Freitag, 11. Mai 2012

Chronologie eines Albtraums

Montagmorgen. Sie steht auf, nimmt eine Dusche, zieht sich an und setzt sich mit Morgenkaffee und Tageszeitung an den Wohnzimmertisch. Es ist kurz vor neun Uhr. Ihr Mann kommt aus der Dusche, klagt über Beinschmerzen und setzt sich aufs Bett. Sie horcht auf: er klagt eigentlich nie. Geht erst zum Arzt, wenn es wirklich, wirklich schlimm ist. Er zieht sich an, kommt ins Wohnzimmer und sinkt aufs Sofa.  Er greift sich an die Brust und hat Atemschwierigkeiten. Sie erkennt den Ernst der Lage und wählt mit zitternden Fingern die Nummer des Hausarzts. Keine Antwort. Dann die Mediline der Krankenversicherung. Die weisen sie an, den Rettungswagen zu rufen, was sie umgehend tut. Zwischenzeitlich sagt er, dass es eher wieder besser geht. Er geht ins Schlafzimmer und lässt sich aufs Bett fallen. Atmet schwer. Sie kann nicht mehr mit ihm sprechen. Er gibt keine Antwort mehr. Sie rennt vors Haus auf die Quartierstrasse um zu schauen, ob der Rettungswagen endlich um die Ecke kommt. Mehrmals. Jedesmal hofft sie, dass er noch atmet, wenn sie nach ihm schaut.   


Nach zwanzig Minuten treffen die Rettungssanitäter ein. Hektik bricht aus. Sauerstoffmaske, Adrenalinspritze. Sie hört, wie die Ärztin sagt, dass sie keinen Puls mehr fühlt. Dann ertönt die elektronische Stimme des Defibrillators und gibt Anweisungen. Weitermachen...

Sie fahren mit dem Krankenwagen ins nahe Spital. Mit Blaulicht und Sirene. Knapp fünfzehn Minuten dauert die Fahrt. Er wird die ganze Zeit reanimiert. In der Notfallaufnahme kümmern sich ein halbes Dutzend Menschen um ihn und sie versuchen noch immer,  ihn ins Leben zurückzuholen. Sie wartet vor der kleinen Kammer. Koje 4 steht an der Tür. Sie ahnt, dass es nicht gut aussieht. Ruft die jüngere Tochter an, die in der Stadt wohnt. Die Tochter fährt mit ihrem Mann ins Spital, wild entschlossen die Hand ihres Vaters zu drücken und ihn anzuflehen, durchzuhalten und um sein Leben zu kämpfen. Als sie auf der Notfallstation eintrifft, kommt der Oberarzt aus der Koje und sie werden in einen winzigen Nebenraum gebeten. Er beginnt aufzuzählen, was medizinisch alles getan worden ist. Und sie warten alle auf das Ende des Vortrags und den erlösenden Schlusssatz: "Er ist stabil...". Aber er schliesst sein "Referat" mit den Worten "Es tut mir leid...".


Fassungslosigkeit. Verzweiflung. Die Tochter will ihn sehen. Sofort. Kann und will es nicht glauben. Er war doch immer so fit. Er ist doch nie krank gewesen. War doch so oft draussen in der Natur und hat sich viel bewegt. Vor acht Tagen an Ostern war doch noch alles in Ordnung!?


Tränen, Entsetzen, Trauer und das Gefühl, im falschen Film zu sein. Dann der nächste Gedanke. Wer sagt es der zweiten Tochter? Die Mutter hat sie nicht angerufen. Später wird sie sagen, dass sie Angst gehabt hätte,  sie würde in der Aufregung zu schnell über die Autobahn fahren und verunglücken. Nun ist es ohnehin zu spät. Es eilt nicht mehr. Noch ist sie ahnungslos zu Hause. Telefoniert gerade via Skype mit einer Freundin im Ausland. Weiss nicht, dass während sie telefoniert hat, ein Albtraum über die Familie hereingebrochen ist. Ein worst case Szenario eingetroffen ist. Die jüngere Tochter wird später sagen: "Ich konnte doch nicht meine Schwester anrufen und ihr mitteilen, dass unser Vater tot ist! Ich konnte das einfach nicht...". Sie weist ihren Mann an, den Schwager anzurufen. Der Ehemann soll ihr die Hiobsbotschaft überbringen.


