Mittwoch, 23. Mai 2012

Der Hunger nach Anerkennung

Aus einer Eingebung heraus habe ich mein vorheriges Post geschrieben und der Resonanz nach zu beurteilen, habe ich mich etwas unklar ausgedrückt. Oder aber das Thema ist einfach nicht so richtig greifbar.

Meine treue Leserin Daniela hat einen sehr interessanten Kommentar geschrieben und mich auf das Problem "Co-Abhängigkeit" aufmerksam gemacht.

Ich habe den Begriff natürlich gleich gegoogelt und bin auf viele interessante Beiträge gestossen. Und auf einen weiteren Begriff: "Narzissmus". Bisher hat dieser Begriff bei mir die negative Assoziation "eitler, selbstverliebter Mann mit übersteigertem Ego" ausgelöst. Nach meinem Streifzug durchs WWW habe ich festgestellt, dass es in der Psychiatrie und Psychologie den Begriff "NPS - narzisstische Persönlichkeitsstörung" gibt. Und der hat nicht zwingend mit der "Selbstverliebtheit" zu tun, die wir im Alltag darunter verstehen.

Ich bin bei meiner "Recherche" auf die Autorin und Psychotherapeutin Dr. Bärbel Wardetzki gestossen. Sie hat sich vor allem mit dem "weiblichen Narzissmus" befasst und darüber auch ein Buch bzw. mehrere Bücher geschrieben. Ich bin auf eine Zusammenfassung bzw. einen Auszug (?) aus ihrem Buch "Weiblicher Narzissmus - Der Hunger nach Anerkennung" gestolpert.

Es geht in diesem Textauszug um Frauen, die an Bulimie leiden. Ich muss dazu anmerken, dass ich selbst nie Bulimie hatte. Ich hatte jedoch immer schon ein gestörtes Verhältnis zu meinem Körper und zum Essen. Ich fand mich in der Pubertät und als junge Frau viel zu dick und war todunglücklich. Ich wog damals 53 kg. Ich habe ständig Diäten gemacht, gefastet und auch versucht zu erbrechen. Aber ich fand das viel zu unappetitlich und konnte mich nicht dazu überwinden... - und so ist mir wohl das Schicksal einer Bulimikerin erspart geblieben. Nachfolgend nun ein paar bemerkenswerte Textpassagen:

Selbstwertstörung – Entfremdung von sich selbst  

 
Die Frauen leiden unter einer Entfremdung von sich selbst, die sich einerseits in einem mangelnden Selbstwertgefühl ausdrückt, andererseits dazu führt, dass die Frauen nach außen hin eine andere Seite von sich zeigen, als wie sie sich innerlich erleben.

 Sie sehnen sich nach Liebe und Nähe, rennen aber davon, wenn sie wirklich jemand mag. Sie machen sich immer wieder einsam, obwohl sie gerade unter dem Gefühl, allein zu sein, sehr
leiden. Ihr ganzes Fühlen, Denken und Verhalten ist stark von Gegensätzen geprägt und von dem Gefühl, nicht zu wissen, wer sie wirklich sind. Ihre Selbstzweifel und Selbstunsicherheit
versuchen sie hinter einer selbstbewussten Fassade zu verbergen. Durch Attraktivität, Schlanksein, Leistung, Perfektionismus und etwas Besonderes Sein sollen ihre  Minderwertigkeitsgefühle ausgeglichen werden.

Aus der feministischen Therapie ist uns hinlänglich bekannt, dass die Selbstabwertung von Frauen auch Ausdruck der Abwertung von Frauen in unserer Gesellschaft und Kultur ist.
Frausein und Weiblichkeit werden abgewertet zu Gunsten männlicher Qualitäten, wie Leistung, Machtstreben, Rationalität etc. Und genau darauf reagieren bulimische Frauen: Sie
werten ihren Körper ab, finden sich plump, unattraktiv, dick und hässlich, auch wenn sie nicht so sind. Sie streben maskuline Formen an und verachten alles Weiche, Runde und Weibliche,
auch wenn es auf Kosten ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens geht.
 

Die Abwertung betrifft aber nicht nur den Körper der Frauen, sondern ihre Person als ganzes und ihre weibliche Identität. Bulimikerinnen lehnen Frausein ab oder haben ein gestörtes
Verhältnis dazu. Sie leben Frausein daher entweder gar nicht, oder ein verzerrtes Bild davon.

Gemeinsam ist ihnen jedoch die Ablehnung einer Frauenrolle, wie sie sie durch ihre Mutter und andere Mütter vermittelt bekamen. Diese von den Müttern vermittelte Frauenrolle ist
verbunden mit Qualitäten von abhängig sein müssen, dienen, sich für jemanden aufopfern, nicht sie selber sein dürfen. Bulimikerinnen haben meist Mütter, die ihnen eine aufopfernde Frau vorgelebt hatten. Häufig waren die Mütter selber unzufrieden damit, hatten aber keine Möglichkeit, dieser Situation zu entrinnen. Viele Bulimikerinnen lehnen das Modell, das ihnen ihre Mutter vorgelebt hat und das gesellschaftlich geprägt ist, ab. Sie haben aber kein anderes Modell und lehnen daher Frausein ab.

Sozialisation: Erziehung zur Anpassung

Die Sozialisation der später bulimischen Frauen ist u.a. geprägt durch die Unterbindung von Eigenständigkeit und Separierungstendenzen, im Sinn einer Erziehung zur Anpassung statt zur Abgrenzung (auch Aggression). Die Botschaft, die den Mädchen meist unterschwellig vermittelt wird, lautet vereinfacht: "Wenn du mich liebst, dann bleibst du bei mir und bist so, wie ich dich möchte. Bist du so, wie du bist und verlässt du mich, dann liebe ich dich nicht mehr".

 Die Kinder wissen oft genau, was sie tun und wie sie sein müssen, um Zuwendung zu bekommen und laufen Gefahr, bei Anderssein bestraft zu werden. Die Mädchen lernen also nicht, beide Wünsche, nämlich den nach Fusion (bleib bei mir) und den nach Unabhängigkeit (ich bin anders) zu integrieren, sondern diese polaren Wünsche stehen unverbunden nebeneinander. Es entsteht innerpsychisch eine sog. Spaltung: entweder symbiotisch, aber geliebt oder autonom und allein, aber ungeliebt. Was nicht gelernt wird, ist Autonomie in Beziehungen, was später zu dem typischen Beziehungsdilemma führt.

