Dienstag, 30. April 2013

Grossbaustelle

Das Leben fordert mir gerade alles ab. Jeder einzelne Bereich ist eine Baustelle. Das Universum ist anscheinend der Meinung, dass ich belastbar bin ohne Ende. Kann mich nicht erinnern, dass ich so etwas schon mal erlebt habe.

Meine Ehe ist futsch nach 19 Jahren Beziehung. Nicht dass ich meinen Entscheid bereuen würde. Ganz und gar nicht. Aber es geht natürlich nicht spurlos an mir vorbei, dass er anscheinend einfach so weiter macht wie bisher, als sei "nichts" gewesen. Er zieht seine Projekte ungerührt alleine durch und steckt seine ganze Energie in die Umgestaltung von Haus und Garten. Ich bin von Bord gegangen und das Schiff fährt einfach weiter, so als ob es mich nie gegeben hätte. Ist vielleicht etwas überspitzt formuliert, aber so fühlt es sich an.  Ok, besser so, als dass er mir Vorwürfe machen oder mir das Leben schwer machen würde.

Letztlich bestätigt es mir, dass ich mich richtig entschieden habe. Da ist keine Liebe und deshalb auch kein richtiger Schmerz. Von beiden Seiten. Groll vielleicht, Enttäuschung, ...  aber kein Herzschmerz. Mein Herzschmerz hat andere Gründe. Ich kann das Gefühl nicht genau definieren. Es ist gerade sehr präsent aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich an eine bestimmte Person gebunden ist. Es ist eine Art Trauer. Und das Gefühl, allein zu sein. Und da ist wohl auch noch immer dieses bedürftige innere Kind, das sich ein Leben lang nach Liebe gesehnt hat.


Am Wochenende hat er zum ersten mal gemeinsame Freunde eingeladen. Ein Ehepaar mit Kindern. Die Kinder sind daher erst am Sonntag zu mir gekommen. Es sind primär seine Freunde. Aber ich bin in den letzten Jahren mehrmals mit ihr essen gegangen und wir haben über meine Ehe und Trennungsabsichten gesprochen. Es waren gute Gespräche. Sie selbst ist zum zweiten Mal verheiratet. Seit ich die Trennung durchgezogen habe, herrscht Funkstille. Vielleicht hat sie erwartet, dass ich mich melde. Ich hätte eigentlich erwartet, dass sie es tut. Aber egal. Was soll's...

Die Kinder haben mir gefehlt. Ich habe sie viereinhalb Tage lang nicht gesehen und das war (zu) lang. Für beide Seiten. Und ich habe Zweifel, ob das mit dem geteilten Obhutsrecht wirklich das Gelbe vom Ei ist. Und ich bin wütend, weil er zum zweiten Mal am Freitag die Kinderbetreuung an seine Mutter delegiert hat, obwohl ich ihm eingeschärft hatte, dass er sich an mich wenden muss, wenn er Freitags verhindert ist! Es ist ihr freier Tag und sie wird nicht jünger, steht schon länger am Rande eines Burnouts und sie kann nicht NEIN sagen. Er nutzt das gnadenlos aus. Wie war das nochmal? Er wollte am Freitag das Leben geniessen, im Garten werkeln und sich um die Kinder kümmern und deswegen sollte ich mein Arbeitspensum aufstocken! Von wegen... Noch nicht mal Homeoffice kriegt er hin und er delegiert seine Vaterpflichten mal wieder an seine Mama, obwohl ich an diesem Tag nicht im Büro bin! 

Ich habe mich auf die geteilte Obhut eingelassen, damit die Kinder mehr von ihrem Vater haben und weil er behauptet hat, dass er es nicht erträgt, sie so wenig zu sehen! Deshalb habe ich eingewilligt! Aus Gutmütigkeit. Das hat ja alles auch finanzielle Konsequenzen! Natürlich geniesse ich es, plötzlich drei freie Abende zu haben. Aber so war das nicht geplant! 

Aber es ist ja noch nichts unterschrieben und am Donnerstag treffe ich mich mit einem neuen Anwalt. Bin sehr gespannt, wie er meine Situation beurteilt.


