Montag, 16. Mai 2011

Müde und traurig

Ich sitze in „meinem“ Zimmer, das überquillt vor lauter Sachen. Seit Jahren spreche ich davon, dass ich aus diesem Bügel- und Abstellzimmer mein persönliches Refugium machen will. Ein Gästezimmer, mein Zimmer, wo ich alle meine Kostbarkeiten ausstellen kann, die irgendwo rumstehen oder in Kisten stecken, wo ich mich verwirklichen kann. Das ich ganz nach meinem Gusto einrichte, die Wände farbig streiche, lila oder hellgrün. Wo ich die antiken Postkarten und Bücher ausstellen kann, mit denen mein Mann nichts anfangen kann, meine Preziosen und die hübschen Dinge, die ich in den letzten 25 Jahren zusammengetragen habe. Aber noch ist alles überstellt mit Bergen von Papier, irgendwelchen Dingen, die nirgends Platz finden, Basteleien und Zeichnungen der Kinder, Kartons mit Lektüre, kiloweise Zeitschriften, die ich irgendwann noch lesen wollte, Memorabilien aus meinem Leben und aus dem Leben meiner Kinder, unzählige Schachteln mit Fotos, eine Wand voller Ordner und noch viel mehr Papier, das irgendwo eingeordnet werden sollte, dazwischen der alte englische Schreibtisch vom verstorbenen Grossonkel, auch er überstellt mit Papier und Dingen, ein Eckschrank, vollgestopft mit Jacken und Mänteln, die ich zum Teil nicht  mehr trage oder von denen ich gar nicht mehr weiss, dass ich sie besitze. Hellblau-weiss gestreifte Gartenstuhlkissen, die ich irgendwann einmal zum halben Preis gekauft habe, dazwischen ein Ständer mit frisch gewaschenen Hemden und Blusen, die darauf warten, gebügelt zu werden. In der Ecke der Staubsauger und ein zusammengeklappter Wäscheständer und ein paar Bilder von meinem Mann, die wir nicht mehr aufhängen mögen. Noch mehr Kindersachen, eine Schachtel mit Kindergeburtstagsdeko, die höchstwahrscheinlich beim nächsten Kindergeburtstag gerade nicht auffindbar sein wird, wobei die Piratengirlande vermutlich nicht mehr passend ist für den anstehenden 10. Geburtstag und Prinzessin Lillifee war auch schon aktueller... Schachteln mit Dingen von meinen verstorbenen Grosseltern, eine Kiste mit Videokassetten mit TV-Aufzeichnungen von Informationssendungen, auf denen ich teilweise im Hintergrund zu sehen bin und die eine längst vergangene Zeit aus meinem Berufsleben dokumentieren und die ich irgendwann noch digitalisieren möchte… Am Fenster die IKEA-Schreibtischplatte, zwei Meter lang und überstellt. Links der grosse Drucker, der gerade nicht funktioniert, weil zwei Tintenpatronen leer sind, rechts vom Laptop der neue Scanner, mit dem ich die alten Fotos digitalisieren will und den ich immer noch nicht ausprobiert habe. Es ist einfach so viel, dass ich nicht weiss, wo ich anfangen soll. Man müsste neue Schränke kaufen und aufstellen… aber niemand hat Zeit und Lust. Irgendwie quillt das ganze Haus über und wir haben einfach viel zu wenig Stauraum.  Ein Chaos im Zimmer, ein Chaos in meinem Kopf und ganz viel Ballast…

