Heute ist ein besonderer Tag für mich. Nein, nicht mein Geburtstag. Auch nicht mein Hochzeitstag... Einfach ein spezieller Jahrestag. Und so habe ich mich gefreut, dass Du mir an diesem 4. Juni ein Mail geschickt hast.
Du schreibst mir, dass Du mit Dir gerungen hast, ob Du Deinen Kommentar veröffentlichen sollst oder nicht und hast ihn mir schliesslich per Mail zukommen lassen. Es berührt mich, dass Du Dir so viele Gedanken zu meiner Situation machst und Deine knappe freie Zeit dazu verwendest, Deine Gedanken in Worte zu fassen und mir Denkanstösse zu liefern. Dein Kommentar ist zwar schonungslos ehrlich, aber konstruktiv.
Ich möchte ihn gerne erwidern und werde ihn deshalb hier als Post veröffentlichen:
Meine Antwort muss noch etwas reifen... ;-)
Eh voilà: 5.6.2012 / 00.35 h
Lieber Castorp
Du wirfst die Frage auf, weshalb ich mich gewundert habe, dass ich alleine für die Kinder verantwortlich war:
In welcher Welt hast du gelebt, bevor ihr euch für Kinder entschieden habt? Und in welcher Welt lebst du heute?
Also... die Rollenverteilung, die man in seinem Elternhaus mitkriegt, ist vermutlich prägend für das ganze Leben. Bei mir war das so:
Eine Mutter, die eine kaufmännische Grundausbildung mit überdurchschnittlich guten Noten abgeschlossen hat, ihren Job nach der ersten negativen Erfahrung an den Nagel gehängt und sich in die Ehe "geflüchtet" hat. Als sie meinen Vater heiratete, war dies quasi ihre "Rettung" und die Heirat war die notwendige "Legitimation", sich aus dem Arbeitsleben zurückzuziehen. Sie kümmerte sich fortan um Wohnung, Hund und Ehemann, lange bevor sie schwanger wurde. Ihr Lebensglück hat sie mit diesem Modell jedoch nicht gefunden. Sie haderte eine Weile, brachte jedoch nie den Mut auf, wieder ins Erwerbsleben einzusteigen. Im Haushalt blieb ihr die Anerkennung verwehrt, weil sie eine (um es mal nett auszudrücken) kreative Chaotin ist. Das Essen ist seit 45 Jahren regelmässig verkocht, die Tischdeko jedoch immer eine Augenweide... Ein hoffnungsloser Fall. Mama wird es nie hinkriegen, die Spaghetti al dente zu kochen, weil es sie nicht wirklich interessiert. Sie ist so ziemlich das Gegenteil von meiner Schwiegermutter. Während meine Mam nachdenkt, wie sie ein "Problem" am besten anpacken soll, hat es die Schwiegermama schon erledigt.
Ich habe die Ambivalenz meiner Mutter als Kind gespürt und kann mich daran erinnern, dass ich mir schon als ganz kleines Mädchen auf dem Schulweg Gedanken darüber machte. Ich betrachtete die Jugendlichen mit ihren Mofas und überlegte mir, dass man in diesem Alter wohl schon langsam damit beginnen muss, einen passenden Partner zu finden, weil man doch mit Anfang zwanzig heiraten MUSS und eine Familie gründen MUSS... und dieser Gedanke erfüllte mich mit Panik! Ich kann mich noch so genau an diesen Moment und an das beklemmende Gefühl erinnern. Ich war sieben
Jahre alt!
Mein Ehemann hat eine andere Rollenverteilung mitgekriegt. Ein Vater, der innerhalb der Familie sagt, wo es lang geht, gegen aussen jedoch ein "Duckmäuser" ist. Er hat ohne besonderen Ehrgeiz das gearbeitet, was ihm Freude gemacht hat, obwohl das Einkommen nicht ausreichte, um die Familie durchzubringen. Seine Frau hatte gar keine andere Wahl, als sich eine Arbeit zu suchen. Und sie war tüchtig, arbeitete sich hoch und schöpfte ihr Potential aus. Das Vorbild, das seine Mutter ihm vorlebte, war das einer Frau, die sich für die Familie aufopfert, in wirtschaftlicher Hinsicht sogar das Haupteinkommen bestreitet, "nebenbei" die ganze Hausarbeit alleine macht, ihre eigenen Bedürfnisse zu Gunsten der Familie zurücknimmt und sich vom Ehemann noch herumdirigieren lässt.
Mein Mann ist eigentlich gar kein Verfechter der klassischen Rollenverteilung! Er hat von mir immer erwartet, dass ich mich an den Kosten beteilige, wenn wir ins Restaurant oder ins Kino gingen. Es wurde 50/50 geteilt. Er hat auch klar von mir verlangt, dass ich erwerbstätig bin und bleibe und meinen Anteil an unsere Lebenshaltungskosten leiste. Das ist bis heute so. Er hat aber auch Aufgaben im Haushalt übernommen, gekocht, gewaschen und Hemden gebügelt. Jedenfalls bevor die Kinder kamen und er zum Workaholic geworden ist.
Das führt mich zu Deinem nächsten Statement:
Männerrolle und Frauenrolle sind klar definiert: Ernährer und Hausmutter. Die Ehefrau, die dem Mann den Rücken freihält und ihm am Abend, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, ein warmes Nest und ein ebensolches Abendessen bereithält.
