Das Universum lachte sich ins Fäustchen und beschloss, mir für meine Ungeduld einen Denkzettel zu verpassen: Es führte mich mit einem Mann zusammen, der so ziemlich in jeder Beziehung das komplette Gegenteil von meinem Mr. Charming war. Ich hatte von braunen Augen geträumt (Stichwort: Magic Moment...) und traf auf Mr. Blueeyes. Und das war noch die kleinste Differenz.
Obwohl er so ganz anders war als der Mann, den ich eigentlich gesucht hatte, begann ich mich für ihn zu interessieren, denn er hatte ein besonderes Talent: er konnte schreiben! Sein Schreibstil hatte es mir angetan und es entstand ein reger schriftlicher Austausch. Wir vertrauten uns Dinge an, die wir vermutlich noch nie jemand anderem geschrieben hatten. Und wir liessen uns auf ein Spiel ein, in dessen Verlauf wir immer mehr voneinander erfuhren. Wir fühlten uns wie Emmi und Leo. Er verkörperte Leos Ratio und Abgeklärtheit und ich konnte Emmi in Sachen Emotionalität problemlos das Wasser reichen… naja, ihr kennt mich ja.
Irgendwann landeten wir dann dort, wo wir von Anfang an eigentlich hinwollten und stellten fest, dass wir uns zu nahe gekommen waren. Zu viel emotionale Nähe, zu wenig Unverbindlichkeit für ein Abenteuer! Wir hatten aber auch alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, wenn man ein unverbindliches Abenteuer sucht... Ich war "hungrig" und sehnte mich nach der ultimativen emotionalen Nähe. Er hingegen kam durch dieses Erlebnis zur Räson und besann sich auf seine glückliche Ehe, die er keinesfalls gefährden wollte. Er zog die Notbremse...
Obwohl mein Verstand sein Vorgehen nachvollziehen konnte und ich für seine Reaktion Verständnis hatte, blieb bei mir ein schmerzliches Gefühl zurück. Eine gewisse Trauer, Enttäuschung, einfach ein ziehendes Gefühl in der Herzgegend, das extrem weh tat.
Er machte den Vorschlag, dass wir unser "Abenteuer" in eine platonische Freundschaft umwandeln sollten. Und ich hielt es ganz so, wie es der Mann mit Jahrgang 64 einmal so wunderbar formuliert hat: „Ich will die Freundschaft, die Du mir anbietest, gerne mehr, aber sicher nicht weniger.“
Obwohl mein Verstand sein Vorgehen nachvollziehen konnte und ich für seine Reaktion Verständnis hatte, blieb bei mir ein schmerzliches Gefühl zurück. Eine gewisse Trauer, Enttäuschung, einfach ein ziehendes Gefühl in der Herzgegend, das extrem weh tat.
Er machte den Vorschlag, dass wir unser "Abenteuer" in eine platonische Freundschaft umwandeln sollten. Und ich hielt es ganz so, wie es der Mann mit Jahrgang 64 einmal so wunderbar formuliert hat: „Ich will die Freundschaft, die Du mir anbietest, gerne mehr, aber sicher nicht weniger.“
Ich weihte ihn in meinen Blog ein und wir begannen, täglich SMS auszutauschen. Irgendwann wurde unser SMS-Dialog so intensiv, dass ich gefühlte dreissig Mal täglich mein geheimes Zweithandy auf neue Nachrichten checkte. Wenn sein Nickname auf dem Display erschien, machte mein Herz einen kleinen Hüpfer, manchmal verspürte ich ein zärtliches Gefühl, wenn ich seinen Namen las und lange Zeit war es einfach nur gut. Es war ein gutes Gefühl, einen geheimen Freund zu haben, der einen durch den Alltag begleitete.
Das Besondere an unserem SMS-Austausch war für mich dieses Gefühl, dass wir eigentlich mehr sein wollten, als platonische Freunde, diesem Gefühl aus Vernunftgründen jedoch nicht mehr nachgeben wollten. Hin und wieder liessen wir es ein wenig zwischen den Zeilen durchschimmern und wir nannten uns zärtlich (platonische) "Gschpusis“.
Wir genossen die gegenseitige Aufmerksamkeit und ich gab mir Mühe, mich auf die platonische Freundschaft zu besinnen, wenn ich auch sporadisch von einer Sehnsuchts-oder Wehmutsattacke, wie ich sie nannte, heimgesucht wurde. Ihm ging es eine Zeitlang ebenso. Er konnte aber besser damit umgehen, weil er ja auf seine glückliche Ehe zurückgreifen konnte. Ich hingegen war allein mit meinen Träumen. Das war ein weiterer Grund, der seiner Ansicht nach gegen die Fortsetzung des (gemeinsamen) Abenteuers sprach.