In der Bulimie kommt also das grundlegende Dilemma von Frauen zum Ausdruck, sich zwischen Abhängigkeit und Selbstständigkeit zu bewegen. In Fall der bulimischen Frauen liegt die Lösung des Konflikts im Leben der Extreme: entweder vollkommen abhängig sein und im anderen aufgehen bis zum Verlust der eigenen Identität oder in totaler Distanz vom anderen, autonom, aber allein sein. Sie drücken das Dilemma von Frauen aus: Inwieweit darf die Frau sie selber sein in einer Beziehung oder in einer Gesellschaft, Initiative ergreifen, ihre Potenz leben, ihre Möglichkeiten verwirklichen und zugleich ihren emotionalen Bedürfnissen Raum geben, oder inwieweit ist sie gezwungen, sich zurückzunehmen.

Die Bulimikerinnen zeigen uns, dass wir noch nicht an dem Punkt sind, wo die Frau mit Selbstverständlichkeit sie selber sein kann und sich verwirklicht hat. Die Erziehung zur Anpassung und Selbstaufgabe führt zu einer Haltung, sich über die Sorge für andere eine Identität zu erwerben. Später zeigt sich das bei den Frauen in einer extremen Hinwendung zu andern: sie denken ständig daran, was die anderen von ihnen erwarten und versuchen diese vermeintlichen Erwartungen zu erfüllen. 


Hunger nach Anerkennung

Die Frauen machen sich abhängig davon, was andere von ihnen denken, wie sie ankommen und ob sie auch gemocht werden. Sie haben einen Hunger nach Anerkennung, eine tiefe Sehnsucht nach Echo und Annahme. Dieser emotionale Hunger wird von ihnen oft als physiologischer Hunger wahrgenommen, nämlich als Hunger auf Essen. Sie versuchen ihn mit
Nahrung zu füllen, aber er ist dadurch nicht stillbar.


Der Hunger nach Anerkennung drückt sich aus in dem Verlangen nach ständiger Bewunderung und dem  Gefühl, ohne Bewunderung nicht leben zu können. Hier geht es nicht um Anerkennung und Lob, die jeder Mensch braucht, um sich gut zu fühlen. Sondern hier handelt es sich um ein existenzielles Bedürfnis.

Die Bewunderung glauben diese Frauen aber weniger für ihre Person zu erhalten, wie sie sind, als vielmehr für ihre besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten, z. B. für ihre Attraktivität, ihre Leistungen und Erfolge. Sie streben daher ständig danach, gut auszusehen, körperlich topfit zu sein und viel zu leisten. Das Dilemma liegt jedoch darin, dass diese Frauen vom Erreichen dieser Ziele abhängig sind, um sich gut zu fühlen bzw. eine Existenzberechtigung zu erhalten. Es ist sozusagen ihre Lebensbasis, schön erfolgreich und bewundernswert zu sein.

Bewunderung ist nicht Liebe
Sie streben immer danach, ein positives Echo zu erhalten. Sie tun im Grunde die wenigsten Dinge für sich, weil sie ihnen Spaß machen oder weil sie ihnen gut tun, für sie angemessen sind, sondern sie tun das meiste, um anderen zu gefallen. Denn nur wenn die anderen sie bewundern und loben, glauben sie, dass sie etwas wert sind. Die Anerkennung soll also ihr  fehlendes Selbstwertgefühl ausgleichen, da sie ihre Selbstachtung nicht von innen regulieren können. Dabei werden Bewunderung und Liebe fälschlicherweise gleichgesetzt (MILLER). Die Suche nach Bewunderung muss jedoch unbefriedigend bleiben, weil Bewunderung und Liebe eben nicht identisch sind. Bewunderung ist an bestimmte Merkmale gebunden, Liebe
dagegen richtet sich auf den ganzen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen.

Bewunderung bleibt daher eine Ersatzbefriedigung für den eigentlichen, nie erfüllten Wunsch nach Achtung, Annahme und Liebe.

Für die Erfüllung ihrer tiefen Sehnsucht nach Angenommensein und Geliebtwerden zahlen sie einen hohen Preis: sie passen sich ganz ihrer Umgebung und den anderen Menschen an und verleugnen ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Die Hoffnung liegt darin, allen zu gefallen, um bloß nicht abgelehnt zu werden. Sie gehen einen gefährlichen Kompromiss ein:

"Ich verleugne mich, meine Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle und bekomme dafür von dir die Anerkennung und Liebe, die ich sehnsüchtig suche". Gefährlich ist dieser Kompromiss deshalb, weil die Verleugnung der eigenen Person immer auf Kosten der seelischen und körperlichen Gesundheit geht, sei es in Form psychosomatischer Krankheiten, Depressionen oder Süchte. Die Krankheit ist sozusagen der Versuch, mit einer problematischen Situation umzugehen, zeigt aber auch zugleich an, dass der Versuch scheiterte.
Diktat von Leistung und Perfektion

Neben die traditionelle Rolle der Frau als Abhängige tritt immer dringlicher eine weitere, im Grunde gegenläufige Forderung an diese Frauen, nämlich ein Leistungs- und Prestigeideal zu erfüllen. Bulimikerinnen stammen vorwiegend aus Familien, die besonderen Wert auf Leistung und Perfektion legen. Sie bekamen früher als Mädchen vor allem für gute Leistungen
Zuwendung, für manche war es sogar der einzige Weg, um überhaupt Anerkennung zu bekommen. Noch im Erwachsenenleben stehen sie unter dem Diktat von Leistung und Perfektionismus.

Danach ist es wichtiger, schlank, attraktiv und perfekt zu sein, als genussvoll zu leben. Ziele zu erreichen ist erstrebenswerter als „absichtloses Tun“, das „nur“ Spaß macht. Verstehen und Einsicht rangieren vor den Gefühlen. Freude wird meist, wenn überhaupt, durch eine Aktivität oder besondere Leistung erreicht. Sie stehen unter dem permanenten Druck, immer die Beste
sein zu müssen, haben das Gefühl, eine gute Leistung reicht nicht aus und haben Angst, eine andere oder ein anderer wäre besser als sie. Sie sind ständig aktiv, leiden darunter, wenn sie nicht hundertprozentig sind und treiben sich immer wieder an, noch besser zu werden.