Die zweite Baustelle ist meine Gesundheit. Zwar schlafe ich wieder besser, aber mein lädiertes Knie macht  mir das Leben schwer und die Schmerzen sind manchmal so stark, dass ich Medikamente nehmen muss, um durch den Tag zu kommen. Das Schleppen schwerer Lasten ist Gift. Trifft sich gut, wenn man gerade umzieht... Schonen war leider kaum möglich. Letzte Woche hat ein MRI den vom Facharzt bereits geäusserten Verdacht bestätigt. Sieht nicht gut aus. Das Gelenk lässt sich zwar noch retten, der Preis dafür ist allerdings eine aufwändige OP. Ein künstlicher Beinbruch sozusagen, um den Belastungswinkel auf das Gelenk zu verändern. Sechs bis acht Wochen Gehhilfen, wenn die Heilung komplikationslos verläuft... Mit allen Risiken, die eine solche OP mit sich bringt, die da wären, Thrombosegefahr, Infekte, verletzte Gefässe und sonstige Komplikationen. Und nach sechs Monaten muss die Naht wieder geöffnet werden, um die Platten zu entfernen, die den angesägten Schienbeinknochen in die richtige Position fixiert haben. Alles in allem kein Pappenstiel und diese "Baustelle" würde eigentlich alleine für sich schon ausreichen, um ein "normales" Leben aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Ich habe in den nächsten Wochen nicht die Energie, um so etwas durchzuziehen und ein solcher Eingriff stellt mich auch logistisch vor Herausforderungen. Ich lebe auf zwei Etagen und ich frage mich, ob ich trotz Beinschienen oder Gips werde Auto fahren können. Es wird Physiotherapie angezeigt sein und in nächster Zeit wäre es ungünstig, wenn ich am Arbeitsplatz ausfallen würde. Kommt Zeit, kommt Rat...

Das führt mich zur nächsten "Baustelle". Mein Job! Es steht eine neue Umstrukturierung an und ich weiss heute nicht, in welcher Organisationseinheit und mit welchen Leuten (Vorgesetzte und Mitarbeitende) ich ab Herbst arbeiten werde. Mein Bauchgefühl ist in Alarmbereitschaft. Was sich abzeichnet, gefällt mir nicht. Es geht auch das Gerücht um, dass die Einteilung der Lohnklassen neu beurteilt werden soll. In die falsche Richtung in meinem konkreten Fall. Trifft sich gut, dass ich jetzt zum ersten Mal seit 12 Jahren WIRKLICH auf meinen Job angewiesen bin...

Und als ob das alles nicht schon genug wäre, habe ich vergangenes Wochenende einen Anruf von meiner Tante gekriegt. Sie macht sich Sorgen um meine Mutter. Weil sie so unglaublich passiv ist und sich nie aktiv meldet. Bei niemandem. Ausser bei meiner Schwester. Ich habe schon lange resigniert und mich damit abgefunden, dass meine Mutter halt leider einfach "so" ist. Die Tante vermutet nun, dass sich ein anderes Problem dahinter verbirgt. Es handelt sich um ein weit verbreitetes Problem, das die Betroffenen lange sehr gut kaschieren und vor ihrem Umfeld verbergen können und als Angehörige will man es meistens lange nicht wahrhaben, obwohl es zugegebenermassen auch in unserem Fall gewisse Indizien sowie eine familiäre Disposition dafür gibt. Meine beiden Urgrossväter mütterlicherseits hatten dieses Problem auch schon... Ich kann es nicht ausschliessen und es würde mich auch nicht wirklich überraschen. Und es würde vieles erklären, was ich bis anhin als "in die Wiege gelegte" Charaktereigenschaften interpretiert habe. 

Und plötzlich sehe ich vieles mit anderen Augen. Meine ganze Kindheit. Und das Gefühl, das ich schon als kleines Schulmädchen hatte, kommt wieder hoch. Das Gefühl irgendwie (emotional) ganz alleine zu sein. Meine Mutter hat sich nie wirklich aufrichtig dafür interessiert, wie es mir geht. Sie war da, wenn sie unbedingt gebraucht wurde. Aus Pflichtgefühl, nie aus vollem Herzen. Sie war immer zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Nicht erst seit sie Witwe ist. Das war schon immer so. Das alles wird mir nun bewusst. Und dann kommt auch immer mal wieder diese ganze verdrängte Trauer um meinen Vater hoch und manchmal empfinde ich so etwas wie Wut und habe das Gefühl, dass er sich einfach so aus dem Staub gemacht hat, weil er den ganzen Schlamassel hat kommen sehen... Das ist natürlich völlig irrational, aber ich könnte es ihm noch nicht einmal verdenken. 