Das Zimmer muss warten. So viele andere Dinge hätten Priorität. Ich sollte Rechnungen zahlen, meine Buchhaltung in Ordnung bringen, meinen Kleiderschrank ausmisten, die Kleiderschränke der Kinder ausmisten…  Das Zimmer der Tochter aufräumen, Termine vereinbaren, zwei IKEA-Kommoden zusammenbauen, die seit Monaten im Karton auf der Galerie herumstehen, den Filter des Aquariums putzen, das grössere Aquarium, das seit einem halben Jahr in der Garage steht, endlich putzen und in Betrieb nehmen, einem Freund schreiben, der kürzlich seine Frau verloren hat. Im Garten jäten und ganz viele Stauden pflanzen, die noch in Töpfchen herumstehen und eine Kiste voller Irisrhizome einpflanzen oder sie endgültig wegschmeissen. Den Keller aufräumen… Die Garage neu streichen… die Grundierung und die Farbe ich habe ich schon lange gekauft… Und den Bericht von Mr. Charming verfassen. Das ist viel schwieriger, als ich gedacht habe… Diese Geschichte hat mein Leben verändert und ich habe Angst, dass mein Bericht zu trivial ausfällt, oder dass ich meine Gefühle nicht adäquat in Worte fassen kann. Ich habe begonnen, darüber zu schreiben. Bald werde ich so weit sein…

Aber nicht heute. Und so sitze ich vor meinem Notebook und schreibe, was mir jetzt gerade durch den Kopf geht. Dabei hätte ich überhaupt keine Zeit zum Schreiben…


Schaue aus dem Fenster ins Grüne. Die Rosa moyesii, die ich vor gut 10 Jahren gepflanzt habe, steht in voller Blüte und die roten Blütenblätter regnen auf die Treppenstufen. Alles spriesst in frischem Grün. Der Gartenrotschwanz, der im Storenkasten nistet, schaut mich durch die halbgeöffneten Lamellen an und überlegt sich, ob er den Anflug trotz meiner Präsenz wagen soll, um seiner brütenden Vogeldame das Insekt zu füttern, das er gerade im Schnabel festhält.

Ich fühle mich müde. Extrem müde, melancholisch und traurig. Und muss an die arme alte Dame denken, die ein paar Häuser weiter lebt und vor drei Wochen ihren Ehemann verloren hat. Sie waren ein Herz und eine Seele. Ich habe es erst gestern erfahren und es hat mich sehr betroffen gemacht. Ich habe ihn sehr gern gehabt. Er war eine Seele von einem Mann. Sensibel, feinfühlig, bescheiden. Mehr als einmal ist er spontan vorbeigekommen, um einen selbst gebackenen Kuchen vorbeizubringen. Er war gelernter Konditor. Letzten Frühling hatten wir ihm noch geholfen, das Brennholz für den Cheminéeofen in seine Wohnung bzw. auf den Dachboden hochzutragen. Oft haben wir zusammen gesprochen, wenn die beiden Arm in Arm an unserem Haus vorbei spaziert sind und ich gerade im Garten war. Er hat immer gefragt, wie es den Kindern gehe, meinem Mann, den Schwiegereltern. Er und seine Frau haben viel dazu beigetragen, dass wir uns hier im welschen Teil der Schweiz so gut aufgenommen gefühlt haben. Nun ist er gestorben und wir haben es nicht einmal erfahren. Das macht mich unglaublich traurig. Ich hätte es eigentlich wissen müssen. Die vielen Autos aus der ganzen Schweiz und dem benachbarten Ausland sind mir schon aufgefallen. Aber ich habe gedacht, er sei vielleicht im Spital. Aber leider nicht nachgefragt. War zu sehr mit meinen eigenen Problemen beschäftigt. Die Todesanzeige ist in der französischen Lokalzeitung publiziert worden. Wir haben eine Deutschschweizer Zeitung abonniert. Und die Nachbarn haben auch nichts gesagt. Das gibt mir zu denken.

Ich höre noch immer seine Stimme, sein Lachen.  Es muss unglaublich schwer sein für seine Frau.  Ich werde jetzt eine Kondolenzkarte schreiben, durch den Garten gehen und einen Rosenstrauss pflücken und ihr einen kurzen Besuch abstatten. Die Tränen steigen mir in die Augen, wenn ich nur schon daran denke. Das wird nicht einfach werden. Ich bin ohnehin in einer äusserst labilen Gemütsverfassung und mit PMS hat dies leider nichts zu tun.  Ein schwieriger Gang. Aber ich muss ihn wohl gehen. Mein Mann kann mich nicht begleiten. Solche Gefühlsdinge überfordern ihn.  