Neben die traditionelle Rolle als Mutter und Hausfrau, zu der die Tochter sozialisiert wird, tritt nun die „neue Rolle“ der Frau hinzu. Durch die Entwicklungen in der 60er Jahren und die  Frauenbewegung wurden den Frauen neue Bereiche der Eigenständigkeit und individuellen
Lebensgestaltung eröffnet, die aber nun zu den bisherigen Aufgaben hinzukommen.

Demselben Widerspruch wie auf gesellschaftlicher Ebene sieht sich die heranwachsende Frau auch in ihrer Familie gegenüber: Sie hat auf der einen Seite die Aufgabe, eine gute Mutter und Hausfrau zu werden und die Rolle der abhängigen, einfühlsamen Frau zu erfüllen. Auf der anderen Seite wird sie mit Erwartungen konfrontiert, die männlichen Werte von Leistung und
Perfektionismus zu erfüllen, beruflich erfolgreich und ausgefüllt sein. SCHNEIDER-HENN bringt es auf den Punkt: "Wenn schon kein Mann, wie wär's dann mit einer Idealfrau?"

In diesem Spannungsfeld entstehen Essstörungen, Arbeitssucht, Depressionen, Minderwertigkeitsgefühle und ein atemloses HintersichherRennen.

Im Spannungsfeld zwischen den zwei Anforderungen an die Frau, einerseits nach Abhängigkeit und Anpassung und andererseits beruflich erfolgreich und leistungsorientiert zu sein, entstehen Essstörungen.

Diese zwei Anforderungen entsprechen dem internen Widerspruch der Frauen: auf der einen Seite erleben sie sich abhängig, wertlos und klein, auf der anderen Seite besser und stärker als alle anderen Frauen, z. B. wenn sie erfolgreich sind. Die äußere Rollenspaltung wird so zu einer inneren.
Spaltung in die Extreme

Diese Situation geht auf Kosten der Weiblichkeit und eines integrierten Selbstbildes der Frau.

Die Betonung des männlichleistungsbezogenen Aspekts gibt eine Form der inneren Sicherheit und Aufwertung, wogegen das Weibliche mit Schwäche und Wertlosigkeit assoziiert wird. Auch hier liegt wieder die Spaltung in die Extreme vor: entweder männlicherfolgreich und selbstbewusst oder weiblich und wertlos.
Narzisstische Gesellschaft
Narzisstische Störungen treten nicht nur als individuelle Erscheinungen auf, sondern haben ihr Abbild in unserer Gesellschaft. Wir leben in einer narzisstisch geprägten Welt, in der Werte des AllesMachbaren und des BesserSeins vorherrschen. Die Schüsselmerkmale der Bulimie
können als eine Metapher für unser Zeitalter und unsere Gesellschaft angesehen werden:

Es herrschen männliche Werte des AllesMachbaren und BesserSeins und ImmermehrleistenMüssens vor.


Es geschieht eine Optimierung der äußeren Fassade (Reichtum, Luxus, gutes Aussehen, Statussymbole) auf Kosten der Lebensgrundlagen und durch Ausbeutung der Welt.

Die innere Leere wird ausgefüllt mit äußeren Gütern, aber es entsteht kein Gefühl von Sattheit (Befriedigung), viel mehr erfahren wir seelisches Hungern (Verarmung) im materiellen Überfluss.

Die äußere Fassade soll die innere Leere verbergen.

Unsere Gesellschaft ist gekennzeichnet durch die Widersprüchlichkeit von Sein und Schein. Es entsteht eine Entfremdung vom eigenen Sein zugunsten einer Scheinwelt.

Beziehungsstörung

Die weiblichnarzisstische Persönlichkeitsstruktur beinhaltet nicht nur eine Selbstwertstörung, sondern auch eine Beziehungsstörung. Diese zeichnet sich vor allem durch Angst vor Nähe (Intimität) und durch die Unfähigkeit zu echter Bindung aus. Ich habe diese Beziehungsstörung das „Beziehungsdilemma“ genannt, weil es eine Wahl zwischen zwei unangenehmen Dingen ist: der Nähe bzw. der Distanz. Wählen die Frauen die Nähe, bekommen sie Angst, verschlungen oder vereinnahmt zu werden. Wählen sie die Distanz, fürchten sie das Alleinsein und werden depressiv. D. h. egal wie sie sich entscheiden, sie sindnie glücklich und es ist ihnen nicht möglich, eine erfüllte Beziehung einzugehen, obwohl sie sich danach sehnen.


Bulimikerinnen haben große Angst vor Nähe und Bindung, da Nähe für sie gleichbedeutend ist mit Verschmelzen bzw. Symbiose. Liebe ist für sie zum großen Teil mit Selbstaufgabe verbunden, da sie gelernt haben, dass sie nur dann geliebt werden, wenn sie so sind, wie die Umgebung sie haben möchte. Ab einem bestimmten Punkt setzt dann die Angst vor Nähe ein, die Angst, sich wirklich auf einen anderen Menschen einzulassen. Sie befürchten „aufgefressen“ oder verlassen zu werden, nicht mehr sie selbst sein zu können und beginnen, die Beziehung und den Partner abzuwerten. Oft bricht die Beziehung an dem Punkt ab, an dem das erste Verliebtsein vorüber ist und nun eine wirkliche Begegnung stattfinden würde. Es bleibt das Gefühl zurück, wieder nicht an „den Richtigen“ geraten zu sein, verbunden mit der Hoffnung auf den nächsten.


Wie bei der Selbstwertstörung so gehören auch zu dem narzisstischen Beziehungsmuster Mechanismen der Auf- und Abwertung. Der Partner wird zu Beginn aufgewertet, seine Schattenseiten werden verleugnet oder sogar in Sonnenseiten umdefiniert, und auch die Partnerin wertet sich in der Verliebtheit auf. Sie wird begehrt und umworben, und das gibt ihr einen Selbstwert. Tritt dann die Angst vor dem Verschlungenwerden, vor der Nähe auf, kippt diese Aufwertung in eine Abwertung: So toll wie der Mann zu Beginn war, so unbedeutend oder anhänglich wird er jetzt in ihren Augen. So wie die Frau zuerst die positiven Seiten überbewertete, so nimmt sie jetzt die negativen verzerrt wahr. Die Abwertung führt zu einer vorübergehenden Distanz, die aber dann in Angst vor Alleinsein endet und mit einem Widerannährungsverhalten beantwortet wird.


