Montag, 30. April 2012

Spätzünderin mit rosaroten Brillengläsern

Eigentlich wollte ich die Kommentare zu meinem letzten Post beantworten. Als ich die Antwort (@ alle)  zu schreiben begann, kam mir so vieles in den Sinn... Und da es ohnehin nicht zu meinen Talenten gehört, mich kurz zu fassen, mache ich doch besser gleich ein neues Post daraus.

Der Tenor meiner Leserinnen ist der, dass ich mich wohl noch in einem Schockzustand befinde und mir keine unnötigen Gedanken darüber machen sollte, weshalb es mir im Moment verhältnismässig gut geht, obwohl man doch annehmen müsste, dass es mir beschissen gehen sollte.

Wahrscheinlich ist das wirklich so. Hin und wieder kommt so ein Fitzelchen Trauer hoch und ich denke an etwas, was nie mehr möglich sein wird. Sobald es weh tut, verdränge ich den Gedanken ganz schnell wieder und ziehe eine imaginäre Decke über diese Emotionen. Ich schiebe dann den schmerzlichen Gedanken weit weg und verleugne ihn, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. So ähnlich wie ein Kind, dass sich morgens im Bett die Decke über den Kopf zieht, weil es nicht aufstehen will und sich denkt, ich bin nicht da und man sieht mich nicht. Das ist wohl das, was ich im Moment unbewusst tue.

Aber irgendwann kommt der Moment der Wahrheit und das Kind muss die Decke aufschlagen und wohl oder übel aufstehen (und in die Schule gehen...) und ich muss mich wohl irgendwann der schmerzhaften Realität stellen. Aber im Moment verdränge ich sie noch und vielleicht bleibt das auch so. Wer weiss das schon.

Eigentlich ist das typisch für mich. Ich bin eine Spätzünderin. Ich brauche relativ lange, um mich an eine neue Situation zu gewöhnten. Und ich warte lange, bis ich etwas verändere. Und ich habe das zweifelhafte Talent, mir meine Welt durch eine rosa Brille schön zu sehen. Das wurde mir wohl schon in die Wiege gelegt.


Rosaroter Blick auf die Realität.



In  meiner ersten Partnerschaft habe ich das Negative so lange ausgeblendet, bis ich Panikattacken gekriegt und mich kaum noch unter Leute getraut habe. Ich habe so lange in einer unglücklichen Beziehung ausgeharrt, bis mir das Universum (oder wer oder was auch immer) diese Plage geschickt hat, nach dem Motto: "Hallo? Aufwachen, Röschen! Mach die Augen auf! Du lebst ein Leben, das Dir nicht mehr entspricht! Du musst was verändern, sonst wirst Du krank! Verlass ihn! Tu was!".

Ich habe natürlich trotzdem weiterhin meine rosa Brille anbehalten. Habe Psychopharmaka genommen, funktioniert und ausgeharrt, bis mein Ex dann meine Faxen (sprich Phobien) satt hatte und sich endgültig einer andern Frau zugewendet hat.  Als er nach ein paar Monaten reumütig wieder "angekrochen" kam, bin ich wieder rückfällig geworden. Habe mich (wenn auch mit angezogener Handbremse) nochmals auf ihn eingelassen. Um der guten alten (rosarot eingefärbten) Zeiten willen. Nach ein paar Wochen kam dann Spätzünderin Rosalie doch noch zur Räson und hat die Beziehung endgültig beendet. Mit tatkräftiger Hilfe meiner damals besten Freundin. Sie hat quasi seine Telefonnummer gewählt und mir den Hörer in die Hand gedrückt und gesagt: "Sag ihm, dass es zu Ende ist!". 


Natürlich ist seither viel passiert. Ich bin inzwischen erwachsen geworden. Oder zumindest erwachsener... Aber ich tue mich immer noch unglaublich schwer mit Veränderungen. Deshalb harre ich auch schon so lange in meiner Ehe aus und führe lieber ein Doppelleben, anstatt meinen Alltag zu verändern. 

Und deshalb bin ich wohl einfach auch nicht richtig bereit dazu, eine solch einschneidende Veränderung wie den Tod des Vaters, der in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt hat, einfach so anzunehmen. Ja, ich verdränge. Und ich brauche viel Zeit. Und stelle mir lieber vor, dass er nur in den Ferien ist. Meinetwegen auch für unbestimmte Zeit.  

On verra. Man wird sehen. Kommt Zeit, kommt Rat. 



Freitag, 27. April 2012

Seltsame Befindlichkeit

Was ist bloss los mit mir? Mir geht es gut! Ich weine kaum, kann normal über den Tod des Vaters sprechen und  habe heute die Jungfernfahrt mit dem neuen Segelschiff ohne Tränen mitgemacht - dabei hätte doch mein Vater mit an Bord sein sollen und wir haben uns so gefreut, dieses Erlebnis mit ihm zu teilen. Natürlich war die Freude verhalten - aber weinen konnte ich nicht.

Und es fühlt sich immer noch nicht so an, als ob ich ihn verloren hätte! Es fühlt sich an, als ob er bloss in den Ferien wäre. Als ob er noch da wäre. Unter uns.
Das Gefühl von Leere und Verlust hat sich noch nicht eingestellt. Sehr seltsam.

Und ich habe ein Post über den Todestag geschrieben. In der dritten Person. Ich weiss noch nicht, ob ich es aufschalten soll.

Und die Libido ist mir auch nicht abhanden gekommen - ganz im Gegenteil...

Ich bin die Frau, die bei jedem traurigen Film mit den Tränen kämpft, die feuchte Augen kriegt, wenn sie gewisse Musikstücke hört und die noch auf jeder Beerdigung weinen musste - ausser auf derjenigen des eigenen Vaters. Dabei habe ich ihn doch so geschätzt und geliebt?  Ich versteh das nicht.

Muss ich mir Sorgen machen?

Sollte ich nicht total deprimiert und traurig sein?






Mittwoch, 25. April 2012

Trauerfeier

Hätte mich vor einem halben Jahr, vor einem Monat oder noch vor 10 Tagen jemand gefragt, wie ich mich am Tag der Beerdigung meines Vaters fühlen würde, hätte ich geantwortet, dass ich wohl Psychopharmaka nehmen müsste, um die Trauerfeier ohne Weinkrämpfe durchstehen zu können. Seit gestern weiss ich, wozu ich in der Lage bin, wenn es darauf ankommt...

Am Morgen der Trauerfeier bin ich nach fast acht (!) Stunden Schlaf aufgestanden, habe mir im Bad länger als üblich Zeit genommen und eine Tasse Kaffe getrunken. Dann fuhr ich mit dem Auto ins Nachbardorf zur Floristin. Das war der Moment, als Agnes Obel aus dem Lautsprecher des Autoradios ertönte. Als ich die beiden Gestecke gesehen habe, das Herz mit den Vornamen der Enkelkinder und das Blumenarrangement mit meinem Namen und den Vornamen meiner Mutter und meiner Schwester, verlor ich ganz kurz die Contenance. Sie waren wunderschön. So, wie ich es mir gewünscht hatte. Kleine, feine Blümchen, Vergissmeinnicht (auf ausdrücklichen Wunsch meiner Tochter), Schneckenhäuser. Ich bezahlte die Blumen und die Floristin wünschte mir viel Kraft.

