Montag, 4. Juni 2012

Der gequälte Mann, Teil 2

Nachfolgend ein paar interessante Textpassagen aus dem 2. Teil des Artikels "Wenn das Mann sein zur Qual wird".
Untertitel: "Sie hat sich plötzlich so verändert!"

Der Klient, der in dem Artikel beschrieben wird, kommt mir sehr bekannt vor... Seine Ehefrau ebenfalls.

Interessant ist vor allem auch die Rolle der Frau! Die vormals "ideale" Ehefrau macht plötzlich einen unerklärlichen Wandel durch! Im Weiteren wird erklärt, weshalb so häufig Narzisstin und Narzisst zusammenfinden. Und wiedermal ein Aha-Erlebnis! Ja, ich erkenne mich/uns wieder...

Und es geht um die leidige Schuldfrage, die es zu vermeiden gilt!


Die Grundlage der narzisstischen Störung ist ein labiles Selbstwertgefühl, das oft sehr gut versteckt ist und über soziale und berufliche Erfolge kompensiert wird. Erst wenn diese Kompensation nicht mehr funktioniert, erst wenn ein scheinbares, gravierendes Ver­sagen, das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit ins Bewusstsein bringt, kommt dieser Klient zu uns.


Typisch sind ein Hang zum Perfektionismus und eine starke Beschäftigung mit dem eigenen Wert, mit Erfolg, Macht, Besitz und idealen Partnern. Gefühle wie Traurigkeit, Sehnsucht und Bedauern sind kaum wahrzunehmen. Lebens­­freude wurde bestenfalls ganz kurz­fristig erlebt.


Ein tiefes, oft bis ins Bewusstsein reichendes Gefühl von Einsamkeit, macht die Furcht vor dem Verlassenwerden (bzw. dem Verlassen­sein) abgrundtief und elementar. Wut und Hassgefühle, Rachewünsche und Kontroll­zwänge sind die Folgen dieser Angst. Die Minderwertigkeits- und Unterlegenheits­gefühle bestehen oft neben Omnipotenz­gefühlen und Größenphantasien.


Als Kind perfekt funktionieren zu müssen erzeugt ein extrem beherrschendes Über-Ich. So findet sich auch im Erwachsenen das Gefühl, dass nur Perfektionismus vor Verlust schützt und Sicherheit gibt. "Jeder Fehler kann in die Katastrophe führen". Das Gefühl, sich für die gewünschte Zuneigung verstellen bzw. etwas leisten zu müssen, bleibt für das Leben bestimmend. Die in der Erziehung nicht erlaubten Gefühle werden abgespalten und so vollständig unterdrückt, dass sie nicht mehr wahr­genommen werden können.


******************************************************

Der Klient

Ausgehend von meinen letzten Artikel und weil es in meiner Praxis die wesentlich häufigere Situation ist, gehe ich hier von einem männlichen Klienten aus.

In der Regel schildert der Klient eine, bis vor einiger Zeit, gut funktionierende Ehe.


Die fast immer überdurchschnittliche materielle Sicherheit wird erkauft durch ein großes berufliches Engagement und den damit verbundenen Opfern.

Die Partnerin war einmal die Idealfrau, aber seit einiger Zeit macht sie einen unerklärlichen Wandel durch. Sie zeigt jetzt rücksichtlose, völlig egoistische Verhaltens­weisen. Selbst auf die Kinder nimmt sie nicht die gebotene Rücksicht. Dieser Wandel seiner Partnerin ist für Ihn völlig unverständlich.

Er selbst beteuert, in seinen Bemühungen um Frau und Kinder nicht nachgelassen zu haben. Sie aber spricht über Trennung oder Scheidung und das oft gesuchte, klärende Gespräch ist nicht möglich, bzw. völlig fruchtlos. Er sei sich durchaus auch seiner Schwächen bewusst, bemühe sich aber sehr sie zu beherrschen.

Im Laufe der Gespräche wird oft eine starke, unterdrückte Aggressivität eingeräumt. Eine Wut auf seine Partnerin, die seine Bemühungen nicht anerkennt. Einfach unerklärlich ist, wie sie denn einfach alles hinschmeißen kann.   Oft wird in den Gesprächen auch deutlich, dass er bestimmte Verhalten, Reaktionen und Gefühle an sich selbst durchaus unakzeptabel findet und nicht weiß warum er sich immer wieder so verhält.

Die Erwartung an die Therapie ist, zu der Stärke und Selbstsicherheit zu finden, mit der die Situation wieder in den Griff zu bekommen ist. Denn die Selbstzweifel sind groß, die Frage "was ist an mir falsch" schmerzt. Wenn er es auch nicht so formuliert, aber durch die Therapie wünscht er sich noch perfekter zu werden, seine "Schwächen" auszumerzen, um so seine Partnerin zurück zu gewinnen.

Spezielle Tücken

Aus dem obigen wird deutlich, dass der größte Fehler in der Therapie wäre, diesem Wunsch nach mehr Perfektion nachzugeben und ihm lediglich Verhaltensweisen an die Hand zu geben, die ihn für die Partnerin wieder attraktiver machen sollen. Selbst wenn das funktionieren würde, langfristig könnte das die Beziehung nicht retten und es wäre die, vielleicht einmalige Chance vertan, etwas an der narzisstischen Grund­problematik zu verändern.

Des Weiteren ist zu bedenken, dass in der Regel beide Partner in der Beziehung ein narzisstisches Problem haben, wenngleich der weibliche Narzissmus etwas anders Ausgeprägt ist.


