Dienstag, 13. September 2011

Prinz "Charming"

Früher kamen Märchenprinzen auf einem Schimmel dahergeritten. Zumindest derjenige in unserem (ich spreche von Frauen in meinem Alter) Lieblingsmärchen. Heute fahren sie riesige, metallisch glänzende, futuristisch anmutende Edelcars. Zumindest Rosalies ganz persönlicher Märchenprinz. Und seit sie ihn getroffen hat,  sieht sie auf den Strassen überall Reisebusse.  Und jedesmal, wenn einer ihren Weg kreuzt, spürt sie einen fiesen kleinen Stich in der Herzgegend. Und sie denkt an IHN...

Die Unternehmung, für die er arbeitet, besitzt weniger als ein Dutzend dieser edlen Fahrzeuge. Die Chance, einem davon irgendwo auf Schweizer Strassen zufällig zu begegnen, ist relativ klein. Ein Jahr lang hat sie nach ihm Ausschau gehalten, wann immer sie im Strassenverkehr einen Reisecar erspäht hat. Ein Jahr nach dem ersten Treffen hat sie IHN gekreuzt. Auf der Autobahn. Sie hat ihn für den Bruchteil einer Sekunde auf der gegenüberliegenden Fahrbahn wahrgenommen und instinktiv erkannt. Es war der Tag, als sie Platon das erste Mal getroffen hat. Seltsamer Zufall.

Und heute ist Rosalie am frühen Nachmittag auf der Autobahn in die grosse Stadt gefahren und... hat ihren Augen kaum getraut. Gleich zwei dieser edlen Reisecars besagter Unternehmung sind ihr auf der gegenüberliegenden Autobahn hintereinander entgegengekommen. Den ersten Fahrer hat sie nicht erkennen können, der zweite war definitiv nicht der gesuchte Mann. Diese kurze Begegnung hat ihren Puls in die Höhe schnellen lassen und ihr einen Stich versetzt. Sehnsuchtsattacke. Herzschmerz.

Am Abend dann, als sie die Kinder in die Tennisstunde gefahren hat, geschieht das Unglaubliche. Die beiden Reisecars kommen ihr auf der Hauptstrasse wieder entgegen. Drei Stunden später und 30 km entfernt von der ersten Begegnung. Der erste Fahrer ist es nicht... und der Zweite? Fehlanzeige. Schade! Wäre zu schön gewesen...
Melancholie macht sich breit. Nichts ist vorbei. Gar nichts.





10 Kommentare:

  1. Liebe Rosalie, die Sache mit dem Prinzen ist ein Märchen ;-)

    Kennst Du die tiefenpsychologische Deutung dieses Märchens? Eugen Drewermann Bücher sind lesenwert: http://www.die-lebensenergie.de/die_marchen.html

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Luisa

    Ich weiss. Und ich falle immer noch drauf rein... Heute morgen bin ich aufgestanden und habe mir gedacht "Shit! Was hast Du bloss für einen Mist zusammengeschrieben!" Märchenprinzen sind ein Schmarren... Im real life würde der Adlige das liebliche Aschenbrödel sicher früher oder später mit der Kammerzofe betrügen und sie würde vermutlich im Kindbett sterben oder sich ganz unstandesgemäss in den Stallmeister verlieben... Und überhaupt. Mit 42 sollte ich es doch eigentlich wirklich besser wissen! Werde mir Deinen Literaturtipp zu Gemüte führen, mir einen Liebhaber nehmen oder besser zwei oder drei, damit ich mich nicht wieder von jemandem emotional abhängig mache und kaufe mir selbst ein Schloss! Werde heute Lotto spielen. Liebe Grüsse!

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Rosalie

    Punkt 1: Ob man es als Mist bezeichnen will, was wir hier schreibenderweise aus unseren Gehirnen auf den Bildschirm bringen, hängt von den Qualitätskriterien ab, die wir an die Texte legen.

    Punkt 2 (betrifft Luisa, Grüsse meinerseits): Einer Frau zu sagen, dass "Drei Nüsse für Aschenbrödel" nur ein Märchen und der Prinz eine Utopie sei, und dass frau den Film, wenn überhaupt, immer mit der nötigen inneren Distanz zur Handlung schauen soll, ist genau so sinnvoll wie einem Junkie zu sagen, dass Heroin süchtig mache und er aus diesem Grund doch den Stoff einfach lassen kann.

    Punkte 3: Das Faszinierende an dieser tschechischen Verfilmung ist ja, dass sie so etwas wie die Quadratur des Kreises schafft, indem sie klassische und emanzipierte Frauenrollen in einer Person (einer ausnehmend hübschen Person, zugegeben) vereint.

    Das Aschenbrödel im Film ist nämlich gar kein so wehrloses "Huscheli" wie ihre Namensschwester im Grimm-Märchen, sondern eher ein keckes Ding, das den mitunter leicht begriffsstutzigen Prinzen und seine Entourage an der Nase herumführt und darüber hinaus auch noch mit Pfeil und Bogen umzugehen weiss.

    Deshalb rate ich dir, Rosalie: Wenn die Tage jetzt kürzer und die Temperaturen kälter werden, wenn es sogar gegen Weihnachten zugeht, dann schieb den Film ins DVD-Gerät, leg die Beine hoch und gib dich hemmungslos diesem Rausch hin.