Auf dem Weg zur Kirche besorgte ich noch Croissants (unser Mittagessen) und fuhr zu meinem Elternhaus. Mit meiner Schwester ging ich in die Kirche und wir arrangierten  die Töpfe mit den Hortensien und Glockenblumen, die ich am Wochenende besorgt hatte und die beiden Blumengestecke.


Ich stellte mich hinter das Pult und begann den von mir verfassten Lebenslauf zu lesen. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlen und anhören würde, auch wenn das Mikrofon nicht eingeschaltet war. Meine Schwester hörte zu, kämpfte mit den Tränen und meinte, ich würde das gut machen. Dann ging die Türe auf und es wurden weitere Blumenarragements und zwei grosse Trauerkränze mit Widmungen von Freunden in die Kirche gebracht. Da verloren wir beide kurz die Contenance. Die Blumen wurden neu arrangiert und schliesslich wurde es Zeit und wir fuhren zurück ins Elternhaus. Dann kamen die Ehemänner mit den Kindern und wir gingen zu Fuss auf den Friedhof.

Ich fühlte mich stark. Hin und wieder sprühte ich mir etwas SOS-Bachblütenspray in den Mund. Dann kamen die Trauergäste. Sie strömten Richtung Friedhof und ich schüttelte sehr viele Hände, es gab viele Küsschen und Umarmungen und manche Begegnungen brachten mich kurz aus der Fassung. Es kamen Verwandte, die ich lange nicht mehr gesehen hatte. Nachbarn, ehemalige Lehrlinge meines Vaters, Arbeitskollegen und Schulkolleginnen meines Vaters, Freunde meiner Eltern, die ich seit der Kindheit nicht mehr gesehen hatte und natürlich viele Freunde und Freundinnen von meiner Schwester und mir. Sie hatten meinen Vater alle gekannt und geschätzt, denn meine Eltern waren eigentlich immer anwesend, wenn wir Feste feierten und mein Vater war ein interessanter Mann, mit dem sich alle gerne unterhalten haben.

Unsere Kinder hatten sich ein wenig abgesondert und kletterten auf einem Mäuerchen herum und die Tochter wuselte hin und wieder durch die Menschenmenge, kam zu mir und zupfte mich am Ärmel und fragte, wie lange das denn noch gehe... Sie langweile sich und es sei kalt und sie wolle jetzt endlich in die Kirche... Ich vertröstete sie ein paar Mal und widmete mich wieder den Trauergästen.

Unter anderem kam meine erste grosse Jugendliebe. Ich hatte gehofft, ihn wieder zu sehen. Das letzte Treffen war vor drei Jahren am Begräbnis meines Grossvaters, das zweitletzte vor ca. 25 Jahren. Fast hätte ich ihn nicht mehr erkannt. Leider blieb keine Zeit für ein Gespräch.

Als die Kirchenglocken zu läuten begannen, folgten wir dem Friedhofsgärtner und der Pfarrerin mit der Urne zum Grab. Die Trauergemeinschaft versammelte sich in einem grossen Kreis in gebührendem Abstand, wie es die Pfarrerin vorausgesagt hatte. In diesem Moment begann es zu nieseln und Windböen fegten über den Friedhof. Ich musste meinen kleinen Regenschirm zuklappen, da er dem Wind nicht trotzen konnte. Ich stand vor dem Kreuz mit dem Namen meines Vaters und fühlte mich seltsam unbeteiligt. Wie versteinert. Mir war kalt und ich begann zu frösteln. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was die Pfarrerin alles gesagt hat. Als die Urne der Erde übergeben wurde, nahmen die Grosskinder ihre Brieflein und Steine aus den Hosentaschen und jeder von uns gab dem Verstorbenen etwas mit ins Grab.


Mein Mann legte einen nautischen Schlüsselanhänger in Form eines Fenders ins Grab. Er hatte vor vielen Jahren auf einer Reise zwei Stück davon gekauft und sich vorgenommen, eines Tages selbst ein Segelschiff zu besitzen und den Jachtschlüssel daran festzumachen und den Zweitschlüssel seinem Schwiegervater zu überreichen. Übermorgen wäre es soweit gewesen. Er wollte meinem Vater den Schlüssel für die neue Segeljacht überreichen. An Bord, auf der Jungfernfahrt...


Und so standen wir am offenen Grab und der Wind pfiff uns um die Ohren und rüttelte an den Regenschirmen und es war eine Stimmung wie in einem (schlechten) Hollywoodfilm. Meine kleinen Neffen und mein Sohn schluchzten am offnen Grab, meine Schwester, mein Mann, die Geschwister meines Vaters und meine Schwiegereltern weinten mit. Die Trauergäste betrachteten ergriffen aus der Entfernung die herzzerreissende Szenerie und ich stand dort mit der Tochter an der Hand und brachte keine Träne hervor, fühlte mich wie in Trance. Seltsam unbeteiligt.

Einige der Trauernden hatten auch noch das Bedürfnis, am offenen Grab vorbei zu gehen und dann zog sich die Gemeinde in die Kirche zurück und wir Angehörigen verweilten noch einen kurzen Moment dort und einige Trauergäste, die wir noch nicht gesehen hatten, drückten uns ihr Beileid aus. Darunter auch meine Freundin aus meiner neuen Heimat. Ich war gerührt. Die Gute kommt immer zu spät, aber sie kommt und sie hatte mir schon zwei Tage zuvor Blumen gebracht und ihr Beileid ausgesprochen. Und sie hat mir zwei Olivenbrote aus Südfrankreich mitgebracht. Das beste Olivenbrot der Welt und ich habe in den letzten Tagen mehrheitlich davon gelebt.

Und dann gingen wir in die Kirche. Ich fühlte mich noch immer stark. Die Pfarrerin begann mit dem Gottesdienst, die Orgel spielte, es wurde gesungen und dann kam der Teil der Andacht, an welchem der Lebenslauf vorgelesen wird. Die Pfarrerin schaute mich an und ich nickte mit dem Kopf. Sie kündigte an, dass die ältere Tochter nun den Lebenslauf des Vaters vorlesen werde und ich erhob mich von der Kirchenbank und schritt zum Rednerpult.

In der Hand hielt ich meine Rede. Fünf Seiten Text, Arial 16, zweimal gefaltet und schon ein wenig zerknittert. Ich stellte mich hinter das Pult und liess meinen Blick über die vollen Kirchenbänke schweifen. Es waren bestimmt 130 Leute anwesend. Mindestens. Ich suchte besonders vertraute Gesichter und merkte mir, wo sie sassen.

