Mittwoch, 25. April 2012

Trauerfeier

Hätte mich vor einem halben Jahr, vor einem Monat oder noch vor 10 Tagen jemand gefragt, wie ich mich am Tag der Beerdigung meines Vaters fühlen würde, hätte ich geantwortet, dass ich wohl Psychopharmaka nehmen müsste, um die Trauerfeier ohne Weinkrämpfe durchstehen zu können. Seit gestern weiss ich, wozu ich in der Lage bin, wenn es darauf ankommt...

Am Morgen der Trauerfeier bin ich nach fast acht (!) Stunden Schlaf aufgestanden, habe mir im Bad länger als üblich Zeit genommen und eine Tasse Kaffe getrunken. Dann fuhr ich mit dem Auto ins Nachbardorf zur Floristin. Das war der Moment, als Agnes Obel aus dem Lautsprecher des Autoradios ertönte. Als ich die beiden Gestecke gesehen habe, das Herz mit den Vornamen der Enkelkinder und das Blumenarrangement mit meinem Namen und den Vornamen meiner Mutter und meiner Schwester, verlor ich ganz kurz die Contenance. Sie waren wunderschön. So, wie ich es mir gewünscht hatte. Kleine, feine Blümchen, Vergissmeinnicht (auf ausdrücklichen Wunsch meiner Tochter), Schneckenhäuser. Ich bezahlte die Blumen und die Floristin wünschte mir viel Kraft.

Auf dem Weg zur Kirche besorgte ich noch Croissants (unser Mittagessen) und fuhr zu meinem Elternhaus. Mit meiner Schwester ging ich in die Kirche und wir arrangierten  die Töpfe mit den Hortensien und Glockenblumen, die ich am Wochenende besorgt hatte und die beiden Blumengestecke.


Ich stellte mich hinter das Pult und begann den von mir verfassten Lebenslauf zu lesen. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlen und anhören würde, auch wenn das Mikrofon nicht eingeschaltet war. Meine Schwester hörte zu, kämpfte mit den Tränen und meinte, ich würde das gut machen. Dann ging die Türe auf und es wurden weitere Blumenarragements und zwei grosse Trauerkränze mit Widmungen von Freunden in die Kirche gebracht. Da verloren wir beide kurz die Contenance. Die Blumen wurden neu arrangiert und schliesslich wurde es Zeit und wir fuhren zurück ins Elternhaus. Dann kamen die Ehemänner mit den Kindern und wir gingen zu Fuss auf den Friedhof.

Ich fühlte mich stark. Hin und wieder sprühte ich mir etwas SOS-Bachblütenspray in den Mund. Dann kamen die Trauergäste. Sie strömten Richtung Friedhof und ich schüttelte sehr viele Hände, es gab viele Küsschen und Umarmungen und manche Begegnungen brachten mich kurz aus der Fassung. Es kamen Verwandte, die ich lange nicht mehr gesehen hatte. Nachbarn, ehemalige Lehrlinge meines Vaters, Arbeitskollegen und Schulkolleginnen meines Vaters, Freunde meiner Eltern, die ich seit der Kindheit nicht mehr gesehen hatte und natürlich viele Freunde und Freundinnen von meiner Schwester und mir. Sie hatten meinen Vater alle gekannt und geschätzt, denn meine Eltern waren eigentlich immer anwesend, wenn wir Feste feierten und mein Vater war ein interessanter Mann, mit dem sich alle gerne unterhalten haben.

Unsere Kinder hatten sich ein wenig abgesondert und kletterten auf einem Mäuerchen herum und die Tochter wuselte hin und wieder durch die Menschenmenge, kam zu mir und zupfte mich am Ärmel und fragte, wie lange das denn noch gehe... Sie langweile sich und es sei kalt und sie wolle jetzt endlich in die Kirche... Ich vertröstete sie ein paar Mal und widmete mich wieder den Trauergästen.

Unter anderem kam meine erste grosse Jugendliebe. Ich hatte gehofft, ihn wieder zu sehen. Das letzte Treffen war vor drei Jahren am Begräbnis meines Grossvaters, das zweitletzte vor ca. 25 Jahren. Fast hätte ich ihn nicht mehr erkannt. Leider blieb keine Zeit für ein Gespräch.

