Montag, 7. November 2011

Mal aux cheveux

"Mal aux cheveux" hat nichts mit einem bad hair day zu tun. Es ist der charmante französische Ausdruck für das leichte Druckgefühl in der Stirngegend, das sich manchmal nach einem feuchtfröhlichen lustigen Abend am nächsten Morgen  nach dem Aufwachen bemerkbar macht.
Und dieses Gefühl hat mich den ganzen Sonntag über begleitet und sich im Laufe des Tages in handfeste Kopfschmerzen verwandelt. Das kommt davon, wenn man sich trotz grosser Müdigkeit nach einem anstrengenden Tag um 20.30 Uhr abends noch dazu aufrafft, ein Bluesfestival zu besuchen und dann bis in die frühen Morgenstunden unterwegs ist. Wenn die Kinder schon mal auswärts schlafen, muss  man schliesslich profitieren... Und es hat sich gelohnt! Eine geniale Blues-Session in einem Weinkeller, nette Gespräche mit alten Bekannten und ein klitzekleiner "Flirt".
 
Ich sass am rechten Rand der kleinen Bühne und mein Mann und ich hatten uns einen der wenigen Stühle geschnappt. Wir waren beide ziemlich müde... und nahmen es in Kauf, sitzend eine halbe Stunde auf den Beginn des nächssten Auftritts zu warten. Es war schon 23.00 Uhr vorbei und die zwei, drei Gläschen Wein hatten mich noch müder gemacht und ich spielte mit dem Gedanken, nach Hause zu fahren. Die Augen fielen mir immer wieder für ein paar Sekunden zu und ich befürchtete schon, in der Öffentlichkeit einzuschlafen und plötzlich vom Stuhl zu fallen. Endlich betraten die Musiker die Bühne. Nach wenigen Minuten war klar, dass sich das Bleiben gelohnt hatte. Und meine Müdigkeit war wie weggepustet!


Auf der Bühne stand ein junger Sänger, Mitte zwanzig, charismatische Bühnenpräsenz, eine Stimme wie ein reifer Mann, und wenn er seine Mundharmonica an die Lippen führte und sich ganz seinen Melodien  hingab, stellte sich ein Gänsehautfeeling ein. Die übrigen drei Musiker waren doppelt so alt wie er und der Gitarrist ebenfalls eine Klasse für sich. Als die beiden sich zwischendurch die Solis zuspielten, sich ganz der eigenen Musik hingaben, was sich in ihrer Mimik spiegelte, kam mir plötzlich der Gedanke, dass Musik machen auf einem gewissen Niveau ein wenig wie Sex sein muss... Sich fallen lassen können, sich voll und ganz auf die Musik einlassen und sich von der Melodie wegtragen  lassen, sein Fühlen mit Tönen zum Ausdruck zu bringen und die Lust daran steht einem ins Gesicht geschrieben. Und diese Gitarrenriffs, diese Mundharmonikaklänge, die hatten eine Intensität, der man sich nicht entziehen konnte. Es war ein sehr intimes Konzert und die Musiker haben das Publikum voll und ganz in ihren Bann gezogen.

Es war unmöglich, sich zu dieser Musik nicht zu bewegen oder still auf seinem Stuhl zu sitzen. Ich betrachtete das Publikum und in der ersten halbkreisförmig angeordneten Reihe am andern Ende der kleinen Bühne fiel mir ein Mann auf. Sicher ein paar Jahre älter als ich und eher unscheinbar. Er hatte ein Lächeln im Gesicht und einen warmen, sensiblen Gesichtsausdruck. Er erinnerte mich an einen Freund und irgendwie kam er mir bekannt vor. Ich konnte nicht anders. Immer wieder fiel mein Blick auf ihn. Er war nicht besonders gross, eher zierlich gebaut, kurze dunkle Haare und er trug eine dezente Brille. Ich hatte das Gefühl, dass er ebenfalls ziemlich oft in meine Richtung blickte, war mir aber nicht sicher, weil das Bühnenlicht sich in den Gläsern seiner Brille spiegelte. Auf meinem Gesicht konnte man sicher ebenfalls die Begeisterung für diese Musik ablesen und vermutlich habe ich ihn angelächelt, wobei das keine Absicht war, eher eine Folge der geniale musikalischen Darbietung ...  Als das Konzert zu Ende war, verlor ich ihn aus den Augen, was ich ein wenig bedauerte.  Wir wechselten dann in einen andern Keller und der Zufall wollte es, dass sich unsere Wege wieder kreuzten. Er kam in meine Nähe, stand dann anderthalb Meter von mir entfernt und blickte mich an und lächelte. Ich erwiderte das Lächeln, traute mich aber nicht, ihn lange anzuschauen. Ach, ich bin einfach zu schüchtern, um mit fremden Männern zu flirten oder sie sogar anzusprechen - jedenfalls dann, wenn sie mich tatsächlich interessieren... Gerne hätte ich mehr über ihn herausgefunden. Aber ich war ja schliesslich nicht alleine dort und er ja auch nicht. Es war speziell.

Seltsam, wie man sich manchmal zu einer Person hingezogen fühlt, so als ob ein unsichtbares Band vorhanden wäre oder eine geheime Funkfrequenz, die von einer Seele zur andern Seele eine verschlüsselte Botschaft sendet, die man nur erahnen aber nicht verstehen und schon gar nicht entschlüsseln kann. Ich bin gespannt, ob sich unsere Wege irgendwann einmal wieder kreuzen werden.

Alles in allem ein sehr gelungener Abend,  der sich bis in die frühen Morgenstunden hingezogen hat. Wir haben Bekannte getroffen, nette Gespräche geführt und sind sage und schreibe erst um 03.40 Uhr nach Hause gekommen! Wie in alten (kinderlosen) Zeiten!



Eine kleine Kostprobe, aufgenommen mit meinem Lieblingsspielzeug
(das Wackeln hat nichts mit dem Alkoholkonsum zu tun! Ehrlich!)

6 Kommentare:

  1. Hey Rosalie, ich habe vor längerer Zeit mal in mein Notizbuch folgende Zeilen gekritzelt: "Schwingungen der Seele, die uns den Weg zu den Menschen weisen, die uns an Nächsten sind." Es gibt Dinge, die wir nicht mit den Augen sehen können. Das Leben ist ein Mysterium...

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  2. Interessant, wenn sie dich interessieren, magst du die Männer nicht ansprechen. Irgendwie schade, oder?

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  3. Sorry, ich bin eigentlich "notos". Wenn ich das Wordpress-Profil wähle, erscheint der nicht gewünschte Name.

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  4. @Notos

    Ja, leider ist es so. Wenn ich merke, dass ein Mann das Potential hat, mir "gefährlich" zu werden im Sinne von mir zu nahe zu kommen und meinen Schutzwall zu durchbrechen, kriege ich es mit der Angst zu tun. Aber ich arbeite daran...

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  5. Das Dilemma von scheuen Frauen und Männern ist ja, dass sie im Normalfall nicht zueinander finden.

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  6. @Castorp

    Und so manche grosse Liebe wird deshalb nur in den Träumen gelebt. Und der oder die "Angebetete" weiss von nichts oder er oder sie ahnt es vielleicht, traut sich aber nicht, den ersten Schritt zu machen. Eigentlich tragisch.

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