Die Liste meiner Baustellen liesse sich noch fortsetzen, aber das spare ich mir für ein anderes Post auf! 

Sieht ganz danach aus, als wäre meine Midlife Crisis noch nicht ganz ausgestanden...


Sonntag, 21. April 2013

Frauenabend

Im letzten September hatte ich zufällig gelesen, dass sie wieder nach Bern kommt und im Februar 2013 ein Konzert gibt. Ein intimes Clubkonzert in einem kleinen Lokal, das ich mag. Ich habe mir gleich vier Tickets bestellt. Eines habe ich meiner ältesten Freundin V. geschenkt,  weil uns mit Annett bzw. mit einem ganz bestimmten Lied von ihr eine spezielle Erinnerung verbindet. Das andere hab ich meiner Freundin N. zum 40. Geburtstag geschenkt und eines behielt ich in Reserve, für alle Fälle...

Ein paar Tage vor dem Konzert brach sich meine Freundin V. den Fuss. Sie war untröstlich. Ich fragte meine andere Freundin M., ob sie spontan mit ihrem Mann einspringen möchte, denn das vierte Ticket hatte ich noch nicht vergeben.  Aber es kam anders. Annett musste das Konzert am Vorabend absagen, weil sie sich den Rücken verknackst hatte, wie sie Freitagabend verlauten liess! Das Ersatzkonzert wurde auf den 19. April angesetzt und so konnte meine Freundin V. nun doch dabei sein! Und in Berlin hat sich jemand sehr darüber gefreut, nun doch noch die Chance zu haben, Annett mal live zu erleben...

Es sollte nicht sein. Die Gründe sind bekannt. Ein bisschen hatte ich insgeheim gehofft, dass er trotz allem doch noch nach Bern kommen und sich ein Hotelzimmer nehmen würde, denn er hatte ja ein Flugticket. Aber der Gedanke schien ihm dann wohl auch zu unvernünftig und es war sicher besser, dass er es nicht getan hat. Und irgendwie trotzdem schade. 

So habe ich das vierte Ticket meiner Schwester geschenkt, die sich sehr darüber gefreut hat. 


Annett im Bierhübeli, 2013 (Foto by Rosalie)

Es war ein sehr schönes Konzert. Sehr intim. Wir standen ganz nah an der Bühne. Irgendwie schien es mir, als sei Annett ähnlich melancholisch drauf wie ich. Ich musste natürlich ständig an ihn denken. Ich war traurig und Annett hat die passenden Lieder zu meiner Stimmung gesungen, so dass meine Freundin N. mich zweimal am Arm berührt hat und mir einen wissenden Blick zugeworfen hat und die zwei Gläschen Prosecco (was sonst...?!) taten ein Übriges. Es war trotzdem ein schöner Abend. Wenn auch nicht ganz so unbeschwert wie ursprünglich geplant.


Den Samstag hab ich dann mit meiner Freundin V. verbracht.  Ganz zwanglos sind wir bis um zwei Uhr nachmittags im Pijama rumgesessen, haben gefrühstückt, was der Kühlschrank noch hergab und über unser Leben philosophiert. 

Wir kennen uns seit dem Kindergarten und sind uns total vertraut. Es ist diese Art von Freundschaft, wo man sich offen sagt, was man denkt. Schonungslos. Wir haben über unser Leben gesprochen und irgendwie hatte ich ein kleines Déjà-Vu. Nur waren wir diesmal nicht in meinem Zimmer im Elternhaus und sprachen über die Trennung von meinem damaligen Freund, sondern in meiner neuen wunderschönen Wohnung. Und zweiundzwanzig  Jahre älter!  Wir haben ein wenig Bilanz gezogen und über Zukunftsperspektiven gesprochen. Sie hat einen anderen Weg gewählt als ich. Den Unkonventionellen. Sie lebt alleine, hat keine Kinder, ist selbständig erwerbend, hat alle möglichen Ausbildungen gemacht und sucht irgendwie bis heute nach ihrer Berufung. 

Es war ein sehr intimer Samstagmorgen und dann hat sie ungefragt damit begonnen, meine Wohnung umzudekorieren. Sie hat meine Möwen auf die neue Vitrine gestellt und wir haben den Esstisch herumgeschoben und schliesslich wieder zurück an seinen ursprünglichen Platz gestellt. 