Am Vorabend der Beerdigung hatten mich plötzlich noch starke Zweifel beschlichen und ich war nicht mehr in der Lage zu beurteilen, ob der Text gelungen war oder nicht. Meine Mutter, meine Schwester, mein Mann und auch die Pfarrerin fanden ihn zwar gut, aber ich hatte dennoch Zweifel. Zwei vertraute Menschen haben ihn dann noch gelesen und mir versichert, dass der Lebenslauf wirklich gut geschrieben sei und mein platonischer Freund meinte sogar, er habe das Gefühl, meinen Vater postum noch kennengelernt zu haben. Das gab mir Zuversicht und das nötige Selbstvertrauen.

Dann holte ich tief Luft und begann zu lesen. Hochdeutsch. Da ich den Text selber verfasst hatte, konnte ich zwischendurch frei sprechen und meinen Blick über die Menschen schweifen lassen. Ich sah Taschentücher. Es war ganz still. Ich sprach deutlich und langsam und machte zwischen den Textabschnitten Pausen. Meine Stimme war fest und ich versuchte, nicht allzu traurig zu sprechen.

Ich fühlte mich gut. Ich fühlte mich stark. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich in der Lage sein würde, an der Trauerfeier meines Vaters seinen Lebenslauf vorzutragen. Es war die erste Rede meines Lebens. Ich habe noch nie vor so vielen Menschen gesprochen.

Dann kam der Schlusssatz: "E. war ein besonderer Mensch. Wir werden ihn niemals vergessen.".  Als ich mich wieder auf die Bank setzte, raunte mir mein Mann zu, ich hätte das super gemacht und meine Mutter nickte mir dankbar zu.

Als der Trauergottesdienst zu Ende war und wir die Kirche verliessen, hatte es aufgehört zu regnen. Ich bekam viel Lob und man sagte mir, ich hätte das sehr gut gemacht, ausgezeichnet sogar, es sei der beste Teil der Trauerfeier gewesen und ein alter Mann meinte zudem, er hätte noch nie eine so schöne, so persönliche Todesanzeige in der Zeitung gelesen.  Und viele Menschen sprachen mir Mut zu und äusserten sich noch einmal lobend über meinen Vater und wie sehr sie ihn geschätzt hätten und dass sie ihn sehr vermissen würden.

Ich bin so froh, dass ich das für meinen Vater habe tun können. Es war eine würdige, persönliche Abschiedsfeier. Und ich bin mir sicher, dass mir all diese guten Gedanken von meinen Freunden aus der realen und der virtuellen Welt dabei geholfen haben, die notwendige Kraft und Stärke zu finden. Und nicht zuletzt auch mein Vater selbst. Ich habe nämlich immer noch das Gefühl, dass seine Seele noch unter uns ist. Er hat sich bestimmt gefreut und Tränen der Rührung vergossen, als er uns von "da oben" zugeschaut hat. Bald werde ich ihn endgültig gehen lassen müssen. Und die Trauer ist noch lange nicht vorbei. Aber ich werde auf meine Weise trauern. Allein.

Ich danke Euch allen von Herzen, dass Ihr so fest an mich gedacht und Daumen gedrückt habt!

Eure Rosalie






Dienstag, 24. April 2012

Abschied

Heute um 14.00 Uhr.

Bitte denkt an mich und wünscht mir Kraft.

"Riverside" von Agnes Obel. Das Lied lief gerade im Radio, als ich die Trauergestecke bei der Floristin abgeholt habe. Es passt so gut zu meinem Vater. Er hat viele Tage und Stunden an Flüssen und Seeufern verbracht.

Das Lied wird mich an diesen traurigen Tag erinnern.



Sonntag, 22. April 2012

Abschiedstexte

Schreiben ist eine meiner Leidenschaften. Aber ich habe mich sehr schwer damit getan, den Text für die Todesanzeige meines Vaters zu verfassen. Wenige Stunden, bevor ich ihn zum Druck freigeben musste, habe ich ihn nochmals umgeschrieben. Schliesslich ist es mir gelungen, unsere Gefühle zum Verlust eines besonderen Menschen angemessen in Worte zu fassen.


Die Anzeige hat berührt und  meine Mutter hat schon am nächsten Tag Beileidkarten von Frauen erhalten, die sie nur vom Sehen kennt oder mit denen sie seit Jahren kein Wort mehr gewechselt hat und sich kaum daran erinnert, um wen es sich handelt. Frauen, die sich nun mit ihr verbunden fühlen, weil sie das selbe Schicksal erlitten haben und ihre Ehemänner zu früh oder von heute auf morgen verloren haben. Es ist eine Generation von Frauen, die wie meine Mutter vierzig, fünfzig Jahre lang mit dem selben Mann verheiratet gewesen sind und eine traditionelle Rollenverteilung gelebt haben. Und dann stehen sie plötzlich alleine da und haben noch zwanzig Lebensjahre vor sich und müssen sich ihren Alltag neu gestalten.


Diese Solidarität beeindruckt mich sehr. Sie lässt jedoch auch erahnen, wie schwierig der Weg ist, den meine Mutter nun beschreiten muss.


Und heute stehe ich vor der Aufgabe, ein reichhaltiges Leben eines besonderen Menschen auf zwei A4-Seiten zu beschreiben... Das ist die nächste Herausforderung. Ich fühle mich wie vor einer Prüfung.


Und irgendwo steht auch die Frage im Raum, ob ich den Text selber vortragen soll oder nicht. Ich möchte es für ihn tun. Die starke Tochter sein. Aber vielleicht mute ich mir damit zu viel zu. On verra. Ich lasse es auf mich zukommen und werde kurzfristig entscheiden.  








Samstag, 21. April 2012

30,000 Klicks!

Heute morgen habe ich mein Notebook gestartet und in meinen Blog geschaut. Das Erste, was ich gesehen habe, war diese Zahl: 30,000 Klicks!

Ich musste lächeln. So ein Zufall! Ich selbst bin die 30'000. Besucherin! Die Zahl macht mich schon ein wenig stolz, zumal ich die Google-Suche seit Beginn meines Blogs deaktiviert habe und somit kaum jemand zufällig auf meinem Blog landet. Jedenfalls nicht auf direktem Weg.

Und ich habe neue Leserinnen und Leser gewonnen.
Das freut mich! 

Ein Lichtblick in dieser traurigen Zeit! Herzlichen Dank!






Freitag, 20. April 2012

Ausnahmezustand

Eure lieben Worte des Trosts haben mich sehr berührt und ich fühle mich stark und getragen. Im Moment geht es mir erstaunlich gut. Ich organisiere, schreibe, funktioniere. Ich kann meinen toten Vater im Aufbahrungsraum besuchen und über seinen Tod sprechen, ohne gleich zu weinen. Aber instinktiv weiss ich, dass ich lediglich funktioniere und meine Emotionen abgekapselt sind.

Wenn ich mir erlaube, einen kleinen Schritt weiter zu denken und mir die ganze Dimension dieses Verlusts und seine Auswirkungen auf unseren Alltag etwas plastischer vorzustellen, steigt ein Gefühl in mir hoch, das ich im Moment nicht auszuhalten vermag. Ich kann diese tiefen Emotionen irgendwie "ausschalten" bzw. verdrängen. Ich habe so etwas noch nie erlebt.

