Frauen noch immer weniger stark über ihren Beruf und die Öffentlichkeit definiert werden, beziehen sie ein Gefühl für ihren sozialen Wert aus der Privatsphäre und zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Liebe ist das Paradigma für zwischenmenschliche Beziehungen. Erst die Liebe bestätigt die weibliche Identität."
Und dann kamen die drei Fragen, die ich im vorherigen Post zitiert habe...
Es gibt natürlich noch weitere interessante Fragen und Antworten und vielleicht mache ich noch ein drittes Post zu diesem Thema. Aber da ist noch diese eine Frage...
Die Frage, die mich nach einer Begegnung im Sommer 2010 so sehr beschäftigt hat und auf die ich bisher noch keine abschliessende Antwort gefunden habe. Irgendwann werde ich ihn noch fragen, meinen Mr. Charming: Wie er damals diesen "Magic Moment" erlebt hat!
Ich hätte vor ein paar Monaten die Gelegenheit dazu gehabt, hab mich aber nicht getraut, ihn zu fragen, weil ich die Antwort ein wenig gefürchtet habe. Fast so, als würde es diesen für mich so wichtigen Moment "abwerten", wenn er es anders empfunden hätte. Wenn er unseren "Augenblick" jedoch ähnlich intensiv erlebt hat wie ich, wird er sich garantiert daran zurückerinnern...
Leider kann ich mit der Antwort von Eva Illouz zu "meiner" Frage wenig anfangen. Persönlich denke ich, dass ein so intensives Gefühl, wie ich es erlebt habe, unmöglich nur einseitig empfunden werden kann. Aber wer weiss das schon...
Was denkt Ihr darüber?
Hier also die Frage, die mich so sehr interessiert hat:
Das Magazin: "Man trifft jemanden und fühlt eine starke Anziehung. Ist das möglicherweise nur meine Empfindung, indem ich mir etwas einbilde, oder ist erotische Spannung immer gegenseitig?"
Eva Ilouz: "Viele Interaktionen haben etwas von einem Flirt. Einige Leute denken dabei bereits an das Hochzeitskleid, für andere ist es ein bedeutungsloses Wortgeplänkel. Es kann durchaus eine echte Anziehung da sein, allerdings unterscheidet sich die Wahrnehmung der Leute drastisch."
Sie ist wirklich so unglaublich unemotional, die Eva Illouz. Bei der Frage ging es um erotische Spannung und sie redet von Hochzeitskleid und Wortgeplänkel. Hallo?
AntwortenLöschenIch bin mir sicher, dass er, dass Dein Mr. Charming die Spannung sehr wohl gefühlt hat. Und wenn er ehrlich in sich hineinhorcht, dann spürt er noch heute das Echo der Schwingungen von damals. Und ich hoffe, dass er Dir, wenn Du ihn fragst, in Deine Augen schaut und es Dir sagt und dass Du es in seinen Augen lesen kannst.
Natürlich ist die menschliche Wahrnehmung sehr selektiv und wird von allen möglichen Faktoren beeinflusst und doch, dass was Du geschrieben hast, was zwischen Euch passiert ist, war eindeutig nicht einseitig. Kann ich mir nicht vorstellen.
Liebe Grüße
Nouniouce
Ja, lieber Nouniouce, die Soziologin ist wirklich extrem kopflastig! Und ich lasse mir meinen "Magic Moment" nicht entzaubern!;-)
LöschenIch denke auch, dass Mr. Charming "es" auch gespürt hat. Irgendwann werde ich ihn fragen. :-)
Liebe Grüsse und guten Wochenstart!
Ich weiss nicht, wie ihr beide darauf kommt, dass eine Soziologin (also immerhin eine Wissenschaftlerin), emotional über die Liebe zu sprechen hat. Sie wird als Soziologin interviewt, nicht als Privatperson.
AntwortenLöschenUnd noch etwas, wenn wir gleich dabei sind. Selbst als Privatperson schliesst sich Emotion und Ratio nicht tel quel aus. Natürlich sind wir Gefühlen unterworfen, die wir nicht subito unter Kontrolle haben - so sie denn überhaupt unter Kontrolle gebracht werden sollen. Aber Fühlen ist das eine - Handeln das andere. So weltfremd es ist, nur vernunftgemäss zu handeln - so hirnrissig ist es, sich einem Gefühl völlig hinzugeben.
