Freitag, 1. Juni 2012

Die entscheidende Frage: Antwort an Castorp

Lieber Castorp

Danke für diesen ausführlichen und wertvollen Kommentar! Du bringst es wieder einmal auf den Punkt. Plötzlich scheint alles ganz klar. Es ist diese eine Frage, die im Raum steht. Diese eine Frage, um die sich eigentlich alles dreht:

Warum verlasse ich meinen Mann nicht? 

Wegen a) bis e)? Noch mehr Autos, Jachten und Wohnungen? Gott behüte, nein! Ich habe das nie von meinem Mann verlangt.  Natürlich lebe ich lieber in einem Haus als in einer kleinen Wohnung  - aber eine Ferienwohnung brauche ich wirklich nicht.  Nein, es sind nicht diese materiellen Güter, die mich glücklich machen. Wäre ich glücklich, würden sie mein Glück vermutlich perfekt machen. Aber sie taugen nicht, um die innere Leere zu füllen. Eigentlich habe ich überhaupt erst realisiert, dass ich nicht glücklich bin, als ich festgestellt habe, dass ich mich über tolle neue Anschaffungen nicht mehr freuen konnte!

Du fragst, ob ich das, was Glück ausmacht, mit meinem Mann finden kann? 

Die Antwort lautet:  Ich weiss es nicht!!

Ich denke, es  war nie die grosse Liebe. Es war immer mehr Vernunft als Verliebtheit. Es war nie unbeschwert. Er sieht das ganz anders…

Wieso habe ich diesen Mann ausgewählt? Dieselben Wertvorstellungen, ähnliche Interessen, nette Eltern, einen gesunden Ehrgeiz.  Als ich ihn kennenlernte, fuhr er einen kleinen Renault. Ich einen alten Lancia. Nach ein paar Jahren bauten wir zusammen ein Haus.  Wir haben vieles selber gemacht - mit Hilfe meines Vaters - und wohnten drei Jahre lang in einem halbfertigen Haus, weil wir das obere Stockwerk erst nach und nach ausgebaut haben. Dass aus diesem Haus zehn Jahre später ein „Anwesen“ mit parkähnlichem Garten werden würde und wir Autos der oberen Mittelklasse fahren und eine Segeljacht besitzen würden, haben wir uns damals nicht zu träumen gewagt.

Mein Mann stammt aus einfachen Verhältnissen. Er  wollte etwas erreichen und hat enorm viel gearbeitet. Ich habe ihn nie daran gehindert. Weil es ihm wichtig war. Er hat gerne gearbeitet und überdurchschnittliche Leistungen erbracht, was sich ausbezahlt hat. Nach und nach hat er sich seine Träume erfüllt. Dazu gehörte auch eine traditionelle Hochzeit in der Kirche und die Gründung einer eigenen Familie.  Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten wir mindestens drei oder vier Kinder.

Ich habe das alles mitgemacht, weil ich keinen anderen Plan hatte. Ich hatte keine eigenen Träume. Als Kind wollte ich Schauspielerin werden, später Archäologin. Aber ich habe mir beides nicht zugetraut.

So erfüllte ich meine „Pflicht“, heiratete einen tüchtigen Mann und bekam Kinder.  Ich habe mich angepasst…

Dass ich allerdings sozusagen „alleinerziehend“ sein würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Das war der Preis, den ich für den ganzen Wohlstand bezahlt habe: ich habe mich mit zwei Kleinkindern und vielen Verpflichtungen alleine gelassen gefühlt und bin an meine Belastungsgrenzen gestossen. Seine Arbeit  stand an erster Stelle. Er wollte nicht a priori Karriere machen – er hatte einfach Spass daran.  Und wenn man wöchentlich 60 - 70 Stunden arbeitet, samstags noch eine Fachhochschule besucht, hin und wieder Rasen mähen muss und ein Minimum an Zeit mit seinen Kindern verbringen und Freundschaften pflegen will,  bleibt für die Partnerschaft schlicht keine Zeit mehr. Ja, vermutlich haben wir uns da irgendwann verloren.  Aber wenn ich ehrlich bin,  haben wir wohl schon immer parallel nebeneinander (anstatt miteinander) funktioniert.  Ich habe mich in dieser Partnerschaft immer als „Einzelkämpferin“ gefühlt. Das lag vielleicht gar nicht an ihm...

Weißt Du, was mein Dilemma ist? Es gibt da eine Frage, die mich nicht loslässt:

Liegt es wirklich an der Partnerschaft – oder liegt es einfach an mir, dass ich nicht glücklich bin?!

Wäre ich glücklicher mit einem anderen Partner? Oder allein?

Oder stehe ich meinem Glück vielleicht selber im Weg? Weil ich so bin, wie ich bin? Weil ich grüble, hinterfrage, zweifle? 

