Das erste Gespräch
Auf der Rückfahrt ins Hotel war ich immer noch in diesem tranceähnlichen Zustand und gab mir alle Mühe, die Reste meines Verstands zusammenzusuchen und wieder einen klaren Kopf zu kriegen. Ich versuchte zu analysieren, was genau eigentlich geschehen war. War das Liebe auf den ersten Blick? Oder einfach eine starke erotische Anziehungskraft? Es liess sich nicht leugnen, dass der Gedanke an diesen Mann bei mir ein sehr angenehmes Kribbeln in gewissen Regionen meines Körpers auslöste. Ich konnte mich nicht erinnern, so etwas schon einmal erlebt zu haben. Jedenfalls nicht in dieser Intensität und schon gar nicht in den letzten 15 Jahren...
Als ich den Bus verliess, lächelten wir uns zu. Ich ging in mein Zimmer, nahm eine kühle (!) Dusche und versuchte, wieder zur Besinnung zu kommen. Dann machte ich mich fein fürs Abendessen.
Ich betrat den für unsere Gruppe reservierten Speisesaal als Letzte und suchte einen freien Platz. Alle Tische waren besetzt - bis auf einen. An diesem Vierertisch sass eine sehr elegante Dame Ende Fünfzig und ihr gegenüber... ER. Wie hätte es auch anders sein können... Meine Pulsfrequenz stieg bedrohlich an, aber ich gab mir Mühe, einen "souveränen" Eindruck zu machen, grüsste freundlich und setzte mich schliesslich neben die Dame. Die beiden waren schon beim Rotwein und ich brauchte jetzt erst einmal ein Apéritif und bestellte ein Glas Sauvignon Blanc. Wir stiessen mit den Gläsern an (klingend - ist so eine schweizer "Unsitte") und machten Santé (also Prost, Cheers...) und nannten unsere Vornamen. Er hatte eine angenehme Stimme und versuchte ebenfalls eine gewisse Verlegenheit zu überspielen. Ich nahm mit Genugtuung zur Kenntnis, dass ihn meine Anwesenheit anscheinend ebenfalls ein wenig nervös machte und schloss daraus, dass ich ihm wohl auch nicht ganz gleichgültig war.
Dann begann er mich auszufragen. Er wollte wissen, wo ich wohnte und was und wo ich arbeitete. Ich antwortete zunächst nur ausweichend und zurückhaltend. Er liess jedoch nicht locker und wollte es genauer wissen. Als er den Namen und den Ort meines Arbeitsgebers erfuhr, lächelte er und bemerkte, dass er eine Frau kenne, die auch dort arbeiten würde. Es stellte sich dann heraus, dass ich sie ebenfalls kenne... In unserem Bürogebäude arbeiten mindestens 400 Personen. Die einzige Person, die er kannte, war die Frau, mit der ich die letzten 10 Jahre im gleichen Team zusammengearbeitet und mit der ich mehrere Jahre sogar das Büro geteilt hatte... Es stellte sich dann heraus, dass er in einer Ortschaft nur wenige Kilometer von meinem Arbeitsort entfernt wohnte. Was für ein Zufall!
Wir sprachen über die Arbeit, über die Reise, über unsere Kinder und es wurde ein sehr anregender Abend. Natürlich unterhielten wir uns auch mit der netten Dame am Tisch und ich nehme an, es ist ihr nicht entgangen, was zwischen ihm und mir abgelaufen ist. Ich fühlte mich 20 Jahre zurückversetzt und wie frisch verliebt...
Nach dem Essen trennten sich unsere Wege und er wurde von andern Damen der Reisegesellschaft in "Beschlag" genommen...
Als ich dann später (alleine!) im Bett lag und nicht einschlafen konnte, dachte ich an ihn und eine tiefe Sehnsucht überfiel mich, und ich fühlte eine unglaubliche Zuneigung für diesen Mann!
Tönt schrecklich kitschig - war aber so...
Wäre dies ein Kinofilm gewesen, hätte sie ihm diskret einen Zettel mit der Zimmernummer zugesteckt oder er hätte einen Vorwand gefunden, zu nächtlicher Stunde an ihre Zimmertüre zu klopfen, sie hätte die Türe einen Spalt weit geöffnet und ihn ins Zimmer gezogen, wo sie einander leidenschaftlich geküsst, sich die Kleider vom Leib gerissen und sich die ganze Nacht lang geliebt hätten...
Im "real life" hingegen lag Rosalie alleine und einsam in ihrem Bett und wartete auf den nächsten Morgen und fragte sich, in welchem Film sie gerade die Hauptrolle spielte und was der "Regisseur" sich bloss dabei gedacht hatte und wohin das alles führen sollte...
(to be continued)
Gott würfelt nicht! Albert Einstein
AntwortenLöschenWas für eine schicksalhafte Begegnung. Bin gespannt auf die Fortsetzung ;-)