Donnerstag, 20. Oktober 2011
Inschallah
... oder so ähnlich heisst mein neues Motto. Wenn nicht heute dann morgen. Oder Übermorgen. Und wozu aufregen? Allah, der liebe Gott oder wer auch immer (ich bevorzuge das Universum) wird's schon richten...
Der dritte Tag ohne meinen Koffer. Hätte nie gedacht, dass ich das so cool nehmen würde! Und die grosse Erkenntnis: Ich komme eigentlich ganz easy mit erstaunlich wenig Dingen aus!
Wer hätte das gedacht! Mein Mann ist ganz beeindruckt von meiner Contenance.
Wir haben nun auf Ferienmodus umgeschaltet und machen so verrückte Dinge wie Tuk Tuk fahren mit den Kindern... Sicherheitstechnisch komplett unvernünftig, ich weiss... Die Fahrt dauert jeweils nur fünf Minuten und ich habe den Fahrer eindringlich (mit Blick auf die Tochter) aufgefordert, anständig zu fahren (Don't drive like hell - drive SLOWLY!) und es hat einigermassen genützt. Und bei jedem Kreisel bzw. jeder Verzweigung steht zudem ein Sicherheitsmann, der per Handzeichen den Vortritt regelt.
Sicherheitsleute sieht man überall und wer die Zufahrtsstrasse zur weitläufigen Hotelanlage befahren will, muss eine Schranke passieren und vor dem Hoteleingang steht ein Metalldetektor.
Abends sitzt dort ein uniformierter, bewaffneter Mann neben dem Detektoreingang und tagsüber sitzt er 30 m entfernt im Schatten eines Baumes und plaudert mit Hotelangestellten, die in ihren Elekro-Wägelchen darauf warten, die Golfer zum Clubhouse zu fahren. Hatte ich schon erwähnt, dass wir in einem Golfhotel sind? Mehr dazu später.
Diese Sicherheitsleute geben einem das Gefühl, dass man hier einigermassen "geschützt" ist und alles eine gewisse Ordnung hat - anderseits wird man durch ihre Präsenz daran erinnert, dass eben offenbar eine gewisse Gefahr besteht... und sie vermitteln nicht unbedingt den Eindruck, dass sie im Ernstfall einen mit Sprengstoff gefüllten Wagen aufhalten könnten...
However - die Hotelangestellten sind freundlich und die Ladenbesitzer in den Shops in El Gouna sind richtig nett. Nicht aufdringlich - ganz im Gegenteil! Sie sind interessiert und wollen wissen, woher wir kommen und wenn sie es erfahren, reagieren sie erfreut. Böse Zungen würden jetzt behaupten, "und erhöhen ihre Preise gleich mal um 20 %..."! Glaub ich aber nicht. Schweizer scheinen hier sehr beliebt zu sein - vielleicht weil der Gründer von El Gouna, der schwerreiche Ägypter Sami Sawiris, eine Affinität zur Schweiz hat, vielleicht aber auch, weil wir Schweizer im Ausland in der Regel nett und freundlich sind. ;-)
Viele der Ladenbesitzer sind übrigens Kopten, was man daran erkennt, dass irgendwo im Laden mehr oder weniger dezent ein Heiligenbild mit einem Kreuz hängt.
Besonders interessant war die Ladentour, als ich mit meiner Tochter alleine unterwegs war, und Gatte und Sohnemann eine Bier- bzw. Fantapause einlegten und zur Freude des Kellners eine Runde Backgammon spielten. Der erste Ladenbesitzer erzählte mir ungefragt sein halbes Leben und zeigte mir auf seinem Macbook Fotos seiner fünfjährigen Tochter, der zweite war ein junger sympathischer Mann, der auf süsse Art scheu war und er begrüsste mich mit der Frage "Tchech Republic?" Das Feilschen mit ihm war amüsant und nach einer Weile lächelte er mich verschmitzt an und fragte mich, wieviele Kamele ich für meine Tochter haben wolle! Ich lächelte zurück und erwiderte, dass er kaum genügend Kamele habe, da der Preis nämlich unbezahlbar hoch sei und dieses schöne blonde Mädchen viel zu wertvoll und deshalb ganz und gar unverkäuflich sei. Er nickte anerkennend und wir lachten und schliesslich einigten wir uns auf einen Preis für das Kleid, das T-Shirt und den Pareo, den meine Tochter ausgesucht hatte und ich gab ihm meine letzten Euros, die nach den Frankreichferien übrig geblieben waren.