Wir hatten über Monate einen so intensiven Austausch, dass ich mich gedanklich den ganzen Tag hindurch immer wieder mit ihm befasste. Ich habe unzählige Erinnerungen an eingehende SMS und weiss noch, wo ich war, als ich sie gelesen habe und wie es sich angefühlt hat. Dieses eine Wort, das er mir an einem Sommerabend simste, nachdem ich ihm geschrieben hatte, dass ich mich nach der Gartenarbeit jeweils aufs Schaukelbrett setze und durch die Lüfte schwinge: "Effi". Es lag so viel Zärtlichkeit in diesem einen Wort. Ich werde es nie vergessen.
Es gab Zeiten, da war er der erste Mensch, an den ich morgens nach dem Aufstehen dachte und abends der letzte, mit dem ich "sprach", bevor ich schlafen ging.
Aber die Medaille hatte auch eine Kehrseite: Ich war zuhause und teilweise auch am Arbeitsplatz gedanklich oft nicht mehr richtig präsent. Einerseits war da mein Blog und die geheime Mailbox, die meine Gedanken in Anspruch nahmen und anderseits natürlich mein Zweithandy, das meine Aufmerksamkeit erforderte resp. die Person, die es mit Nachrichten versorgte. Zudem musste ich immer Acht geben, dass die Kinder und vor allem mein Mann nichts davon mitkriegten und dass ich nicht versehentlich den Silentmodus deaktiviert hatte. Ich konnte mir kein neues Handy kaufen, das wäre zu auffällig gewesen und die Kinder hätten es garantiert entdeckt. So nutzte ich mein altes iPhone, dessen müder Akku alle paar Stunden aufgeladen werden musste. Eine ziemlich stressige Angelegenheit.
Solange mein Freund mir das Gefühl gegeben hatte, dass er mich begehrenswert fand, kam ich mit der Rolle der platonischen Freundin gut zurecht. Mein Selbstwertgefühl war in einem Hoch und unsere Beziehung verlieh mir positive Energie. Aber es war auch ein Balanceakt, weil diese Vertrautheit bei mir doch immer mal wieder den Wunsch nach noch mehr Nähe auslöste und so haderte ich manchmal damit, dass mein Freund so unglaublich vernünftig war...
Vor ein paar Monaten begann sich etwas zu verändern. Unser Umgang war vertraut und freundschaftlich und er war für mich da, wenn ich seinen Rat brauchte. Aber diese spezielle "Essenz", die für unseren Austausch so wichtig gewesen war, das "Salz in der Suppe", hatte sich bei ihm irgendwie verflüchtigt. Das Wort "Gschpusi" verschwand fast gänzlich aus seinem Repertoire und ich hatte den Eindruck, dass meine ;-)-SMS immer öfter ins Leere stiessen...
(Fortsetzung folgt)
Du meine Güte, Rosalie, was ist das nur für eine berührende Geschichte - umso mehr als du uns ja schon hast wissen lassen, dass sie zum heutigen Zeitpunkt kein Happy End hat. Mich macht sie umso mehr betroffen, als mir so manches davon erschreckend bekannt vorkommt. Manchmal ist es geradezu beunruhigend, wie sehr sich die Dinge gleichen...
AntwortenLöschenRastlos und ungeduldig warte ich auf den zweiten Teil der Geschichte.
Alles Liebe dir, viel Kraft und Mut in dieser schweren Zeit voller Abschiede!
Danke für diesen einfühlsamen Kommentar!
LöschenTeil zwei folgt bald, vielleicht schon heute Nacht...
Herzliche Grüsse,
Rosalie
Du liest dich irgendwie - erleichtert?!
AntwortenLöschenDas Schreiben befreit sich vielleicht von der Traurigkeit, die dich zuletzt umgab.
Ich hoffe, ihr sagt nicht "Auf Niemehrwiedersehen"
... Fortsetzung folgt
Gottseidank. sonst müsste ich dich glatt gleich und sofort mit Fragen bombardieren.
ein Gedanke kommt mir heute obwohl die Geschichte noch weitergeht: vor ein paar Monaten begann sich was zu ändern. Wirklich nur bei ihm? Bist du sicher, dass sich das Salz in der Suppe bei ihm verflüchtigt hat und wenn so, ob es nicht eine Reaktion war, die von dir angestoßen wurde? Wäre ich "er", würde ich nicht im Schatten neben/hinter Mr Charming stehen wollen.
Denn der Mr Charming tritt hier immer wieder auf den Plan. Das muss ein Platon erst mal verdauen und aushalten, die zweite Geige zu spielen. Auch wenn er dir gegenüber so auftritt als ob er diese Intimität wie du sie mit Mr Charming erlebst gar nicht möchte, der Ehe wegen, kann es dennoch too much sein.