Ich habe Angst davor, die falsche Entscheidung zu treffen! Deshalb bin ich so hin- und hergerissen.

Und ich habe Schuldgefühle, weil  ich nicht glücklich bin, trotz der schönen Rahmenbedingungen… Ich habe das Gefühl, versagt zu haben. Was tun?


Der gegenseitige Respekt ist mmer noch vorhanden. Vielleicht ist es wirklich das Beste, wenn wir eine Paarberatung aufsuchen würden. Ich weiss… wir müssen  g e m e i n s a m  eine Lösung finden. Auch wenn dies bedeutet, dass wir uns unseren Problemen endlich stellen müssen und dies vielleicht das Ende dieser Ehe besiegelt...

Herzlichst,


Deine Rosalie
P.S. Mein Text war wieder einmal zu ausführlich für das Kommentarfeld...


4 Kommentare:

  1. Liebe Rosalie,

    wenn man gehen will, wird man es eines Tages tun. Manchmal dauert es einfach, bis man den "Point of no return" erreicht. Vertraue Dir, entspanne Dich innerlich ein wenig, wenn es so sein soll, wirst Du eines Tages den Moment spüren, an denen Dir die Worte von der Zunge springen.. .

    Dieser Druck, von außen und selbstgemacht, geh ich, geh ich nicht, soll ich, will ich, will ich nicht.. das baut das Ganze extrem auf. Lass die Zeit für Dich spielen, sie wird Dich zur richtigen Entscheidung führen.

    Klingt vermutlich dämlich, seufz, aber meine Erfahrung ist, dass man mit "zwanghaftem Grübeln und überlegen" meistens nicht zum Ziel kommt..

    Alles Gute + lieben Gruß
    Nicole

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    1. Liebe Nicole

      Was Du sagst, klingt keineswegs dämlich.

      Es ist auch meine leise Hoffnung, dass dieser "Point of no return" irgendwann kommt, und ich wissen werde, was ich tun muss.

      Allerdings befürchte ich, dass dies erst geschehen wird, wenn eine neue Liebe in mein Leben tritt, die mir die Entscheidung leicht machen wird. Und eigentlich möchte ich ja für MICH gehen. Wenn ein neuer, alltagstauglicher Mann ins Spiel käme, würde sich die Sache verkomplizieren und die Fronten würden sich verhärten.

      Die Frage ist, ob ich mich treiben lasse (wie so oft in meinem Leben) und darauf warte, dass etwas passiert, das mich zum handeln zwingt bzw. mein Mann mich zum handeln zwingt und ich reagieren muss anstatt agieren kann oder ob die Zeit tatsächlich noch nicht reif ist, eine Entscheidung pro oder contra zu treffen...

      Fakt ist, dass ich mich im Moment nicht zu einer Entscheidung durchringen kann...

      Lieben Gruss,
      Rosalie

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  2. Liebe Rosalie, viele (wichtige)Fragen stellst du dir. Es ist schwer von außen und ohne Detailkenntisse über eure Ehe und Partnerschaft eine kluge Antwort zu geben. So kann es nur bei einigen Gedankenanstössen bleiben. Zum Beispiel den, wie dein Mann denn sein müsste, damit du mit ihm glücklich sein kannst. Oder allgemeiner formuliert, was genau brauchst du denn von einem Mann, um dich wohl und "ganz" zu fühlen. Kannst du diese Bedürfnisse und Wünsche deinem Mann "zumuten"? Hast du es vielleicht schon getan? Wenn ja, wie war seine Reaktion?

    Ich halte es auch für unnütz, in den Kategorien falsch und richtig zu denken. Das bringt dich bestimmt nicht weiter. Auch diese ganze Schuld- und Versagensgefühle solltest du besser wenn möglich beiseite schieben, total unproduktiver Quark ;-) Denn jeder ist für sich und seine Handlungen selbst verantwortlich (und bei Paaren bedingt oft das eine Verhalten das andere), so trägt dein Mann auch die Hälfte der "Schuld" an eurer Beziehung. Ehrlich gesagt, habe ich ja immer den starken Verdacht (auch bei mir selbst ;-), dass man diese Art von Überlegung immer als eine "Ausrede" benutzt, um nicht wirklich ins Handeln kommen zu müssen. Dabei ist es letzten Endes doch ganz einfach (auf dem Papier): Fühlst du dich gut bei dem Gedanken in fünf Jahren noch an seiner Seite zu sein? Ja? Dann bleib und "arbeite" an dir und der Beziehung. Nein? Dann verabschiede dich und gestalte dein Leben neu. Oder ist das der Haken? Dass du eher gestalten lässt und damit die Verantwortung abgibst??
    Ich will dir nicht zu nahe treten (oder vielleicht doch?), aber wenn du es wirklich ernst meinst mit den Lebensveränderungen, dann kommst du nicht umhin, dich und dein bisheriges Leben kritisch zu betrachten und auch die bitteren Erkenntnisse über deine eigene Persönlichkeit zu verdauen.
    Will sagen: viele Fragen stellen ist gut. Doch irgendwann braucht es auch Antworten und daraus resultierende Handlungen.
    Ich bin sehr gespannt, wie es bei dir weitergeht. Alles Liebe Pepper

