Sonntag, 22. April 2012

Abschiedstexte

Schreiben ist eine meiner Leidenschaften. Aber ich habe mich sehr schwer damit getan, den Text für die Todesanzeige meines Vaters zu verfassen. Wenige Stunden, bevor ich ihn zum Druck freigeben musste, habe ich ihn nochmals umgeschrieben. Schliesslich ist es mir gelungen, unsere Gefühle zum Verlust eines besonderen Menschen angemessen in Worte zu fassen.


Die Anzeige hat berührt und  meine Mutter hat schon am nächsten Tag Beileidkarten von Frauen erhalten, die sie nur vom Sehen kennt oder mit denen sie seit Jahren kein Wort mehr gewechselt hat und sich kaum daran erinnert, um wen es sich handelt. Frauen, die sich nun mit ihr verbunden fühlen, weil sie das selbe Schicksal erlitten haben und ihre Ehemänner zu früh oder von heute auf morgen verloren haben. Es ist eine Generation von Frauen, die wie meine Mutter vierzig, fünfzig Jahre lang mit dem selben Mann verheiratet gewesen sind und eine traditionelle Rollenverteilung gelebt haben. Und dann stehen sie plötzlich alleine da und haben noch zwanzig Lebensjahre vor sich und müssen sich ihren Alltag neu gestalten.


Diese Solidarität beeindruckt mich sehr. Sie lässt jedoch auch erahnen, wie schwierig der Weg ist, den meine Mutter nun beschreiten muss.


Und heute stehe ich vor der Aufgabe, ein reichhaltiges Leben eines besonderen Menschen auf zwei A4-Seiten zu beschreiben... Das ist die nächste Herausforderung. Ich fühle mich wie vor einer Prüfung.


Und irgendwo steht auch die Frage im Raum, ob ich den Text selber vortragen soll oder nicht. Ich möchte es für ihn tun. Die starke Tochter sein. Aber vielleicht mute ich mir damit zu viel zu. On verra. Ich lasse es auf mich zukommen und werde kurzfristig entscheiden.  








11 Kommentare:

  1. Liebe Rosalie, ich wünsche Dir, dass Du die Worte findest, die Dir angemessen erscheinen und wiederspiegeln, was war und ist.

    Wie auch immer Du Dich entscheidest, ich denke, Dein Vater hätte es in jedem Fall verstanden.

    Mit diesem Kommentar schicke ich Dir meinen heutigen, hoffentlich etwas Kraft spendenden, Drücker!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Herzlichen Dank, Du Liebe!!

      Es ist schwierig, ein so reiches und interessantes Menschenleben auf zweieinhalb Seiten zu beschreiben aber ich denke, es ist mir nicht schlecht gelungen.

      Ich war heute in der Kirche und als ich so alleine am Pult stand und auf die leeren Bänke schaute, verliess mich wieder der Mut. Mein Vater hätte das nie erwartet, dass ich den Lebenslauf vorlese. Und ich hätte bis vor kurzem auch nicht geglaubt, dass ich es überhaupt in Erwägung ziehe. Ach, ich lasse es einfach auf mich zukommen.

      Ganz liebe Grüsse!

      Löschen
  2. Liebe Rosalie

    Du wirst das schon richtig entscheiden. Ein Tipp: Lies den Text nur, wenn es dir wirklich ein Bedürfnis ist. Der Tag der Beerdigung ist für dich und die anderen dazu da, Abschied zu nehmen, nicht eine Rolle zu einzunehmen, auch nicht die der starken Tochter. Wenn dir das Selberlesen aber ein Bedürfnis ist, dann tu es.

    Ich grüsse und drücke dich herzlich Castorp

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Castorp

      Es ist mir eigentlich schon ein Bedürfnis. Allerdings weiss ich nicht, ob ich stark genug sein werde. Und ich bin es auch nicht gewohnt, vor vielen Leuten zu sprechen. Es ist vielleicht besser, ich lasse es vorlesen. On verra.

      Herzliche Grüsse,
      Rosalie

      Löschen
  3. Ich rate dir wie castorp. Aber ich habe vor drei Jahren für eine gute Freundin den Abschiedstext gelesen, fast eine Viertelstunde, die mir vorher so unüberwindlich lang schien. Doch wenn man beginnt, findet sich die Stimme und man vergisst alles um einen herum, auch die eigene Traurigkeit. So habe ich es erfahren und bin heute sehr dankbar, den Mut gehabt zu haben. Es war mein letztes Geschenk an sie. Ich habe ihr etwas von mir mitgegeben. Ich denke an dich. morgenrot

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, liebe Morgenrot!

      Ich bin noch hin- und hergerissen. Ich finde es sehr schön, dass Du Deiner Freundin auf diese Weise die letzte Ehre erwiesen hast. Bewundernswert!

      Herzliche Grüsse,
      Rosalie

      Löschen
  4. Das ist wirklich eine schwere Aufgabe. Liebe Rosalie, es tut mir sehr leid für Sie und Ihre Familie!
    Herzliche Grüße.

    AntwortenLöschen
  5. Ach liebe Rosalie,
    irgendwie habe ich den richtigen Zeitpunkt verpasst, dir ein paar tröstende Worte zu schreiben....wahrscheinlich, weil ich wußte, dass ich mich dann auch mit dem Thema Tod beschäftigen müsste und dazu war ich im Augenblick zu feige.
    Danaben wird alles andere so klein und bedeutungslos.
    Nichtsdestotrotz habe ich ganz oft an dich gedacht....jeden Post gelesen....
    In Gedanken bin ich bei dir und wünsche dir viel Kraft..
    Fühl dich gedrückt...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ach meine liebe Frau Karfunkel,

      Ich habe es so gut gespürt, dass Du an mich denkst und ich weiss doch, dass Du selber in einer ganz schwierigen Situation steckst und ich kann das gut verstehen, dass Du Dich von Themen fernhalten musst, die Dich noch weiter hinunter ziehen. Ich denke sehr oft an Dich und an Deine Situation und ich hoffe ganz fest, dass es Dir bald besser geht und dass Du wieder schreiben magst! Take care!

      Herzlichen Dank für Deine lieben Zeilen.

      Ganz liebe Grüsse,
      Rosalie

      Löschen
  6. ...und was das Schreiben und Vorlesen angeht...Wenn du auf deinen Bauch hörst, wirst du es genau richtig machen....

    AntwortenLöschen