Therapie

 In der Therapie kann im Schutz der therapeutischen Beziehung ein Zugang zum „wahren Selbst“, zu den ursprünglichen narzisstischen Bedürfnissen und zu den echten Gefühlen ermöglicht werden. Es erfolgt dabei eine Durcharbeitung des tiefen Schmerzes und Hasses darüber, ungeliebt und nicht so angenommen worden zu sein, wie es das Kind gebraucht hätte,
bis hin zu der Bestätigung, heute als Person akzeptiert zu werden.

Die TherapeutInnen helfen, alle Gefühle, auch die abgelehnten, willkommen zu heißen und der Patientin zu ermöglichen, sich so zu zeigen, wie sie ist auch mit ihrer Scham und Verletzlichkeit. In einer verständnisvollen Atmosphäre kann sie sich trauen, sich mit ihren Ängsten, Befürchtungen, Sehnsüchten und ihrem Ärger zu offenbaren, ohne dass die Beziehung dadurch gefährdet wird. Ich halte d für einen entscheidenden Faktor auf dem Weg zur Genesung: die Erfahrung, sich in einer Beziehung mit den tiefsten Gefühlen und
Geheimnissen zeigen zu dürfen und die Zuwendung des anderen nicht zu verlieren, sondern zu spüren, dass sie unterstützt und ermutigt wird, immer mehr von sich zu zeigen auch das,
was sie an sich schlecht findet.



Den ganzen Artikel findet Ihr hier. Eigentlich wollte ich nur die wichtigsten Textpassagen rauskopieren. Aber je mehr ich gelesen habe, desto mehr "Aha-Erlebnisse" hatte ich. Die Ursache für gewisse Verhaltensweisen ist wie so oft in der Kindheit zu suchen.

Aber wer hatte schon eine sorgenfreie, glücklichte, unbeschwerte Kindheit? Ich betrachte meine Kindheit als einigermassen glücklich. Aber sie war nicht unbeschwert. Ganz bestimmt nicht. Und mein Verhältnis zu meiner Mutter ist gespalten. Ich habe lange gebraucht, bis ich mich nicht mehr für sie verantwortlich gefühlt habe. Ich hätte mir eine starke Mutter gewünscht...

However. Man kann das Rad der Zeit nicht zurückdrehen und auch ich mache Fehler bei der Erziehung meiner Kinder. Ganz bestimmt sogar. Wichtig ist jedoch, dass sie wider besseres Wissen geschehen und nicht aus (böser) Absicht. Und dass man sie korrigiert bzw. behebt, wenn man sie erkennt.

Es ist nicht so, dass alles, was in dem zitierten Text steht, auf mich zutreffen würde. Aber einiges hat mir schon sehr zu denken gegeben...

Ich weiss nicht wie es Euch geht - aber ich kann mir gut vorstellen, dass die eine oder andere Leserin oder vielleicht sogar der eine oder andere Leser bei der Lektüre dieses Artikels ein Aha-Erlebnis gehabt hat. Man muss ja nicht zwingend eine Bulimie entwickeln, wenn man an einer solchen Selbstwertstörung leidet. Aber der Versuch, die innere Leere mit Essen auszufüllen, führt in der Regel dazu, dass man ständig mit seinem Körpergewicht auf Kriegsfuss steht.

Ich werde mir das Hörbuch bestellen und den Auszug aus dem Buch meinem zukünftigen Therapeuten vorlegen und vermutlich spart mir das ganz viele Therapiestunden, die wir sonst dazu hätten verwenden müssen, nach des Pudels Kern zu suchen...

Meine Freundin V. hat mir dieses Wochenende das passende Lied zur Thematik vorgespielt. Es geht darum, dass gewisse Frauen sich mit Vorliebe in Männer verlieben, die unerreichbar sind. Diese Männer stehen auf einem Sockel, einem Denkmal gleich und man kann für sie schwärmen und an der unerfüllten Liebe leiden, ohne Angst davor haben zu müssen, dass sie einem zu nahe kommen...




Annett Louisan - Der den ich will...





27 Kommentare:

  1. Ein so wertvoller Artikel! Es tut mir immer weh, wenn ich eine Freundin erlebe, die genau darunter leidet - zum Glück nimmt sie mittlerweile professionelle Hilfe an. Viele Frauen ignorieren allerdings dieses Krankheitsbild und leiden stumm - ihr Leben lang! Das tut auch weh. Noch ein Gedanke dazu, zu dem ich allerdings etwas ausholen muss ...: Im Gespräch mit anderen Eltern habe ich einmal darüber gesprochen, wie schwierig die Aufklärung unserer Kinder sein wird - mit all den stets verfügbaren Pornos, den operierten Geschlechtsteilen und den Sexpraktiken darin. Wie findet man angesichts dessen zu einer gesunden Sexualität? Eine Freundin hat dann eingeworfen, dass sie einmal mit Jugendlichen zu dem Thema (beruflich) geredet hat. Die schienen ziemlich aufgeklärt darüber, dass Pornos eben nicht die Realität widerspiegeln. Und eine meinte, dass das ja sei wie mit der romantischen Liebe à la Hollywood und Disney. Und da dachte ich plötzlich - oh, mein Gott! Wie viele Frauen warten tatsächlich auf den Prinzen am weißen Pferd, der sie rettet? Vielleicht hätten wir und Generationen vor uns Aufklärung (auch) in Richtung "romantische Liebe - Fiktion und Realität" bekommen sollen!?

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    1. Danke!:)
      Ich könnte mir vorstellen, dass viele Frauen dieses Krankheitsbild "ignorieren", weil sie gar nicht wissen, dass es eine Störung des Selbstwertgefühls ist! Dass man etwas dagegen tun könnte! Ich habe ja auch jahrelang damit gelebt und gedacht, dass ich halt einfach so bin, dass es eine Charakterfrage ist, und dass es letztlich wohl den meisten Frauen so geht. Weil es in meinem Umfeld auch viele Ehen gibt, die so funktionieren! Jedenfalls so lange die Ehefrau mitmacht bzw. bis die Midlife Crisis beginnt...

      Das Erschreckende ist eigentlich, dass so viele Frauen immer noch auf den Prinzen, den "Glücklichmacher" warten, der sie von ihrem unglücklichen Dasein "erlösen" soll und dass dies ja vor allem gebildeten, intelligenten Frauen passiert... Obwohl mein Verstand ja weiss, dass es blödsinnig ist, auf einen solchen Prinzen zu warten, habe ich dieses Bild doch nie ganz aus dem Kopf bzw. Herz gekriegt! Und wenn ich dann gemerkt habe, dass der (vermeintliche) Prinz auch nur "mit Wasser kocht", war ich enttäuscht und habe mich abgewendet.

