Gestern morgen war ich mit den Kindern in der Kirche! Das erste Mal in diesem Jahr. Sie besuchen in der Schule den protestantischen Religionsunterricht. Bei uns heisst das "Catéchisme". Die Frau, die das nebenberuflich unterrichtet ist sympathisch und bei den Kindern sehr beliebt. Eine moderne Bäuerin, die raucht und nicht besonders religiös daherkommt. Ich kaufe bei ihr öfter mal das Gemüse ab Hof.
Die Kinder erfahren etwas über die biblische Geschichte. Ich finde, das gehört irgendwie zur Allgemeinbildung. Sonst denken sie am Ende, Maria und Josef seien die Hauptdarsteller in einem Stück von Shakespeare. Und ich kann ihnen das nicht vermitteln, da ich es in der Schule boykottiert habe und mich stets geweigert habe, mich damit auseinanderzusetzen. Mein Mann ist immer entsetzt, wenn ich nicht genau weiss, welche Bewandtnis es mit den religiösen Feiertagen auf sich hat... Aber ich sag nur: strenger (fanatischer) Religionslehrer, Eltern, die mich als Kind (contre coeur den Schwiegereltern zuliebe) in die katholische Frühunterweisung gesteckt haben, ein Faible für Darwin, Boykott. Aber das ist eine andere Geschichte...
Die Kinder kriegen die Geschichte rund um Jesus ziemlich moderat vermittelt und hin und wieder bringen sie einen Zettel mit nach Hause, auf dem vermerkt ist, dass ein spezieller, auf die Kinder abgestimmter Gottesdienst stattfindet. Die Teilnahme ist freiwillig und meistens gehen wir nicht hin, weil wir es schlicht und einfach vergessen. Da wir dieses Jahr noch nie in der Kirche waren (letztes Jahr eigentlich auch nicht, mit Ausnahme der Kinderweihnachtsfeier...), fand ich es angemessen, mal wieder einen Sonntagmorgen zu "opfern" und hinzufahren. Mein Mann hatte wie immer keine Lust und meinte, er müsse noch etwas vorbereiten für das Seminar von nächster Woche.
Ich bin wahrlich keine fleissige Kirchgängerin und auch nicht gläubig. Aber Kirchen faszinieren mich aufgrund ihrer Geschichte und ihrer Aura. Ich überlege mir immer, was eine bestimmte Kirche wohl schon alles "gesehen" und "erlebt" hat. Unsere Kirche ist schlicht und schön. Sie stammt aus dem 11. Jahrhundert und hat einen gotischen Chor, der im 15. Jahrhundert angebaut wurde. Sie hat eine gute Aura. Sie ist hell und man fühlt sich gleich wohl darin. Das hat natürlich auch mit den (irdischen) Gastgebern zu tun.
Seit ein paar Jahren steht diese Kirche unter dem Einfluss eines Theologen-Ehepaars, das sich die Aufgabe im Jobsharing teilt. Sie haben zwei gleichaltrige Kinder, die mit unseren beiden Kindern in die selbe Klasse gehen. Und ich muss sagen: Dieses Ehepaar ist zauberhaft! Beide sehr herzliche, liebenswerte und engagierte Menschen. Ich habe ihn schon erlebt an einer sehr traurigen Beerdigung einer guten Bekannten. Er hat das souverän gemacht und die richtigen Worte gefunden für die Verstorbene, die zu früh gegen musste.
Schon nur wegen diesem Ehepaar lohnt es sich, hinzufahren. Und auf französisch tönt jede Predigt einfach viel charmanter und es werden auch nicht bloss Bibelverse zitiert. Gestern ging es um Smartphones und wie sie unser Leben "vereinfachen" und er hat dies mit dem Zeitmanagement von damals verglichen und sich gefragt, ob Jesus wohl auch gerne so ein Ding gehabt hätte...
Wir wurden am Eingang mit Handschlag sehr herzlich begrüsst und ich habe viele bekannte Gesichter gesehen, darunter meine Nachbarin und ihre achtjährige Tochter. Und so sass ich dann auf einer langen Holzbank in der Kirche, neben mir die schwedische Mutter der Schulfreundin meiner Tochter, die noch fünf Minuten nach mir in die Kirche gehetzt kam (just in time...) und meinte, das sei ein tierisch anstrengendes Wochenende (wir hatten schon am Samstag beim Bastelnachmittag der Elternvereinigung mitgeholfen) und auf der anderen Seite meine Kinder und die kleine Schwedin.