Um 11.20 Uhr vibriert das iPhone. Die ältere Tochter verabschiedet sich gerade von der Freundin auf dem Bildschirm ihres Laptops mit den Worten: "Also, war schön, mit Dir zu reden. Ich muss langsam... mach's gut! Ah, mein Mann ruft gerade an. Tschüssli und bis bald!"


Nimmt ahnungslos den Anruf entgegen, der ihr Leben für immer verändern wird. Ihr Mann ist in Tränen aufgelöst. Steht irgendwo an einem öffentlichen Ort mit dem Handy am Ohr und überbringt ihr die erschütternde Nachricht vom Tod ihres Vaters. Und sagt immer wieder, wie leid es ihm tue, wie lieb er ihn gehabt habe und wie sehr er ihn vermissen wird. Sie kann nicht glauben, was sie hört und ärgert sich, dass er in der Vergangenheitsform von ihrem Vater spricht. Sie ist wie in Trance. Die Kinder haben Schulferien, sitzen im Pijama vor dem TV. Sie geht in die Küche, beginnt die Geschirrspülmaschine auszuräumen. Rauschen im Kopf. Sie hat das Gefühl, neben sich zu stehen und fragt sich, was sie da gerade tut. Kann nichts fühlen. Weigert sich, die Nachricht zu glauben. Sie lässt das Geschirr stehen und geht ins Schlafzimmer hoch, zieht sich um, geht ins Bad und schminkt sich. So wie jeden Tag. Fond de Teint, Lidschatten, Lidstrich, Mascara. Ihre Hände zittern leicht. Sie versucht, die Mutter auf dem Handy zu erreichen. Vergeblich. Sie hofft noch immer auf ein schreckliches Missverständnis. Hofft, dass es doch nicht endgültig ist. Dass es noch eine Chance gibt. Dann erreicht sie die Schwester auf dem Handy und die Hoffnung erlischt. Ihr Herz rast, sie hat Mühe, einen klaren Gedanken zu fassen. Kann noch immer nicht weinen. Dann geht sie die Treppe runter ins Wohnzimmer. Es läutet an der Tür. Schwiegermama betritt das Haus und alle Dämme brechen. Sie nimmt ihre beiden Kinder in den Arm, eines links, eines rechts und setzt sich mit ihnen aufs Sofa. Sie hält sie ganz fest und überbringt ihnen die schreckliche Nachricht vom Tod des geliebten Grossvaters. Fassungslosigkeit, Trauer, Tränen.


Dann kommt ihr Mann nach Hause. Schwiegermama bleibt bei den Kindern.  Sie überlegt kurz, ob sie alleine fahren soll, weil sie wohl länger bei der Mutter bleiben wird. Dann fahren sie doch gemeinsam. Er setzt sich ans Steuer und wird später mit dem Zug heimkehren. Sie sprechen wenig. Auf dem Weg vom Parkhaus ins Spital wird ihr bewusst, dass dies der schwerste Gang ihres bisherigen Lebens ist. Dann treffen sie die Schwester und ihren Mann. Sie fallen sich in die Arme.  Eine Seelsorgerin kümmert sich um die Mutter, die seltsam teilnahmslos auf einem Stuhl sitzt, vor sich ein Tablett mit einem Kaffe und einem Croissant. Sie kann noch nicht weinen. Die ältere Tochter will ihn sehen. Sofort. Geht mit Ehemann und Schwester in die Koje 4. Er erträgt den Anblick kaum und verlässt den Raum nach kurzer Zeit. Die Töchter bleiben. Sie streichelt über seine Wangen. Sie sind noch warm. Er sieht friedlich aus. Vertraut und doch irgendwie fremd. Eine Kerze brennt. Alles ist so surreal.


Der Oberarzt erzählt noch einmal, was alles unternommen worden sei, um den Patienten zu retten. Dass es üblich sei, die Reanimation nach einer Stunde zu beenden. Dass Herz und Lunge im Ultraschall unauffällig seien. Dass sie nicht wüssten, woran er wirklich gestorben ist. Dass eine Obduktion empfehlenswert sei.


Sie besprechen sich mit der Seelsorgerin. Eine sehr empathische, kompetente Frau. Es ist gut, dass sie anwesend ist. Sie geben ihre Zustimmung, weil sie wissen wollen, woran er gestorben ist. Sofern man es überhaupt herausfindet.