Ich bin Euch sehr dankbar für Euren Zuspruch und für die grosse Anteilnahme.


Alles Liebe,

Eure Rosalie




Der letzte Törn mit der alten Segeljacht. 
Das letzte Mal, dass mein Vater an der Pinne sass.  
 Ein Lebensabschnitt ist zu Ende gegangen.
Unwiderruflich und für immer.

Dienstag, 17. April 2012

Surreal

Der Verstand weiss ja, dass Dein Körper in der Pathologie liegt. Aber das Gefühl sagt, Du  musst jeden Moment zur Tür hereinkommen und ich meine schon Deine Stimme zu hören.


Bitte sag, dass dies ein schrecklicher Irrtum ist, ein grausamer Albtraum, aus dem wir bald wieder erwachen werden. Du darfst nicht gehen! Noch nicht jetzt! Du wirst doch so sehr gebraucht! Du hattest doch noch so viele Pläne! Wir wollten Dich noch so vieles fragen. Wir brauchen Deinen Rat! Du bist doch gerade erst noch auf diesem Sofa gesessen und wir haben zusammen gelacht. Deine Enkel wollten noch so viel mit Dir unternehmen. Sie können es nicht fassen, dass Du nicht mehr da bist.


Im Eingang stehen Deine Schuhe, auf der Truhe liegt Deine Brille, Dein Handy und vor der Garage steht Dein Auto! Bitte komm zurück!  Es tut so weh...


Das Foto habe ich auf Deiner neuen Kamera gefunden


Montag, 16. April 2012

Von der Vergänglichkeit

Das letzte Wochenende habe ich mehrheitlich mit Gartenarbeit verbracht. Viele Stunden lang Verdorrtes und Abgestorbenes geschnitten, zusammengerecht und in Säcke gepackt, gejätet und mir dabei die Fingernägel runiert und Hände und Unterarme zerkratzt. Während die Hände ihre Arbeit verrichtet haben, kreisten die Gedanken im Kopf. Ich habe die vergangene Woche Revue passieren lassen und an all den Dingen herumstudiert, die  mich gerade beschäftigen. Der Kommentar von Miracle Man ist mir im Kopf herumgespukt: "Überlege, was Dich glücklich macht. Dem gehe nach."


Gute Frage. Was macht mich eigentlich glücklich? Dieses Haus? Dieser Garten, der soviel Zeit beansprucht und dessen Schönheit so vergänglich ist? Meine Kinder? Die Menschen, mit denen mich eine Freundschaft verbindet? Was ist wirklich wichtig? Wonach sehne ich mich eigentlich? Ich musste an meine Männer denken. An meinen Ehemann. An meinen platonischen Freund. An Mr. Charming.  An meine Familie und an meine  Freundinnen. Viele stecken in aussergewöhnlichen Lebenssituationen und erleben Dinge, die sie sich noch vor einem Jahr nicht hätten träumen lassen. Das Leben steckt voller Überraschungen. Das Leben ist aber auch vergänglich. So wie die Stauden im Garten. Im Frühjahr treiben sie aus, erblühen zu voller Schönheit, vermehren sich, welken dahin und im Winter ziehen sie sich zurück. Manchmal für immer.


Es war ein seltsamer Winter, der vergangene Winter. Er hat den Pflanzen alles abverlangt. Lange hat er auf sich warten lassen. Uns im Januar mit frühlingshaften Temperaturen an der Nase herumgeführt und die Rosen und Bäume dazu verleitet, ihre Säfte fliessen zu lassen und sogar auszutreiben. Ein fataler Fehler. Im Februar kam die grosse Kälte und der Winter hat das Land mit klirrenden Frösten überzogen. Bei uns fehlte der Schnee. Die Pflanzen waren dem Frost schonungslos ausgeliefert. Viele sind erfroren. Alte Rosenstöcke, Stauden, Immergrüne. Manche haben überlebt, aber viele Triebe und Äste eingebüsst. Die Palmen geben ein tristes Bild ab. Noch ist ungewiss, ob sie überlebt haben. Die Wollmispel, die wir vor 17 Jahren als Jungpflanze geschenkt bekommen haben, ist tot. Lange Jahre war sie im Topf und vor vier Jahren habe ich sie in den Garten gepflanzt. Leider. Das ganze Ausmass des Desasters wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen.


Es scheint so, dass 2012 ein Jahr des Abschieds wird. Abschied von liebgewordenen Pflanzen, von der vertrauten Aussicht... und andere Abschiede zeichnen sich bereits ab. Menschen in meinem Umfeld sind an Krebs erkrankt. Stadium vier.


Was macht mich wirklich glücklich? Meine Kinder, keine Frage. Sie sind das Wichtigste. Meine Familie ist auch wichtig, meine Freundinnen und Freunde genauso. Und die schöne Umgebung? Manchmal empfinde ich sie als eine schöne Fassade, die von der inneren Leere und Einsamkeit ablenkt.  Was kann sie ausfüllen, diese Leere? Die Liebe? Vielleicht... Aber macht es Sinn, sein Lebensglück von einem Gegenüber abhängig zu machen, das uns glücklich machen soll? Würde nicht trotz allem die Angst vor der Vergänglichkeit das Glücksgefühl trüben?


In mir reift das Bewusstsein, dass ich nur glücklich werden kann, wenn es mir gelingt, dass ich mir selbst genug bin. Erst wenn ich alleine glücklich sein kann, werde ich in der Lage sein, das Glück mit jemand anderem zu teilen. Erst wenn ich mich selber liebe, kann ich diese Liebe weitergeben und sie von anderen Menschen auch empfangen. So einfach ist das. Und gleichzeitig so schwierig.


***************************************************************


Diesen Text habe ich am 4. April 2012 geschrieben. Irgend etwas hielt mich davon ab, ihn gleich aufzuschalten. Ich fand ihn zu melancholisch, irgendwie hatte ich den richtigen Moment verpasst, das Post zu veröffentlichen.


Heute morgen hat mir das Schicksal die Vergänglichkeit mit aller Härte vor Augen geführt. 


Mein Vater ist gestorben. Völlig unerwartet im 68. Altersjahr. Er hatte noch so viele Pläne, war gesund und aktiv und liebte das Leben. Heute wollte ich ihn anrufen und fragen, ob er morgen mit seinem Enkel Angeln geht. Wir hatten an Ostern darüber gesprochen. Im Mai wollte er mit meiner Mutter mit dem Wohnmobil für mehrere Wochen Richtung Süden fahren. Er hinterlässt eine riesige Lücke. 


Wie schrieb ich in meinem letzten Post noch über den Besuch bei meinen Eltern? "The same procedure as every year." It has been the last one. Unfortunately. 


Es war das letzte Familientreffen. Das letzte Mal, dass die Kinder mit ihrem Grossvater herumtollen konnten, das letzte Mal, dass wir mit ihm ein Glas Wein trinken und diskutieren und philosophieren konnten. Wie sagte mein Mann noch beim heimfahren? Dein Vater ist wirklich toll. Man kann so gut über so vieles mit ihm sprechen...


