Montag, 10. September 2012

Casual dating

Wenn man sich damit auseinandersetzt, gängige Moralvorstellungen über Bord zu werfen und nicht länger eine brave Ehefrau zu sein, die auf ihren (guten) Ruf achtet, und schicksalhafte Begegnungen im "real life" nicht ausgelebt werden können, stolpert man zwangsläufig früher oder später über den Begriff "casual dating".

Ja, was heisst denn nun eigentlich casual genau?  Im Englischen hat dieses Wort folgende Bedeutungen:  zufällig, gelegentlich, gleichgültig, beiläufig, zwanglos, flüchtig, leger, ungezwungen, lässig, salopp, beiläufig.

Im Spanischen gibt's das Wort ebenfalls und es bedeutet: zufällig oder gelegentlich.

Im Deutschen wird das englische Wort oft im Zusammenhang mit einem Modestil verwendet  (Dresscode: casual) aber weitaus häufiger wird es umschrieben mit: "Alles kann, nichts muss...!" und das bezieht sich natürlich auf eine Tätigkeit, die wir als "Casual Dating" bezeichnen.  "Dating"... wieder so ein englisches Wort, das sich in unseren Sprachgebrauch eingeschlichen hat und das wir immer selbstverständlicher verwenden, wenn wir von einer Verabredung oder (wie sich unsere Grosseltern auszudrücken pflegten) von einem "Rendez-vous" sprechen.

Womit wir beim Thema wären. Es geht um unverbindliche Verabredungen. Casual Dates. Eines der einschlägigen Portale umschreibt seine Existenzberechtigung wie folgt:


"Casual Dating könnte man mit "Alles kann, nichts Muss" oder noch besser mit "Beziehung ohne Verpflichtung" erklären. Millionen von Menschen praktizieren intuitiv "Casual Dating" - schon seit Jahren. Sie führen eine innige Beziehung und sind sich doch im Klaren darüber, dass diese auch nur für kurze Zeit sein kann. Frei nach dem Motto: Alles Kann, nichts Muss."

Aha. Millionen von Menschen! Echt?! Das wusste ich nicht! Und wie kann denn eine Beziehung gleichzeitig "innig" und dennoch "unverbindlich" sein? Erstaunlich! Oder ist nur das Kennenlernen unverbindlich? Ach so, ja: Auch innige Beziehungen haben anscheinend ein Ablaufdatum und werden irgendwann "entsorgt". Und das natürlich im gegenseitigen Einvernehmen, war ja schliesslich alles ganz unverbindlich und wer was anderes erwartet hat, ist ein Narr. Schöne, neue Beziehungswelt...

"Das Singledasein ist für viele eine Lebenseinstellung geworden und wird auch gesellschaftlich akzeptiert! Das bedeutet nicht, dass ein Single kein erotisches Verlangen hat. Im Gegenteil, der Single sucht gezielt und öfter als Paare nach diesen Momenten. Was er sucht ist ein Casual Date und genau das liefert C-Date."

"Auch für Paare kann ein Casual Date genau das Richtige sein. Wenn die Beziehung etwas "eingeschlafen" ist, sorgt ein kleines Abenteuer in Form eines Casual Dates für ein neues Aufflammen und für eine lang anhaltende und erfüllte Partnerschaft."


Aber sicher doch! Nichts belebt eine langjährige Beziehung nachhaltiger als ein kleiner Seitensprung. Vor allem wenn er auffliegt... Und das war's dann mit der langjährigen "erfüllten" Partnerschaft... Wenn sie sich wieder einstellt, ist das wohl die Ausnahme, welche die Regel bestätigt... 

"Ein One-Night-Stand ist abgedroschen und hat speziell für Frauen einen sehr negativen Beigeschmack. Casual Dating auf der anderen Seite ist frei vom zeitlichen Horizont, denn beim Casual Dating kann ein "One-Night-Stand" so oft wiederholt werden wie Mann/Frau mag. Der negative Beigeschmack und das oft "schuldige" Gefühl danach treten nicht auf, denn jeder weiss vorher, dass es sich um eine lockere Beziehung handelt."


Ok, das lass ich gelten! 

"So ein unkompliziertes, unverbindliches und doch erfüllendes "Casual Date" ist die Lösung für alle, die ihren Phantasien freien Lauf lassen wollen. Casual Date Partner finden sich interessanter Weise zu 90% im Internet. Deshalb sind Sie bei xxx genau richtig. Melden Sie sich gleich unverbindlich und kostenlos bei uns an und treffen Sie Gleichgesinnte.
Wir von xxx  helfen Ihnen bei der Suche nach dem passenden Casual Date."

Nach dieser Beschreibung kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eigentlich Krethi und Plethi auf der Suche nach einem casual date ist  und wer in diesem Zirkus nicht mitmacht, verpasst was und ist selber schuld. Also nichts wie hin...