Rosalies Möwenkollektion

Wir haben verschiedene Möbel umgestellt und von einem Zimmer ins andere verschoben und wir haben uns ausgedacht, wie man das Zimmer von meinem Sohn am besten einrichten könnte. Und dann hat sie etwas gesagt, das mich sehr gefreut hat! 

Sie sagte: "Rosalie, weisst Du was mir auffällt? Wenn Du hier in Deiner Wohnung bist, bewegst Du Dich viel ruhiger! Du wirkst irgendwie viel weniger nervös und rastlos als sonst!" 

Ich glaube, da ist was dran!  Diese Wohnung und die ganze Umgebung wirken irgendwie so geerdet und man fühlt sich hier gleich wohl und geborgen. Den Eindruck hatte ich schon bei der ersten Besichtigung und der Vormieter hat dasselbe gesagt. Die neue Umgebung  lässt mich endlich zur Ruhe kommen! :-)

Und zum Schluss nochmals Annett. Eines der vielen (passenden) Lieder, das sie am Freitag in Bern auch gesungen hat.








Sonntag, 14. April 2013

Unterschiedliche Lebensphasen

Zu schnell, zu intensiv, unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensphasen und vor allem der falsche Zeitpunkt. Das alles hat dazu geführt, dass ich mich nach elf Wochen zurückgezogen habe. 

Es hatte sich angefühlt wie Liebe. Alles hat sich rasend schnell entwickelt und wir haben viele Stunden mit dem Schreiben von Nachrichten verbracht. Das Schreiben war es denn auch, das uns zusammengeführt hat und einen grossen Teil der Faszination ausmachte. Und es hat sich gleich alles so vertraut angefühlt. Im schriftlichen Austausch sowieso aber auch als wir uns im realen Leben getroffen haben. Und zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren war da plötzlich jemand, der von Liebe sprach. Das hat sich so gut angefühlt, nachdem "Liebe" in meinen letzten "Beziehungen" ja immer ein Tabuthema war. 

Es war eine glückliche Fügung des Schicksals, die es überhaupt möglich gemacht hatte, dass ich mir dreimal hintereinander innert weniger Wochen für einen oder zwei Tage Zeitfenster organisieren konnte, damit wir uns persönlich treffen konnten. Es war eine kurze Flucht aus meinem zurzeit sehr anspruchsvollen Alltag. Beide Kinder waren innerhalb von einem Monat je eine Woche abwesend und mein Mann hat sie begleitet. (Stichwort Skilager.) Zudem konnte ich mich aus den Skiferien zurückziehen unter dem Vorwand, ins Büro zu müssen. 

Schon wieder Lügen, schon wieder Heimlichkeiten. Genau das, was ich ja eigentlich nicht mehr gewollt habe. Das war ja einer der Gründe, die mich veranlasst haben, endlich die Trennung durchzuziehen. 

Wenn er zu mir in die Wohnung kam, musste ich meinen Freund durch die Terrassentüre  ins Haus bitten, weil ich mitten im Dorf wohne und die Enkelkinder der Dame vis-à-vis mit meinen Kindern in die selbe Schulklasse gehen. Diskretion ist meiner Einschätzung nach nicht eine ihrer Kernkompetenzen. Wenn sie zufällig aus dem Fenster geschaut und Madame Rosalie mit männlicher Begleitung das Haus hätte betreten sehen, womöglich noch zu nächtlicher Stunde, hätte sie diese Beobachtung kaum für sich behalten können. 

Ich habe realisiert, dass die Trennung von meinem Mann und der Umstand, dass ich jetzt alleine wohne, noch nicht bedeutet, dass ich nichts mehr verheimlichen muss. Weil der Zeitpunkt für einen neuen Mann in meinem Leben einfach noch nicht reif ist. Mein hochsensibler Sohn würde einen seelischen Knacks erleiden und er würde es mir vielleicht nie verzeihen, dass ich die Familie (in seiner Wahrnehmung: ihn!)  wegen einem anderen Mann verlassen habe. Was ja nicht stimmt - aber so würde es aussehen und so würde er es empfinden. Und er würde sich wohl noch mehr in seine virtuelle Welt zurückziehen. 