Man kann hier entweder in ägyptischen Pfund oder in Euro bezahlen. Die amerikanische Währung ist kein Thema...
Dieses El-Gouna kommt mir ein wenig vor wie eine orientalische Theaterkulisse. Sozusagen "Ägypten light". Eine westlich geprägte Scheinwelt mit einer Prise Orient. Und es hat sehr wenig Touristen zur Zeit. Die Shops sind auf eine eher solvente Kundschaft ausgerichtet und verkaufen fast ausschliesslich hochwertige Kopien von Burberrys, Prada, Versace... Es gibt keine aufdringlichen Händler und ohne die Souvenirshops mit den weltberühmten Kulturgütern in Kleinformat und der orientalischen Architektur würde man sich gar nicht in Ägypten wähnen.
Der Einkauf im kleinen, gut sortierten Supermarkt war auch ein Erlebnis. Ich habe mir eine Oral-B Zahnbürste gekauft! Die selbe, die ich vor der Reise in der Schweiz gekauft habe und die irgendwo zwischen Zürich und Hurghada in meinem verwaisten Koffer schlummert. Sie hat übrigens weniger gekostet als zu Hause im Grossverteiler. Die Familienpackung M&M war hingegen sehr teuer!
Am Dienstag Nachmittag war unser fehlendes Gepäck noch immer nicht da und nach einem Telefonanruf in die Schweiz erfuhren wir, dass unsere Koffer schon am Vorabend in Kairo angekommen seien. Mein Mann ging zur Hotelreception und bat den Angestellten, den lokalen Vertreter unseres Reisebüros anzurufen. Nach einem kurzen Wortwechsel auf arabisch meinte der Angestellte lässig, dass der Mann am anderen Ende des Telefons
nichts neues wüsste... Das war dann der Moment, als bei meinem Mann langsam der Geduldsfaden zu reissen begann... und plötzlich ging alles ganz schnell und nach einem weiteren Anruf hiess es, die Koffer seien in zehn Minuten da - und so war es denn auch!!
Das Wiedersehen mit unseren Koffern feierten wir dann auf unserer Terrasse mit einem Glas ägyptischem Sauvignon Blanc und die Tochter freute sich, dass sie nun kleidermässig wieder aus dem Vollen schöpfen konnte und suchte sich gleich ein Outfit für das Abendessen aus.
Ach ja - und bei unserem ersten Besuch in der Marina - wo ca. 40 riesige, blitzblank geputzte Motoryachten protzig an der Sonne glänzten, haben wir endlich eine coole Lounge mit kostenlosem W-Lan gefunden! Moods der Name. Wie passend!
Das nächste Mal werde ich ein wenig über die Hotelgäste lästern und von meinem Debut auf dem Golfplatz berichten. ;-)
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Liebe Rosalie,
AntwortenLöschenschön, dass Du die Affäre um den Koffer so gelassen nehmen konntest. Das hätte ich nicht gekonnt. Auch schön, dass Du anscheinend Zeit und Muße zum Bloggen findest.
Aus Deiner Beschreibung lese ich - hoffentlich richtigerweise - sehr viel Entspanntheit heraus und das freut mich!
Lass es Dir weiterhin gut gehen!
LG aus dem kalten und regnerischen Deutschland
vom Rostkopp
P.S. Erstaunlich, wie schnell die dort inzwischen in der Lage sind, die Entfernung zwischen Kairo und Eurem Ferienort zu überwinden ;-)
Lass es Dir weiterhin noch gutgehen dort unten und passt auf Euch auf! Liebe Grüße
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