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  3. Liebe Pepper

    Du stellst gute Fragen: "Kannst du diese Bedürfnisse und Wünsche deinem Mann "zumuten"? Hast du es vielleicht schon getan? Wenn ja, wie war seine Reaktion?"

    Das Problem ist, dass es jahrelang schief gelaufen ist. Ich habe mich lange nicht "getraut", meine Bedürfnisse durchzusetzen, weil ich dachte, es wäre egoistisch! Mein Mann wollte und will eine symbiotische Beziehung. Und ich habe mich angepasst und bin den Weg des geringsten Widerstands gegangen. Getrennte Ferien waren lange ein No-Go. Schon nur ein Wochenende mit einer Freundin zu verbringen, hätte zu Diskussionen (Unverständnis) geführt. Auch von Seiten der Kinder kommt viel Druck. Sie vereinnahmen mich. Vor zwei Jahren haben wir eine Gruppenreise gebucht und mein Mann musste in letzter Minute aus beruflichen Gründen absagen. Ich habe die Reise alleine angetreten und dabei meinen berühmt-berüchtigten "Magic-Moment" mit Mr. Charming erlebt. Seither nehme ich mir das Recht heraus, einmal im Jahr mit der selben Gruppen von Menschen eine Gartenreise zu unternehmen. Da der Frauenanteil 95 % beträgt, hat mein Mann nichts dagegen, wenn er auch nicht begeistert ist, dass ich ein paar Tage alleine wegfahre.

    Ich habe mich verändert und nehme mir jetzt die Freiheit, einen Abend pro Woche für mich zu beanspruchen, ohne dass ich dafür einen Besuch im Fitnesscenter (contre coeur...) vorschieben muss. Inzwischen hat er sich daran gewöhnt und den Termin in seine Agenda eingeschrieben. Vor zwei Wochen habe ich erstmals meine Freundin besucht, die 200 km entfernt wohnt und bei ihr übernachtet! An einem Sonntag! Total egoistisch... aber ich habe es genossen.

    Mein Mann akzeptiert meine neuen "Forderungen" und gewöhnt sich langsam daran. Und ich ermuntere ihn, endlich seine alten Freundschaften wieder zu reaktivieren und einen Männerabend zu verbringen! Und er hat es tatsächlich schon ein paar mal gemacht. Insofern entwickelt sich etwas zum Guten.

    Mein Hauptproblem aber scheint unlösbar: Ich begehre meinen Mann nicht mehr. Schlimmer als das. Er befremdet mich. Ich schaue ihn an und sehe an ihm immer mehr Ähnlichkeiten mit seinem alten Vater. Sein 86jähriger Vater hat es gerade wieder fertiggebracht, dass die neue Polstergruppe in Leder bestellt wird, obwohl seine 17 Jahre jüngere Ehefrau Leder überhaupt nicht mag! Aber sie hat eingelenkt. "Wenn er es doch so will... dieser alte Mann, der so eine schlimme Kindheit hatte...". Ich kann es nicht mehr hören. Die Kindheit meiner Schwiegermutter war genauso beschissen. Aber sie opfert sich für alle auf und gibt immer nach - dem Frieden zu liebe. Seit 61 Jahren! Das kotzt mich an. Und sein Verhalten noch viel mehr. Er wird die Polstergruppe nicht mehr lange benutzen können. Und sie wird das teure Stück rausschmeissen, wenn sie ihn überlebt. Und sich bis dahin jeden Tag ein bisschen "ärgern", dass er auf Leder bestanden hat...

    Und mein Mann hat gewisse Verhaltensweisen von seinem Vater übernommen. Und ich bin nicht (mehr!) wie seine Mutter. Deshalb nervt mich so vieles an ihm. Die Art wie er lacht. Seine Stimme, die so oft zu laut ist. Wenn er beim Tennismatch vor dem TV in die Hände klatscht. Ätzend. Wenn er mir etwas erklären will und einen lehrerhaften Ton aufsetzt, habe ich Mühe, mich zu beherrschen. Besonders schlimm ist es, wenn er so "lieb" mit mir spricht. So "zärtlich", wie mit einem kleinen Kind...

    Kann man das in einer Therapie wieder hinbiegen? Ich habe meine Zweifel...

    Alles Liebe auch Dir,
    Rosalie

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