Wenn er tun und lassen dürfte, was er wollte, würde er jeden Tag mindestens zehn Stunden mit dem Headset vor seinem Notebook sitzen und in seine virtuelle Minecraft-Welt eintauchen und gleichzeitig per Skype mit seinen Freunden, deren Avatare auf dem selben Server unterwegs sind, kommunizieren. Sie sprechen miteinander ab, was sie auf dem Bildschirm gerade tun. Sie bauen neue Welten, kämpfen gegen Eindringlinge, verbünden sich mit andern und hin und wieder werden fremde Bauten und ganze Welten in die Luft gesprengt, deren Aufbau zahllose Stunden in Anspruch genommen hat. Was dann mitunter dazu führt, dass man SMS von andern Müttern kriegt (!) oder den Frust und die Tränen des Kindes ertragen muss. Seit Wochen und Monaten dreht sich bei ihm alles nur noch um Minecraft. Er kann und will in seiner Freizeit nichts anderes mehr tun und weiss nichts mehr mit sich anzufangen. Das macht mir grosse Sorgen. 

Gestern Abend bin ich gegen 22.30 Uhr eingeschlafen und als ich heute Nacht um 01.30 Uhr kurz aufgewacht bin, sass er noch immer vor dem Computer, obwohl ich um 22.00 Uhr gesagt habe, dass er jetzt Schluss machen muss. Das passiert jetzt schon zum zweiten Mal! Vor einer Woche bin ich auch schon kurz vor zwei Uhr aus dem Schlaf erwacht  und er sass noch immer vor dem Bildschirm und hat mit einem Freund gesprochen!!! Ich habe einen solchen Schreck gekriegt, dass mein Herz wieder "hängengeblieben" ist. Tachykardie! Puls um die 200. Glücklicherweise habe ich es mit Luft anhalten und Pressübungen geschafft, dass mein Herz wieder aus diesem ungesunden Takt geraten bzw.  gestolpert ist und der Puls auf ein erträgliches Niveau gefallen ist. Von 200 auf gefühlte 100. Irgendwann bin ich dann wieder eingeschlafen und am Morgen war alles wieder normal. Aber es zeigt mir, wie sehr mich die aktuelle emotionale Situation belastet. Es ist einfach ALLES zuviel.

Ich sollte die Wohnung einrichten. Ich sollte meine restlichen Sachen aus dem Haus holen. Schränke und Regale zusammenbauen. Einen neuen Anwalt suchen. Meinen Papierkram erledigen und eigentlich sollte ich drei Tage pro Woche ins Büro, um die zahlreichen Pendenzen aufzuarbeiten. Und ich sollte mich mehr um die Kinder kümmern. So vieles, was ich tun sollte.

Wie kann ich meinem Sohn erklären, dass es ihm schadet, wenn er mehr als fünf (zwei?) Stunden täglich vor dem Computer sitzt, wenn ich selber ständig auf ein Handydisplay oder auf einen Compterscreen schaue?! Zwanzig, dreissig (und mehr...) WhatsApp pro Tag wollen ja gelesen und vor allem beantwortet werden. Und dann ist da ja noch mein Blog, das auf einen neuen Eintrag wartet, unbeantwortete Kommentare und Mails. Ich bewege mich ja auch ständig in einer virtuellen Welt, auch wenn sie sich manchmal mit der echten Welt überschneidet, wobei sie das bei meinem Sohn ja auch tut. 

Und dann war da noch mein Freund in Berlin,  der doch auch gerne mehr von mir gehabt hätte, der sehnsüchtig auf einen neuen Countdown wartete, auf ein nächstes Treffen, der davon geträumt hat, zu mir in die Schweiz zu kommen und hier zu leben, ein Teil meines Alltags zu werden. Der sich gerade in einer so ganz anderen Lebensphase befand. Dessen Leben so viel ruhiger war als meins und der so viel mehr Zeit hatte als ich.  Es hat mich zunehmend überfordert. 

Es wäre verlockend gewesen, die Phase der Trauer einfach zu überspringen und nahtlos von einer Beziehung, die 19 Jahre gedauert hat in die nächste zu wechseln. Es hat nicht funktioniert.  Ich habe das Gefühl, mich selbst zu verlieren, weil ich mich ständig nach allen Richtungen hin verbiegen muss, um allen Ansprüchen gerecht zu werden. Denen meines Ehemannes, denen der Kinder, meiner Mutter, des Arbeitgebers und denen meines Freundes. Und wo bleibe ich? Ich muss zur Ruhe kommen, sonst brennt die Kerze aus. 