Nichts wird mehr so sein wie früher. Er wird uns allen unendlich fehlen. 



Dienstag, 10. April 2012

Von kreativen Gärtnern, erfolgreichen Patentanten, Shoppingfreuden und Smalltalk an Ostern


Karfreitag sollte ein ruhiger Tag werden. Ein sogenannter "lazy day".  Das war die Idee. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt...


10.30 Uhr Besprechung mit dem Gärtner. Er ist ein Künstler, was den Umgang mit Natursteinen betrifft und wir sind inzwischen befreundet. Und wie viele kreative Menschen steht er ein wenig auf Kriegsfuss mit dem Zeitplan. Das Problem ist, dass er so gute Arbeit macht. Wenn man ihn dann im Garten hat, möchte man mit ihm gerne noch dieses oder jenes realisieren und der gute Mann kann so schlecht nein sagen und überhaupt, wo doch die Maschinen schon mal vor Ort sind... Und das geht natürlich nicht nur uns so, sondern vielen seiner Kunden. Und so ist er ständig in Verzug mit seinem Arbeitsplan, der ohnehin nur in seinem Kopf existiert. Aber wir haben Glück. Unser Fischteich ist fast fertig. Mit einem Jahr Verspätung fertig geworden. Nun fehlt noch die Technik und die "Finitions"...

Ich sehne den Zeitpunkt herbei, an dem ich die ganze Goldfischgesellschaft endlich vom Aquarium in den Gartenteich befördern kann! Das 180 Liter Aquarium ist nämlich langsam zu klein... Ich bin zuversichtlich, dass dies im Mai der Fall sein wird. Ich habe Manuels Natelnummer! Und er ist ein Contemporain (Jahrgänger) und so verbindet uns mehr als nur der Garten. Beim alljährlichen Jahrgängerausflug und  anschliessendem Abendessen sitze ich meistens in seiner Nähe und wir sprechen dann über die Arbeit, über Beziehungen, Gott und die Welt und über unsere Kinder, die zusammen die Schulbank drücken. 


Um 14.00 Uhr der nächste Termin. Besprechung mit dem Schreiner. Er muss ein Fenster ersetzen und ein paar Reparaturarbeiten machen. Wir besprechen die Offerte. Irgendwie scheinen die Handwerker im Ort mit religiösen Feiertagen nicht so viel am Hut zu haben. Wir ja auch nicht. Trifft sich gut.


Am Mittag ein WhatsApp von der Patentante der Tochter, die spontan einen Osterhasen vorbeibringen will. Wir sind flexibel, kein Problem. Ich freue mich ehrlich, sie und ihren sympathischen Lebensgefährten wieder einmal zu sehen. An Weihnachten haben wir kein Treffen hingekriegt. Zwischen dem Abgang des Schreiners und der Ankunft der Patin musste ich notfallmässig das Aquarium putzen und das Wohnzimmer aufräumen. Die Fische hatten eine etwas eingeschränkte Sicht, um es mal diplomatisch auszudrücken. Das Aquarium steht zu hell und die Wände werden mit beeindruckender Geschwindigkeit jedesmal nach der Reinigung wieder von dunkelgrünen Algen überzogen. Ist ja auch keine Dauerlösung.

Die  Patentante ist Businesswoman, kinderlos und sehr tierliebend. Ich bin auch tierliebend. Aber alles hat seine Grenzen. Vor vielen Jahren habe ich einmal mehrere hundert Franken ausgegeben, um meine über alles geliebte Katze im Tierspital operieren zu lassen. Sie hatte einen Tumor. Aber für einen Zwerghasen hätte ich das nicht getan...  Zumal Hasen bei uns hin und wieder auf dem Teller landen. Naja, nicht eigene. Aber ich mein ja nur so.  Und beim letzten Besuch hat sie eine Bemerkung gemacht, was die Anzahl Fische im Aquarium betrifft. Sie hat ja recht! Was müssen die Viecher auch so schnell wachsen...  Und wenn die Fische schon nicht allzuviel Schwimmraum haben, dann wenigstens klares Wasser. Deshalb mein last minute Aktivismus in Sachen Goldfischhabitat. Steht ja ohnehin schon länger auf der To-do-Liste... Hab es gerade noch rechtzeitig hingekriegt und Gatte musste wohl oder übel mithelfen. Zum ersten Mal.

Bei der Patentante zu Hause ist natürlich alles perfekt. Orchideenarrangements, die vom Gärtner betreut werden! Schöne Möbel, farblich assortierte und auf Gardinen und Teppiche abgestimmte Accessoires. Alles piccobello und blitzsauber. Ich war schwer beeindruckt bei meinem letzten Besuch. Ein typischer Dink-Haushalt eben. Bei uns gehen alle ständig vom Garten raus und rein - ohne jedesmal die Schuhe auszuziehen versteht sich - und Krümel auf dem Plattenboden stören mich nicht dermassen, dass ich sie umgehend wegwischen müsste, wenn ich sie erspähe. Ich hab erst mal die Zeitungsstapel vom Wohnzimmertisch ins Büro verbannt. Wir haben immer sehr viel Post, weil wir auch gerne die Werbung lesen und auch einige Zeitschriften abonniert haben und so gibt es immer Stapel mit ungelesenem Papier. Dann habe ich noch die Kissen auf dem Sofa zurechtgerückt, ein paar Socken von meiner Tochter gefunden und weggeräumt... und die fast verblühten Tulpen in der Vase stehen lassen. Schliesslich muss es bei uns nicht aussehen wie in einem Möbelkatalog.



<><> <><> <><>
Sergio Perez (Sauber!)  wurde Zweiter im GP von Malaysia!
Die Patentante sah blendend aus. Sonnengebräunt und gut gelaunt, frisch aus dem Urlaub. Sie erzählte von einem  traumhaften Ferienresort in Malaysia und vom Formel 1 Rennen in Sepang, das sie und ihr Lebensgefährte sich von der Tribüne aus angesehen haben. Ausgerechnet, als der Sauber-Fahrer eine grandiose Leistung geboten hat! Cool! Zusammen mit dem Eintrittsticket kriegt man übrigens gleich noch ein Päckchen Ohrstöpsel mitgeliefert, weil man es sonst wegen des Lärms nicht aushält so nah an der Rennstrecke. Wollte sie noch fragen, ob man auch Nasenstöpsel kriegt wegen dem Gestank, habe mir die Frage aber verkniffen. ;-)


Ein Ticket kostet übrigens so viel wie ein Wellnesswochenende in einem Viersternhotel mit allem drum und dran. Oder eine zweieinhalbstündige Besprechung mit einem Scheidungsanwalt... (Wobei letzteres eine Schätzung ist - die Rechnung steht noch aus).  Die Patentante hat Glück gehabt. Sie hat mit Ende dreissig noch einen tollen Lebenspartner abgekriegt. Secondhand zwar (;-)), aber wirklich ein Glücksgriff. Er ist geschieden, die Kinder leben bei der Mutter. Und da sie nie Kinder haben wollte und er schon welche hat, passt das ganz ausgezeichnet. Und Geld hat er auch noch. Und er ist gutaussehend und aufmerksam. Was will Frau mehr! Sie hat selber einen guten Job und fährt einen Sportwagen. Er leistet sich eines dieser schnittigen roten Autos aus Maranello. Als Zweit- oder Drittwagen natürlich. Ist ja nicht alltagstauglich, das Fahrzeug.  Sie sind schon ein paar Jahre glücklich zusammen und ich bin zuversichtlich und wünsche es ihnen, dass das so bleibt. Es wurde ein herzlicher Besuch und wir haben uns gut unterhalten.