Der Weg zum glücklichen oder geglückten Leben führt wohl wie so oft über eine wohl ausgewogene Mischung. Dabei sollten meiner Meinung nach durchaus egoistische Leitlinien gelten: Welche Gefühle tun mir gut? Welche ziehen mich hinab? Wenn ich verliebt bin - "verdient" die geliebte Person meine Liebe? Ich glaube auch, dass man sich durch eine Art Autosuggestion von Gefühlen der Verliebtheit nach und nach lösen kann, so wie das bei dir - Rosalie - ja sogar mit dem Schmerz auf dem Zahnarztstuhl funktioniert.
Lieber Castorp
LöschenJetzt hast Du es uns "Emos" aber so richtig gesagt! ;)
Du gehst also davon aus, dass Soziologen grundsätzlich trocken und unemotional zu analysieren haben. Das wird wohl so sein. Trotzdem irritieren manche Antworten. Insbesondere die Antwort auf die letzte Frage. Wobei diese Frage ja ohnehin niemand (und schon gar keine "kopflastige" Soziologin) abschliessend zu beantworten vermag.;)
Das mit der Autosuggestion ist so eine Sache...
Wenn ich auf dem Zahnarztstuhl den Schmerz verdränge, tue ich das im Bewusstsein, dass ich in spätestens 45 Minuten den "Ort des Grauens" werde verlassen können und mit einem ästhetisch ansprechend reparierten Zahn schmerzfrei weiterleben kann. Das selbe gilt für eine Geburt. Die Wehen lassen sich auch ohne Anästhesie "aushalten", weil Frau weiss, dass auch die stärksten Schmerzen nach einigen Stunden vorbei sein werden und sie danach zur "Belohnung" das schönste Baby der Welt in die Arme schliessen kann.
Sich von Gefühlen der Verliebtheit zu befreien, weil die Vernunft es gebietet, ist ungleich viel schwieriger. Weil es dafür keine Belohnung gibt - jedenfalls keine, die unmittelbar als solche erkennbar wäre. Und das Ende des Herzschmerzes ist nicht absehbar. Er kann Wochen, Monate oder sogar Jahre andauern. Sich zu "entlieben" heisst, von Träumen, Hoffnungen und vielleicht auch von Illusionen Abschied zu nehmen, obwohl man das eigentlich gar nicht möchte. Da hilft Autosuggestion nicht wirklich weiter. Es ist wohl eher Trauerarbeit.
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
LöschenLiebe Rosalie
LöschenJetzt hast du es mir Gefühlsverstocktem aber auch richtig gesagt ;-)
Du räumst wohl ein, dass du von Eva Illouz als Soziologin keine emotionale Antworten zu einem emotionalen Thema erwartest, um gleich deine Irritation kund zu tun. Offenbar ist diese einfache Wahrheit wohl in deinem Kopf, nicht aber in deinem Herzen angekommen. Vielleicht hilft dir der folgende Vergleich, die Sache noch von einer anderen Seite zu sehen:
Du erwartest von einem Frauenarzt ja auch nicht, dass er beim Untersuch erotische Gefühle entwickelt, obwohl er Frauen ja durchaus an sehr intimen Stellen berührt. Im Gegenteil: Von einem Frauenarzt muss man erwarten, dass gerade das n i c h t passiert. Wenn er aber privat unterwegs ist und zu Hause seine Frau oder als Single irgendeine Frau bei einem One-Night-Stand intim berührt, dann berührt er sie a) anders, weil b) mit einer anderen inneren Einstellung und c) zu einem anderen Zweck. Es i s t etwas komplett anderes.
Ähnlich verhält es sich mit Frau Illouz, die vielleicht auch verheiratet ist und zu Hause einen Mann hat, den sie liebt und mit dem sie in intimen Momenten auch anders spricht als in einem Interview über ihr Fachgebiet, die Liebe. Ihr deshalb Kopflastigkeit vorzuwerfen ist etwa so ungerecht wie dem Gynäkologen das Ausbleiben von Erregung in der Arztpraxis.
Aber wenn ich dein Post genau lese, geht es dir gar nicht so sehr um Frau Illouz und darum, was wissenschaftliches Denken ist oder nicht ist. Du möchtest, dass jener Magic Moment mit Mister Charming für ihn auch ein besonderer Moment für ihn gewesen ist - oder nein! Du willst sogar noch mehr: Du willst, dass es der gleiche Moment für ihn gewesen ist. Du willst, dass er "ES" auch gespürt hat.
Das schreit nach einem Post! Zumal mir als Gefühlskühlschrank gleich ein Song im Kopf rotierte, als ich das gelesen hatte. Rosalie, ich muss es hier einfach noch einmal sagen: Du inspirierst mich immer wieder :-)