Es ist mir in den letzten zwei Wochen dreimal passiert, dass ich abends in Gedanken am Steuer sass und an meinem neuen Haus vorbeigefahren bin, weil ich die Einfahrt verpasst habe... Ich bin da noch nicht ganz angekommen. Und im Haus, das ich selbst mit aufgebaut und 15 Jahre lang bewohnt habe, in dessen Garten ich so viele Stunden verbracht habe und jede einzelne Pflanze, jeder Strauch, jeder Topf seine Geschichte hat, dort bin ich auch nicht mehr richtig daheim. Es ist ein seltsames Gefühl, abends nach dem Büro daran vorbeizufahren. Ich sehe  manchmal die Silhouetten meiner Familie hinter den beleuchteten Fenstern. Mein Mann vor dem TV oder in seinem Büro. Mein Sohn in seinem Zimmer, vermutlich vor dem Computer, und die Kleine wird wohl irgendwo im Haus herumwuseln.  Und ich fahre am Haus vorbei zu meiner Wohnung oder eben daran vorbei und frage mich, ob ich das Richtige getan habe. Ob ich nicht zu egoistisch gewesen bin. Ob ich einen Fehler gemacht habe, die Obhut aufzuteilen. Und manchmal erschrecke ich ab meinem eigenen Mut.

Dann parkiere ich vor diesem noch etwas fremden Haus und schaue als Erstes, ob der Mann, der die Dachwohnung gemietet hat, zu Hause ist. Er ist auch viel unterwegs und irgendwie finde ich es tröstlich, wenn oben unter dem Dach Licht brennt. Auch wenn ich mich noch daran gewöhnen muss, dass über mir jetzt Schritte zu hören sind und das Quietschen von Holzstühlen auf Parkett. Und manchmal sind seltsame Geräusche zu hören. Niest er oder was zum Teufel tut der Mann über mir? Er ist auch nachtaktiv wie ich und die Geräusche verstummen oft erst nach Mitternacht. 
Es stört mich nicht und es macht mir auch nichts aus, alleine im Haus zu sein - aber das Gefühl, dass ich doch bei meinen Kindern sein sollte, lässt sich auch nicht abstreifen.

Meine neue Beziehung hat mich zunehmend belastet. Das vierte Treffen hätte fast in einem Fiasko geendet, weil die Familie früher als erwartet aus dem Wochenende aus den Bergen zurückkam und es war eine nette Geste des Universums, dass mein Sohn mich von unterwegs auf dem Handy angerufen und "vorgewarnt" hat und manchmal sind 100 km ein Segen, so dass gerade noch genügend Zeit blieb, meinen Freund ins nahe Städtchen zu fahren, mit der Bitte, sich doch für ein paar Stunden die örtlichen Sehenswürdigkeiten anzusehen, bis ich wieder disponibel bin. Eine sehr belastende Situation, wie man sich unschwer vorstellen kann. Kaum war ich zurück, kam die Familie mit der vollbeladenen Familienkutsche aus der Ferienwohnung und die Kleine wollte natürlich bei mir bleiben... Ich musste sie unter einem fadenscheinigen Argument bitten, mit Papa ins Haus zurückzufahren. Am Sonntag wollten sie mir am Vormittag Croissants bringen und ein Möbel... und wieder hatte das Universum ein Einsehen und liess meinen Mann vorher ein WhatsApp schreiben...  Und ich schaute entgeistert aufs Handydisplay und dann zu meinem Freund und musste mir ganz schnell eine gute Ausrede einfallen lassen... Stress pur. 

Beim letzten Treffen haben wir dann ein Hotelzimmer gebucht...

Nächstes Wochenende wäre ein weiteres  Treffen geplant gewesen. Die Flüge schon seit Februar gebucht. Und im Juni gemeinsame Ferien. Zehn Tage! Ich hatte mich in der ersten Euphorie dazu hinreissen lassen, weil er es sich so sehr gewünscht hat. Später ist mir bewusst geworden, dass ich noch gar nie zehn Tage ohne meine Kinder gewesen bin. Und was würde meine Familie sagen, wenn ich so kurz nach der Trennung einfach mal für zehn Tage wegfahre?! Und das in der Zeit, wo die meisten Klausuren stattfinden, kurz vor Ende des Schuljahrs. Und wieder hätte ich lügen müssen. Es ist mir alles zu viel geworden. Ich musste die Notbremse ziehen. 