Und Samstag wäre Gartenarbeit angesagt gewesen. Der grosse Rasenvertikutiertag. Aber es hat geregnet. So musste ich wohl oder übel ein paar Stunden in einem gepflegten Shoppingcenter verbringen. Dumm gelaufen... ;-)  Junior hat nun zwei neue Jeans und neue Oberteile und ich bin zuversichtlich, dass ich in ca. drei Wochen den Kniebereich mit Jeanspatches zum Aufbügeln flicken muss, weil er in der grossen Pause Fussball spielt. Auf einem asphaltierten Platz...


Und Mama hat sich auch was geleistet. Etwas fürs Gemüt. In frühlingshaften Farben. Dreimal dürft ihr raten. Nein! Keine Schuhe! Knapp daneben! ;-)

Kleine süsse Handtasche von Desigual
Und dazu noch zwei Foulards aus weicher Baumwolle in oliv und weiss. Ich habe einen Foulardtick... Und Blumen habe ich gekauft. Für meine Mutter und für die Gastgeberin vom Samstag Abend. Da waren wir nämlich eingeladen.


Und Ostern gab es wie jedes Jahr ein Familientreffen bei meinen  Eltern. Die vier Enkelkinder hatten viel Spass und sind im Garten und im Haus herumgetollt. Grossvater hat Eier versteckt, die dann gegen ein Osternest eingetauscht werden konnten. Meine Mutter hat derweil in der Küche gewerkelt. Man kann ihr dabei nicht untätig zusehen, weil man sonst verhungert, bis die Vorspeise fertig ist. Oder zuviel Wein trinkt, weil das Apéro sich so in die Länge zieht. Die Teller sehen dann zwar wunderschön aus, aber es dauert eine Ewigkeit, bis sie alle fertig "dekoriert" sind.   However. The same procedure as every year. Twice a year. An Weihnachten und Ostern. :-)

Und wir sind uns bewusst geworden, wie gross die Kinder inzwischen sind und dass wir uns jetzt an solchen Sonntagen gar nicht mehr so richtig um sie kümmern müssen, weil sie sich selbst genug sind. Keinen Streit mehr schlichten, keine Angst vor Schlägen oder Bisswunden...(touch wood...).  Und wir Erwachsenen sprachen über Fussball (gähn...), über den Schulerfog der Kinder (heikel, denn der ist leider etwas einseitig verteilt),  über die Klassenkameraden der Kinder (gähn...), über Freizeitaktivitäten und Ferienprojekte...  Smalltalk. Früher war das anders. Vielleicht war ICH früher anders? Das Leben meiner Schwester dreht sich vor allem um die Jungs. Um die Schule, um die Freizeitaktivitäten, um die Schulkameraden und deren Eltern. Das langweilt mich. Und mit ihrem Mann habe ich schlicht keinen Text. Ich weiss echt nicht, was ich mit ihm reden soll...  Ich musste einmal mehr feststellen, dass ich mich irgendwie in eine andere Richtung entwickelt habe und mein eigenes Leben lebe, an dem ich meine engsten Familienanhörigen immer weniger teilhaben lasse. Mein geheimes Doppelleben, dieser Blog. Meine Eltern wissen noch nicht einmal, dass ich Trennungsgedanken hege. Sie würden aus allen Wolken fallen. Manchmal kann ich es selber fast nicht glauben. Irgendwas geschieht mit mir.


Was wird in einem Jahr sein? Wo werde ich die Ostertage verbringen und  mit wem?





Freitag, 6. April 2012

Von charmanten Anwälten und dünnem Eis


Das war wieder einmal eine intensive Woche. Und es ist ja erst Donnerstag! Gründonnerstag. Morgen ist ein arbeitsfreier Tag und das ist auch dringend nötig! Zeit, etwas auszuruhen! Mal abgesehen von den beiden Terminen mit lokalen Handwerkern, die mein Mann für morgen schon vereinbart hat...

Am Dienstag habe ich etwas Denkwürdiges getan. Ich habe einen Anwalt aufgesucht. Fachgebiet Familien- und Eherecht. Eine enge Freundin hat ihn mir empfohlen. Wir haben zwei Stunden und 45 Minuten lang ohne Unterbruch zusammen geredet und ich habe ihm die wirtschaftliche Situation in Wort und Papier dargelegt. Das wird richtig teuer. Nicht für meinen Mann. Noch nicht. Vorerst nur für mich. Ich muss den heimlichen Anwaltsbesuch nämlich selbst berappen. Ich weiss jetzt, was ich wissen wollte und das kostet mich vermutlich so viel wie ein Wellnesswochenende in einem Viersternhotel. Hätte ich doch bloss Jus studiert!!


Erkenntnis Nr. 1: Wenn ich meinen gutbezahlten Job nicht verliere und mein Mann weiterhin so erfolgreich ist, können wir beide unseren komfortablen Lebensstandard auch getrennt weiterführen. Zwar ohne Ferienwohnung in den Bergen, aber das ist ein Luxus, auf den ich gut verzichten kann...

Erkenntnis Nr. 2: Wenn der Ehemann sehr gut verdient und die Ehefrau teilzeitlich erwerbstätig ist und mit ihrem eigenen Einkommen für sich und die Kinder und einen Grossteil der Haushaltsausgaben aufkommt, sich mit Kleidern einer günstigen schwedischen Modekette zufrieden gibt und sich das Schweizer Lieblingsmodelabel  nur im Ausverkauf leistet und auch sonst nicht über die Massen über die Stränge schlägt, wird sie zum Schluss "bestraft", weil sie damit ihren Lebensstandard selber definiert hat. Wenn sie hingegen keiner Erwerbstätigkeit nachgehen würde, weil sie dazu nicht verpflichtet ist, bis das jüngste Kind acht Jahre alt ist, und sie das Geld des Gatten mit beiden Händen ausgeben würde, sich wöchentliche Frisörbesuche, teure Handtaschen, Schuhe und Markenkleider leisten würde, wäre dies ein Lebensstandard, den sie beibehalten könnte, wenn der Gatte genug verdient, um ihn der getrennt lebenden Ehefrau weiterhin zu ermöglichen. Nicht dass ich letzteres für erstrebenswert halten würde - aber es ist anscheinend tatsächlich so, dass eine Frau, die trotz hohem Einkommen des Ehegatten eher bescheiden lebt (und ich spreche jetzt nicht von mir!), nach der Trennung nicht wesentlich mehr Geld für die persönlichen Bedürfnisse zugesprochen bekäme, auch wenn der Mann es sich locker leisten könnte. 