Als die Kirchenglocken zu läuten begannen, folgten wir dem Friedhofsgärtner und der Pfarrerin mit der Urne zum Grab. Die Trauergemeinschaft versammelte sich in einem grossen Kreis in gebührendem Abstand, wie es die Pfarrerin vorausgesagt hatte. In diesem Moment begann es zu nieseln und Windböen fegten über den Friedhof. Ich musste meinen kleinen Regenschirm zuklappen, da er dem Wind nicht trotzen konnte. Ich stand vor dem Kreuz mit dem Namen meines Vaters und fühlte mich seltsam unbeteiligt. Wie versteinert. Mir war kalt und ich begann zu frösteln. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was die Pfarrerin alles gesagt hat. Als die Urne der Erde übergeben wurde, nahmen die Grosskinder ihre Brieflein und Steine aus den Hosentaschen und jeder von uns gab dem Verstorbenen etwas mit ins Grab.


Mein Mann legte einen nautischen Schlüsselanhänger in Form eines Fenders ins Grab. Er hatte vor vielen Jahren auf einer Reise zwei Stück davon gekauft und sich vorgenommen, eines Tages selbst ein Segelschiff zu besitzen und den Jachtschlüssel daran festzumachen und den Zweitschlüssel seinem Schwiegervater zu überreichen. Übermorgen wäre es soweit gewesen. Er wollte meinem Vater den Schlüssel für die neue Segeljacht überreichen. An Bord, auf der Jungfernfahrt...


Und so standen wir am offenen Grab und der Wind pfiff uns um die Ohren und rüttelte an den Regenschirmen und es war eine Stimmung wie in einem (schlechten) Hollywoodfilm. Meine kleinen Neffen und mein Sohn schluchzten am offnen Grab, meine Schwester, mein Mann, die Geschwister meines Vaters und meine Schwiegereltern weinten mit. Die Trauergäste betrachteten ergriffen aus der Entfernung die herzzerreissende Szenerie und ich stand dort mit der Tochter an der Hand und brachte keine Träne hervor, fühlte mich wie in Trance. Seltsam unbeteiligt.

Einige der Trauernden hatten auch noch das Bedürfnis, am offenen Grab vorbei zu gehen und dann zog sich die Gemeinde in die Kirche zurück und wir Angehörigen verweilten noch einen kurzen Moment dort und einige Trauergäste, die wir noch nicht gesehen hatten, drückten uns ihr Beileid aus. Darunter auch meine Freundin aus meiner neuen Heimat. Ich war gerührt. Die Gute kommt immer zu spät, aber sie kommt und sie hatte mir schon zwei Tage zuvor Blumen gebracht und ihr Beileid ausgesprochen. Und sie hat mir zwei Olivenbrote aus Südfrankreich mitgebracht. Das beste Olivenbrot der Welt und ich habe in den letzten Tagen mehrheitlich davon gelebt.

Und dann gingen wir in die Kirche. Ich fühlte mich noch immer stark. Die Pfarrerin begann mit dem Gottesdienst, die Orgel spielte, es wurde gesungen und dann kam der Teil der Andacht, an welchem der Lebenslauf vorgelesen wird. Die Pfarrerin schaute mich an und ich nickte mit dem Kopf. Sie kündigte an, dass die ältere Tochter nun den Lebenslauf des Vaters vorlesen werde und ich erhob mich von der Kirchenbank und schritt zum Rednerpult.

In der Hand hielt ich meine Rede. Fünf Seiten Text, Arial 16, zweimal gefaltet und schon ein wenig zerknittert. Ich stellte mich hinter das Pult und liess meinen Blick über die vollen Kirchenbänke schweifen. Es waren bestimmt 130 Leute anwesend. Mindestens. Ich suchte besonders vertraute Gesichter und merkte mir, wo sie sassen.

Am Vorabend der Beerdigung hatten mich plötzlich noch starke Zweifel beschlichen und ich war nicht mehr in der Lage zu beurteilen, ob der Text gelungen war oder nicht. Meine Mutter, meine Schwester, mein Mann und auch die Pfarrerin fanden ihn zwar gut, aber ich hatte dennoch Zweifel. Zwei vertraute Menschen haben ihn dann noch gelesen und mir versichert, dass der Lebenslauf wirklich gut geschrieben sei und mein platonischer Freund meinte sogar, er habe das Gefühl, meinen Vater postum noch kennengelernt zu haben. Das gab mir Zuversicht und das nötige Selbstvertrauen.

Dann holte ich tief Luft und begann zu lesen. Hochdeutsch. Da ich den Text selber verfasst hatte, konnte ich zwischendurch frei sprechen und meinen Blick über die Menschen schweifen lassen. Ich sah Taschentücher. Es war ganz still. Ich sprach deutlich und langsam und machte zwischen den Textabschnitten Pausen. Meine Stimme war fest und ich versuchte, nicht allzu traurig zu sprechen.

