Sonntag, 1. April 2012

Keine Zeit für Eheprobleme


Das Werk ist vollbracht und abgeschickt! Wie nicht anders erwartet kurz vor Ablauf der Deadline (Ende der Einsprachefrist) fertig geworden. Es hat mich viel Zeit gekostet. Emotionen und Zweifel sind hochgekommen. Und ich musste kurzfristig ein Date absagen, auf das ich mich gefreut hatte... Aber ich denke, der ganze Aufwand hat sich gelohnt. Ich habe viele neue Erkenntnisse gewonnen und was dazugelernt. Und ich habe wieder Kontakt mit meinem guten alten SMS-Leo. Der ist nämlich vom Fach und wir haben in den letzten drei Tagen zweimal miteinander telefoniert und über das Projekt und andere Themen gesprochen. Und ich habe ihm einen Stein in den Garten werfen können, wie man so schön sagt. Mehr dazu später.

Die Gemeinde hat von mir ein vierseitiges Dokument mit einem Dutzend Beilagen gekriegt. Wenn schon, dann schon! Sie werden mich lieben ;-)


Ich habe wirklich alle Register gezogen. Gesetzesartikel zitiert. Im Morgenlicht aus allen Blickwinkeln stimmige Fotos der Bauprofile inmitten der idyllischen Umgebung gemacht und beigelegt. Im A4-Format versteht sich.  Zwei Fotomontagen der scheusslichen Eternitfassade inmitten der alten Dorfhäuser und Ziegeldächer beigefügt (der Auftrag ging an meinen Mann - er hat das mit PowerPoint gemacht, das er aus dem FF beherrscht). Eine Luftaufnahme (google maps) ausgedruckt und einen Auszug aus dem Zonenplan erstellt, der zeigt, dass das Projekt zwischen zwei geschützten Zonen liegt und unmittelbar neben einem geschützten Gebäude stehen soll.

Ich habe mir die Pläne nochmals angesehen und mit einem Vertreter der Baukommission gesprochen. Es war ein aufschlussreiches Gespräch. Die Gemeinde hat es bei der letzten Zonenplanrevision versäumt, besondere Vorgaben für die beiden letzten Bauparzellen zwischen den geschützten Perimetern zu definieren.  Selbst wenn sie das Projekt ebenfalls scheusslich findet, hat sie nur einen beschränkten Handlungsspielraum, um die beantragte Baubewilligung aus Gründen der Ästhetik  zu verweigern, solange die übrigen im Zonenplan festgehaltenen Bestimmungen eingehalten werden. Man hofft darauf, dass der Kanton das Projekt genauer unter die Lupe nimmt.  Dank meiner Intervention wird nun auch der trägste Beamte auf dem kantonalen Raumplanungsamt bemerken, dass dieses moderne Haus nicht irgendwo in einer Neubausiedlung stehen soll, sondern in einer ganz besonderen Landschaft, deren Zauber es zerstören oder zumindest stören wird. 

Man sieht sie oft auf dem Land, diese neuen Siedlungen am Dorfrand, wo jeder bauen kann, wie es ihm gefällt, solange Maximalhöhe und Grenzabstände eingehalten werden. Da steht dann ein weiss verputztes Landhaus mit Holzfensterläden und rotem Krüppelwalmziegeldach neben einem  lärchenholzverkleideten Flachdachkubus, einem terracottafarbenen Haus im toskanischen Stil mit Zeltdach und einem eternitverkleideten Minergiehaus. Nicht wirklich schön anzuschauen.

Und last but not least habe ich die Gemeinde aufgefordert, eine Stellungnahme der kantonalen Kommission einzuholen, die sich mit Architektur, Ortsbildschutz und Siedlungsgestaltung beschäftigt. Ob die von der Gemeinde überhaupt gewusst haben, dass es diese Kommission gibt? Naja -jetzt wissen sie es! :-)

Ich habe wirklich alles gegeben und mehr kann man nicht tun. Das Ganze hat mich emotional doch ziemlich in Beschlag genommen. Am meisten zu denken gibt mir die Tatsache, dass der Landbesitzer uns das Land nicht einmal zum Kauf angeboten hat. Ich könnte ihn erwürgen. Mit blossen Händen. So ein verdrehter Kerl...

Und genauso zu denken gibt mir der Umstand, dass der renommierte Architekt am Ort, mit dem wir persönlich bekannt und per Du sind, ein so hässliches  Projekt ausarbeitet und uns als direkte Nachbarn noch  nicht einmal anstandshalber die Pläne zukommen lässt. Vielleicht hat er sich nicht getraut… ?