5 Kommentare:

  1. Inzwischen wirst Du sicher schon zurück sein.. mein Vorschlag wäre, von Deiner Liste dann auch als Nächstes den Brief an den Freund zu schreiben.. Einen Schritt nach dem Anderen, aber das scheint wichtig zu sein.
    Deine Rose ist ja ein Traum..

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  2. Kleine wichtige Frage: und für was genau ist Dein Mann zuständig?

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  3. @Frau Vau

    Du hast recht. Das werde ich nicht länger aufschieben. Eigentlich ist/war er ein Freund von meinem Mann. Sie waren an unserem Hochzeit eingeladen und wir an ihrem. Leider hatten wir in den letzten Jahren nicht mehr sehr viel Konktakt aber ich habe die beiden sehr geschätzt. Sie hatte schon länger gesundheitliche Probleme und im Januar ist sie überraschend gestorben. Wenige Tage nach ihrem 46. Geburtstag! Mein Mann hat die Beerdigung zwischen zwei Sitzungen reingeschoben (wir sind getrennt hingefahren) und ich war emotional nicht in der Lage, nach dem Gottesdienst noch zu bleiben. So haben wir ihn nur ganz kurz gesehen und ich habe ihm nach der Beerdigung ein langes eMail geschrieben. Er hat umgehend geantwortet und nun vor einem Monat auf das Danksagungszirkular von Hand sehr berührende Worte geschrieben und für unsere Freundschaft gedankt. Da wäre eine Reaktion unsererseits wirklich angebracht - zumal es für ihn unglaublich schwierig sein muss, ohne sie weiterzugehen. Sie war seine grosse Liebe. 23 gemeinsame Jahre...

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  4. @anonym

    Hab mir schon gedacht, dass diese Frage kommt ;-)

    Er arbeitet ca. 60-80 Std. pro Woche - und das seit gut 10 Jahren. Da bleibt nicht mehr so viel Zeit übrig. Abends ist er immer sehr müde und schläft oft nach der Tagesschau vor dem TV ein, während ich die Kinder ins Bett bringe. Im Garten pflegt er die Rosenstöcke (ca. 70 Stk.), die Obstbäume und den Rasen. Er kocht jeweils am Wochenende, besorgt auch öfters den Wochenendeinkauf am Samstag morgen und bringt dann auch gleich das Altglas, Zeitungen etc. zur Sammelstelle. Manchmal machen wir das auch gemeinsam. Er erledigt die Familienbuchhaltung (wir haben zwei Buchhaltungen...) und er geht mit der Tochter in den Schwimmkurs (wenn nichts dazwischen kommt...). Er kann auch die Waschmaschine bedienen. Er hat ja alleine gelebt, als wir uns kennengelernt haben, und er ist der Ansicht, dass er die bessere Hausfrau wäre (da hat er vermutlich sogar recht...) und dass er eigentlich auch gerne Hausmann wäre, wenn ich genug Geld verdienen würde...

    Das meint er aber nicht so, denn ich würde genug verdienen, aber dann müssten wir unsere Ansprüche zurückschrauben, und das will er nicht - und ich eigentlich auch nicht...

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  5. Liebe Rosalie,
    nun hast Du ja diesen Tag im Mai lange hinter Dich bringen können.

    Ich lese mich von Posting zu Posting und hätte zu allen etwas sagen mögen. Aber bei jedem habe ich mir gedacht: nein, es macht keinen Sinn, Postings aus dem vergangenen halben Jahr zu kommentieren, du schilderst lieber Deinen Gesamteindruck, sobald du alles gelesen hast. Und das mache ich dann auch noch gern!

    Doch hier möchte ich trotzdem einmal etwas sagen:

    "Solche Gefühlsdinge" wie Du es nennst, überfordern uns alle. Die Größe von Menschen zeigt sich, wenn sie sich trotzdem dazu überwinden.

    Jemandem etwas Mitgefühl zeigen zu können wiegt doch die Angst vor der schwierigen Situation etwas auf.

    Du machst es Deinem Mann sehr leicht, wenn Du ihm dieses komplett abnimmst und solche Lasten alleine trägst.

    Liebe Grüße
    vom Rostkopp

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