Warum so häufig Narzisst zu Narzisstin findet, hat klare Gründe:

  1. Die Wertvorstellungen stimmen weitgehend überein. Die gleiche Sorge, was die Anderen über einen denken und eine gewisse konservative Grundhaltung verbinden das Paar.
  2. Beide haben ein mehr oder weniger gleich eingeschränktes Gefühlsspektrum. Sie fühlen sich in der Beziehung sicher vor Gefühlen mit denen sie nicht umgehen können.
  3. Die Vater- bzw. Mutter­übertragungen ergänzen sich. D.h. der Partner entspricht jeweils den unbewussten Erwartungs­haltungen. Das identische Gefühl beider, den Anderen "zu brauchen" hat zu dieser Beziehung geführt.
Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass jeder Therapiefortschritt für die Partnerin nicht einfach zu verarbeiten ist. Im Idealfall findet sie dadurch zu einer eigenen Bearbeitung ihrer Problematik.

Der große Anpassungswillen der Klienten, hinter denen sich die Widerstände gut verstecken können und die eigene narzisstische Problematik eines jeden Therapeuten, stellen weitere Tücken in der Therapie dar.


Die Psychodynamik:

 Was passiert eigentlich bei solch einem Paar, wieso kommt es zu so einer Situation?

Basis der Beziehung ist (war) das "ich liebe dich, weil ich dich brauche" (im Gegensatz zu: "ich liebe dich, weil du so bist wie du bist").  Damit befinden sich beide wieder in ihrer Kindheitssituation, nämlich der Abhängigkeit von dem geliebten Objekt.


 Die damit verbundene, ebenfalls der Kindheitssituation entsprechende Angst vor dem Verlust des Objektes, führt zu einem starken Harmoniebedürfnis. Darum wirken solche Beziehungen über lange Zeit besonders stabil und perfekt.

 Die im Untergrund vorhandene Selbstverleugnung lässt aber ein wirkliches Glück nicht zu. So wird die Beziehung auf der einen Seite als unverzichtbar, auf der anderen Seite aber als Belastung empfunden.

In den Jahren der beruflichen Karriere, des materiellen und sozialen Zugewinns sowie der vollständigen Abhängigkeit der Kinder, werden die Selbst­verleugnung und das reduzierte Selbst­wertgefühl durch diese narzisstischen Befriedigungen kompensiert.

Mit den Jahren wird diese Befriedigungs­möglichkeit aber automatisch geringer und Rückschläge in der Karriere und bei der Erziehung der Kinder, beschleunigen den Prozess. Bis dann die narzisstischen Wunden "blank liegen", weil sie nicht mehr ausreichend kompensiert werden können.

Der Mann und die Frau sind also beide in der gleichen Situation, reagieren aber darauf in den meisten Fällen sehr unterschiedlich.
Die Frau wird versuchen sich neue soziale und/oder berufliche Erfolge zu verschaffen, die das Manko abdecken können. Dazu steht ihr ein umfangreiches soziales Netzwerk und vor allem das Verständnis der Umwelt, zur Verfügung. Denn nach Außen erscheinen diese neuen Kompensationsversuche als ein normales, emanzipatorisches Bestreben. Schließlich sei es ja nur richtig, sich aus einer Unterdrückung zu befreien. So erfährt sie auf ihrem Weg viel Unterstützung und Ermutigung.

Die Reaktion des Mannes ist zwangsläufig anders. Drei Möglichkeiten hat er im Prinzip um mit der Situation fertig zu werden.

  1. Die Kompensation nur noch auf beruflichem Wege zu suchen und damit Frau und Familie hinter sich zu lassen.
  2. Möglichst schnell eine Ersatzpartnerin zu finden oder
  3. mit aller Macht zu versuchen die aktuelle Situation zu retten, d.h. den Status Quo aufrechtzuerhalten.
Da er auf kein unterstützendes Netzwerk zurückgreifen kann und die ersten beiden Möglichkeiten ohnehin gesellschaftlich geächtet sind, wird er in der Regel (zumindest anfangs) Möglichkeit 3. aus­wählen.

Er wird seinen Symbioseanspruch verstärken und das Gefühl entwickeln, es ginge für ihn um Leben und Tod. Durch Kontrollen und Repressalien wird er sie evtl. zwingen wollen, "wie bisher" weiterzumachen. So schaukelt sich die Situation immer weiter hoch und eine Klärung ist nicht möglich, weil beiden der narzisstische Hintergrund ihrer Gefühle nicht bewusst ist.

Ich hoffe zwei Dinge damit deutlich gemacht zu haben: Dass es in solchen Situationen keine Schuldfrage zu klären gibt und dass beide, ohne eine Änderung ihrer narzisstischen Problematik, weder die aktuelle Beziehung retten können, noch in einer Zukünftigen davon verschont bleiben.




Den ganzen Artikel und  die Erläuterungen im Hinblick auf eine Therapie findet Ihr hier.




2 Kommentare:

  1. Hallo Rosalie. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.
    Nur eine Sache noch. Du wirst Deinen Mann nicht zwingen können, eine Therapie zu machen, sich seinen Anteil anzuschauen, wenn er es nicht freiwillig macht (das ist dir wahrscheinlich absolut klar und deshalb überflüssig, dass ich es hier schreibe), sprich: Geh Deinen Weg konsequent weiter.

    AntwortenLöschen
  2. Lieber Nouniouce

    Er hat mir den Auftrag erteilt, einen Paarcoach zu suchen...

    Und ja, ich werde meinen Weg weiter gehen resp. weiter suchen. Es gibt für mich kein Zurück mehr in das alte Muster.

    AntwortenLöschen