      Nun habe ich die Chance, dieses unsägliche Muster zu ändern. Und bin entschlossen, dies zu tun. Und ich werde mir alle Mühe geben, meine Tochter darin zu bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen und dazu gehört wohl auch, dass Kinder in der Pubertät ihre Launen ausleben dürfen, ohne sich deswegen ungeliebt zu fühlen.

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  2. Ich habe jetzt nicht alles gelesen, aber in dem Teil was ich gelesen habe, hatte ich einige Aha-Erlebnisse. Nicht dass alles auf mich zutrifft, aber manches und in einigem habe ich auch meine Mutter wiedererkannt.

    Dass weibliche Attribute in der Gesellschaft eher abgewertet werden, finde ich übrigens auch. Man stellt es immer wieder fest und ich finde es auch erstaunlich, dass es vor allem Frauen sind die das tun.
    In Deutschland gibt es immer die Diskussion über Frauenquoten im Management. Keiner denkt daran mal die "klassischen Frauenberufe" aufzuwerten. Aber das ist ein anderes Thema.

    Das positive daran: Es wird mittlerweile darüber geredet. Es wurde erkannt und damit kann man es auch ändern. Es wird nicht von heute auf morgen geschen.

    Sorry jetzt habe ich mich in Rage kommentiert....

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    1. Du darfst Dich hier gerne in "Rage" kommentieren! Danke für Dein Feedback! :)

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  3. Seufz. Ich werde mir dann wohl auch mal das Hörbuch bestellen ...


    Danke für den Post :)

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    1. Gerne! :)
      Schön, dass ich Dir einen Denkanstoss liefern konnte! Ich bin auch sehr gespannt auf das Hörbuch!

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  4. Liebe Rosalie,

    danke für diesen interessanten Beitrag, ich habe mich wieder erkannt, er scheint für mich geschrieben zu sein!
    Irgendwie denkt man immer, man sei "allein" betroffen. Zu erfahren, dass es anderen Frauen genauso geht, kann auch tröstlich sein. Und das Beste ist, es scheint eine Lösung aus dem Dilemma zu geben. Aber es wird wohl ein langer Prozess sein, sich aus dieser jahrelang praktizierten Denke zu befreien.....aber wir sollten uns das wert sein!

    liebe Grüße
    Marylou

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    1. Liebe Marylou

      Ich vermute, es sind sehr viel mehr Frauen davon betroffen, als man denken würde. Viele "arrangieren" sich mit ihrer Situation und harren in unglücklichen Beziehungen aus, werden depressiv ohne sich des "Grundübels" bewusst zu sein.

      Mein "Magic Moment" hat einen Prozess in mir ausgelöst, der immmer noch andauert! So vieles ist mir in den letzten Monaten bewusst geworden. Dank diesem Blog, dank Euren Kommentaren und Mails und auch dank vielen persönlichen Gesprächen mit Menschen, die mir nahestehen.

      Aber nun habe ich endlich das Gefühl, eine "Erklärung" für mein Verhalten gefunden zu haben! Und das ist so tröstlich! Zu wissen, dass man nicht alleine ist und dass es einen Weg gäbe, dieses Muster zu überwinden.

      Ja, wir sollten uns das wert sein, diesen Weg zu gehen! Therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen! Keine Frage! :)

      Ganz liebe Grüsse,
      Rosalie

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  5. Das Buch steht auch auf meiner Wunschliste. Und jetzt ist es gerade ein bisschen weiter nach oben gerückt. ;)

    Ich habe gerade ein anderes interessantes Buch am Wickel: Engel und Sünderinnen - Idole der 50er Jahre.

    Kurzbeschreibung: Die spießige Dekade der fünfziger Jahre, die ihren Frauen ein erotisches Verhältnis vor allem zu ihren Einbauküchen unterstellte, hatte auch ein anderes Gesicht: Kulturelle Vielfalt, Lebensfreude und Aufbruchstimmung. Es gibt weibliche Vorbilder, die für ein neues Lebensgefühl stehen. Manche von ihnen haben Freiheit und Unabhängigkeit ganz selbstverständlich gelebt. Enthält u.a. Portraits über: Françoise Sagan, Simone de Beauvoir, Marlen Haushofer, Maria Callas, Coco Chanel, Edith Piaf, Marilyn Monroe oder Audrey Hepburn Sie alle haben dazu beigetragen, das Frauenbild zu verändern und die Rebellion der Frauengeneration vorzubereiten. "

    Ich finde das Buch fantastisch und ich weiß nicht mal genau, was ich mir von der Lektüre erhofft habe. Aber: Portraitiert werden Frauen aus den 50ern (!) und wenn ich mal überlege, mit wie oft wir heute noch immer mit den nur leicht abgeänderten und nach oben geschraubten "Idealvorstellungen" von damals konfrontiert werden, wie "Frauen zu sein haben"... dann wird mir ganz anders...

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    1. Liebe Anna

      Ich habe so viele Bücher, die ich unbedingt lesen will und sollte (!) und die sich bei mir zu Hause stapeln! Der Stapel ist bestimmt 35 cm hoch! Nun habe ich mir vorgenommen, interessante Bücher fortan als Hörbücher zu bestellen, sofern sie erhältlich sind! So kann ich die Autofahrten sinnvoll nutzen! :)

      Weisst Du, was mir spontan durch den Kopf gegangen ist, als ich die Namen all dieser beeindruckenden, bewundernswerten Frauen gelesen habe, die Du aufzählst? Die Hälfte von ihnen hat keine Kinder gehabt! Und ausser Marlen Haushofer alle nur ein Kind, das ihnen vermutlich irgendwann "passiert" ist. Mit Ausnahme von Audrey vielleicht, die mehrere Fehlgeburten erlitten hat.

      Was wir heute versuchen, ist beide Rollen unter einen Hut zu bringen! Erfolg im Beruf zu haben, eine tolle Mutter und Hausfrau zu sein, dabei schlank und sportlich zu sein (zu bleiben...) und natürlich attraktiv als Ehefrau und Geliebte. Im Idealfall für ein- und denselben Mann... ;)

      Tönt einfach nach Überforderung pur! Die Lösung wird wohl sein, dass sich alle diese Rollen nur unter einen Hut bringen lassen, wenn der Partner/Ehemann mitmacht und auch bereit ist, verschiedene Rollen zu übernehmen. Damit wären wir beim Thema Gleichberechtigung...