Erkenntnis Nr. 3: Scheidungsanwälte können total charmant und sympathisch sein. Sehr sympathisch sogar. Und man kann mit ihnen auch über die Liebe, langjährige  Partnerschaften, Gärten und vieles mehr sprechen. Und wenn man eigentlich alles besprochen hat, kriegt man nochmal einen Kaffee angeboten, den man unmöglich ablehnen kann! Und wenn er mir die letzten fünfundvierzig Minuten von unserem Gespräch nicht in Rechnung stellt, dann wächst meine Sympathie ins Unermessliche.

Fazit des Gesprächs?

Erkenntnis Nr. 1 macht mein Dilemma nicht wirklich kleiner.  Aber sie beruhigt ungemein.

Erkenntnis Nr. 2: Brauche weder teure Handtaschen noch edle Klamotten. Hauptsache es ist genügend Geld für Besuche im Gartencenter übrig!

Erkenntnis Nr. 3: :-)


Das Gespräch beschäftigt mich doch nachhaltig. Muss das jetzt alles erstmal ein wenig setzen lassen. So ein Treffen mit einem Scheidungsanwalt hat so was Konkretes...

Und sonst so? Zwei lange Arbeitstage. Von morgens um neun bis abends um acht gearbeitet. Die Akten stapeln sich und ich habe Mühe, mich zu motivieren und mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Die Gedanken sind anderswo und die Arbeit langweilt mich.

Gestern nach Feierabend gab es noch ein kurzes Highlight: Ein spontanes,  stimmungsvolles Treffen mit meinem platonischen Freund! Mit ihm verbindet mich eine Freundschaft, die irgendwie in keine gängige Schublade passt...

Und zum Schluss dieser kurzen Arbeitswoche habe ich mich noch auf dünnes Eis begeben und auf dem Blog meines geschätzten Landsmannes Castorp einen ausführlichen Kommentar zu einem delikaten Thema hinterlassen...




P.S. Ich freue mich über meine neuen Leserinnen! Maiglöckchen, Prinzessin Extrawurst und die Königin der Kobolde! Herzlich Willkommen!

P.P.S. Ach ja... ich wünsche Euch allen schöne Ostern!

 

Montag, 2. April 2012

Vortragsübung

Und letzte Woche war noch die erste Vortragsübung meiner Tochter...

Sie hat ihr kleines Liedchen gespielt, ein ganz einfaches Stück und der Klavierlehrer hat sie begleitet, damit es nicht ganz so dünn tönt. Und ich habe mir wieder einmal fest vorgenommen, endlich mehr mit ihr zu üben. Wir üben viel zu selten und sie ist noch nicht so weit, wie sie sein könnte. Aber es liegt nicht an ihr... Ich muss mir mehr Zeit nehmen. Und Grand-Maman kann ihr nicht so gut weiterhelfen, weil sie selbst nicht Klavierspielen kann. Sie wird es nicht bemerken, wenn die Kleine eine Oktave zu hoch oder zu tief spielt und die Notenlänge nicht einhält. Und ich muss mich immer beherrschen, dass ich nicht zu ungeduldig mit ihr bin, weil die Stücke doch so einfach sind und ich es nicht verstehen kann, dass sie immer wieder danebengreift, Kunstpausen macht und das Tempo nicht einhält...

Sie wollte übrigens unbedingt an der Vortragsübung mitmachen und war überhaupt nicht nervös! Sie hat das ganz cool genommen! Für mich waren Vortragsübungen seinerzeit die Hölle... Ich war immer unglaublich nervös und habe es glaube ich nie geschafft, ein Klavierstück fehlerfrei vorzutragen.  Ich war auch schon ein paar Jahre älter als sie. Mit Grauen denke ich an den "wilden Reiter" von Schuman zurück und sehe mich an dem schwarzen Flügel in der Aula der Schule sitzen und erinnere mich an das Gefühl, an die Angst vor einem Blackout... "Le trac" nannte es der Klavierlehrer meiner Tochter. Lampenfieber...

Die Kinder im Alter von 7 bis 15 Jahren haben ihre Klavierstücke vorgespielt, ein kleiner Junge spielte Blockflöte und ein staksiges Teenagermädchen mit Bracketspange Altflöte.  Und dann gab es noch zwei erwachsene Schüler. Eine Frau, sichtlich nervös, Ende Dreissig. Gross, sportlich, in Jeans und Hemd mit Gilet, spielte barfuss ein schönes Saxophonstück. Und dann war da noch dieser Mann, der mir schon bei der Hauptprobe aufgefallen war.  Er hat auf seinem Tenorsaxophon ein wunderschönes Jazzstück gespielt. Im Hintergrund lief eine CD und der Musiklehrer hat ihn auf seinem Klavier begleitet. Er hat ihn angekündigt,  als den Mann, der die meiste Zeit in den Wolken verbringt und es trotzdem schafft, Zeit zu finden, um mit seinem Tenorsaxophon zu üben und an der Soirée musicale mitzumachen. Interessant. Ein attraktiver Mann in meinem Alter, durchtrainiert und gepflegt. Ich  habe ihn natürlich gegoogelt und herausgefunden, dass er nicht mit kleinen Segelflugzeugen durch die Lüfte schwebt, sondern mit Kampfjets der Schweizer Luftwaffe.  Ich fand es schön, dass er sich die Zeit genommen hatte, an dieser Vortragsübung teilzunehmen und habe mich über seinen Beitrag gefreut. Ich hätte ihn gerne beim anschliessenden Apéro angesprochen und ihn gefragt, wie lange man spielen resp. üben muss, bis man "Cry me a river" so perfekt spielen kann. Aber die Kinder und andere Mütter haben meine Aufmerksamkeit beansprucht und plötzlich war er weg. Schade.

Und da war da noch dieses scheue junge Mädchen mit den roten Wangen, ungefähr 14 Jahre alt. Sie hat die "Comptine d'un autre été" von Yann Tiersen gespielt. Ein Stück aus dem Film "Die fabelhafte Welt der Amélie". Auswendig und aus dem Kopf gelernt ohne Noten. Sie hat es wunderbar gespielt und ich musste mich beherrschen, mein Augenwasser zurückzuhalten. Diese Musik trifft mich irgendwie mitten ins Herz.






Sonntag, 1. April 2012

Keine Zeit für Eheprobleme


Das Werk ist vollbracht und abgeschickt! Wie nicht anders erwartet kurz vor Ablauf der Deadline (Ende der Einsprachefrist) fertig geworden. Es hat mich viel Zeit gekostet. Emotionen und Zweifel sind hochgekommen. Und ich musste kurzfristig ein Date absagen, auf das ich mich gefreut hatte... Aber ich denke, der ganze Aufwand hat sich gelohnt. Ich habe viele neue Erkenntnisse gewonnen und was dazugelernt. Und ich habe wieder Kontakt mit meinem guten alten SMS-Leo. Der ist nämlich vom Fach und wir haben in den letzten drei Tagen zweimal miteinander telefoniert und über das Projekt und andere Themen gesprochen. Und ich habe ihm einen Stein in den Garten werfen können, wie man so schön sagt. Mehr dazu später.