Ich kenne ihn nicht, weiß aber von dem, was du hier mitteilst, dass sich bei dir sehr viel geändert hat. Vielleicht nicht außen, was die Lebenssituation betrifft, aber auf jeden Fall in dir drin.
Oh je, ich schreibe schon wieder so viel. Und mit einer Frage habe ich dich auch bombardiert. Aber nur 1. ;-)
liebe Grüße, Daniela
Liebe Daniela
LöschenJa, ich fühle mich erleichtert und es hat gut getan, das alles niederzuschreiben. Ich verstehe sie immer noch nicht ganz, unsere spezielle Geschichte, und je länger ich darüber nachdenke und mit Freundinnen darüber spreche, desto mehr lerne ich über mich selbst und über das Leben.
Platon wollte nie die erste Geige spielen in meinem Leben und er hat Mr. Charming nie als "Konkurrenz" empfunden...
Ich freue mich auf weitere Fragen von Dir und bin gespannt, was Du nach Lektüre von Teil 2 denkst.
Liebe Grüsse,
Rosalie
Liebe Rosalie
AntwortenLöschenwas ich grade gelesen habe berührt mich sehr. Dein Kommentar vergangene Nacht, dieser Eintrag...
Es ist, wie soll ich sagen, eigenartig zu erfahren, dass es sowas gibt. Meine Beziehung mit Enya kommt vom Sex, das hindert sie am mehr, Deine hat einen emotionalen Ursprung und ist deshalb in der körperlichen Lust begrenzt...
Ich träume, Du träumst - ich bin gespannt was das Leben, um Deine Worte zu verwenden, das Universum mit uns plant.
Liebe Grüße in die Schweiz
64er
Lieber 64er
LöschenDenkst Du, dass eine Beziehung, die auf Sex und körperlicher Anziehungskraft basiert bzw. ihren Anfang im Bett nahm, kein Entwicklungspotential hat? Kann es nicht auch sein, dass diese Intimität, die man nach (erfüllendem) Sex erlebt, eine emotionale Nähe erzeugt, auf deren Grundlage Liebe wachsen kann? Eine alltagstaugliche Liebe sogar, wenn beide frei sind?
Nach jedem Treffen kommt man sich emotional näher, wenn man es zulässt. Das ist meine Erfahrung mit Mr. Charming.
Was ich mit Platon erlebt habe, passt irgendwie in keine Schublade. Wenn ich ehrlich bin, verstehe ich es selbst noch nicht ganz.
Liebe Grüsse,
Rosalie
Liebe Rosalie
LöschenEine Beziehung die im Bett begann hat sicher Potential. Sonst könnte ich nicht so viel Energie in meine Liebe zu Enya investieren. Ich habe beim Lesen Deiner Erzählung ein gewissse Parallelität erkannt.
Ich habe einen Gedanken für mich mitgenommen: Lass es nicht zulange zu, dass die Beziehung "begrenzt" bleibt.
Ich denke schon den ganzen Tag darüber nach, wie Enya und ich den nächsten Schritt schaffen werden, was ich tun kann, damit sie mehr Nähe zulässt.
Was ich Dir schon lange sagen wollte - Du hast Dich entwickelt und es ist schön, dass ich das miterleben kann. Du hast eine ganze Menge an Selbstbewusstsein gewonnen, Du hast erkannt, dass Du einzigartig bist. Lass Dir das nie wieder nehmen!
Herzliche Grüße
64er
@64er: Danke! :-*
LöschenJa, ich fühle mich stärker, selbstbewusster und ich mag mich nicht mehr verbiegen. Für niemanden. Ich habe in den letzten zwei Jahren extrem viel gelernt über mich und über das Leben und auch über Männer...
Herzlich,
Rosalie
@Perdita
LöschenEs ist wohl immer eine Gratwanderung mit diesen platonischen Beziehungen zwischen Frau und Mann. Und wenn sie einen erotischen Ursprung haben, macht es die Sache noch komplizierter, weil es bei aller Vernunft doch immer wieder "Rückfälle" geben kann bzw. Wehmut an alte Zeiten auftreten kann.
Ich habe mir manchmal auch überlegt, ob es nicht zwangsläufig darauf hinausläuft, dass man mehr als Freundschaft empfindet, wenn man täglich einen derart intensiven schriftlichen Austausch pflegt, wie wir es getan haben?
Und manchmal bleibt kein anderer Weg als loszulasen. Um sich oder den andern vor weiteren Verletzungen und/oder Herzschmerz zu schützen.
Deine Worte haben mich nachenklich gemacht. Ich möchte auch einmal eine Liebesbeziehung haben, die soviel emotionale Nähe und Vertrauen aufweist, dass ich meinem Partner Dinge anvertrauen könnte, die nur meine besten Freundinnen von mir wissen...
Ja, wie sich doch die Dinge gleichen...
AntwortenLöschenJa, es ist erstaunlich...
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