Samstag, 24. Dezember 2011

Loslassen (1)

Das Jahr 2011 neigt sich dem Ende zu und ich muss in meinem Leben gewisse Dinge loslassen. Dinge und Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind und eine Zeit lang Teil meines Lebens waren. Und ich muss mich von gewissen Illusionen verabschieden.


Mitte November ging nach fünfundzwanzig Jahren eine Epoche zu Ende. Der letzte Törn mit unserem Segelschiff. Vierzig Jahre hat es auf dem Buckel und seine besten Zeiten längst hinter sich. Das weisse Oberdeck ist grau und porös geworden. Die Holzteile sind grau, Log und Echolot funktionieren schon länger nicht mehr.

Der Bleikiel und der Rumpf müssen abgeschliffen und neu grundiert werden. Die schwarzen Kunstlederpolster im Innenraum sehen nicht mehr besonders einladend aus und es riecht etwas modrig und feucht. Das Holzfurnier im Schiffsinnern hat auch schon bessere Zeiten gesehen und beginnt vereinzelt abzublättern.

Es ist Zeit für eine Generalüberholung. Und für einen Eignerwechsel.

Wir haben sie eingetauscht, die alte Lady. Im April 2012 beginnt eine neue Epoche mit einem neuen Schiff.


Zurück zum letzten Törn:
Ein Sonntag Mitte November. Der weitläufige Hafen ist verwaist und es sind nur vereinzelt Menschen zu sehen. Wo sich in der warmen Jahreszeit Schiff an Schiff reiht, klaffen grosse Lücken und geben den Blick frei auf das Wasser, das so klar ist, dass man bis auf den sandigen Grund sieht. Die meisten Schiffe hat der riesige Kran beim Hafeneingang längst ans Trockene gehievt und sie stehen nun in Reih und Glied auf ihren Trailern auf dem grossen Parkplatz und verbringen dort den Winter.


Die wenigen im Wasser verliebenen Schiffe dümpelten einsam vor sich hin. Manche scheinen gänzlich verlassen. Persenning und Abdeckplanen sind mit den Exkrementen der Möwen übersät, die Reling längst von den Spinnen in Beschlag genommen. Ein trauriger Anblick, der die melancholische Stimmung noch verstärkt.




Wir gehen zum Schiffssteg und steigen an Deck. Mein Mann, die Kinder, meine Eltern und ich. Wir entfernen die Abdeckplanen und mein Vater wirft den alten Diesel an und manövriert das Schiff aus dem Liegeplatz. Wir fahren durch den Hafen hinaus auf den stillen See. Die Stimmung ist herbstlich, fast schon winterlich. Friedlich. Nur das vereinzelte Schreien der Möven durchbricht die Stille. Melancholie macht sich breit.

Ich setze mich vorn auf die Erhebung beim Vorderdeck, schaue auf den See und lasse all die Jahre Revue passieren.


Ich erinnere mich noch genau an dem Moment, als mein Vater mir an einem Samstag Morgen voller stolz eröffnet hat, dass wir das Segelschiff seines alten Freundes übernehmen können, das wir schon leihweise benutzen durften. Ich war damals 17 und unglaublich stolz! Ein eigenes Segelschiff dieser Grösse war damals eigentlich unerschwinglich für eine Familie wie unsere. Die meisten Schiffseigner, die wir kannten waren Zahnärzte, Anwälte, Unternehmer, höhere Beamte oder einfach gut betuchte Mitbürger. Mein Vater hatte zwar ein eigenes kleines Unternehmen, aber wir waren eine mittelständische Familie mit einem normalen Einkommen. Der frühere Eigner verband mit dem Schiff traurige Erinnerungen an eine zerbrochene Ehe und er hatte die Lust am Segeln verloren. So überliess er uns die Yacht zu einem fairen Preis mitsamt dem damals schon sehr begehrten Liegeplatz in einem schönen Hafen in der Westschweiz. Für uns begann eine neue, glückliche Epoche, die fünfundzwanzig Jahre andauern sollte.

Viele glückliche Stunden, Tage, Wochenenden und sogar Ferien haben wir auf dem Schiff verbracht. Meinen ersten Freund habe ich mit an Bord genommen, den zweiten und dritten ebenfalls. Wir haben an Regatten teilgenommen, Stürmen getrotzt. Haben das Schiff als Badeinsel genutzt und einmal sogar auf sandigen Grund gesetzt… Später bin ich mit meinem Mann alleine rausgefahren und schliesslich zusammen mit unseren Kindern.



Ich habe auf dem Schiff geschlafen, gekocht, gegessen, gelesen, geträumt, gelacht, heimlich geweint und sogar geliebt…

Und nun hiess es also Abschied nehmen. Und ich tue mich schwer mit Abschied nehmen...


Die Fahrt verlief ruhig. Zu wenig Wind, um noch ein letztes Mal die Segel zu setzen. Kurz vor dem Ziel begann der Himmel aufzureissen und die Sonne durchbrach die Wolkendecke.

Eine wunderschöne Stimmung lag über dem See.

Dann erreichten wir den fremden Hafen, vertäuten das Schiff an einem Besuchersteg und begannen, all die Dinge, die sich über die Jahre im Innern des Schiffs angesammelt haben, zusammenzuräumen und in Säcke zu packen. Es war gewissermassen eine Zeitreise. Alles mögliche kam zum Vorschein. Eine alte Kinderrettungsweste - das Mädchen, das sie einst trug, ist heute eine der bekanntesten Schweizer Politikerinnen. Eine Zeitschrift namens "Petra" aus dem Jahr 1987. Mehrere Taucherbrillen, eine Luftmatratze, ein Mastermindspiel, Tauwerk, Kissen, Küchenutensilien, Buntstifte, Werzzeug, Schäkel… und so vieles mehr.

Schliesslich haben wir sie dort zurückgelassen, unsere alte Najade. I

Ich hoffe, sie wird bald in neuem Glanz erstrahlen und neue Eigner finden, die ebensoviel Freude an ihr haben werden wie wir das all die Jahre hatten. Und ich hoffe, dass sie auf unserem See bleiben wird. Vielleicht werden wir sie dann von unserem neuen Schiff aus von weitem auf dem See erspähen, das Fernglas zücken und aufgeregt rufen: "Seht! Dort drüben auf dem See! Ist das nicht UNSERE Najade?!"



So ist das mit Segelschiffen.

Auch wenn das Schiff den Eigner wechselt… - es wird trotzdem irgendwie immer "unser" Schiff bleiben.

Au revoir!

Und danke für eine gute Zeit und viele schöne Erinnerungen!



3 Kommentare:

  1. Schön geschrieben. Sehr.

    Es ist irgendwie beruhigend zu wissen, dass auch Andere mit einiger Wehmut an und für sich "tote" Gegenstände mit diesem gewissen Gefühl von Verbundenheit verabschieden...

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  2. Weißt du eigentlich, dass ich jetzt hier sitze und heule....mir laufen die Tränen und ich weiß noch nicht einmal warum. Es hat mich sehr berührt.....

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  3. @Miracle Man

    Danke! :-)


    @Karfunkel86

    Ach Du Liebe... Ich drück Dich!

    Ich bin schon ein "Spezialfall"... Sollte mich doch eigentlich auf das neue Schiff freuen. Es wird grösser, schöner, komfortabler sein. Ich freue mich schon. Aber trotzdem bleibt Wehmut zurück...

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