Eben nicht!! Das ist ja die Crux! Das war eben nicht der Fall und darauf hätte ich mich auch nie eingelassen! Ich bin davon ausgegangen, dass wir uns die Arbeit weiterhin aufteilen, wenn die Kinder einmal auf der Welt sind! Schliesslich habe ich nur vier Monate Mutterschaftsurlaub gemacht und meinen Job anschliessend mit reduziertem Pensum weiter ausgeübt. Es ist und war ein anspruchsvoller Job! Kein Eight to Five Job, den man vergessen kann, wenn man abends die Bürotüre abschliesst, sondern ein Job mit Verantwortung! Ich war jeweils zwei Tage die Woche 10 - 12 Stunden ausser Haus. Und dann bin ich nach Hause gekommen und habe mich um Kinder und Haushalt gekümmert. Und die übrigen fünf Tage auch.
Dummerweise geht mir das altruistische Naturell meiner Schwiegermutter ab. Ich bin auch keine begabte Hausfrau. Manche Talente vererben sich...Die "Begabung" fürs
Kochen habe ich von meiner Mutter! Das Talent für Sprachen und fürs Schreiben auch.
Aber so war das nicht abgemacht! Ich fühlte mich "betrogen"! Obwohl ich erwerbstätig war, blieb die ganze Kinderbetreuung und der Haushalt voll an mir hängen. Ich hatte noch nicht einmal mehr Zeit für mein Hobby, den Garten. Und er stürzte sich in die Arbeit und die spärliche Freizeit widmete er nicht den Kindern, sondern... - jetzt kommt's - dem Garten! Er hat seine Energie in die architektonische Gestaltung des Gartens gesteckt und Mauern gebaut. Jahrelang.
Nein, so hatte ich mir das wirklich nicht vorgestellt. Ich bin davon ausgegangen, dass er sich auch um die Kinder kümmern wird, wenn sie auf der Welt sind. Ich habe nie auf Kinder gedrängt, hätte mir auch ein Leben ohne Kinder vorstellen können. Aber nun waren sie da und ich wollte es perfekt machen. Ich bin jede Nacht mehrfach geweckt worden und aufgestanden und habe meinen Mann schlafen lassen. Jahrelang. Auch wenn ich am nächsten Tag arbeiten musste!
Ich habe meine Gesundheits aufs Spiel gesetzt und mir ein Schlafproblem eingehandelt. Und weil ich ein ständiges Schlafdefizit hatte, habe ich zugenommen.
Und damit entfernte ich mich weiter vom Bild der "Idealfrau". Ein Teufelskreis. Wir waren nicht mehr auf Augenhöhe. Er kritisierte an mir herum. Die Ehefrau, die aus der Form geht, die den Haushalt nicht so toll auf die Reihe kriegt wie die eigene Mama, und im Job kommt sie auch nicht weiter... Ich habe mich angepasst und mir "Mühe" gegeben und bin immer unglücklicher geworden.
Mein Fehler war wohl, dass ich von falschen Vorstellungen ausgegangen bin. Und dann hat das Leben seinen Lauf genommen... Und ich war zu gutmütig oder nicht mutig genug, meine eigenen Bedürnisse wahrzunehmen und durchzusetzen.
Und in welcher Welt stehen wir heute?
In einer schönen, komfortablen Welt mit zwei wunderbaren Kindern... Von aussen sieht alles perfekt aus. Was fehlt ist partnerschaftliche Liebe und emotionale Nähe.
Die angepasste Ehefrau ist erwacht und muckt auf. Sie hat erkannt, dass sie lieber alleine lebt, als sich weiter anzupassen und ihre Bedürfnisse zu verleugnen. Sie weiss, dass sie alleine leben kann und gibt es ihrem Mann zu verstehen. Nun sind sie wieder auf Augenhöhe. Das heisst, eigentlich ist sie die Stärkere, weil sie mit dem Gedanken spielt, zu gehen. Er hat Angst davor und will sie zurückhalten. Und nimmt deshalb zähneknirschend in Kauf, dass sie neuerdings Freiheiten beansprucht. Ganz egoistisch ihren Weg geht und sich einmal die Woche einen freien Abend nimmt.
Niemand hat schuld daran, dass es so gekommen ist. Ich habe mit der Liebe nur negative Erfahrungen gemacht. Das war schon früher so. Deshalb habe ich mir wohl einen Mann ausgesucht, der mir gar nie so nahe kommen konnte, dass er mich richtig verletzen kann. Letztlich war das - um es einmal in Deinem Lieblingsjargon auszudrücken - ein "Eigentor"!
Das "Etwas", das Du in der Literatur, in der Musik und im Fussball findest, habe ich eine Zeitlang im Garten gefunden. Aber irgendwie ist mir die Lust daran abhanden gekommen. Dafür habe ich meine Leidenschaft fürs Schreiben entdeckt. Und es gibt noch so viele Dinge, die ich nun ausleben und ausprobieren will.
The best is yet to come... Ich bin zuversichtlich!
Wir werden uns jetzt einen Paarcoach suchen, damit wir das Beste aus unserer Situation machen können.
To be continued...
Herzlichst,
Rosalie