Dann wird  der Verstorbene in einen Aufbahrungsraum verlegt, weil die Koje für neue Notfälle benötigt wird. Sie trinken einen Kaffe und warten. Sie sind immer noch im komplett falschen Film. Die Schwiegersöhne verabschieden sich. Ehefrau und Töchter machen sich durch das Labyrinth des weitläufigen Spitals auf die Suche nach dem Aufbahrungsraum. Schliesslich finden sie ihn. Sein Name steht auf einem Schild neben einer brennenden Kerze auf einem kleinen Tisch neben der Tür. Es ist ein freundlicher Raum. Hellgrüne Wände. Gedämpftes Licht. Eine Kerze brennt. Sie sind lange bei ihm. Eine Stunde, vielleicht zwei. Die Töchter lassen ihren Tränen freien Lauf. Müssen ihn immer wieder berühren, um das Unfassbare zu verstehen.  Er sieht so jung aus. Kaum Falten. Graumeliertes Haar. Sie denkt, dass sie ihn niemals mit weissem Haar sehen wird.


Die Töchter hadern. Wieso musste er so früh gehen? Wieso ausgerechnet er?  Seine Mutter hat mehrere Thrombosen und Embolien überlebt und wurde fast 90 Jahr alt! Warum er nicht? Er war doch fit und aktiv. Das ist so ungerecht! Er hätte doch noch so gerne gelebt! Wollte seinen Enkelkindern noch so vieles beibringen. Es war doch so schön mit ihm. Sie hatten es doch so gut.  Seine Frau sitzt still auf einem Sessel. Sie ist im falschen Film. Steht wahrscheinlich unter Schock. Will vielleicht auch einfach stark sein für die Töchter.


Sie brauchen diese Zeit in diesem Raum. Irgendwann am späteren Nachmittag gehen sie schweigend den langen Weg zurück zum Parkhaus. Auf der Fahrt nach Hause spricht niemand ein Wort. Auch nicht als sie das Haus betreten. Der Blick fällt aufs Sofa. Eben erst ist er noch dort gesessen. Seine Frau trägt einen blauen Plastiksack in der Hand. Sie werden ihn erst zwei Tage später öffnen und feststellen, dass seine Jeans und das karierte Hemd zerschnitten sind.


Die volle Tasse mit dem Morgenkaffee steht seit sieben Stunden auf dem Tisch. Unberührt. Sieben Stunden, die die Welt verändert haben. Ihre kleine, heile Welt. 

4 Kommentare:

  1. Es ist einfach unglaublich! Er war ein so spannender, liebevoller, glücklicher Mensch! Ich weine viele Tränen um ihn! Er wird immer bei dir sein, glaub mir! Ich spüre meine Mama ständig, mal mehr, mal weniger deutlich. Aber sie ist da... Ich halte dich in Gedanken fest und versuche eine Stütze für dich zu sein!! Deine N.

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    1. Ach Liebes,

      Du bist mir eine grosse Stütze, glaub mir! Ich habe vor zwei Jahren mit Dir mitgelitten und ich bin dankbar, dass Du mir eine so gute Freundin bist und ich immer auf Dich zählen kann! Und schon laufen sie wieder, die Tränen...

      Es ist tröstlich, was Du sagst. Ich hoffe, er wird auch irgendwie bei mir bleiben. Ich habe mich im Nachhinein gefragt, ob ich nicht etwas hätte merken müssen von dem Drama, das sich 20 km entfernt abgespielt hat, während wir uns unterhalten haben. Ich werde unser Telefonat nie vergessen. Es hat sozusagen das Ende eines Lebensabschnitts besiegelt.

      Drücke Di fescht! Häb Sorg!

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    2. Den Moment, den du beschreibst, als dein Natel läutet und wir uns verabschieden, genau dieser verfolgt mich. Es schaudert mich, denn ich weiss, wie du beim Abschied noch gelächelt hast...
      Du kannst und musst dir bestimmt eine Vorwürfe machen! Jeder Mensch hat seinen eigenen - ich nenne ihn - Stundenplan. Was , wo und wann passiert ist grob vorgegeben. Es musste so sein! Ich bin mir ganz sicher. Auch wenn es komisch tönt, aber auch für dich hat der Verlust deines E. etwas "Gutes". Warts ab!
      Bis gly, deine N.

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    3. Vielleicht hast Du recht. Der Gedanke ist mir auch schon gekommen. Die grosse Tochter muss nun keine (unausgesprochenen!) selbstauferlegten Erwartungen mehr erfüllen. Sie kann sich darauf besinnen, was SIE eigentlich will und nicht länger darauf, was sie denkt, was andere von ihr erwarten.

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