Die Pfarrerin begrüsste die Kinder und erkärte, dass der erste Advent den Beginn der Weihnachtszeit markiere und dass das Lichtlein bis Weihnachten nun immer grösser werde (Kerzen 1 - 4...) und dies für die Kinder ja eine besondere Zeit sei. Sie zeigte auf den schönen Adventskranz mit den grossen roten Kerzen und liess verlauten, dass das älteste Kind in der Kirche die erste Kerze anzünden dürfe.
"Est-ce qu'il y a un enfant de la sixième classe? Non? De la cinquième classe? Non?
De la quatrième...?"
Zwei Hände flogen in die Luft. Mein Sohn und seine Klassenkameradin meldeten sich. Die Pfarrerin kannte beide mit Vornamen und fragte, wer von beiden denn älter sei. Und mein süsser Junge sagte:" Sie! Sie ist ein paar Tage älter als ich...". Obwohl er so gerne nach vorn gegangen wäre, um die erste Kerze anzuzünden, überliess er diese Aufgabe - ehrlich wie er ist - seiner Schulkameradin. Seine Statement sorgte für ein gerührtes Raunen in den Kirchenbänken. Er ist wirklich ein ganz liebenswerter Junge! Ich war so stolz auf ihn!
Die Kinder gingen dann in einen Nebenraum, um einen Adventskranz aus Salzteig zu basteln und es ertönte Orgelmusik und eine Frau spielte auf der Empore Altflöte.
Diese Musik liess mich etwas melancholisch werden und ich dachte darüber nach, was ich in dieser Kirche schon alles erlebt hatte. Ich war in den letzten 12 Jahren vielleicht fünfzehn Mal dort gewesen. Einmal ziemlich nervös in einem weissen Kleid..., zweimal mit unseren Kindern zur Taufe, mindestens zweimal an einer sehr bewegenden Abdankungsfeier, ein paar Mal an einer Kinderweihnachtsfeier und einige wenige Male an einem ordentlichen Gottesdienst. Erinnerungen kamen hoch. Einmal hatte ich am Taufgottesdienst der Nachbarstochter teilgenommen. Mein Mann hütete derweil zu Hause unseren zweijährigen Sohn. Die Tochter war erst wenige Monate alt und so nahm ich sie mit in die Kirche. Ich trug sie auf dem Arm und sie schlief eine Weile. Irgendwann wurde sie wach und wohl auch ein bisschen hungrig... Der Nuggi (Schnuller) half nicht weiter. Ich trug damals eine Strickjacke und einen Schal... Und ich schaffte es, ihr ganz diskret die Brust zu geben, ohne dass jemand etwas merkte... Ich dachte damals, das sei ja schliesslich die natürlichste Sache der Welt und die älteren Leute waren gerührt, wie ich da so mit meinem Baby im Arm sass und vielleicht hat der ein oder andere es sogar geahnt, aber niemand hat sich daran gestört. Das war ein sehr spezielles Erlebnis.
Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf und dann hiess es wieder aufstehen und singen. Die Schwedin neben mir war auch keine begnadete Sängerin... Es ging eine Weile, bis wir die richtige Tonlage trafen... bei ihr ein bisschen länger bzw. sie fand sie nicht wirklich. ;-)
Ich bin immer wieder überrascht, wie viele gute Sängerinnen es in gewöhnlichen Gottesdienstes so gbit, die den richtigen Ton treffen und sogar die Melodie kennen. Und dass die alle so hoch singen können... Erstaunlicherweise kann man auch als nicht so versierte Kirchengängerin ("hüstel") relativ rasch mitsingen, obwohl man die Melodie selber nicht kennt. Ein Mysterium.