Es ist ganz einfach: Man surft ein wenig im Internet, landet auf einem der bekannten Portale und eröffnet aus einer Laune heraus ein Profil. Man beschreibt sich mehr oder weniger wahrheitsgetreu  (Statur, Haarfarbe, Haarlänge, Augenfarbe, sexuelle Vorlieben, etc.), schummelt je nach dem etwas bei der Grösse, bei der Statur oder beim Alter und erstellt den Steckbrief des Wunschpartners. Und der grosse Computer im Hintergrund mischt dann die Karten und spielt Schicksal und unterbreitet den Suchenden gegenseitig geeignete Kontaktvorschläge.


Während man früher im realen Leben morgens beim Brötchen holen noch darauf hoffen musste, dass der attraktive Junggeselle aus dem Nachbarhaus auf dem Velo zufällig zur selben Zeit in der selben Strasse unterwegs war, um ihm ein vieldeutiges sehnsüchtiges Lächeln zu schenken, geht das heute unglaublich einfach und man bekommt die geeigneten Kandidaten auf dem Präsentierteller serviert. Jeder und jede weiss, worum es eigentlich geht: Um Sex. Kein langes um den heissen Brei herumreden wie im real life. Nein, das Ziel ist klar. Eigentlich.


Und weil ja alles so schön unverbindlich ist, kommt man "zwanglos" ins Gespräch, schickt einander zum Teil bereits vordefinierte Nachrichten (ein Vorteil für Menschen, die sich schriftlich nicht ausdzudrücken wissen oder mit der Orthografie auf Kriegsfuss stehen) und wenn der auserwählte Kandidat die ersten Hürden erfolgreich genommen hat (schriftlicher Ausdruck, Orthografie, Originalität...), verrät man ihm in der Regel die geheime Mailadresse, die man extra zu diesem Zweck angelegt hat und tauscht persönliche Informationen und bald einmal auch geheime Wünsche und Sehnsüchte aus, von denen meist nicht einmal der langjährige Lebenspartner eine Ahnung hat. Eigentlich komplett crazy, wenn man es sich recht überlegt...


Und eigentlich weiss man von diesem anderen Menschen gar nichts und muss darauf vertrauen, dass das Bild, das er von sich selber zeichnet, authentisch ist. Man könnte theoretisch mit einem vorbestraften Kinderschänder korrespondieren oder dem berüchtigten Dorfcasanova oder einem Betrüger auf den Leim gehen. Es könnte sein, dass der charmante Mann in Wahrheit eine Frau ist, die einen an der Nase herumführt oder dass es dem Gegenüber nur darum geht, seine Neugierde zu befriedigen. Das ist der Nachteil in der virtuellen Welt. Es gibt keine "Referenzen" und kein Ruf, der einem voraus eilt und man weiss letztlich nicht, mit was für einer Person man es wirklich zu tun hat. In der Regel findet man es mit der Zeit heraus.  Aber nicht immer rechtzeitig.


Und wenn wir den Gedanken weiterspinnen, so sind die Begriffe "zwanglos" und "unverbindlich" zwar sehr verlockend im Zusammenhang mit Dating, aber im Grund der Dinge sind sie für das, was viele Menschen (und insbesondere Frauen!) auf diesen Portalen suchen, doch irgendwie komplett untauglich. Sicher gibt es Männer, denen es nur darum geht, wieder einmal Sex zu haben, ohne dafür bezahlen zu müssen und Frauen, die sich vernachlässigt fühlen und es einfach wieder einmal brauchen.  Aber ich bin sicher, es gibt auch eine nicht zu unterschätzende Zahl von Menschen, die insgeheim Sehnsüchte haben und trotz aller Unverbindlichkeit doch irgendwo (vielleicht sogar unbewusst) die Hoffnung hegen, auf diesem Weg den einen Menschen zu finden, der zu ihnen passt und der sie glücklich macht. Und wenn sich sowas abzeichnet, ist Schluss mit unverbindlich und casual, weil dann Gefühle ins Spiel kommen. Gefühle, die man eine gewisse Zeitlang "under control" halten kann, und die dann plötzlich eine Eigendynamik entwickeln, die sich nicht länger steuern lässt. Und dann wird es plötzlich kompliziert und nicht selten endet eine solche "Beziehung" in einem Desaster aus Herzschmerz, Enttäuschung und Desillusionierung.


Es ist und bleibt ein Spiel mit dem Feuer, dieses "unverbindliche" daten. Und wenn man nicht aufpasst, kann man sich ganz schön die Finger verbrennen. Und  ehe man sich's versieht, rutscht man im englischen Wörterbuch zwei Zeilen nach unten und landet beim Begriff "Casualty". Auf deutsch: "Opfer"! 