Ich fühlte mich gut. Ich fühlte mich stark. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich in der Lage sein würde, an der Trauerfeier meines Vaters seinen Lebenslauf vorzutragen. Es war die erste Rede meines Lebens. Ich habe noch nie vor so vielen Menschen gesprochen.

Dann kam der Schlusssatz: "E. war ein besonderer Mensch. Wir werden ihn niemals vergessen.".  Als ich mich wieder auf die Bank setzte, raunte mir mein Mann zu, ich hätte das super gemacht und meine Mutter nickte mir dankbar zu.

Als der Trauergottesdienst zu Ende war und wir die Kirche verliessen, hatte es aufgehört zu regnen. Ich bekam viel Lob und man sagte mir, ich hätte das sehr gut gemacht, ausgezeichnet sogar, es sei der beste Teil der Trauerfeier gewesen und ein alter Mann meinte zudem, er hätte noch nie eine so schöne, so persönliche Todesanzeige in der Zeitung gelesen.  Und viele Menschen sprachen mir Mut zu und äusserten sich noch einmal lobend über meinen Vater und wie sehr sie ihn geschätzt hätten und dass sie ihn sehr vermissen würden.

Ich bin so froh, dass ich das für meinen Vater habe tun können. Es war eine würdige, persönliche Abschiedsfeier. Und ich bin mir sicher, dass mir all diese guten Gedanken von meinen Freunden aus der realen und der virtuellen Welt dabei geholfen haben, die notwendige Kraft und Stärke zu finden. Und nicht zuletzt auch mein Vater selbst. Ich habe nämlich immer noch das Gefühl, dass seine Seele noch unter uns ist. Er hat sich bestimmt gefreut und Tränen der Rührung vergossen, als er uns von "da oben" zugeschaut hat. Bald werde ich ihn endgültig gehen lassen müssen. Und die Trauer ist noch lange nicht vorbei. Aber ich werde auf meine Weise trauern. Allein.

Ich danke Euch allen von Herzen, dass Ihr so fest an mich gedacht und Daumen gedrückt habt!

Eure Rosalie






9 Kommentare:

  1. Wie gut ist dieses Erlebnis für dich geworden! Ich freue mich für dich, dass du auf diese Weise die Beerdigung hast erleben können. Und nicht nur das. Du hast mit deinen Beiträgen - Todesanzeige und Lebenslauf - sicher vielen Trauernden gestern helfen können, ihrerseits von E. Abschied zu nehmen und hast sie für eine kurze Zeit mit auf dein Boot genommen, das seinen Kurs im Leben weiterfährt.

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    1. Danke! Das hast Du sehr schön gesagt!
      Das freut mich sehr.

      LG,
      Rosalie

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  2. Ich glaube zwar nicht, dass mir das zusteht, aber ich sage es trotzdem: Ich bin ganz stolz auf Dich.

    Danke, dass Du uns an diesem persönlichen Schicksalsschlag so hautnah hast teilhaben lassen.

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    1. Lieben Dank! Ich habe mich über Deinen Kommentar sehr gefreut.

      Das Schreiben tut mir gut. Es hilft mir beim Verarbeiten. Und mein Blog ist in gewisser Weise auch ein Tagebuch für mich. Irgendwann werde ich vielleicht gewisse Artikel ausdrucken und die Chronik eines Lebensabschnitts gestalten. Für meine Kinder. Als Erinnerung, wenn ich einmal nicht mehr da sein werde.

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  3. Ich glaube, dass es für dich und deinen Vater so richtig und gut war....Dein Post hat mich sehr berührt...Ich wünsch dir viel Stärke und den Mut zur Schwäche...
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    1. Das Verrückte ist ja, dass ich immer noch das Gefühl habe, dass er unter uns ist. Heute habe ich mir sein Portrait angeschaut und endlich wieder einmal weinen können. Aber auch wenn ich mir die Fotos vom Totenbett ansehe, stellt sich kein Gefühl von Verlust und Leere ein. Mein Vater ist irgendwie noch so präsent. Es ist für mich schlicht unvorstellbar, dass er nicht mehr da sein soll. Ich brauche wohl einfach länger als andere, um wirklich zu begreifen...

      Drück Dich auch!

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    2. Er ist ja auch noch da - nur anders.

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