Montag, 16. April 2012

Von der Vergänglichkeit

Das letzte Wochenende habe ich mehrheitlich mit Gartenarbeit verbracht. Viele Stunden lang Verdorrtes und Abgestorbenes geschnitten, zusammengerecht und in Säcke gepackt, gejätet und mir dabei die Fingernägel runiert und Hände und Unterarme zerkratzt. Während die Hände ihre Arbeit verrichtet haben, kreisten die Gedanken im Kopf. Ich habe die vergangene Woche Revue passieren lassen und an all den Dingen herumstudiert, die  mich gerade beschäftigen. Der Kommentar von Miracle Man ist mir im Kopf herumgespukt: "Überlege, was Dich glücklich macht. Dem gehe nach."


Gute Frage. Was macht mich eigentlich glücklich? Dieses Haus? Dieser Garten, der soviel Zeit beansprucht und dessen Schönheit so vergänglich ist? Meine Kinder? Die Menschen, mit denen mich eine Freundschaft verbindet? Was ist wirklich wichtig? Wonach sehne ich mich eigentlich? Ich musste an meine Männer denken. An meinen Ehemann. An meinen platonischen Freund. An Mr. Charming.  An meine Familie und an meine  Freundinnen. Viele stecken in aussergewöhnlichen Lebenssituationen und erleben Dinge, die sie sich noch vor einem Jahr nicht hätten träumen lassen. Das Leben steckt voller Überraschungen. Das Leben ist aber auch vergänglich. So wie die Stauden im Garten. Im Frühjahr treiben sie aus, erblühen zu voller Schönheit, vermehren sich, welken dahin und im Winter ziehen sie sich zurück. Manchmal für immer.


Es war ein seltsamer Winter, der vergangene Winter. Er hat den Pflanzen alles abverlangt. Lange hat er auf sich warten lassen. Uns im Januar mit frühlingshaften Temperaturen an der Nase herumgeführt und die Rosen und Bäume dazu verleitet, ihre Säfte fliessen zu lassen und sogar auszutreiben. Ein fataler Fehler. Im Februar kam die grosse Kälte und der Winter hat das Land mit klirrenden Frösten überzogen. Bei uns fehlte der Schnee. Die Pflanzen waren dem Frost schonungslos ausgeliefert. Viele sind erfroren. Alte Rosenstöcke, Stauden, Immergrüne. Manche haben überlebt, aber viele Triebe und Äste eingebüsst. Die Palmen geben ein tristes Bild ab. Noch ist ungewiss, ob sie überlebt haben. Die Wollmispel, die wir vor 17 Jahren als Jungpflanze geschenkt bekommen haben, ist tot. Lange Jahre war sie im Topf und vor vier Jahren habe ich sie in den Garten gepflanzt. Leider. Das ganze Ausmass des Desasters wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen.


Es scheint so, dass 2012 ein Jahr des Abschieds wird. Abschied von liebgewordenen Pflanzen, von der vertrauten Aussicht... und andere Abschiede zeichnen sich bereits ab. Menschen in meinem Umfeld sind an Krebs erkrankt. Stadium vier.


Was macht mich wirklich glücklich? Meine Kinder, keine Frage. Sie sind das Wichtigste. Meine Familie ist auch wichtig, meine Freundinnen und Freunde genauso. Und die schöne Umgebung? Manchmal empfinde ich sie als eine schöne Fassade, die von der inneren Leere und Einsamkeit ablenkt.  Was kann sie ausfüllen, diese Leere? Die Liebe? Vielleicht... Aber macht es Sinn, sein Lebensglück von einem Gegenüber abhängig zu machen, das uns glücklich machen soll? Würde nicht trotz allem die Angst vor der Vergänglichkeit das Glücksgefühl trüben?


