Montag, 30. April 2012

Spätzünderin mit rosaroten Brillengläsern

Eigentlich wollte ich die Kommentare zu meinem letzten Post beantworten. Als ich die Antwort (@ alle)  zu schreiben begann, kam mir so vieles in den Sinn... Und da es ohnehin nicht zu meinen Talenten gehört, mich kurz zu fassen, mache ich doch besser gleich ein neues Post daraus.

Der Tenor meiner Leserinnen ist der, dass ich mich wohl noch in einem Schockzustand befinde und mir keine unnötigen Gedanken darüber machen sollte, weshalb es mir im Moment verhältnismässig gut geht, obwohl man doch annehmen müsste, dass es mir beschissen gehen sollte.

Wahrscheinlich ist das wirklich so. Hin und wieder kommt so ein Fitzelchen Trauer hoch und ich denke an etwas, was nie mehr möglich sein wird. Sobald es weh tut, verdränge ich den Gedanken ganz schnell wieder und ziehe eine imaginäre Decke über diese Emotionen. Ich schiebe dann den schmerzlichen Gedanken weit weg und verleugne ihn, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. So ähnlich wie ein Kind, dass sich morgens im Bett die Decke über den Kopf zieht, weil es nicht aufstehen will und sich denkt, ich bin nicht da und man sieht mich nicht. Das ist wohl das, was ich im Moment unbewusst tue.

Aber irgendwann kommt der Moment der Wahrheit und das Kind muss die Decke aufschlagen und wohl oder übel aufstehen (und in die Schule gehen...) und ich muss mich wohl irgendwann der schmerzhaften Realität stellen. Aber im Moment verdränge ich sie noch und vielleicht bleibt das auch so. Wer weiss das schon.

Eigentlich ist das typisch für mich. Ich bin eine Spätzünderin. Ich brauche relativ lange, um mich an eine neue Situation zu gewöhnten. Und ich warte lange, bis ich etwas verändere. Und ich habe das zweifelhafte Talent, mir meine Welt durch eine rosa Brille schön zu sehen. Das wurde mir wohl schon in die Wiege gelegt.


Rosaroter Blick auf die Realität.



In  meiner ersten Partnerschaft habe ich das Negative so lange ausgeblendet, bis ich Panikattacken gekriegt und mich kaum noch unter Leute getraut habe. Ich habe so lange in einer unglücklichen Beziehung ausgeharrt, bis mir das Universum (oder wer oder was auch immer) diese Plage geschickt hat, nach dem Motto: "Hallo? Aufwachen, Röschen! Mach die Augen auf! Du lebst ein Leben, das Dir nicht mehr entspricht! Du musst was verändern, sonst wirst Du krank! Verlass ihn! Tu was!".

Ich habe natürlich trotzdem weiterhin meine rosa Brille anbehalten. Habe Psychopharmaka genommen, funktioniert und ausgeharrt, bis mein Ex dann meine Faxen (sprich Phobien) satt hatte und sich endgültig einer andern Frau zugewendet hat.  Als er nach ein paar Monaten reumütig wieder "angekrochen" kam, bin ich wieder rückfällig geworden. Habe mich (wenn auch mit angezogener Handbremse) nochmals auf ihn eingelassen. Um der guten alten (rosarot eingefärbten) Zeiten willen. Nach ein paar Wochen kam dann Spätzünderin Rosalie doch noch zur Räson und hat die Beziehung endgültig beendet. Mit tatkräftiger Hilfe meiner damals besten Freundin. Sie hat quasi seine Telefonnummer gewählt und mir den Hörer in die Hand gedrückt und gesagt: "Sag ihm, dass es zu Ende ist!". 


Natürlich ist seither viel passiert. Ich bin inzwischen erwachsen geworden. Oder zumindest erwachsener... Aber ich tue mich immer noch unglaublich schwer mit Veränderungen. Deshalb harre ich auch schon so lange in meiner Ehe aus und führe lieber ein Doppelleben, anstatt meinen Alltag zu verändern. 

Und deshalb bin ich wohl einfach auch nicht richtig bereit dazu, eine solch einschneidende Veränderung wie den Tod des Vaters, der in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt hat, einfach so anzunehmen. Ja, ich verdränge. Und ich brauche viel Zeit. Und stelle mir lieber vor, dass er nur in den Ferien ist. Meinetwegen auch für unbestimmte Zeit.  

On verra. Man wird sehen. Kommt Zeit, kommt Rat. 



2 Kommentare:

  1. Liebe Rosalie, auch auf die Gefahr hin, dass ich wie eine Besserwisserin dastehe, wenn ich schon wieder das kommentiere.
    Wenn ich dein heutiges Posting lese, liest es sich für mich, als ob du meinst du tust da was aktiv, weswegen es so ist wie es ist.

    Ich glaube nicht, dass du etwas (aktiv) verdrängst, denn das wäre ja ein aktiver Akt. Der Schock landet denke ich im Rückenmark, geht ans Eingemacht, ans Stammhirn, da, wo wir nicht hingreifen können und eingreifen können. Das schön am Schock ist: er schützt uns. Bei Unfällen schützt er vor den ersten schlimmen Schmerzen, damit wir noch schnell für uns sorgen können, ehe nichts mehr geht, vor lauter Schmerz. Du wirst den Schutz gut brauchen können.
    Und ich behaupte sogar, du bist mehr als ein halbes Leben weit entfernt von dem Mädchen, das seiner Freundin damals den Hörer in die Hand gedrückt hat.
    liebe Grüße, Daniela

    PS: was glaubst du, wieviele meiner Freunde noch immer in den Ferien sind ... ich warte noch immer darauf, dass der Tod ankommt, wo noch die "temporäre Abwesenheit" in Gedanken vorherrscht :-(

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    1. Danke für Deine lieben Zeilen. Ich will sie gerne glauben. Ich stehe wirklich neben mir und es ist wohl schon so, wie Du sagst. Man kann die Trauer nicht steuern. Sie passiert einfach. Bevor mein Vater gestorben ist, hatte ich jeden Tag starke Knieschmerzen. Miniskus vermutlich. War schon bei Röntgen und hätte vor einer Woche einen Arzttermin gehabt, um das Ergebnis zu besprechen. Heute vor zwei Wochen ist mein Vater gestorben. Ich hatte die ganzen zwei Wochen keine Knieschmerzen mehr resp. ich hab sie einfach nicht mehr gespürt! Jetzt melden sie sich langsam wieder. Schon crazy, was im Körper passiert, wenn die Seele so erschüttert wird. Meiner Mutter und meiner Schwester geht es ebenso. Meine Mutter hat mir vorhin am Telefon gesagt, dass sie auf dem Friedhof war und das Kreuz mit dem Namen ihres Mannes ihr so fremd vorkommt. Sie ist noch immer im falschen Film. Nächste Woche wollten sie mit dem Wohnmobil in den Süden fahren und nun steht sie vor einem Grab, das die Asche des Mannes enthält, mit dem sie die letzten 45 Jahre verbracht hat. Das ist so surreal...

      Herzliche Grüsse,
      Rosalie

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