    Wir Männer werden diesen Rausch zwar nie ganz verstehen. Das dürfte ihn aber umso köstlicher machen, nicht wahr?

    Herzlichst innerhelvetisch

    Castorp

    AntwortenLöschen
  4. Lieber Castorp

    Punkt 1: Ich nehme den Mist zurück und stehe zu meinem Geschreibsel ;-).

    Punkt 2: Du hast sowas von recht. "Drei Nüsse für Aschenbrödel" schauen ist wie… ein Schächtelchen Luxemburgerli geniessen. Sich anderthalb Stunden lang der Illusion hingeben, dass der Prinz das bettelarme Aschenbrödel am Ende tatsächlich heiraten wird und... dass Edelkonfekt eigentlich gar nicht dick macht.

    Punkt 3: Das ist genau der Punkt! Sie ist so, wie wir alle auch sein möchten. Hübsch, clever, selbstbewusst. Und natürlich sind wir als Kinder auch auf Bäume geklettert und haben aus Haselruten Pfeile geschnitzt und Bögen gebastelt. Und was der olle Prinz kann, können wir "Aschenbrödels" schon lange ;-)

    Deinen Rat befolge ich natürlich gerne. Wieso weißt Du eigentlich, dass ich die DVD habe? ;-)

    Und ja, die Männer werden das wohl nie ganz verstehen - so wie wir Frauen nie verstehen werden, wieso Männer, die selbst nicht aktiv Fussball spielen, sich am TV-Gerät mit grösster Begeisterung jedes (Korrektur: ausnahmslos jedes) Fussballspiel ansehen und lautstark mitfiebern...

    Herzliche (innerhelvetische)Grüsse

    Rosalie

    AntwortenLöschen
  5. Öhm .. hier muss sich jetzt mal ne Prinzession aus dem hohen Norden zu Wort melden:

    ICH verstehe das mit dem Fußball. :-)

    Ich liebe das Märchen (und die Musik) auch. ABER ich finde, das Brödel sollte mal lieber mit dem Heiraten noch warten, wenn sie denn gar so emanzipiert daher kommt, wie Castrop sagt. Eigentlich gibt es gar keinen Grund zu heiraten. Außer: Kohle!

    AntwortenLöschen
  6. @ Castrop: ´ versteh´ ich nicht ;-) Also ich. Für andere mag das gelten.

    Aber unstrittig ist: Liebe ist für viele Leute nicht der Grund, warum sie verheiratet bleiben.

    AntwortenLöschen
  7. Liebe Rostkopp

    Die Diskussion drehte sich auch darum, warum das Dörnröschen den Prinzen heiratet, obwohl sie emanzipiert und nicht auf ihn angewiesen ist.

    Die Antwort - etwas differenzierter als im ersten Anlauf: ER erkennt IHREN wahren (den oft zitierten inneren) Wert, IHR Wesen. ER möchte ja gar nicht heiraten, bis SIE ihm begegnet. SIE erliegt dem Zauber, dass ihr wahres Wesen von IHM erkannt und gewürdigt wird. Dies entfaltet natürlich umso mehr Wirkung, weil sie in ihrem Alltag ent-würdigt wird.

    Ob und warum die beiden dann verheiratet b l e i b e n, ist eine ganz andere Geschichte.

    So, jetzt hab ich aber genug den Drewermann gespielt für heute.

    Liebe Grüsse in meine virutelle Heimat Norddeutschland und innerhelvetische Grüsse an dich Rosalie (danke fürs Benutzendürfen deiner Plattform hier)

    Castorp

    AntwortenLöschen
  8. @ Castrop: Abgesehen davon, dass ja das Aschenbrödel sehr wohl auf den Prinzen angewiesen ist (eben weil sie im Alltag entwürdigt wird) weswegen sie einen klassischen (Aus-) Weg wählt, der Menscheh oft in die nächste Misere stürzt, lass mich doch ein bisschen opponieren. ;-)

    Ich bin keine große Verfechterin der Ehe und dem Tammtamm, das darum getrieben wird. Sie wird immer weniger zeitgemäß.

    Gute Beziehungen funktionieren nach meiner Meinung auch auch ohne Ring. Das hat etwas mit der Einstellung der beteiligten Menschen zu tun. Aber schlechte Beziehungen bleiben oft - eben wegen des Ringes - oder wegen gemeinsam geschaffener Werte oder der Kinder oder oder oder .. bestehen.

    Keine Frage: die Familie an sich ist ein Wert. Ein ganz großer! Aber doch nicht aus dem Grund, weil man einen Ring am Finger hat.

    So, nun haben wir Rosalies Kommentarbereich genug strapaziert. Die Arme ist schon ganz still geworden.

    Ich wünsche allen ein wunderbares Wochenende!

    Liebe Grüße vom Rostkopp

    AntwortenLöschen
  9. Liebe Rostkopp, lieber Castorp

    Ihr dürft bei mir gerne aus dem Vollen schöpfen! Nur zu! I'm amused. :-))

    Melde mich später zu Wort - bin gerade zurück aus dem Garten.

    Liebe Grüsse, Rosalie

    AntwortenLöschen