In mir reift das Bewusstsein, dass ich nur glücklich werden kann, wenn es mir gelingt, dass ich mir selbst genug bin. Erst wenn ich alleine glücklich sein kann, werde ich in der Lage sein, das Glück mit jemand anderem zu teilen. Erst wenn ich mich selber liebe, kann ich diese Liebe weitergeben und sie von anderen Menschen auch empfangen. So einfach ist das. Und gleichzeitig so schwierig.


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Diesen Text habe ich am 4. April 2012 geschrieben. Irgend etwas hielt mich davon ab, ihn gleich aufzuschalten. Ich fand ihn zu melancholisch, irgendwie hatte ich den richtigen Moment verpasst, das Post zu veröffentlichen.


Heute morgen hat mir das Schicksal die Vergänglichkeit mit aller Härte vor Augen geführt. 


Mein Vater ist gestorben. Völlig unerwartet im 68. Altersjahr. Er hatte noch so viele Pläne, war gesund und aktiv und liebte das Leben. Heute wollte ich ihn anrufen und fragen, ob er morgen mit seinem Enkel Angeln geht. Wir hatten an Ostern darüber gesprochen. Im Mai wollte er mit meiner Mutter mit dem Wohnmobil für mehrere Wochen Richtung Süden fahren. Er hinterlässt eine riesige Lücke. 


Wie schrieb ich in meinem letzten Post noch über den Besuch bei meinen Eltern? "The same procedure as every year." It has been the last one. Unfortunately. 


Es war das letzte Familientreffen. Das letzte Mal, dass die Kinder mit ihrem Grossvater herumtollen konnten, das letzte Mal, dass wir mit ihm ein Glas Wein trinken und diskutieren und philosophieren konnten. Wie sagte mein Mann noch beim heimfahren? Dein Vater ist wirklich toll. Man kann so gut über so vieles mit ihm sprechen...


Nichts wird mehr so sein wie früher. Er wird uns allen unendlich fehlen. 



18 Kommentare:

  1. Hallo Rosalie,
    mein Herz ist bei Dir und Deinem Schmerz. Ich drücke Dich.
    Nouniouce

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  2. Meine liebe Rosalie, mir fehlen die Worte. Ich denke an Dich und Deine Lieben und drücke Dich von Herzen! Mein ganzes Mitgefühl ist mir Dir.

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  3. Mein aufrichtiges Beileid!
    Mein Vater starb vor gut vier Jahren mit 84. Alles ging sehr schnell. Der Verlust eines Elternteils war für mich ein sehr einschneidendes Erlebnis, ein Gefühl des absoluten und unwiderruflichen Verlusts.
    Alles Liebe! P

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  4. Mein herzliches Beileid, Rosalie.

    Ich wünsche dir, dass du diese schwierige Zeit gut überstehst. Es muss schlimm sein, wenn ein geliebter Mensch so schnell, so unerwartet stirbt. Ich habe das bei meinen Eltern, die beide tot sind, nicht so plötzlich erlebt. Wahrscheinlich habt ihr alle Mühe zu verstehen, was passiert ist. Die Begreifen wird langsam und hoffentlich sanft in eure Herzen sinken.

    Ich würde dich jetzt gerne umarmen. Ich tue es in meinen Gedanken an dich.

    Viel Kraft!

    Castorp

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  5. liebe rosalie,
    meine gedanken sind bei dir und dem unbegreiflichen...
    ich wünsche dir viel ruhe jetzt und kraft
    anna

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  6. Liebste Rosalie

    Mein aufrichtiges Beileid. Dein Vater war und ist ein toller Mann.
    Er hat das beste hinterlassen. Du und deine Seele.
    Du wirst jetzt an seiner Hand deine richtigen Schritte gehen.

    Alles Liebe

    Mein Herz und meine Tränen sind mit dir.

    Eine Seelenfreundin

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  7. Liebe Rosalie,

    das macht mich so sprachlos, dass ich dir einfach nur mein aufrichtiges Beileid wünsche. Und die Kraft, das alles zu überstehen.