Ich muss zur Ruhe kommen. Ich will diese Heimlichkeiten nicht mehr und ich habe realisiert, dass ich überhaupt keine freien Ressourcen habe, um eine neue Beziehung einzugehen. Für meinen Freund ist das alles sehr schwer, weil er sich in einer ganz anderen Lebensphase befindet. Er ist bereit für eine neue Beziehung. Ich musste erkennen, dass ich es nicht bin. Ich brauche jetzt ganz viel Zeit für mich und für meinen Neuanfang. Er hätte mich so gerne dabei unterstützt. Aber das geht leider nicht. Manchmal kommt man im Leben an einen Punkt, an dem man sich ganz auf sich selbst konzentrieren muss. Es ist ein Entwicklungsprozess. Es ist irgendwie auch Trauerarbeit. Das kann einem niemand abnehmen. Da muss man ganz alleine durch. 


Donnerstag, 11. April 2013

Temporary not available

Rosalies M.C. war und ist bald wieder wegen "Umbauarbeiten" auf privat gesetzt. Bitte habt Geduld! Ich werde mich melden und das Blog wieder freischalten.  Eure Rosalie (rosaliesblog ät gmail.com)

Donnerstag, 4. April 2013

Zügelstress

Der Zügelstress (für meine deutschen Leser: "Umzugsstress") fordert seinen Tribut. Ich bin erschöpft. Auch emotional. Es ist unglaublich anstrengend im Moment. Ich bin in den letzten zehn Tagen ungefähr 1000 Autokilometer gefahren (zweimal Ferienwohnung retour), habe Stunden in Möbelhäusern verbracht, neue Möbel gekauft und zusammengeschraubt, alte ab- und wieder aufgebaut, unzählige Kisten und Kartons ins Auto geladen und am neuen Ort wieder ausgeladen  (Treppchen rauf, Treppchen runter)  und das alles zu einem Grossteil im Alleingang und mit einem lädierten Kniegelenk, das bei jedem Schritt schmerzt und abends gefühlt doppelt so dick ist wie morgens nach dem Aufstehen.


Ich habe realisiert, dass ich viel zu viel Habe besitze und mir den Kopf darüber zerbrochen, wie und wo  ich das alles unterbringen soll. Ich muss ausmisten. Radikal.


Immerhin ist die Ferienwohnung geräumt und abgegeben und ich habe fürs Wohnzimmer passende Möbel gefunden, die mir sehr gut gefallen!


Im übrigen zerbreche ich mir immer noch den Kopf über einzelne Punkte der Trennungsvereinbarung, die nach wie vor nicht unterzeichnet ist und es kostet Energie, meinem Mann die Stirn zu bieten. Einiges ist noch unklar und ich muss mich davor hüten, mündlich irgendwelche Zugeständnisse zu machen, die mir dann als Versprechen ausgelegt werden, obwohl sie als Diskussionsgrundlage gedacht waren. Abweichende Wahrnehmungen sind einmal mehr ein Problem. Die Anwältin ist seit dem Gespräch mit meinem Mann befangen und ich habe nun eine neue Adresse und werde gleich einen Termin vereinbaren. Suboptimal, aber leider unumgänglich.


Mein Mann macht noch immer Druck und will, dass ich vorwärts mache. Das erste Etappenziel (1. April)  habe ich erreicht, das nächste gilt es zu erfüllen. Bis Mitte April möchte ich alle meine persönlichen Gegenstände in der Wohnung haben. Mein Mann will das Haus umgestalten und hat sich gerade eine Sofalandschaft samt "Chefsessel" liefern lassen, die sich (was die Ausmasse und das Erscheinungsbild betrifft) in der Lobby einer grossen Anwaltkanzlei gut machen würde und ungefähr so viel gekostet hat wie meine gesamte Wohnungseinrichtung. 

Ein geplantes bzw. gebuchtes Treffen mit meinem männlichen Pendant musste ich kurzfristig absagen, weil der Druck einfach zu gross geworden ist. Es ist mir schwer gefallen, ihn so zu enttäuschen. 

Das alles geht mir emotional an die Substanz und ich habe das Gefühl, dass die Kinder im Moment zu kurz kommen. Sie brauchen mich gerade sehr und ihr Wohl steht an erster Stelle. 

Dieser Neuanfang fordert mir wirklich alles ab.