Der Gipfel ist jedoch, dass auf den Plänen der Baueingabe nirgendwo die grüne Zone eingezeichnet ist, so dass auf Anhieb nicht klar erkennbar ist, dass die Doppelgarage im Bauverbot steht. Ein Versäumnis, das die Gemeinde bereits gerügt hat.

Als ich am Donnerstag Morgen mit dem Auto zum Arbeitsplatz fuhr, kam mir eine Eingebung. Mein alter Kumpel von früher, mein SMS-Leo, ist ja vom Fach! Ich wollte ihn fragen, weshalb sich jemand für eine Eternitfassade und -bedachtung entscheidet und wie er die Chancen sieht, dass ein Projekt aus Gründen der Ästhetik abgelehnt wird.  Er hat mir ein paar interessante Denkanstösse gegeben, die ich in meine Argumentation habe einfliessen lassen.

Und er hat mir ein wenig sein Herz ausgeschüttet. Leo hat den Blues. Er  hat gerade ohne eigenes Zutun einen wichtigen Kunden und damit 35 % seines Jahresumsatzes verloren, weil die Unternehmung verkauft worden ist und das neue ausländische Mutterhaus andere Pläne hat.


Er ist deshalb auf der Suche nach neuen Projekten. Und ich konnte ihm einen Gefallen tun und einen interessanten Kontakt zu einer befreundeten Familie herstellen, die in naher Zukunft ein Haus bauen will. Die zukünftige Bauherrin kommt aus dem Norden - just aus dem skandinavischen Land, an dem sein Herz so hängt und wo er ein "Sommerhaus" besitzt. Passt doch perfekt!  Er hat sich jedenfalls sehr über meine Bemühungen gefreut und wenn diese Verbindung klappen würde, wäre das wirklich der Hammer!

Und sollte dieses unsägliche Bauwerk im Westen trotz allem doch so gebaut werden, habe ich wenigstens alles unternommen, um den Lauf der Dinge zu beeinflussen.  Ich habe einiges dazugelernt, mir Respekt verschafft, den Kontakt zu Leo wieder reaktiviert und mehr kann man nicht tun. Und sollte das worst case Szenario eintreffen, werde ich im Westen halt  Bäume pflanzen! On verra. Es kommt, wie es kommen muss.




P.S. Mein Lieblingssatz aus meiner Eingabe:

Même si l’on apprécie l’architecture moderne, ce bâtiment détonne dans ce paysage idyllique et tout le monde va se frotter les yeux et s’étonner de savoir comment il est possible de mettre une telle construction dans l’ensemble des vieux toits couverts de tuiles du voisinage et dans ce paysage idyllique."

Heisst sinngemäss, dass jedermann sich verwundert die Augen reiben wird und sich fragen wird, wie es möglich  ist,  dass ein Gebäude, das so fehl am Platz in dieser idyllischen Landschaft und zwischen all den alten ziegelbedeckten Hausdächern steht, gebaut werden durfte - selbst wenn man an moderner Architektur Gefallen findet.

6 Kommentare:

  1. Ich drücke Dir die Daumen ;)

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  2. Bist Du ganz sicher, dass Du Deine Leidenschaft und Energie am richtigen Ort (räumlich gesehen) und in die richtige Sache reinsteckst?

    Bedenke, dass Du gewinnen könntest!
    Und dann?

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    1. Ja! Ich muss das einfach tun, auch wenn ich in diesem Haus vielleicht nicht alt werde. Ich tue es auch für meine Kinder. Und wenn ich gewinne... und die Bauherrschaft das Handtuch schmeisst? Dann kann mir Leo vielleicht irgendwann ein hübsches Holzhaus mit rotem Ziegeldach bauen! :-) Aber sehr wahrscheinlich wird das Haus nebenan trotzdem gebaut, aber mit einer ansprechenderen Optik! Das ist eigentlich das, was ich mir erhoffe bzw. wovon ich ausgehe.

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  3. SMS-Leo....das erinnert mich irgendwie an "Gut gegen Nordwind" :-)

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    1. Genau! Leo Leike aus dem Buch hat mich zu dem Namen inspiriert. Wir haben nämlich ein Jahr lang SMS ausgetauscht, ohne uns zu treffen. Ich kenne ihn noch aus meiner Schulzeit! Wir haben uns letzten November nach über zwanzig Jahren erstmals wieder getroffen! Ich habe im Blog darüber geschrieben. :-)

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