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  8. @alle

    Ich danke Euch von Herzen für Eure Anteilnahme. Eure Worte berühren mich sehr.

    Es wird noch viele Tränen brauchen und ich bin immer noch in der Phase des Funktionierens und des noch nicht Akzeptierenwollens des Unabänderlichen.

    Ja, er war ein besonderer Mann, mein Vater. Er hatte einen grossen Freundeskreis und die Bestürzung ist riesig. Viele Umarmungen, viele Tränen.

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  9. Liebe Rosalie, mein herzliches Beileid!
    Du hast aber auch ein wunderbares Geschenk erhalten - die Stunden mit Deinem Vater, dem es gut ging, der glücklich mit seiner Familie, seinen Kindern und Enkeln war, der geistig und körperlich gesund war und es genießen konnte. Diese Erinnerung, dieses Bild von ihm, wird dir Kraft geben, die nächste Zeit zu überstehen! Alles Liebe für Dich!

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  10. Ach ...Rosalie

    es tut mir so leid....ich schreibe dir später ausführlich per Mail...

    liebe Grüße

    Marylou

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  11. Ich verneige mich!
    Sende Dir Kraft.
    In einem Monat jährt sich bei mir dieser Verlust und ich kann sagen das es ein aussergewöhnliches Jahr war, alles so wie immer nur ganz anders.
    Hans

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  12. Mein tiefes Beileid. Es gibt keine Worte, die einen trösten. Nur Gedanken und Mitgefühl. Meine Mutter hat bereits dreimal Krebs überstanden, den letzten vor einem Jahr. Wir leben immer "mit der Angst" sie zu verlieren, seit mittlerweile 24 Jahren. Umso härter ist es wohl, ein Elternteil so unerwartet zu verlieren. Ich wünsche Dir und Deinen Lieben alle Kraft dieser Welt.
    Nicole

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  13. Ach ... in deinen Zeilen ist so deutlich lesbar, wie jung dein Vater doch noch war. Das ist so traurig. Ich kann deinen Schmerz nur ahnen, leben unsere vier Eltern - meine und die Schwieger- noch alle. Aber ich fürchte mich schon vor dem Tag ...
    Daniela

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  14. Liebe Rosalie,
    ich sende Dir auch mein herzliches Beileid :-(
    Das zeigt uns wieder, wie wichtig es ist, dass man sein Leben im Hier und Jetzt genießt...
    Liebe Grüße - fühl Dich umarmt!
    Anni

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  15. Auch von mir herzliches Beileid liebe Rosalie. Ich wünsche dir alle Kraft das zu überstehen.
    xpentesilea

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  16. Liebe Rosalie, mein aufrichtiges Beileid. Ich wünsche Dir viel Kraft und bin in Gedanken bei Dir.

    Herzliche Umarmung
    Luisa

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  17. Liebe Rosalie, auch mir tut Dein Verlust von Herzen leid :-( Ich wünsche Dir und Deiner Familie ganz viel Kraft für die nächste Zeit.

    Ganz liebe Grüße,
    Träumerin

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  18. Ich wünsche Dir ganz viel Kraft und Trost in dieser schwierigen Zeit. Diese Worte von meinem Lieblingsdichter Rilke haben mich damals sehr getröstet, als der Freund meiner Mutter verunglückt ist:

    "Man muß nie verzweifeln, wenn etwas verloren geht, ein Mensch oder eine Freude oder ein Glück: es kommt alles noch herrlicher wieder. Was abfallen muß, fällt ab; was zu uns gehört, bleibt bei uns, denn es geht alles nach Gesetzen vor sich, die größer als unsere Einsicht sind und mit denen wir nur scheinbar im Widerspruch stehen. Man muß in sich selber leben und an das ganze Leben denken, an alle seine Millionen Möglichkeiten, Weiten und Zukünfte, denen gegenüber es nichts Vergangenes und Verlorenes gibt."

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