Gegen Ende des Gottesdiensts forderte uns der sympathische Pfarrer auf, nach vorn in den Kirchenchor zu kommen und uns im Halbkreis aufzustellen. Da die Kirche nur zu einem Drittel besetzt war, fanden alle einigermassen Platz. Ich schaute mich um und entdeckte noch mehr bekannte Gesichter. Er teilte dann einen Laib Brot mit seinen Händen in zwei Teile, zupfte jeweils ein Stück Brot daraus und ging von einem zum andern und legte jedem ein Stück Brot in die Hände. Ich dachte daran, wie erkältet er war und überlegte mir, das Brotstückchen diskret in der Jackentasche verschwinden zu lassen... Die Schwedin und ich schauten uns vielsagend an... und schliesslich fügten wir uns dem Gruppendruck und assen es doch. Ich beschloss, zu Hause einen Cognac zu trinken, um allfälligen Viren den Garaus zu machen! Den Kelch mit dem Traubensaft reichte ich unangetastet weiter und wunderte mich, wieviele Münder daraus tranken. Wirklich nicht mein Ding... auch nicht ausserhalb der Grippesaison. Aber es kam dann noch ein Gehife mit einem orginellen Holzteller mit sehr vielen kleinen Gläschen, so dass ich trotzdem noch zu einem Schluck Traubensaft kam.
Zum Schluss sangen wir nochmals zwei Lieder, darunter das "Vater unser" auf französisch. Ich wusste gar nicht, dass es dazu eine Melodie gibt... Und schliesslich war der Gottesdienst zu Ende, ich warf ein paar Münzen ins Kässeli für die Kollekte und beim Eingang der Kirche warteten die Kinder stolz mit ihren Adventstellern.
Ich muss gestehen - es war nett! Ich habe mir vorgenommen, hin und wieder an einem Gottesdienst teilzunehmen. Schon nur dem Pfarrerehepaar zuliebe. Ist doch auch frustrierend auf Dauer. Da gibt man sich Mühe, eine tolle Predigt vorzubereiten und muss diese dann vor halbleeren Bänken den immergleichen Leuten erzählen. Die fleissigen Kirchgänger haben mich jedenfalls alle mit einem erfreuten Lächeln und wohlwollendem Nicken begrüsst.
Und dann fuhren wir nach Hause, assen Frühstück und ich trank einen Cognac.
Ich als alter Atheist freue mich, dass du ein so schönes Erlebnis in der Kirche hattest. Gegen allfällige Viren beim Verspeisen von Jesu Leib und beim Trinken von dessen Blut empfehle ich vorgängig eher eine Grippeimpfung (siehe mein Blog) als Alkohol.
AntwortenLöschenMich würde noch wundern, ob der fleischgewordene Sohn Gottes nun ein Smartphone gehabt hätte und wenn ja: Wäre es ein iPhone gewesen?
Rosalie, du hast das so schön beschrieben, dass sich bei mir der Wunsch regte, dabei gewesen zu sein. Nein, ich bin keine Kirchengängerin, aber gehe gerne in Kirchen. Es gibt dort für mich noch mal eine andrere Art von zur Ruhe kommen.
AntwortenLöschenMir dem Pfarrerehepaar scheint ihr wirklich Glück zu haben, es gibt auch richtig gruselige Beispiele, z.B. Pfarrer und Priester, die mit Kindern nicht umgehen können,
Dass du auf deinen Sohn stolz bist und gerührt, kann ich verstehen.
Ich hoffe, der Cognac hat gemundet.
Sehr schön, so etwas zu lesen.
@Castorp
AntwortenLöschenTja, diese Frage kann ich Dir nicht wirklich beantworten. Irgendwann sind meine Gedanken abgeschweift... und ich habe den Schluss der Predigt irgendwie verpasst.
Aber ich bin mir ziemlich sicher, Jesus hätte ein iPhone gewählt!
@Karfunkel86
AntwortenLöschenDanke für Deinen netten Kommentar!
Ich finde, Kirchen haben eine eigene Aura. Manche entfalten nach dem Betreten eine beruhigende Wirkung und haben eine freundliche, tröstliche Ausstrahlung. Manchmal aber auch streng und nüchtern. Es gibt auch Kirchen und vor allem Kathedralen, die auf mich beklemmend wirken.
Der Cognac hat übrigens gemundet! Und so wie's aussieht auch genützt. Keine Erkältungs-symptome bisher. Touch wood!