      Castorp hat kürzlich zu diesem Thema ein interessantes Post aufgeschaltet, auf das ich hier gerne verweise:
      http://placetexperiri.blogspot.com/2012/05/danke-aber-emanzipiert-sind-wir-leider.html

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    2. Stimmt –diese Frauen haben sie sich dem damaligen Frauenbild widersetzt und die Erfüllung nicht im Haushalt und der Kinderziehung gefunden. Skandal. ;) [Marlen Haushofer hegte sogar die Befürchtung, dass mit IHR irgendwas "nicht stimmt", weil sie sich mit dem Klischeebild so gar nicht anfreunden konnte...]

      Und das meine ich mit: Heute ist es auch nicht besser. Theoretisch haben wir die Wahlfreiheit und auf dem Papier stehen uns alle Wege offen. Praktisch muss sich vor allem die Frau für jeden Lebensentwurf rechtfertigen und dabei ist es egal, wie der aussieht. Und der Gegenwind kommt hierbei eben nicht nur von den Männern, sondern sehr viel stärker von den Frauen. Sicher kann man das nur auf die Gleichberechtigungsfrage reduzieren. Ich denke allerdings, dass das gerade auch mit Selbstwert und Selbstannahme zu tun hat. Eben zu wissen, was man möchte und dafür einzustehen. Mit allen Konsequenzen. [Überlege gerade, ob das irgendwie noch zu deinem Posting passt, oder ob ich mich kommentartechnisch jetzt gerade völlig vergaloppiert habe… falls ja, dann schiebe ich das auf diese brütende Hitze. ;) ]

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    3. Brütende Hitze? In Deutschland? ;)
      Don't worry, Dein Kommentar passt schon! Wenn Frau überzeugt davon ist, dass der Weg, den sie gewählt hat der Richtige ist und über ein gesundes Selbstwertgefühl verfügt, kann der Spagat, Familie, Beruf, Ehe und die eigenen Bedürfnisse unter einen Hut zu kriegen, vielleicht gelingen. Aber häufig bleibt das Gefühl, alles ein bisschen aber nichts ganz richtig auf die Reihe zu kriegen. Oder aber man entscheidet sich für eine traditionelle Rollenverteilung oder nur für den Beruf. Aber es ist, wie Du sagst: Man hat dann das Gefühl, sich irgendwie rechtfertigen zu müssen. Es ist ein Dilemma.

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  6. Ich kenne fast das ganze Programm ebenfalls aus meinem persönlichen Leben. In der Pubertät hielt ich mit 50 Kilo noch Diät, weil ich mich für zu fett hielt. Ich habe aber nur gehungert und niemals eine der klassischen Ernährungsstörungen wie Bulemie usw. entwickelt. Mir war das auch zu eklig.
    Geliebt habe ich immer nur diese Menschen, die ich nicht erreichen konnte. Wer mich wollte, den mochte ich nicht. Ich konnte das Problem nie knacken. Ich habe es irgendwann so akzeptiert und mein Leben ohne weiter an diesen Dingen zu arbeiten oder darauf zu achten, weitergelebt. Auf die Art fühle ich mich noch am besten.
    Gelesen habe ich auch unendlich viel über dieses Thema, aber ich hatte unterm Strich nichts davon. Ich bin froh, das Thema, auch ohne es zu lösen, abgehakt zu haben.

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    1. Hallo Cookie! Lesen ist das eine - die Magie wenn gleichgesinnte einander beistehen und helfen ist das andere. Ich habe selber nicht daran geglaubt, bis ich das erste Mal in einer Selbsthilfegruppe saß und spürte, dass da etwas ist, das nicht in Worte zu fassen ist. Magisch. Heilsam. Durch das Teilen und Mitteilen. *seufz*

      liebe Grüße, Daniela

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    2. Liebe Cookie

      Vermutlich ist die Erkenntnis der erste Schritt zur "Lösung" dieses Problems, sofern es überhaupt überwunden werden kann. Solche Kindheitserfahrungen lassen sich ja nicht ohne weiteres "unschädlich" machen.

      Nach den Erfahrungen, die ich mit Beziehungen und mit der Ehe gemacht habe, komme ich für mch zum Schluss, dass ich besser alleine (ohne Partner) leben sollte und lernen muss, mir selbst zu genügen und mein Selbstwertgefühl nicht von Reaktionen eines Gegenübers abhängig zu machen.

      Anderseits fände ich es auch schade, wenn ein "guter" Mann sich auf mich einlassen möchte und ich wieder ins alte Muster zurückfalle und ihn "vergraule"...

      Kommt Zeit kommt Rat... :)

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    3. Liebe Daniela

      So wie Du das Doppel-S schreibst, gehe ich davon aus, dass Du nicht in der Schweiz lebst! :)

      Aber vielleicht gibt es bei uns ja auch solche Selbsthilfegruppen! Ich werde mich auf jeden Fall mal schlau machen...

      Liebe Grüsse, Rosalie

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  7. Liebe Rosalie, so interessant!!
    Ich hatte als Teenager und Twen Bulimie und fragte mich oft, warum es auf einmal aufhörte. Offenbar habe ich den Konflikt für mich gelöst den ich damals verspürte - Distanz und Selbstaufgabe. Damals war Magersucht gerade neu als Störung und wurde breit thematisiert, Bulimie gab es damals nicht. Wirklich! Die Störung wurde erst später erkannt, aufgegriffen, Hilfe angeboten etc. Ich dachte immer, mit Bulimie müsste es sein wie mit Alkoholismus: einmal = immer.

    Ad Beziehungen abbrechen: ich war früher eine eingefleischte 3-Monats-Abbrecherin und durchschaute mich auch: 3 Monate lang fühlte sich das angehimmelt werden gut an, dann wurde mir fad mit dem Mann, der mich anhimmelte. Schlimm, oder? Wenn ich denke, wieviele süße nette Männer ich so verpasst habe.

    herzliche Grüße,
    Daniela

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    1. Du hast den Konflikt schon früh für Dich selbst gelöst! Das ist doch toll! Ich musste 42 werden, um das Ganze zu durchschauen! ;)

      Ich habe auch etliche Beziehungen nach 3, 4 Monaten abgebrochen... Aber ich hadere nicht. Es tut mir nur in einem Fall leid. Und mit ihm hätte es trotz aller Liebe auf Dauer nicht geklappt, weil mir die intellektuelle Herausforderung gefehlt hätte.