Die Gemeinde hat von mir ein vierseitiges Dokument mit einem Dutzend Beilagen gekriegt. Wenn schon, dann schon! Sie werden mich lieben ;-)


Ich habe wirklich alle Register gezogen. Gesetzesartikel zitiert. Im Morgenlicht aus allen Blickwinkeln stimmige Fotos der Bauprofile inmitten der idyllischen Umgebung gemacht und beigelegt. Im A4-Format versteht sich.  Zwei Fotomontagen der scheusslichen Eternitfassade inmitten der alten Dorfhäuser und Ziegeldächer beigefügt (der Auftrag ging an meinen Mann - er hat das mit PowerPoint gemacht, das er aus dem FF beherrscht). Eine Luftaufnahme (google maps) ausgedruckt und einen Auszug aus dem Zonenplan erstellt, der zeigt, dass das Projekt zwischen zwei geschützten Zonen liegt und unmittelbar neben einem geschützten Gebäude stehen soll.

Ich habe mir die Pläne nochmals angesehen und mit einem Vertreter der Baukommission gesprochen. Es war ein aufschlussreiches Gespräch. Die Gemeinde hat es bei der letzten Zonenplanrevision versäumt, besondere Vorgaben für die beiden letzten Bauparzellen zwischen den geschützten Perimetern zu definieren.  Selbst wenn sie das Projekt ebenfalls scheusslich findet, hat sie nur einen beschränkten Handlungsspielraum, um die beantragte Baubewilligung aus Gründen der Ästhetik  zu verweigern, solange die übrigen im Zonenplan festgehaltenen Bestimmungen eingehalten werden. Man hofft darauf, dass der Kanton das Projekt genauer unter die Lupe nimmt.  Dank meiner Intervention wird nun auch der trägste Beamte auf dem kantonalen Raumplanungsamt bemerken, dass dieses moderne Haus nicht irgendwo in einer Neubausiedlung stehen soll, sondern in einer ganz besonderen Landschaft, deren Zauber es zerstören oder zumindest stören wird. 

Man sieht sie oft auf dem Land, diese neuen Siedlungen am Dorfrand, wo jeder bauen kann, wie es ihm gefällt, solange Maximalhöhe und Grenzabstände eingehalten werden. Da steht dann ein weiss verputztes Landhaus mit Holzfensterläden und rotem Krüppelwalmziegeldach neben einem  lärchenholzverkleideten Flachdachkubus, einem terracottafarbenen Haus im toskanischen Stil mit Zeltdach und einem eternitverkleideten Minergiehaus. Nicht wirklich schön anzuschauen.

Und last but not least habe ich die Gemeinde aufgefordert, eine Stellungnahme der kantonalen Kommission einzuholen, die sich mit Architektur, Ortsbildschutz und Siedlungsgestaltung beschäftigt. Ob die von der Gemeinde überhaupt gewusst haben, dass es diese Kommission gibt? Naja -jetzt wissen sie es! :-)

Ich habe wirklich alles gegeben und mehr kann man nicht tun. Das Ganze hat mich emotional doch ziemlich in Beschlag genommen. Am meisten zu denken gibt mir die Tatsache, dass der Landbesitzer uns das Land nicht einmal zum Kauf angeboten hat. Ich könnte ihn erwürgen. Mit blossen Händen. So ein verdrehter Kerl...

Und genauso zu denken gibt mir der Umstand, dass der renommierte Architekt am Ort, mit dem wir persönlich bekannt und per Du sind, ein so hässliches  Projekt ausarbeitet und uns als direkte Nachbarn noch  nicht einmal anstandshalber die Pläne zukommen lässt. Vielleicht hat er sich nicht getraut… ?

Der Gipfel ist jedoch, dass auf den Plänen der Baueingabe nirgendwo die grüne Zone eingezeichnet ist, so dass auf Anhieb nicht klar erkennbar ist, dass die Doppelgarage im Bauverbot steht. Ein Versäumnis, das die Gemeinde bereits gerügt hat.

Als ich am Donnerstag Morgen mit dem Auto zum Arbeitsplatz fuhr, kam mir eine Eingebung. Mein alter Kumpel von früher, mein SMS-Leo, ist ja vom Fach! Ich wollte ihn fragen, weshalb sich jemand für eine Eternitfassade und -bedachtung entscheidet und wie er die Chancen sieht, dass ein Projekt aus Gründen der Ästhetik abgelehnt wird.  Er hat mir ein paar interessante Denkanstösse gegeben, die ich in meine Argumentation habe einfliessen lassen.

Und er hat mir ein wenig sein Herz ausgeschüttet. Leo hat den Blues. Er  hat gerade ohne eigenes Zutun einen wichtigen Kunden und damit 35 % seines Jahresumsatzes verloren, weil die Unternehmung verkauft worden ist und das neue ausländische Mutterhaus andere Pläne hat.


Er ist deshalb auf der Suche nach neuen Projekten. Und ich konnte ihm einen Gefallen tun und einen interessanten Kontakt zu einer befreundeten Familie herstellen, die in naher Zukunft ein Haus bauen will. Die zukünftige Bauherrin kommt aus dem Norden - just aus dem skandinavischen Land, an dem sein Herz so hängt und wo er ein "Sommerhaus" besitzt. Passt doch perfekt!  Er hat sich jedenfalls sehr über meine Bemühungen gefreut und wenn diese Verbindung klappen würde, wäre das wirklich der Hammer!

Und sollte dieses unsägliche Bauwerk im Westen trotz allem doch so gebaut werden, habe ich wenigstens alles unternommen, um den Lauf der Dinge zu beeinflussen.  Ich habe einiges dazugelernt, mir Respekt verschafft, den Kontakt zu Leo wieder reaktiviert und mehr kann man nicht tun. Und sollte das worst case Szenario eintreffen, werde ich im Westen halt  Bäume pflanzen! On verra. Es kommt, wie es kommen muss.




P.S. Mein Lieblingssatz aus meiner Eingabe:

Même si l’on apprécie l’architecture moderne, ce bâtiment détonne dans ce paysage idyllique et tout le monde va se frotter les yeux et s’étonner de savoir comment il est possible de mettre une telle construction dans l’ensemble des vieux toits couverts de tuiles du voisinage et dans ce paysage idyllique."

Heisst sinngemäss, dass jedermann sich verwundert die Augen reiben wird und sich fragen wird, wie es möglich  ist,  dass ein Gebäude, das so fehl am Platz in dieser idyllischen Landschaft und zwischen all den alten ziegelbedeckten Hausdächern steht, gebaut werden durfte - selbst wenn man an moderner Architektur Gefallen findet.