Aber wir wollen den Teufel mal nicht an die Wand malen. Ich vertraue mal auf mein Bauchgefühl und darauf, dass mir das Universum wohlgesinnt ist, denn die Abenteuerlust ist stärker als die Vernunft. Und es gibt hier auch keinen charmanten Nachbarn, dem ich beim Brötchen holen "zufällig" über den Weg laufen könnte... 

To be continued... ;-)



Ist er der, der er vorgibt zu sein?


















4 Kommentare:

  1. "Und wie kann denn eine Beziehung gleichzeitig "innig" und dennoch "unverbindlich" sein?""

    Wenn man zu diesem Satz nicht "Ja" sagen kann, dann bekennt man sich zu den Gegenvarianten:

    Eine Beziehung kann nur "innig" sein, wenn sie "verbindlich" ist.

    bzw.

    Nur wenn eine Beziehung "verbindlich" ist, kann sie "innig" sein.
    Ich bin der Meinung, das geht auch nicht.

    "Verbindlichkeit" ist wahrscheinlich ein weites Interpretationsfeld sein, das sehr unterschiedlich gesehen werden kann.

    Aber warum nicht dem eine Chance geben, dass aus einer "Unverbindlichkeit" eine "innige verbindlichkeit" erwachsen kann?

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    1. @Menachem

      Was unverbindlich begonnen hat, kann sich zu etwas Innigem entwickeln, wenn man vertraut und sich öffnet. Aber wenn man seine Seele öffnet, wird man verletzlich.

      Unverbindlichkeit bedeutet für mich, dass man etwas ausprobiert und sich wieder "aus dem Staub" machen kann, wenn man genug davon hat. Dass man keine Verantwortung für sein Handeln oder für sein Gegenüber übernehmen will. Das verträgt sich einfach schlecht mit einer innigen Beziehung.

      Unverbindlich heisst für mich immer auch irgendwie oberflächlich.

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  2. Für alle, die eine "verbindliche" Beziehung suchen, gibt es doch schon eine Menge Partnersuch-Portale. Wobei - würde ich suchen - mir jene Communities besser gefallen, die nicht nach dem Matching-Prinzip funktionieren, sondern jeder Teilnehmer/Teilnehmerin ein Profil einstellt. Und fürs "Finden" ist dann Profil-Surfen angesagt oder besser noch die Teilnahme an öffentlichen Foren zu ganz normalen Themen.

    Insgesamt finde ich "explizites" Suchen unerotisch. Beim Flirten ist ja gerade der Reiz, dass es eben NICHT ganz sicher ist, ob man jetzt "voneinander etwas will" oder nicht. Stellen sich die Leute aber gleich als Suchende vor, gerät der Kontakt zum Abchecken eines Katalog-Angebots - irgendwie nicht das, was mich reizen könnte.

    Weiter würde ich mich nie mit jemandem treffen, der sich (mir gegenüber) nicht mit realem Namen und Adresse, Arbeit und ähnlichen realweltlichen Bezügen outet.

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    1. Diese Casual-Dating-Portale sind für Menschen, die nicht besonders oberflächlich sind, doch irgendwie auch eine Überforderung. Man schreibt hin und her und findet sich sympathisch und dann trifft man sich zum Kaffee. Und wenn der Funke dann nicht gleich überspringt und kein Knistern in der Luft liegt, dann ist man mit der Situation irgendwie überfordert. Soll man es dann gleich beenden, weil es doch "nur" um Sex geht? Oder aber doch weiter korrespondieren, weil man sich für diese andere Person als Mensch interessiert? Oder darauf bauen, dass sich gegenseitiges Begehren irgendwann doch noch einstellt und das Risiko eingehen, dass man sich plötzlich verliebt und verletzlich wird?

      Dass die Frage nach gemeinsamem Sex (Kompatibel: ja oder nein?) beim ersten Treffen so penetrant im Raum steht, nimmt dem Ganzen schon etwas von seinem Zauber und wenn man das Gefühl hat, dass das Gegenüber "liebesbedürftig" oder sonstwie "bedürftig" ist, wirkt sich das negativ auf die Erotik aus.

      Und die meisten Menschen gehen ja auf solche Portale, weil ihnen etwas fehlt im Leben. Und da nehme ich mich nicht aus...

      Anderseits bietet ein solches Portal die Chance, relativ unkompliziert mit Menschen in Kontakt zu kommen, weil eben diese Unverbindlichkeit im Raum steht. Und manchmal hat man Glück und findet unter all den Kieselsteinen einen Diamanten und es entwickelt sich eine Beziehung, vielleicht sogar eine Freundschaft oder einfach eine Bekanntschaft, die das Leben bereichert.

      Und im letzten Punkt gebe ich Dir recht. Wenn ich soweit gehe, mich mit jemandem einzulassen, dann ist gegenseitiges Vertrauen oberstes Gebot. Und dann gibt es eigentlich auch keinen Grund, die eigene Identität zu verschleiern.

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