      Aber sollte mir in meinem Leben nochmals ein "süsser" netter, geistreicher Mann über den Weg laufen, der sich voll und ganz auf mich einlassen möchte, werde ich nicht in die alten Muster zurückfallen. Hoffe ich jedenfalls... :)

      Herzlich,
      Rosalie

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    2. Liebe Rosalie!
      Sonntag morgen, im Radio laufen Pfingst-Chorlieder und ich habe endlich in Ruhe deinen Text mit den Passagen der Psychologin gelesen.
      Eine Passage macht mir ein wenig ratlos:

      "In der Therapie kann im Schutz der therapeutischen Beziehung ein Zugang zum „wahren Selbst“, zu den ursprünglichen narzisstischen Bedürfnissen und zu den echten Gefühlen ermöglicht werden. Es erfolgt dabei eine Durcharbeitung des tiefen Schmerzes und Hasses darüber, ungeliebt und nicht so angenommen worden zu sein, wie es das Kind gebraucht hätte,
      bis hin zu der Bestätigung, heute als Person akzeptiert zu werden.
      Die TherapeutInnen helfen, alle Gefühle, auch die abgelehnten, willkommen zu heißen und der Patientin zu ermöglichen, sich so zu zeigen, wie sie ist auch mit ihrer Scham und Verletzlichkeit. In einer verständnisvollen Atmosphäre kann sie sich trauen, sich mit ihren Ängsten, Befürchtungen, Sehnsüchten und ihrem Ärger zu offenbaren, ohne dass die Beziehung dadurch gefährdet wird. Ich halte d für einen entscheidenden Faktor auf dem Weg zur Genesung: die Erfahrung, sich in einer Beziehung mit den tiefsten Gefühlen und Geheimnissen zeigen zu dürfen und die Zuwendung des anderen nicht zu verlieren, sondern zu spüren, dass sie unterstützt und ermutigt wird, immer mehr von sich zu zeigen auch das, was sie an sich schlecht findet."

      Ich kann in meiner Beziehung leider nicht so sein, wie ich bin mit meinen tiefsten Gefühlen, weil mein Partner mich dann nicht aushält. Er verzweifelt dann. Ich nehme Rücksicht auf ihn und zeige ihm diese Seiten nicht (z.B. meine habgierige Seite, so es um Neid und materielle Güter geht).
      Ist in der Textpassage die Beziehung zum Therapeuten gemeint? Dass man das dort auslebt?
      Oder sollte ich doch anfangen, meinen Partner zu fordern, auf dass er das einfach aushalten muss?! Ganz offen gesagt werde ich von meinem Partner nicht ermutigt, ihm diese Seiten zu zeigen sondern würde die Zuwendung verlieren. Das ist keine Angst sondern eine Tatsache, wiederholt erlebt.

      Aber noch eine Frage zum "süßen Mann": du würdest deinen Ehemann also verlassen, käme ein anderer?
      Ich bin nicht verheiratet, kinderlos und fühle mich meinem Partner trotzdem so verbunden!

      herzlichst,
      Daniela

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  8. Liebe Rosalie,

    danke für diesen Post. Je länger ich gelesen habe, desto mehr habe ich mich und meine Geschichte entdeckt. Desto mehr habe ich alles um mich herum ausgeblendet und desto schwerer wurde mein Herz. Ich leide schon seit mehr als 16 Jahren unter Essstörungen, hasse meinen Körper und boykottiere jede Beziehung. Nach spätestens 2 Jahren renne ich weg, weil ich eben die Fehler des Anderen so stark wahrnehme, dass ich das schöne nicht mehr sehen kann. Ich denke auch immer der Richtige kommt noch. DANKE nochmal...

    xpentesilea

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    1. Ach xpentesilea...

      Das ist so traurig! Aber vielleicht hilft Dir diese neue Erkenntnis nun, Deine Probleme zu überwinden! Bei mir fühlt es sich so an! Wobei ich durch die intensive Beschäftigung mit mir selbst - vor allem auch durch das "therapeutische" Schreiben auf diesem Blog - schon länger zu der Erkenntnis gekommen bin, dass ich an meinem Selbstwertgefühl arbeiten muss. Das innere Kind an der Hand nehmen und ihm zuhören muss! Mein Selbstwertgefühl nicht länger von der Aufmerksamkeit und der Anerkennung von aussen abhängig zu machen!

      Ich wünsche Dir sehr, dass Du Deinen Körper annehmen kannst, so wie er ist und Dich mit ihm versöhnen kannst. Dich selbst liebevoll im Spiegel betrachten kannst! Bei mir hat es irgendwann "klick" gemacht und ich habe mich versöhnt.

      Ich wünsche Dir ganz viel Glück auf diesem Weg!

      Herzlich,
      Rosalie

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  9. Nun, Rosalie, von meinem Stamm-Hotspot aus ist es schwierig, über eine solche Textmenge den Überblick zu haben und etwas zu kommentieren. Also, ich empfinde es zumindest als schwierig.

    Beim Lesen ging mir immer wieder die Binsenwahrheit durch den Kopf: Früher war es einfacher. Männerrollen und Frauenrollen waren klar definiert. Diese Klarheit war aber gleichzeitig auch Einengung. Und darum haben vor allem Frauen in den letzten Jahrzehnten für gleiche Rechte gekämpft.

    Mit Erfolg. Doch dieser Erfolg erwies sich für viele als zwiespältig. Wenn der Unterschied zwischen Mann und Frau nur noch biologisch ist, geht automatisch ein Stück Identität verloren. Frauen und Männer müssen sich ihre Identität heute selber erfinden, denn ihnen stehen grundsätzlich alle Möglichkeiten offen. Wenn sie sich dann an klassischen Rollenbildern orientieren, also den Weg der Anpassung an bestehende Muster wählen, wartet eine Zerreissprobe zwischen dieser Anpassung und dem Weg der persönlichen Identität - der Autonomie.

    Dies ist auch der Grund, warum ich - je nach Formstand - mehr oder weniger gereizt auf die "Männer-Sind-So-Und-Frauen-Sind-So-Diskurse" reagiere. Da grassieren in jüngster Zeit wieder Vorstellungen und Normen, die uns als Menschen einengen und nicht glücklich machen - im Gegenteil. Und so kommt es, dass ein männlicher guter Zuhörer sich plötzlich mit dem Vorwurf der Unmännlichkeit konfrontiert sieht, während eine Frau, die korrekt einparkt, als unweibliche Perfektionistin dasteht.

