Es ist Freitag Abend. Ich sitze auf einer der verwaisten Holzliegen an der Lagune, einen Steinwurf von der Terrasse unseres Hotelzimmers entfernt und lese im Abendlicht in einem Buch. Die schmucken zweistöckigen Gebäude im nubischen Stil mit ihren runden und viereckigen Elementen und Fenstern leuchten ockerfarbig, siennarot und senfgelb in der Abendsonne. In wenigen Minuten wird es dunkel sein.
Die Tochter baut im Sand ein Haus und holt mit der kleinen Giesskanne Wasser aus der stillen Salzwasserlagune, die aussieht wie ein kleiner See. Wir sind zu zweit und geniessen die Ruhe. Der glatte Wasserspiegel bewegt sich jeweils in sanften Wellen, wenn das kleine Motorboot zweihundert Meter weiter oben an der Lagune Golfer und Wellnessgäste von einer Seite des Wassers auf die andere bringt. Und ein Mann mit einem kleinen Motorboot sammelt weit drüben auf der anderen Uferseite die schwimmenden Golfbälle aus der Lagune, die von der Driving Range ins Wasser geschmettert werden. Es ist eine idyllische Szenerie und ausser dem Brummen des kleinen Aussenbordmotors ist es still.
Ich lese wieder einmal mein Lieblingsbuch, das mich heute noch viel mehr berührt als vor zwanzig Jahren, weil man mit vierzig Jahren so manches mit anderen Augen sieht. Ich kann mich mit so vielem, was Benoîte schreibt, identifizieren. Ich denke, als Frau liest man dieses Buch anders als aus der Männerperspektive. Und zum ersten Mal wird mir schmerzlich bewusst, dass mir ein grosses Stück Bildung fehlt, wenn sie von den grossen französischen Schriftstellern spricht, deren Werke ich nicht kenne. Und ich fürchte mich vor den letzten Seiten in meinem Lieblingsbuch, weil es mich zu Tränen rühren wird, wenn George (die Frau, um die es geht) ihren "Kormoran" ziehen lassen muss und ich mir vorstelle, dass sie nun ihre letzten dreissig Lebensjahre ohne ihn auskommen muss.
Einen Menschen zu finden, der einen bedingungslos liebt, ohne mit einem verwandt zu sein, ist ein seltenes Glück.
George wurde wohl das Glück zuteil, einen Seelenpartner oder eine Zwillingsseele zu treffen. Es soll angeblich nichts Intensiveres geben, als die körperliche Verschmelzung mit einem solchen Menschen - aber eine alltagstaugliche Liebesbeziehung kann daraus in der Regel nicht entstehen. Aber allein das Wissen, auf dieser Erde ein solches Pendant zu haben - auch wenn man es im Alltag nicht "besitzen" kann - ist ein unbezahlbares Glück, auch wenn es mit viel (Trennungs-)Schmerz verbunden ist. Die raren Momente des Glücks sind so intensiv, dass man Monate und Jahre davon zehren kann.
Ich nehme mir vor, das Buch in der französischen Originalfassung zu lesen.
Ein bestimmter Satz ist mir bei der Lektüre ins Auge gesprungen:
"Manchmal muss man untreu sein, um sich selbst treu zu bleiben."
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