    Zur Hölle mit dem Scheiss!!! Es gibt Menschen, die gut zuhören können und solche, die das nicht können. Es gibt Menschen, die sich beim Einparken geschickt anstellen und andere, die das ungeschickt machen. Und solche, die überhaupt nicht Autofahren. Ob das Männer oder Frauen sind - who cares? Das ist genau so wichtig oder unwichtig wie die Farbe ihrer Unterwäsche oder die Vornamen ihrer Urgrosseltern.

    Ich bestreite darum auch, dass nur Frauen unter der Aufgabe leiden, ihre Identität autonom zu entwickeln. Mag sein, dass es wenige männliche Bulimiker gibt, aber es gibt einige Alkoholiker, Psychosomatiker, Herzpatienten, Ausgebrannte .... Viele von ihnen auch Opfer der Vorstellung, irgendwelchen äusserlichen Rollen entsprechen zu müssen.

    Dürrenmatt hatte Recht, als er sagte, dass wir Menschen uns gerne in unser eigenes Gefängnis einschliessen und auch noch gleich unsere eigenen Gefängniswärter sind.

    Ausnahmsweise wieder mal online

    Castorp

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    1. Ja, ich weiss... ganz schön viel Text! Umso mehr freut es mich, dass ich so viele wertvolle Feedbacks bekomme!

      Ich denke auch, dass Männer genauso betroffen sind wie Frauen. Sie stehen vielleicht sogar unter einem noch grösseren Druck. Einerseits wird gemeinhin erwartet, dass sie im Beruf erfolgreich sind und möglichst viel Geld verdienen, anderseits sollen sie sich auch im Haushalt einbringen und sich um die Erziehung der Kinder kümmern und dann noch aufmerksamer Partner/Ehemann sein. Eigentlich genau das selbe Dilemma, in dem wir Frauen auch stecken. Es betrifft uns alle. Uns Menschen. Und wenn wir alle ein so starkes Selbstwertgefühl hätten, dass wir so leben dürften, wie es uns entspricht und uns darum foutieren würden, wie ein "typischer" Mann oder eine "typische" Frau zu sein hat, gäbe es nicht so viele unglückliche Menschen. Dürrenmatt hat schon recht. Eigentlich machen wir uns den Druck ja selber...

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  10. Ist immer so spannend hier! Leicht haben wir es wohl alle nicht. Aber das gibt noch einmal völlig neue Impulse.
    Liebe Rosalie, ich mag Sie sehr gern. Zumindest was ich lesen darf.
    Herzliche Grüße, P.

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    1. Danke! :)

      Die Sympathie ist gegenseitig! Ich freue mich, wenn es mir gelingt, Denkanstösse und neue Impulse zu vermitteln! Ich finde auch immer wieder wertvolle "Puzzleteilchen", wenn ich in anderen Blogs lese. Ich empfinde diese Bloggemeinschaft, in der wir uns hier bewegen, als sehr wertvoll.

      Herzliche Grüsse,
      Rosalie

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  11. Sehr interessant, liebe Rosalie. Denn ich beschäftige mich auch gerade mit dem Thema "Narzistische Persönlichkeitsstörung". Jedoch nicht wegen mir sondern wegen meinem - ich nenne ihn jetzt auch einfach mal so - "Mr. Charming", denn sein Verhalten gibt mir Rätsel auf und auch ich wurde darauf hingewiesen, mich doch mal dem Thema NPS zu widmen. Und siehe da, es war teilweise, als würde ich eine exakte Beschreibung von ihm lesen.

    Allerdings ist eine echte NPS doch noch sehr viel "schlimmer" als es zumindest in diesem Artikel beschrieben ist. So sind narzistische Persönlichkeiten vor allem auch dadurch gekennzeichnet, dass es ihnen an Empathie fehlt.... sprich, sie können sich ganz schlecht in anderen hineinfühlen und verstehen daher vieles nicht, z. B. warum man über sie gerade sehr enttäuscht oder sogar verärgert ist. Man könnte auch sagen, sie verhalten sich selbst wie die Axt im Walde und verstehen dann die Reaktion der anderen darauf nicht.

    Ich selbst erkenne mich im weiblichen Narzissmus nicht, allerdings habe ich schon in meinen Zwanzigern das Buch "Wenn Frauen zu sehr lieben" gelesen - auch nicht ohne Grund.

    Was sehr viel Frauen wirklich gemein zu haben scheinen ist der Hunger und die Sehnsucht nach Erfüllung durch einen Partner. Und ich glaube jetzt für mich erkannt zu haben, dass darin der Kern des Problems liegt.

    Sehr gut beschrieben hat das heute Notos in seinem Post bzw. beschreibt es das Zitat, womit der Post beginnt: http://meingedanke.wordpress.com/2012/05/24/reif-fur-die-partnerschaft/, ich jedenfalls erkenne mich genau darin wieder.

    Ich bin sehr gespannt, wie sich das alles bei uns noch weiter entwickelt.

    LG,

    Träumerin

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    1. Liebe Träumerin,

      Das Interessante ist ja, dass man sich, wenn man von NPS (mehr oder weniger) betroffen ist, die passenden Partner aussucht. Co-Abhängigkeiten eben. Der eine Partner ist unfähig, Empathie zu empfinden, der andere ist so empathisch, dass er sich selbst fast aufgibt...

      Interessant, wie sich das Thema jetzt in unserer Bloggemeinschaft entwickelt! Es scheint wirklich DAS Thema zu sein! Auch Morgenrot hat gerade wieder einen sehr interessanten Artikel darüber veröffentlicht: http://lyrikundgedanken.wordpress.com/2012/05/24/neue-sichtweise-auf-sein-selbst-2/

      Und je mehr ich mich mit der Thematik auseinandersetze, umso häufiger "stolpere" ich über den Begriff "das innere Kind"... Ich ahne, wie wichtig dieses innere Kind ist, und habe noch keine Ahnung, was ich damit anfangen soll... Eine Freundin wird mir dazu Hörbücher ausleihen.

      Ich bin auch sehr gespannt, wie sich das Thema in unserer Bloggemeinschaft weiterentwickeln wird. Es scheint eine Zeiterscheinung zu sein. Es kommt mir so vor, als ob viele Menschen irgendwie "aufwachen" würden...

      Liebe Grüsse,
      Rosalie

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